Analyse

Wie die Deutsche Bank sukzessive ihre Kostenziele verwässert

24. September 2021

Von Christian Kirchner

Wie hätten wir diese Woche eigentlich unseren Newsletter gefüllt, wenn es Rohith Chandra-Rajan nicht gäbe? Rohith Chandra-Rajan? Ist ein Analyst der Bank of America und lief diese Woche bei der von ihm moderierten, hauseigenen „Annual Financials CEO Conference“ zu ganz großer Form auf!

Chandra-Rajan war es, der Commerzbank-Chef Manfred Knof am Dienstag nicht nur dessen Provokation gegen Sparkassen und Volksbanken entlockte (siehe besonders unsere gestrige Ausgabe), sondern auch die frohe Botschaft, dass die Coba in diesem Jahr mit 200 Mio. Euro Risikovorsorge weniger auskommt als bislang prognostiziert (siehe unsere Mittwoch-News). Und gestern nun? Bekam Chandra-Rajan auch noch Deutsche-Bank-CFO James von Moltke vor die Flinte vors Mikrofon – und auch der hatte eine interessante Nachricht im Gepäck: Nämlich, dass das größte Geldhaus der Republik im laufenden Jahr noch einmal 700 Mio. Euro (!) mehr an Transformationskosten wird verbuchen müssen als ursprünglich geplant. Nun gilt es zu betonen, dass das Eingeständnis nicht völlig aus dem Nichts kommt – entsprechende Andeutungen hatte die Bank bereits gemacht. Und doch: 700 Mio. Euro?! Das ist ganz schön viel, finden Sie nicht, liebe Leserinnen und Leser?

Noch interessanter als die Summe finden wir allerdings die Botschaft, die von ihre ausgeht. Denn: Seit Jahren galten dem Deutsche-Bank-Vorstand seine Kostenziele als ähnlich heilig wie unseren Sparkässlern und Volksbänklern das Drei-Säulen-System. Doch seit einigen Monaten werden die Ziele an diversen Ecken und Enden relativiert, gerissen oder gleich abgeschafft.

Eine kleine Analyse:

Worum geht es?

Im Grunde reden wir von zwei Kostenzielen. Das eigentliche Kostenziel betrifft die Kosten ohne Transformationskosten. Diese lag für dieses Jahr ursprünglich bei 18,5 Mrd. Euro und für nächste Jahr (also für 2022, dem Zieljahr der aktuellen Strategie) nach einer vor wenigen Monaten verkündeten Verschärfung bei ehrgeizigen 16,7 Mrd. Euro. Indes: Wie Sie vermutlich mitbekommen (ansonsten siehe unser Artikel hier), folgt der Verschärfung jüngst die überraschende Rücknahme. Wie die Deutsche Bank im August bei Präsentation ihrer Zahlen fürs 2. Quartal im freiheraus erklärte, hat sie das Kostenziel für 2022 abgeschafft. Stattdessen orientiere man sich nun am Ziel einer Cost-Income-Ratio von 70%. Sprich: Läuft es bei den Erträgen gut, können die Kosten ruhig ein bisschen zulegen.

Was hat es den mit den 700 Mio. Euro auf sich?

Die haben mit den 18,5 Mrd. Euro bzw. den 16,7 Mrd. Euro insofern nichts zu tun, als es sich (siehe oben) um Transformationskosten handelt – also sozusagen einmaligen Aufwand. Die hatte die Bank eigentlich mal 2019 umrissen, kommt damit aber nicht aus.

Wofür geht das Geld drauf?

Konkret werde die Integration der IT-Systeme doch noch einmal 400 Mio. Euro extra kosten, sagte von Moltke gestern. Weitere 200 Mio. Euro fallen für zusätzliche „Anpassungen der Mitarbeiterkapazitäten“ an sowie 100 Mio. Euro für die „Optimierung der Büronutzung“. Immerhin stellte der Deutsche-Bank-CFO in Aussicht, dass diesen Mehrkosten an anderer Stelle ab 2022 – oder womöglich sogar schon ab Q4/2021 – unplanmäßige Einsparungen gegenüberstünde. In welcher Höhe? Dies präzisierte von Moltke nicht.

Gibt es so was wie ein Big picture?

Ja. Die Erhöhung der Transformationskosten ist ein weiteres Indiz für einen Paradigmenwechsel innerhalb der Deutschen Bank (siehe auch unsere Analyse hier und hier). Zur Einordnung: Bei der Vorstellung der neuen Strategie 2019-2022 gab der frisch angetretene CEO Christian Sewing einst das ambitionierte Ziel aus, die bereinigten Kosten müssten bis 2022 um 6 Mrd. Euro sinken auf dann 17 Mrd. Euro (aus den 17 Mrd. Euro wurden dann, siehe oben, durch die zwischenzeitliche Verschärfung die 16,7 Mrd. Euro, die nun nicht mehr gelten …).

Diesem Ziel wurde lange Zeit alles oder zumindest sehr vieles untergeordnet. Die Zwischenziele (2019: 21,5 Mrd. Euro, 2020: 19,5 Mrd. Euro) erreicht die Bank denn auch – was ihr viel Applaus von Analysten und Investoren einbrachte. Eine Deutsche Bank, die ihre Kostenziele erreicht? Das war in den Prä-Sewing-Jahren fast unvorstellbar gewesen. Irgendwann Ende 2020/Anfang 2021 muss dann aber ein (von der Bank stets dementiertes) Umdenken eingesetzt haben. Die interne Marschroute scheint mittlerweile zu sein: Wir nehmen auf der Ertragsseite mit, was geht – solange das Verhältnis (also die Cost-Income-Ratio) stimmt, ist es zu verkraften, wenn die Kostendisziplin ein wenig nachlässt. Zu dieser Kehrtwende gehört übrigens auch, dass die Deutsche Bank inzwischen wieder mehr investiert, auch in Personal (siehe unsere Analyse hier). Manche Investoren sehen das kritisch. Sie würden sich wünschen, dass vor Investitionen erst mal Ausschüttungen kommen.

Warum hat die Deutsche-Bank-Aktie gestern um 1,6% zugelegt?

Zum einen, weil praktisch alle Bank-Aktien zugelegt haben, der europäische Benchmark-Indes sogar um 2,4%. Zudem zeigte sich von Moltke mit dem allgemeinen Geschäftsverlauf zufrieden. Die Geschäfte entwickelten sich erfreulich und überall besser als erwartet, ferner sei man bei der Prognose der Risikokosten (ähnlich wie die Commerzbank, siehe hier) inzwischen optimistischer als noch zu Jahresbeginn. Die Risikovorsorge werde wohl nicht bloß unter 20 Basispunkten (gemessen am Kreditbuch), sondern sogar unter 15 Basispunkten liegen. Mit Blick auf die Investmentbank präzisierte von Moltke, die Erträge im Q3 dürften gegenüber dem Vorjahresquartal um 10% gesunken sein. Eine positive Nachricht. Denn Analysten waren hier im Schnitt von einem Rückgang von 18% ausgegangen.

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