Analyse

Wie haben Banken und Sparkassen das Corona-Jahr überstanden?

28. September 2021

Von Christian Kirchner

Die Bundesbank hat am Montag die sogenannte Ertragslage-Statistik veröffentlicht, also die wichtigste Datensammlung zur deutschen Kreditwirtschaft überhaupt. Wir haben hineingeschaut. Hier die fünf wichtigsten Erkenntnisse, jede Menge Zahlen – und ein 19,9-Mrd.-Euro-Rätsel.

Auf geht’s:

1.) Unsere Banken machen trotz allem: Gewinn!!!

Betrachten wir zunächst die wichtigsten Aggregate: das Betriebsergebnis vor Bewertung sowie den Überschuss vor und nach Steuern aller nunmehr 1.408 Institute in der Bundesbank-Statistik …

.... Man sieht: Die Gewinne sind 2020 deutlich gestiegen, was allerdings einem massiven Einmaleffekt im Vorjahr geschuldet ist. Zur Erinnerung: In der Lesart des HGBs (das auch den Bundesbank-Statistiken zugrunde liegt) hatte die Deutsche Bank 2019 einen Verlust von 19,7 Mrd. Euro erlitten (siehe auch hier).

Sprich, sinnvollerweise legen wir besser das Vorvorjahr als Vergleichsmaßstab an. Hier zeigt sich: Beim Betriebsergebnis vor Bewertung – also beim wohl besten Barometer für die operative Leistungsfähigkeit – kamen unsere Banken im "Corona-Jahr" auf einen Wert von 33,4 Mrd. Euro, gemessen an 2018 einen Plus von 3%.

Der Jahresüberschuss wurde derweil entscheidend vom Bewertungsergebnis beeinflusst. Und das fiel corona-bedingt (Risikovorsorge!) natürlich wesentlich schlechter aus als in den Jahren zuvor. Netto verdoppelte sich der Bewertungsaufwand von 6,7 Mrd. Euro auf 13,3 Mrd. Euro. Folglich sankt der Vorsteuergewinn (jedenfalls verglichen mit sämtlichen Jahren vor 2019 ...) auf 14,3 Mrd. Euro. Zur Einordnung: In den Jahren 2010-2018 waren es im Schnitt 25,4 Mrd. Euro pro Jahr gewesen.

Und nach Steuern? Blieben 5,9 Mrd. Euro übrig. Immerhin, möchte man sagen. Denn immerhin ist die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr ja um 5% geschrumpft ...

2.) Bei der Cost-Income-Ratio zeigen sich Verbesserungen ...

Stellt man sich die Frage, warum Banken und Sparkassen das Corona-Jahr einigermaßen glimpflich überstanden haben, dann kommt man um ein klitzekleines Lob nicht herum: Fast alle Bankengruppen haben im zurückliegenden Jahr ihre Cost-Income-Ratio verbessert. Zwar merkt die Bundesbank mäkelnd an, mit 72,3% liege die Aufwand-Ertrags-Relation "weiterhin deutlich über dem langfristigen Mittel von 68% sowie über dem Mittel der Jahre nach der Finanzkrise (2010 bis 2018) von 68,4%"  ...

... Allerdings: Zumindest im Vergleich zu 2019 sieht das alles gar nicht soooo schlecht aus:

in % 2018 2019 2020 '20 vs. '19
Alle Banken 73,1 76,0 72,3 -3,7 Ppte.
Kreditbanken 79,3 84,9 77,7 -7,2 Ppte.
davon Großbanken 87,9 100,9 90,3 -10,6 Ppte.
davon Regionalbanken 66,1 64,4 62,4 -2,0 Ppte.
davon Auslandsbanken 55,0 54,5 51,8 -2,7 Ppte.
Landesbanken 76,6 78,5 76,0 -2,5 Ppte.
Sparkassen 68,3 71,4 70,1 -1,3 Ppte.
Genobanken 66,2 67,2 67,2 0,0 Ppte.
Bausparkassen 88,6 94,6 89,7 -4,9 Ppte.
Förderbanken 65,6 59,7 56,4 -3,3 Ppte.

Quelle: Bundesbank 

Während das satte Minus bei den Großbanken (also die 10,6 Prozentpunkte) dem weiter oben schon erwähnten Deutsche-Bank-Effekt geschuldet ist, zeigen sich vor allen die Auslandsbanken extrem effizient. Sie haben die Cost-Income-Ratio nochmals um 2,7 Prozentpunkte auf 51,8% gesenkt und festigen damit ihren Ruf, vor allem in für sie rentable Geschäftsfelder zu springen und dort mit maximaler Kostendisziplin zu arbeiten.

3.) ... doch gespart wird nicht wirklich

Können unsere Banken also doch sparen? Zur Erinnerung: Der damalige Bafin-Chef Felix Hufeld hatte ja 2019 gemosert, die Kosten seien „nicht um ein Jota gesunken“. Beim Sparen fehle „der gebotene Rumms“.

Und 2020?

Die Verwaltungsaufwendungen sind 2020 um 3,2 Mrd. Euro (bzw. 3,5%) auf 87 Mrd. Euro zurückgegangen – der mit Abstand beste Wert der vergangenen Jahre, wie unsere Grafik zeigt. Zerbröselt man aber einmal, wo diese Einsparungen herkommen, zeigt sich: Knapp 90% des Gesamtrückgangs (nämlich 2,8 Mrd. Euro) entfallen auf die Großbanken – wir haben es also wiederum mit dem Deutsche-Bank-Effekt zu tun.

Und der Rest vom Fest? "Der Verwaltungsaufwand der übrigen Bankengruppen verharrte weitgehend auf dem Vorjahresniveau", moppert die Bundesbank – mit einer Ausnahme: "Lediglich die Sparkassen konnten ihren Verwaltungsaufwand im Berichtsjahr um 0,6 Mrd. Euro (minus 2,7 %) im Vergleich zum Vorjahr merklich reduzieren."

4.) Krasse Verschiebungen im Zinsergebnis (und wie viel die EZB wirklich "kostet")

Wer gehofft hatte, die Zinsüberschüsse könnten durch die Corona-bedingten Mini-Boom im Kreditgeschäft womöglich sogar gestiegen sein – der sieht sich enttäuscht: Das Zinsergebnis sank branchenweit um 1,3 Mrd. auf 81,1 Mrd. Euro. Allerdings: Von einer kleinen Stabilisierung lässt sich dennoch sprechen. Denn ein Jahr zuvor hatte die Branche noch 4,8 Mrd. Euro eingebüßt.

Während die Groß-, Regional- und Auslandsbanken 1,4 Mrd. Euro (4,6 %) verloren, ging das Zinsergebnis bei den Sparkassen um 0,5 Mrd. Euro (2,4 %) und bei den Genobanken um 0,2 Mrd. Euro (1,2 %) zurück. Die Landesbanken verzeichneten sogar leichte Zuwächse

Wie kam's?

  1. Das Kreditvolumen wuchs um 4,2% (im Immobiliengeschäft sogar um 6,2%) – mithin: mehr Volumen
  2. Der Zinsaufwand sank um 21,2 Mrd. Euro und damit fast so stark wie der Zinsertrag (22,5 Mrd. Euro)

Zum zweiten Punkt achte man bitte auch auf diese Tabelle hier ...

in Mrd. Euro Zinsertrag zum Vorjahr Zinsaufwand zum Vorjahr  Delta Aufwand  in %
2016 181,5 -19,4 90,4 -14,6 - 14 %
2017 165,4 -16,1 79,9 -10,5 - 12 %
2018 167,8 + 2,4 80,6 0,7 + 1 %
2019 162,8 - 5,0 80,4 -0,2 0 %
2020 140,3 -22,5 59,2 -21,2 - 26%

Man sieht: Während unsere Banken den Zinsaufwand zwischen 2016 und 2019 gerade mal um zusammen 10,0 Mrd. Euro senken konnten, war es allein 2020 mehr als das Doppelte. Eine Zäsur!

So recht wird bei Lektüre des Buba-Berichts nicht klar, warum ausgerechnet 2020 die Zinsaufwendungen (aber natürlich auch die Zinserträge) dermaßen krass eingebrochen sind. Klar, wir haben es hier mit einer Folge des allgemeinen Zinsverfalls zu tun, auf der Refinanzierungsseite genauso wie im Aktivgeschäft. Genannt werden seitens der Bundesbank zudem als Grund für den Verfall des Aufwands die Freibeträge auf den Einlagenzins bei der EZB, die Nutzung der TLTRO-Geschäfte und "umfangreiche Konditionenanpassungen im Einlagengeschäft".

Diesen Anpassungen im Einlagengeschäft widmet die Bundesbank in ihrem Monatsbericht sogar einen Mini-Aufsatz mit dem Titel "Veränderung des Zinsaufwands deutscher Banken durch Konditionsanpassungen im Einlagengeschäft".

Insgesamt, schätzt die Bundesbank, mussten die die Banken netto gerade mal 1 Mrd. Euro für den negativen EZB-Einlagenzins aufwenden. Netto heißt hier: Der Staffelzins bei Einlagen sowie die TLTRO-Geschäfte sind bereits berücksichtigt. Demgegenüber habe sich der Zinsaufwand im Einlagengeschäft allerdings um 1,3 Mrd. Euro vermindert. Damit steht also schwarz auf weiß im Monatsbericht der Bundesbank: Letzten Endes haben Banken und Sparkassen im vergangenen Jahr im Einlagengeschäft auch wegen der eingeführten Negativzinsen verglichen mit dem Vorjahr rund 300 Mio. Euro verdient: 1,0 Mrd. kosteten sie die Negativzinsen, über 1,3 Mrd. Euro passte man (auch mit Negativzinsen) die Einlagenkonditionen an.

Nun betont die Bundesbank, dass dieser Wert "nur einen Teil der Effekte der geldpolitischen Negativzinsen auf das Zinsergebnis der Banken abbilde". Dennoch: Was die Notenbank hier in Bezug aufs Einlagengeschäft schreibt, ist dann doch mal ein Wort.

Wobei auch das natürlich nicht vollständig erklärt, warum der Zinsaufwand insgesamt so krass gefallen ist. Nochmal: Zu den 19,9 Mrd. Euro (also das Delta aus den 21,2 Mrd. Euro Rückgang insgesamt und den 1,3 Mrd. Euro Rückgang im Einlagengeschäft) äußert sich die Bundesbank nicht.

5.) Das Provisionsgeschäft wächst – aber reicht das?

Um es vorwegzunehmen: Auch 2020 ist das Provisionsergebnis wieder gestiegen, und zwar um 0,9 Mrd. Euro (bzw. 2,9%). Toll, mag man sagen, zumal viele Filialen ja monatelang geschlossen waren. Andererseits: Ein großer Teil dürfte ja aus der Erhöhung der Kontoführungsgebühren gekommen sein. Aber was war denn dann mit dem Wertpapier-Boom? Hätte der sich nicht viel stärker bemerkbar machen müssen?

Provisionsüberschuss zum Vorjahr in Mrd. zum Vorjahr in %
2015 30,5 1,2 4,1
2016 29,7 -0,8 -2,6
2017 30,6 0,9 3,0
2018 29,5 -1,1 -3,6
2019 31,2 1,7 5,8
2020 32,1 0,9 2,9

Der Fairness halber sei angemerkt: Im ersten Halbjahr feierten die bankeneigenen Fondsanbieter neue Absatzrekorde. Offenbar reagieren viele Privatanleger sozusagen spätzyklisch auf den Wertpapier-Boom. Vielleicht sehen die Zahlen dieses Jahr ja besser aus.

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