Partner-Blog*

Wie die Krise das Wholesale Banking verändern wird

24. April 2020

Von Thomas Schnarr*

Seit Jahren leiden das Firmenkundengeschäft und das Investmentbanking unter einer strukturell sinkenden Profitabilität. Mit der Corona-Krise wird sich dieses Problem noch einmal verschärfen – zumal rasches Cost-Cutting wegen des hohen Fixkostenanteils bei vielen Anbietern nahezu unmöglich ist.

Was also tun? Basierend auf unserer neuen Studie „Steering Through the Next Cycle“ von Oliver Wyman in Zusammenarbeit mit Morgan Stanley will ich dieser Frage nachgehen – und dabei auch beleuchten, welcher Großtrend sich durch Corona verstärken und dem Wholesale Banking auf mittlere Sicht neues Geschäft bescheren könnte:

1.) Die unmittelbaren Auswirkungen von Corona aufs Wholesale Banking

Die wesentliche Herausforderung für die Wholesale-Banking-Industrie liegt seit Jahren in einer zu niedrigen strukturellen Profitabilität. Diese wiederum rührt daher, dass der Ertragspool global betrachtet stagniert und die meisten Institute bei der Reduktion einer zunehmend fixen Kostenbasis allenfalls moderate Erfolge erzielen.

Die Corona-Pandemie, keine Frage, wird dieses Grundproblem verschärfen. Selbst im optimistischen Szenario einer schnellen wirtschaftlichen Erholung gehen wir davon aus, dass die Krise die für dieses Jahr im Wholesale Banking eingeplanten Gewinne nahezu komplett vernichten wird. Zwar dürften die über die letzten Jahre aufgebauten Liquiditäts- und Kapitalpuffer (typischerweise 12-14% Tier 1 Ratio) ausreichen, um unmittelbare Kapitalengpässe zu verhindern. Dass die (europäische) Bankenindustrie aus einer Position der Stärke in den Abschwung geht, wird trotzdem niemand behaupten. Dafür waren ihre Erträge in den vergangenen Jahren zu gering.

  • Kostensenkungen werden den Banken nur in stark eingeschränktem Umfang bei der Wiederherstellung ihrer Profitabilität helfen. Zum einen haben viele Institute die Front-Office-Kosten schon erheblich reduziert, zum anderen verschiebt sich die Struktur der Kosten zunehmend hin zu fixen Bestandteilen. Unserer Schätzung nach lassen sich daher nur maximal 5-10% der Gesamtkosten ohne grundlegende Veränderungen des Geschäftsmodells kurzfristig abbauen. Das dürfte insbesondere bei den weniger erfolgreichen Marktteilnehmern dazu führen, dass Investoren noch stärker darauf dringen, unprofitable Geschäfte zu überprüfen und möglicherweise einzustellen.
  • Im zuletzt marktweit favorisierten Firmenkundenbereich wurde auch schon unterm Strich Wert vernichtet. In unserer Studie sehen wir Potenzial für RoE-Steigerungen von bis zu 2,0 Prozentpunkten durch bessere Pricingdisziplin und RWA-Allokation auf Zielkunden sowie höhere Kundenservice-Orientierung durch ein schlankeres Betriebsmodell mit weniger Komplexität und Schnittstellen zum Kunden.
  • Im Geschäft mit institutionellen Kunden hat das erste Quartal 2020 einen kurzfristigen Aufwind gebracht. Wir erwarten, dass die förderliche Volatilität noch bis Ende Q2 reicht – wobei jedoch kundengetriebene Gewinne durch Bewertungsverluste kompensiert werden. Die kurzfristig benachteiligten Geschäftsfelder (Anleihehandel und Corporate Finance) können mittelfristig vom Aufschwung profitieren (während Aktien- und Zins-/FX-Handel eher zu den kurzfristigen Gewinnern zählen).

2.) Welche Branchentrends durch die Krise beschleunigt werde

Wir beobachten im Wholesale Banking seit Jahren eine zunehmende Ungleichheit der Marktteilnehmer hinsichtlich Profitabilität und Skalen. Während die Banken im oberen Quartil der Profitabilitäts-Verteilung bisher immerhin noch bis zu 12% Eigenkapitalrendite erwirtschaften konnten, lag das untere Quartil bei gerade mal bei 5% weltweit – und noch einmal deutlich niedriger in Deutschland. US-amerikanische Banken waren vor der Krise fast doppelt so profitabel wie ihre europäischen Wettbewerber und haben über die letzten Jahre beiderseits des Atlantiks rund 10% an Marktanteilen gewonnen.

Diese beiden Beobachtungen sind hierbei eng miteinander verbunden: Auf Basis unserer Analyse gibt es eine direkte Verbindung zwischen Marktanteilen und der Profitabilität. Wir erwarten daher, dass die Corona-Krise größere Einheiten noch stärker begünstigen und die Konsolidierung beschleunigen wird. Kleinere Spieler dagegen dürfte es immer schwerer fallen, durch Investitionen wettbewerbsfähig zu bleiben. Schon heute liegt beispielsweise das Investitionsvolumen im Payment-Bereich bei großen Banken beim Zehnfachen des Betrags, den kleine Banken aufwenden (können).

3.) Was „Corona“ mit „Nachhaltigkeit“ zu tun hat – und was das fürs Wholesale Banking bedeutet

Auch wenn die Corona-Pandemie andere wichtige Themen wie Nachhaltigkeit oder ESG für den Moment aus den verdrängt hat – das heißt nicht, dass diese Themen plötzlich weniger wichtig werden. Beziehungsweise: Es gibt ja sogar Verknüpfungen zwischen „Corona“ einerseits und „Nachhaltigkeit“ andererseits:

  • Zum einen liefert die aktuelle Krise ein eindrückliches Beispiel dafür, wie als unwahrscheinlich eingeschätzte Ereignisse die Resilienz nicht nur der Finanzbranche, sondern vor allem der Realwirtschaft und Gesellschaft insgesamt auf die Probe stellen.
  • Und zum zweiten spricht einiges dafür, dass das Thema „Nachhaltigkeit“ auf mittlere und längere Sicht durch die Pandemie sogar noch an Momentum gewinnt. Belege: In einer kürzlich durchgeführten Umfrage unter Verbrauchern in den USA sprachen sich 70% der Befragten dafür aus, beim Wiederaufbau der Wirtschaft insbesondere auf „grüne“ Industrien zu setzen. Und ESG-Fonds haben zuletzt deutlich weniger verloren als der Gesamtmarkt. Wir schätzen, dass in 5-10 Jahren der Bereich Nachhaltigkeit Ertragschancen in der Größenordnung von 150 Mrd. US-Dollar für das Finanzsystem entsprechen dürfte.

Firmenkunden- und Investmentbanken stehen den großen Trends unserer Zeit nicht wehrlos gegenüber. Eine schonungslos ehrliche Auswahl von Geschäftsmodellen, die verbindliche Auseinandersetzung mit strukturellen Kostenveränderungen (z.B. durch Nutzung von industrieweiten Lösungen, moderner Cloud-IT Infrastruktur etc.) oder die bewusste Positionierung im Nachhaltigkeitsbereich als Schnittstellen-Funktion zwischen Investoren und Unternehmen können einzelnen Instituten helfen, den zu erwartenden Effekten entgegenzuwirken.

Die Beschleunigung der strukturellen Veränderungen hingegen werden sie nicht aufhalten können. Und sie wären auch nicht gut beraten, es zu versuchen.


* Thomas Schnarr ist Partner und Leiter der Financial Services Practice von Oliver Wyman in Deutschland und Österreich. Er betreut vorwiegend Mandate zu den Themen Strategiedefinition und Gesamtbanksteuerung sowie zu den Auswirkungen der regulatorischen Veränderungen auf operativer wie auch strategischer Ebene. Zu seinen Spezialthemen gehören neben dem Firmenkunden- und Kapitalmarktgeschäft auch das Immobilien- und Assetfinanzierungsgeschäft.

Oliver Wyman gehört zu den „Premium-Partnern“ von Finanz-Szene.de. Mehr zum Partner-Modell erfahren Sie hier

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