Wie ein paar hundert “freie” Aktionäre die DZ Bank piesacken

24. Mai 2022

Von Christian Kirchner

Die Galerie, die Kronleuchter, der Parkettboden – ein stilvolleres Ambiente als das Gesellschaftshaus des Frankfurter Palmengartens mit seinem historischen Festsaal lässt sich für ein Aktionärstreffen kaum finden. Zumal, wenn die glanzvolle Umgebung auch noch mit fast ebenso glänzenden Zahlen einhergeht: 3,1 Mrd. Euro Bruttogewinn hat die DZ Bank Gruppe im abgelaufenen Geschäftsjahr erwirtschaftet – ein Rekordergebnis. Mithin: Eigentlich hätten Cornelius Riese und Uwe Fröhlich (also die Co-Chefs des Geno-Zentralinstituts) allen Grund, mit großer Vorfreude auf die heutige Hauptversammlung zu blicken.

Die Sache ist nun allerdings: Am schönsten feiert es sich ja bekanntlich, wenn man unter sich bleibt. Genau das ist der DZ Bank allerdings nicht vergönnt. Wozu man wiederum wissen muss: Das genossenschaftliche Finanzkonglomerat mit all seinen Töchtern (Union Investment, R+V Versicherung, Schwäbisch Hall …) gehört zwar, wie es man richtigerweise vermuten würden, den rund 800 Genobanken hierzulande sowie einigen sonstigen genossenschaftlichen Playern. Aber, und das ist weniger bekannt: nur zu 99,5%. Daneben gibt es nämlich noch rund 600 “freie Aktionäre”. Und auch wenn die Herren Riese und Fröhlich es so offen natürlich niemals sagen würden – die sind aus Sicht des Managements ein ziemliches Ärgernis.

Lesen Sie heute früh, wie die “Freien” einst an ihre Anteile kamen, wie sie die DZ Bank seit Jahren piesacken und warum man sie irgendwie nicht loswird, auch wenn der Vorstand genau das sehr wohl versucht:

1.) Die Hintergründe: Mitarbeiterbeteiligung, das wäre was!

Es begab sich vor langer, langer Zeit, jedenfalls vor so vielen Jahren, dass sich die Ursprünge heute nicht mehr mit vertretbarem Aufwand eruieren lassen, dass die DZ Bank – respektive ihre Vorläufer-Institute – den Mitarbeitern Aktien des eigenen Hauses andiente. Mitarbeiterbeteiligung nannte sich das, und es sollte, so die Idee, die Identifikation mit dem Arbeitgeber und die Bindung zum Haus fördern. Mehrere Programme soll es gegeben haben und etliche Beschäftigte griffen offenbar zu. Manche davon sind heute noch im Haus, andere ausgeschieden.

Seit einiger Zeit indes will die DZ Bank von dieser Form der Mitarbeiter-Bindung nichts mehr wissen. Um das zu verstehen, lohnt ein kleiner Blick in die Geschichte: Im Jahr 2000 schlossen sich die genossenschaftlichen Institute SGZ und GZB zur GZ-Bank zusammen. Diese fusionierte im Jahr darauf mit der DG Bank zur DZ Bank AG. Im Jahr 2016 ging diese dann – nach etlichen gescheiterten Anläufen – mit der WGZ zusammen und bildete die heutige DZ Bank, die mit einer Bilanzsumme von 337 Mrd. Euro zu den größten Finanzhäusern der Republik zählt. Aus mehreren kleineren (teilweise auch krisenerprobten) Instituten wurde über die Jahre das heutige, nach allgemeiner Auffassung grundsolide Zentralinstitut.

Nun, wer sein Geld heute mit strukturierten Produkten, “Cross-Selling”, “Sustainable Finance”, “Transaction Banking” und “Assets under Depository” verdient, der macht das gerne möglichst freihändig, möglichst flexibel. Und da stören die paar Hundert freien Aktionäre. Weil sie Kapitalmaßnahmen erschweren und womöglich auch noch – sollte sich einer mal übervorteilt fühlen – für rechtliche Scherereien sorgen.

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2.) Das Problem: die Prospektpflicht

Der Grund hier ist eine Tücke des deutschen Aktienrechts: Sobald ein Unternehmen mehr als 150 unterschiedliche Privataktionäre hat, greift die Prospektpflicht für Kapitalmaßnahmen jeder Art. Der Sinn dahinter: Alle Anteilseigner sollen über die gleichen Informationen verfügen. Die Prospektpflicht wiederum löst eine Kaskade an teuren Prüfungs-, Beratungs- und Publikations-Leistungen aus, erst recht in einer so großen Bank. Das birgt Risiken, denn ist der Prospekt irgendwo fehlerhaft, öffnet sich für Aktionäre eine Tür für Anfechtungen aller Art. Alles Ärger, den es ohne Prospekt nicht gäbe. Anders gesagt: ohne die 0,5%.

Vor rund einem Jahrzehnt begann die DZ Bank daher, den verbliebenen privaten Aktionären Angebote zu machen, ihre Anteile zu verkaufen. An einer Börse gehandelt wird die Aktie zwar nicht, kaufen oder verkaufen lassen sich die Anteile aber trotzdem. Ein freier Aktionär, der verkaufswillig ist, kann seine Anteile einer Genossenschaftsbank anbieten, die DZ Bank selber tritt dabei als Vermittlerin auf. Der Durchschnittskurs der jüngeren Vergangenheit: ungefähr 7,90 Euro je Aktie.

So viel wurde den freien Aktionären bereits im Rahmen im Zuge der Kapitalerhöhung 2014 angeboten. Und erneut 2019, als sich der Vorstand  per Brief direkt an alle freien Aktionärinnen und Aktionäre wandte. Das von beiden Co-Chefs unterzeichnete Schreiben liegt Finanz-Szene vor und beschreibt schön das Dilemma der Bank.

In früheren Jahren habe man “eine Beteiligung von Mitarbeitern der DZ Bank Gruppe und Organmitgliedern der Genossenschaftsbanken an der DZ Bank begrüßt und unterstützt”, heißt es da. Unter den heutigen Regularien sei diese Beteiligung aber “nicht mehr vorteilhaft”. Sie verursache “hohe Aufwendungen und bürokratische Hürden”. Bei einer Kapitalmaßnahme drohten “erhebliche zeitliche Verzögerungen” und ein “hoher finanzieller und personeller Ressourceneinsatz”. Wer verkaufe, trage zu einer “Effizienzsteigerung” und damit zur “weiteren Stärkung” der DZ Bank bei. Der Ton: höflich, aber bestimmt. Die Botschaft: Her mit den Aktien!

3.) Die Bemühungen der Bank: ziiiiiiehen sich

Maßnahmen wie diese zeitigten über die Jahre durchaus Erfolge. 2011 lag die Quote der freien Aktionärinnen und Aktionäre noch bei mehr als 4%, seither ist sie auf die aktuell verbleibenden 0,5% gefallen (siehe Grafik). Laut Jahresabschluss der DZ Bank AG stellen diese “Sonstigen” zusammen 26 Mio. Euro des Grundkapitals von insgesamt 4.926 Mio. Euro. 94,7% des Grundkapitals gehören den Kreditgenossenschaften (respektive zwischengeschalteten Beteiligungsholdings) und weitere 4,8% “sonstigen genossenschaftlichen Unternehmen”.

Allein, es reicht nicht, und der Vorgang wird allmählich zäh. Im Jahr 2019 gab es – so schreiben es Riese und Fröhlich in ihrem Brief – noch 725 private Aktionärinnen und Aktionäre. Seitdem hat sich die Quote von 0,5% nicht mehr groß bewegt. Seitens der DZ heißt es auf Nachfrage, aktuell stehe man bei “knapp über 600”. Sprich: Vom Ziel, weniger als 150 Privatiers unter den Aktionären zu haben, ist man immer noch weit entfernt.

Ganz offenbar denken die verbliebenen Eignerinnen und Eigner gar nicht an einen Ausstieg. Aber warum nicht?

4.) Das Kalkül der Rebellen: Cash!

Das mutmaßliche Kalkül der bockigen Privataktionäre ist schnell erklärt: Sie sind Eigner einer profitablen, dividendenfähigen Bank. Insgesamt setzt sich das Kapital der DZ Bank AG aus 1.791.344.757 auf den Namen lautenden Stückaktien ohne Nennwert zusammen. In ihrem eigenen Anhang zum Lagebericht kommt die DZ Bank zum Schluss, der Wert je Aktie betrage per Ende 2021 exakt 8,80 Euro – versus 8,05 Euro zum Jahresende 2020. Die rechnerische Marktkapitalisierung der DZ Bank AG beträgt damit aktuell 15,8 Mrd. Euro. Allein das Eigenkapital des Instituts beträgt derzeit 10,6 Mrd. Euro, inklusive 1,5 Mrd. Euro Gewinnrücklagen. Mit einer CET1-Quote von 15,3% ist die DZ top kapitalisiert.

Und wie gesagt: Die Bank verdient Geld. 14 Jahre am Stück hat sie nunmehr schwarze Zahlen geschrieben – und verlässlich wie ein Uhrwerk zahlt sie eine Dividende aus, deren Höhe zuletzt tendenziell sogar steigend. Vor zehn Jahren waren es 10 Cent je Aktie, vor fünf Jahren 18 Cent, für 2021 sollen es 20 Cent werden. Heißt: In diesem Jahr werden laut Tagesordnung der Hauptversammlung gut 358 Mio. Euro ausgeschüttet. 0,5% davon sind etwa 1,8 Mio. Euro. Somit reden wir bei rund 600 privaten Anteilseignern – grob gerechnet – von durchschnittlich knapp 3.000 Euro pro Kopf.

Ein hübsches Sümmchen. Und aus den 20 Cent für 2021 errechnet sich – unterstellt, die 8,80 Euro je Aktie, die die DZ Bank selbst ermittelt, sind ein "angemessener" Preis – eine Dividendenrendite von 2,3%. Hinzu kommt ein Lunch im Gesellschaftshaus mit Ausblick auf ein "One on One" mit den Chefs. Und dass das Geld auch künftig strömt, davon können die freien Eigner mit großer Sicherheit ausgehen, denn natürlich legen auch die vielen Genobanken viel Wert auf möglichst regelmäßige, möglichst langfristige Ausschüttungen.

5.) Der Ärger: kein Ausweg, nirgends

Was also tun? Rein rechnerisch beträgt der Wert der Aktien der freien Aktionäre gerade einmal gut 78 Mio. Euro. Das legt die Idee eines üppigen Abfindungsangebots nahe, um sich ihrer ein für alle Mal zu entledigen. Allein: In Deutschland gilt, wie auch anderswo, das Prinzip der Gleichbehandlung. Bietet die DZ Bank den freien Aktionären, ins Blaue gesprochen, 15 Euro je Aktie, muss sie dieses Angebot auch allen anderen Anteilseignern unterbreiten. Und auch wenn wir nicht wissen, inwieweit Genossenschaftsbanken ihre Anteile überhaupt abstoßen dürften, so sind wir doch recht sicher, dass zu diesem Preis einige gerne verkaufen wollten – ließe sich mit einem Verkauf deutlich über Buchwert doch so manches Loch in der Kasse stopfen.

Ein Squeeze-Out wiederum dürfte an ähnlichen Überlegungen scheitern. Ob dieser überhaupt möglich wäre oder zum Beispiel bei der Bewertung nochmal ganz neue Probleme aufwerfen würde, entzieht sich unserer Kenntnis (irgendwann ist auch mal gut). Klar ist aber, dass der Preis, der in diesem Fall zu zahlen wäre, ebenfalls allen Aktionären geboten werden müsste.

6.) Die Verzweiflung: Briefe, immer nur Briefe

So ringt die DZ Bank weiter mit gut 600 privaten Anteilseignern, die sich Jahr für Jahr über eine üppige Dividende freuen, über das Essen bei der Hauptversammlung sowie über andere "windfall profits". So sind angeblich, dem Vernehmen nach (wir wollen ja niemandem Böses unterstellen) manche der freien Aktionärinnen und Aktionäre auch deshalb so widerborstig, weil sie die Bank zum Teil im Unfrieden verlassen haben und sie nun piesacken, wo es nur geht. Wie weit dieses Motiv möglicherweise auch für aktive Mitarbeiter gilt, darüber können wir erst recht nur spekulieren. Deren Lage stellen wir uns, nun ja, delikat vor – schließlich ist dem Management das Aktionariat ja namentlich bekannt.

Bleibt der DZ Bank wohl nur, weiter regelmäßig Briefe zu schreiben (auch das kostet!). 2019 griff sie dabei gen Ende des Schreibens auf ein etwas überraschendes Argument zurück (das in der Sache, so hören wir, bis heute gilt): "Wir sichern Ihnen zu, dass Sie auch nach dem Verkauf Ihrer Aktien an den Hauptversammlungen der DZ Bank AG als Gast teilnehmen können." Wer Interesse habe, möge dies bitte auf dem beigefügten Antwortblatt vermerken.

Hmmm. 3000 Euro. 2,3% Dividendenrendite. Aussicht auf regelmäßige, steigende Ausschüttungen. Vielleicht persönliche Motive. Da wirkt das Winken mit dem Lunch doch leicht seltsam, wenn nicht gar – verzweifelt.

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