Analyse

Wie die Merkur Bank auf die Bafin pfiff – und damit durchkam

19. August 2020

Von Christian Kirchner

Seit unserer Sommerpause sind wir bei Finanz-Szene.de so gut gelaunt, dass wir uns spontan für die Vergabe des Titels „Deutschlands mutigste Bank“ entschieden haben. Es gab allerdings bei der internen Jurysitzung nur einen Kandidaten, und der hat realsozialistische 100% der Stimmen bekommen.

An the winner is … die Merkur Privatbank. Herzlichen Glückwunsch nach München!

Kurzer Hintergrund: Die Merkur Privatbank – nach eigenen Angaben „eine der größten inhabergeführten Privatbanken in Deutschland“ – hat ihr Geschäftsgebiet vor allem im Süden und Südosten des Landes, 21 Filialen, 2,3 Mrd. Euro Bilanzsumme. Obendrein notiert das Institut allerdings auch an der Börse. ISIN: DE0008148206.

Wie aber kommt die Bank denn nun zu ihrem Titel (den sie gegen Zahlung einer saftigen Lizenzgebühr natürlich gerne nutzen darf)?

Also: Bankaufseher arbeiten ja üblicherweise lieber im Verborgenen. Umso genauer sollte man hinhören, wenn sie denn laut etwas empfehlen. So empfahl die Finanzaufsicht Bafin am 24. März den hiesigen Banken, doch bitteschon angesichts der Corona-Pandemie und drohenden Verlusten „von Aktienrückkäufen Abstand zu nehmen sowie Ausschüttungen von Dividenden, Gewinnen und Boni sorgfältig abzuwägen“.

Am 27. März wurde aus der Empfehlung der Bafin dann seitens der EZB eine Aufforderung, doch bitte bis Oktober 2020 keine Dividenden zu zahlen. Am 30. März dann wiederum bekräftigte die Bafin ihre Erwartungen an Institute, auf Dividenden zu verzichten. „Wir erwarten, dass auch die Institute, die unter unserer direkten Aufsicht stehen („Less Significant Institutions – LSIs“), bis mindestens Oktober 2020 keine Dividenden zahlen oder Gewinne ausschütten“, so Bafin-Exekutivdirektor Raimund Röseler damals.

Auf gut Deutsch: Aus einer Empfehlung war ein Befehl geworden. Der ja dann Anfang August auch noch einmal seitens EZB und Bafin verlängert wurde (siehe unser Sommerpausen-Rückblick). Dachte man. Und alle hielten sich dran. Alle bis auf eine.

Schon richtig: Der Deutschen Bank fiel der Verzicht mangels ausschüttungsfähigem Gewinn nicht allzu schwer. Indes: Die Aareal, die Commerzbank, die Dt. Pfandbriefbank, die (kaum bekannte) Procredit Holding, die (immer noch an der Börse notierte) Comdirect, die Umweltbank und HSBC Trinkaus & Burkhardt – die wären alle in der Lage gewesen, eine Dividende zu zahlen. Taten es aber nicht.

Die Comdirect zum Beispiel teilte man, man folge „der Empfehlung der Europäischen Zentralbank vom 27. März 2020“. Und selbst die zwischenzeitlich semirenitente Aareal knickte letztlich ein und beschloss, „die Entscheidung der Aktionäre über die Dividendenausschüttung zu verschieben”.

Ganz anders: die Merkur Privatbank! Mit ihren jeweils knapp 2 Mrd. Einlagen und Krediten. Und mit ihrem Bilanzgewinn von 24 Mio. Euro 2019.

Irgendwann in diesem Frühjahr muss es einen Moment gegeben haben, in dem sich die Geschäftsleitung – also die Herren Marcus Lingel, Claus Hermann und Andreas Mauerer – gedacht haben: Nun gut, eine öffentliche Empfehlung und eine dringende Aufforderung von Bafin bzw. EZB ist das eine. Das andere ist: Wer sagt denn, dass wir uns an Empfehlungen und Aufforderungen halten müssen? (Dass wir über die Gedankengänge der drei Herren so vogelfrei spekulieren, sei uns bitte gestattet – einen „On-the-record“-Kommentar zum Vorgang erhielten wir von der Bank nicht.)

Also schrieb das Management in den in finstersten Kontaktverbots-Zeiten (genauer: am 20. April) niedergelegten Geschäftsbericht, das Management sehe sich „gut gerüstet für die Bewältigung dieser Krise. Vor diesem Hintergrund streben wir trotz des schwierigen Umfelds eine stabile und verlässliche Dividende auf Vorjahresniveau an. (…) Daher werden wir der Hauptversammlung die Ausschüttung einer Dividende in Höhe von 0,32 EUR vorschlagen“. Aus Vorsichtsgründen gebe es lediglich keine Erhöhung.

Nun dürften sich so einige Institute „gut gerüstet gesehen haben“, aber die Ausschüttung ihren Aktionären dennoch vorenthalten haben, was den ein oder anderen Euro Börsenwert gekostet haben dürfte. Denn welchen Grund gibt es, Aktien einer Schrumpfbranche wie die der Banken zu halten, außer die Hoffnung auf Kapitalrückzahlungen in Cash? Die Merkur Bank aber kehrte aus.

Was daraufhin passierte? Offenbar nichts!

Auf der virtuellen Hauptversammlung am 16. Juni stimmten 99,97% der „anwesenden“ Aktionäre dafür, dass 14,6 Mio. Euro der 24 Mio. Euro Gewinn tatsächlich ausgeschüttet werden.

Was die Bafin zu alldem sagt? Zu Einzelinstituten äußere man sich nicht.

Was die Merkur Bank sagt? Offiziell nichts. Dem Unternehmen nahe stehende Kreise verweisen auf ein außerordentlich gutes Ergebnis, und die insgesamt sehr positive Entwicklung rechtfertige es, auch in der aktuellen Lage den Kapitalmarktversprechungen Rechnung zu tragen.

Im kürzlich veröffentlichten Halbjahresbericht gab es dann noch mal eine klare Ansage: „Mit der auf unserer jüngsten Hauptversammlung beschlossenen Dividende in Höhe von 0,32 EUR je Aktie bleibt unsere Aktie auch in Krisenzeiten eine attraktive Anlage.“

Was sich mit Sicherheit sagen lässt: Der „Move“ hat sich für die Merkur Bank gelohnt, und zwar in doppelter Hinsicht. Anfang März notierten die Papiere der Merkur Bank bei 9,80 Euro. Am Tiefpunkt Mitte März waren es nur noch bei 7,75 Euro. Von da an ging es aber (nicht nur, aber doch vermutlich auch wegen der Ausschüttung) stramm in Richtung der alten Höchstmarke von 9,80 Euro, die dann auch pünktlich zur Hauptversammlung am 16. Juni wieder erreicht wurde. Inzwischen ist der Kurs auf einem 20-Jahres-Hoch bei 10,30 Euro.

Und die Bafin wird jetzt den anderen, bislang disziplinierten Instituten offenbar auch großzügiger gegenüber. Denn „Dividenden sollten nur ausgeschüttet werden, wenn das jeweilige Institut über eine nachhaltig positive Ertragsprognose verfügt und die Kapitalsituation auch in einer anhaltenden Stressphase weiterhin ausreichende Puffer ausweist“, heißt es in einer Bafin-Mitteilung von Anfang August. Im Klartext: Die nachdrückliche Empfehlung, auf Dividenden zu verzichten, ist jetzt erst mal vom Tisch.

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