Aus der Szene

Wie Finanz-Szene mit der Elgeti-Anleihe 300 Euro versenkte

7. Juni 2022

Von Christian Kirchner

Wir bei Finanz-Szene sind ja Verfechter des Ausprobierens. Eine Decoupled Debit zum Bezahlen der Stadion-Wurst? Kommt sofort aufs Handy. Ein neuer Neobroker poppt auf? Da eröffnen wir gleich mal ein Depot. Die drölfzigste Neobank geht an den Start? Wir sind dabei.

Nun kostet das Primat der Praxis selten mehr als Zeit. Bis wir es dummerweise auch beim Zinskupon der Obotritia Capital ganz genau wissen wollten.

Die Geschichte als solche kennen Sie ja, siehe -> Rolf Elgetis Investment-Vehikel Obotritia setzt Zinszahlung aus. Da wir nun aber umbedingt mitkriegen wollten, ob der Zinskupon irgendwann doch fließt, erwarben wir am 1. April den “Elgeti-Bond” mit der ISIN DE000A1616U7. Kaufpreis für ein Stück samt Spesen: 101,7% des Nennwerts von 1.000 Euro. Journalistisch schien das Ganze unbedenklich. Erstens fügten wir unserem Artikel einen entsprechenden Disclaimer an. Und zweitens: Wer kauft schon ein Wertpapier, bevor er kritisch darüber berichtet?

Wie bei naiven Investoren üblich, entbrannte redaktionsintern eine Diskussion, was wir mit der etwaigen Kuponzahlung von 85 Euro anstellen würden. Zumal die Obotritia Capital am 28. April tatsächlich mitteilte, die Zahlung nunmehr leisten zu wollen. Und zwar am 9. Mai.

Der Tag kam. Der Anleihekurs fiel. Was aber nicht kam, das waren: die Zinsen. Nun gut, kann ja mal dauern. Aber es kam: immer noch nichts. Und uns fiel ein: Stückzinsen hatten wir ja auch keine gezahlt. Rückfrage bei der Bank. Und die freundliche Auskunft: Nein, zinsberechtigt seien wir nicht. Der Zahltag sei ja nun mal der 26. Februar gewesen, wie jedes Jahr. Entsprechend kassiere den Kupon nur, wer die Anleihe damals noch gehalten habe. Und nicht, wer sie am 9. Mai besessen habe.

Die Sache stellt sich also wie folgt dar: Irgendwer hat uns am 1. April (kein Scherz) für 101,7% des Nennwerts (mithin also 1.017 Euro) den Elgeti-Bond verkauft. Und damit nicht nur einen Verkaufskurs knapp unter Rekordhoch (102%) erzielt. Sondern nachträglich auch noch den 8,5-%-Kupon kassiert.

Wir hingegen? Haben nun den Elgeti-Bond im Depot, der nach der Kuponzahlung erst so richtig abschmierte und Stand heute – warum auch immer – bei nur noch 73% des Nennwerts notiert.

Immerhin: In vier Jahren werden wir den Verlust über die weiteren Kuponzahlungen einigermaßen egalisiert haben. Vor Inflation. Und falls die Obotritia 2023, 2024 und 2025 zahlen sollte.

Eine Münchner Bank zwischen Bafin-Rüffel, Weltsparen und Creditshelf

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