Analyse

Wie krisenfest sind die Kreditbücher unserer Banken?

15. April 2020

Von Christian Kirchner

Fest steht: Die Corona-Krise wird einschlagen in die Bilanzen der deutschen Banken. Weit weniger klar ist: Wie stark? Und bei welchen Banken besonders? Um keine falschen Erwartungen (bzw. Befürchtungen) zu wecken: Natürlich haben wir heute Morgen keine definitiven Antworten auf diese für die Branche existenziellen Fragen. Und wenn wir sie hätten, dann würden Sie uns vermutlich fragen, warum wir „Irgendwas mit Newsletter“ machen statt „Irgendwas mit Short-Selling“. Indes, was wir uns für heute dann doch vorgenommen hatten: einfach mal ein bisschen heranzuschnuppern an die Kreditbücher einiger der wichtigsten Banken bzw. Bankengruppen: Wer war die letzten Jahre besonders offensiv unterwegs? Wer hat wie viel Exposure in welchen Segmenten? Und wie sieht es mit den Sicherheiten aus? Ehrlicherweise: Nicht bei allen Banken sind wir so weit gekommen wir ursprünglich erhofft. Aber: Ein paar spannende Erkenntnisse glauben wir unter Rückgriff auf Geschäftsberichte, Investoren-Präsentationen, Rating-Berichte etc.pp. dann gesammelt zu haben. Voilà:

Aareal

Die Kursentwicklung der Aareal-Bank lässt sich in der Corona-Krise wie folgt zusammen fassen: Zunächst tiefer gefallen als der Rest der Finanzinstitute – und danach weniger stark erholt. Noch immer notiert der Wiesbadener Immobilienfinanzierer 46% unter seinem Kurs von Mitte Februar. Zu Recht?

  • Zunächst: Der starke Kursverfall ist nicht allein den Sorgen ums Kreditbuch geschuldet. Ein wesentliches Argument für Investoren, die Aareal-Aktie zu kaufen, waren immer die üppigen Dividenden der Bank. Auf die diesjährige Ausschüttung indes muss der MDax-Konzerns ja auf Geheiß der Aufseher verzichten.
  • Nun jedoch zum Kreditbuch: Die Immobilien-Finanzierungen beliefen sich zuletzt auf 25,9 Mrd. Euro. Ob das ein zukunftsfähiges Geschäft ist, hatte Finanz-Szene.de schon vor Ausbruch der Corona-Krise infrage gestellt (siehe unsere Analyse vom 26. Februar). Nun indes hat sich die Lage quasi über Nacht dramatisch verändert – und die Aareal sitzt plötzlich auf riesigen Krisenbranchen-Exposures. Denn ein Drittel (!) der 25,9 Mrd. Euro entfällt auf den Hotelbereich; und ein Viertel auf den Handel. Kein Wunder, dass Fitch sein Rating-Urteil jüngst auf BBB+ herabgestuft hat. So gerade noch Investmentgrade. Zumal der Ergebnisdruck (in Form von höherer Risikovorsorge und tatsächlichen Ausfällen) nicht nur aus dem bestehenden Kreditbuch kommen dürfte. Sondern auch aus einen mutmaßlich schwindenden Neugeschäft.
  • Und das Positive? Der Beleihungsauslauf des Portfolios liegt im Schnitt bei 57%. Das heißt, es muss schon zu heftigen Ausfällen kommen, bevor es wirklich ans Eingemachte geht.

Und doch: Man kann die Sorgen der Investoren doch nachvollziehen

Commerzbank

Sogar 50% unterm Februar-Zwischenhoch notiert die Aktie der Coba. Und dass, obwohl die Gelbbank 1.) die Bank im Kern profitabel (2019er-Nettogewinn: 644 Mio. Euro) in diese Krise geschlittert ist, 2.) eine kleine Dividende zahlen wollte und 3.) durchblicken ließ, den eingeleiteten Konzernumbau womöglich komplett aus eigener Kraft (sprich: sogar ohne Verkauf der mBank) stemmen und 4.) „Corona“ extrem früh ernst nahm – denn schon am 13. Februar (!!) im Zuge der Bilanzpressekonferenz wies man visionär darauf hin, die Prognose leicht steigender Risikovorsorge für Kredite 2020 sei „ohne Corona-Effekte“.

Und die stellten sich dann doch sehr rasch ein. Und die Commerzbank war in der Wahrnehmung selbst wohlmeinender Investoren plötzlich nicht mehr die Großsparkasse mit gelber Farbe. Sondern: die Bank, die ihr Zinsergebnis jetzt schon seit Jahren über die Volumenschiene zu pushen (bzw.: zu verteidigen sucht). Was mag das wohl fürs Kreditbuch heißen? Zunächst ein paar Eckdaten:

  • 2018 und 2019 sind die risikogewichteten Aktiva um zusammen rund 20 Mrd. Euro auf 188 Mrd. Euro gestiegen.
  • Seit 2015 ist das Volumen privater Immobilienkredite von 63 Mrd. Euro auf 87 Mrd. Euro angewachsen.
  • Alleine 2019 und somit am Vorabend der Corona-Krise weitere die Commerzbank das Kreditvolumen bei Firmenkunden um 7%, bei Privatkunden (inkl. der angesprochenen privaten Baufi) gar um 8%.
  • Auch ohne Corona stieg 2019 die Risikovorsorge. In Q4 verwies die Commerzbank dabei wie auch schon in Q2 auf „Einzelfälle“. Soll man darin eine Beruhigung sehen? Oder das Gegenteil? Denn: Was sind das für Einzelfälle?
  • Rund drei Viertel der Firmenkundenkredite sind an den „deutschen Mittelstand“ ausgereicht. Auch das würde in normalen Zeiten tendenziell beruhigend klingen. Doch gilt das auch für Corona-Zeiten?

Blicken wir also noch etwas genauer ins Kreditbuch:

  • Die Commerzbank reklamiert, im Wohnimmobilien-Segment ein sehr konservatives Risikoprofil aufzuweisen. Zudem sei das Firmenkunden-Portfolio breit diversifiziert. Tatsächlich entfällt auf keinen Sektor mehr als 15%. Allerdings war das zum Beispiel das Segment „Automotive und Zulieferer“ den Wirtschaftsprüfern einen besonderen Prüfungsschwerpunkt im 2019er Geschäftsbericht wert. Begründung: Das Segment mache einen bedeutenden Anteil am gesamten Kundenkreditvolumen aus. Und weiter: „In einigen Bereichen der Automobilindustrie bestehen anhaltend negative Marktgegebenheiten.“ Wohlgemerkt: vor Corona.
  • In ihrem jüngsten Rating-Update zur Commerzbank verweisen auch die Analysten von Fitch auf „Konzentrationsrisiken aufgrund von Großkrediten insbesondere in der Konsum- und Automobilindustrie“ (mit zusammen 25 Mrd. Euro Engagements). Zu diesem kritischen Ton passt, dass Moody’s schon für 2019 eine Trendwende im Kreditgeschäft ausmachte, der auch für’s Coba-Geschäft so guten Rückenwind lieferte. Tenor: Der Kreditzyklus seit schon seeehr weit fortgeschritten.

Summa summarum: Auf die Q1-Zahlen der Commerzbank darf man sehr gespannt sein. Womöglich muss man sich gar ein wenig vor ihnen fürchten.

ING Deutschland

Hat’s die Frankfurter Oranje-Bank mal wieder richtig gemacht? Das kann zum jetzigen Zeitpunkt noch niemand sagen. Was aber unbestritten ist: Während andere Banken hierzulande 2019 das Kreditgeschäft noch nach Kräften vorantrieben, drosselte die ING Deutschland das Tempo. Den Rückgang beim Zinsüberschuss nahm man in Kauf, genauso wie die Beinahe-Stagnation beim Nachsteuerergebnis (nur mehr +1% auf 898 Mio. Euro). Als hätte man geahnt, was da kommen würde.

Konkret:

  • Nachdem das Firmenkundengeschäft 2016 bis 2018 teils abenteuerliche Wachstumsraten aufwies (66%, 19%, 17%), kam ebenjenes Wachstum in der „Wholesale Banking“ genannten Sparte 2019 abrupt zum Halten: minus 4% auf nur noch 35 Mrd. Euro (siehe unsere entsprechende Analyse zum Wachstumsstopp bei den Auslandsbanken). Eine Vollbremsung zur rechten Zeit?
  • Der weitaus größere Brocken im Kreditgeschäft der deutschen ING ist freilich weiterhin die private Baufinanzierung:  Darlehen im Volumen von rund 76 Mrd. Euro stehen hier in den Büchern – gemessen an Einlagen in Höhe von knapp 140 Mrd. Euro. Nun sagt man der Ex-ING-Diba nach, dass ihre stark standardisierter Kreditvergabe-Prozess dafür sorgt, dass bei ihre im Zweifel eher der Lehrer als der Freiberufler eine Baufinanzierung erhält; was, wenn’s denn stimmt, im Corona-Shutdown ein Segen fürs Kreditbuch wäre. Und doch: Aus der hohen Konzentration der Hypothekendarlehen ergibt sich ganz natürlich, dass aus Sicht der deutschen ING am Wohnimmobilien-Markt besser nichts anbrennen sollte. Auch wenn das Baufi-Volumen 2019 „nur“ um 4% stieg, weniger stark als der Gesamtmarkt (5%).
  • In ihrem letzten veröffentlichten Geschäftsbericht (2018) machte die deutsche ING Angaben zur Struktur ihrer Finanzierungsportfolios. Demnach dominierten sowohl im Wholesale-Geschäft als auch in der Baufinanzierung die Kredite „mittlerer Qualität“ im internen, 22stufigen Risikosystem. Im Wholesale-Geschäft machen diese 75% aus (niedriges Risiko: 20%, hohes Risiko: 5%), in der Baufinanzierung 58% (niedriges Risiko: 38%, hohes Risiko: 4%). Gegenüber 2017 hat sich das Profil deutlich verbessert.
  • Die Ratingagentur Moody’s erklärte erst am 9. April in einer Kurzanalyse, das Kreditbuch der ING Deutschland insbesondere im privaten Baufinanzierungsbereich sei von „fundierter Qualität“, da es einerseits stark granular und andererseits auch gesondert besichert sei.

Klingt tatsächlich so, als müsste man sich um andere Banken mutmaßlich mehr Sorgen machen.

Deutsche Bank

Die jüngere Geschichte lehrt: Um die Deutsche Bank muss man sich eigentlich immer Sorgen machen. So also auch in dieser Krise. Ob allerdings das Kreditbuch die größte Sorge von Gläubigern und Aktionären ist – das darf man möglicherweise bezweifeln. Also:

  • Das Kreditbuch der Deutschen Bank umfasst Kredite im Wert von 434 Mrd. Euro.  Wobei die Diversifizierung (wie das bei einer Universalbank halt so ist) auf den ersten Blick fast vorbildlich erscheint. Wohnimmobilien haben mit 31% den größten Anteil.
  • Zwar betrug das allgemeine Kreditwachstum 2019 rund 7%. Das Plus fußte jedoch vor allem auf dem Ausbau von Krediten im institutionellen Geschäft. In der „Private Bank“ lagen die Zuwächse bei lediglich 3%, in der Unternehmensbank bei 5%. Also keine Werte, die auf exzessive Kreditvergabe hindeuten. Gerade einmal 0,18% der Kredite wurden im 4. Quartal als faul ausgebucht.
  • Der jüngst erschienene Geschäftsbericht liefert zudem Auskünfte über die sektoralen Schwerpunkte des Kreditbuchs: Knapp 200 Mrd. Euro oder 45% sind demnach an private Haushalte ausgereicht. Der von der Corona-Pandemie besonders stark betroffen Handel sowie Gastronomie und Beherbergung machen hingegen nur einen kleinen Anteil aus: Handel rund 21 Mrd. Euro (4%), Gastronomie und Beherbergung 2,6 Mrd. Euro (<1%).
  • Auch die Ratingagenturen sehen die möglichen Probleme der Deutschen Bank weniger auf der Kredit- denn auf der Kapitalseite. Sprich: Den Frankfurtern könnte es mangels Gewinnen schwer fallen, ihre Kapitalquoten perspektivisch wieder zu steigern.

Ist das nun eine beruhigende oder eine beunruhigende Erkenntnis? Vielleicht ja so: Es könnte alles noch beunruhigender sein.

Apobank

Als größte deutsche Genossenschaftsbank (Bilanzsumme: 49,8 Mrd. Euro) verfügt die Apobank über sehr starke Ratings: Sowohl S&P als auch Fitch benoten das Düsseldorfer Geldinstitut mit „AA-„. Das ist ohne Zweifel ein Gütesiegel. Und dürfte auch damit zusammenhängen, dass die Klientel der Apobank (es handelt sich bekanntlich um die Standesbank der Ärzte, Apotheker, Zahnärzte und sonstigen Heilberufler) für eine gewisse Solidität und Krisenfestigkeit steht. Wenn die Kreditnehmer einer Branche angehören, in der die Rechnungen normalerweise von „Kassen“ und „Versicherern“ statt von „Kunden“ beglichen werden – dann schläft man als Banker vermutlich ruhiger.

Alles paletti also? Weiter zur nächsten Bank? Naja, gucken wir doch mal ein bisschen genauer hin.

  • Offenbar sieht Standard & Poor’s die starke Fokussierung der Apobank nicht ausschließlich positiv. So wird betont, dass die Nischenrolle des Instituts „höhere Konzentrationsrisiken als viele Universalbanken in Deutschland“ berge. Hintergrund: Vom 58 Mrd. Euro dicken Kreditbuch entfallen 40 Mrd. Euro auf klassische Darlehen an niedergelassene Ärzte.
  • Hinzu kommt, dass die Apobank ihre Kapitalisierung in den vergangenen Jahren markant reduziert hat  – von einer Kernkapitalquote von 22,6% (2016) auf jüngsten Schätzungen zufolge zuletzt nur noch 15%. Sollte die Maßnahme dem Ziel gedient haben, die Eigenkapitalrendite zu verbessern, so wurde es nicht erreicht. Die liegt nämlich bei nur rund 2,5%. Ein eher dünnes Polster für die Profitabilität – und laut Standard & Poor’s die „Kernschwäche“ des Instituts.
  • Und noch was: Lediglich 28% der Darlehen der Apobank sind mit Grundpfandrechten besichert. Ein für Genossenschaftsbanken ungewöhnlich niedriger Wert – die Sparda-Banken etwa kommen hier auch aufgrund des hohen Anteils an Immobilienkrediten auf 60% bis 80%.

Alles paletti also? Geht so.

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