Kurz gebloggt

Wie viel Geld haben die Banken bei Wirecard im Feuer?

19. Juni 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Kann es sein, dass das Wirecard-Beben gestern Vormittag auch den ein oder anderen Frankfurter (oder Stuttgarter) Bankenturm hat wackeln? Ein Wunder wäre es nicht. Denn: In der „Kein Testat“-Ad-hoc von 10.43 Uhr fand sich auch der folgende Satz: „Wenn ein testierter Jahres- und Konzernabschluss nicht bis zum 19. Juni 2020 vorgelegt wird, können Kredite der Wirecard AG in Höhe von ca. 2 Mrd EUR gekündigt werden.“

Mal ganz abgesehen von der Kurzzeitigkeit dieser Aussage (der 19. Juni ist ja schon heute …): Heißt das, dass (deutsche?) Banken ernsthaft 2 Mrd. Euro im Feuer haben? Versuch einer Einordnung:

  • Am 30. September 2019 hatten wir geschrieben: „Das Geheimnis, welche Banken hinter der 1,75 Mrd. Euro schweren Kreditlinie für Wirecard stehen, ist weitgehend gelüftet. Wie Finanz-Szene.de in einem Anleiheprospekt des Zahlungsdienstleister entdeckt hat, sind die „Mandated Lead Arrangers“ die ABN Amro, die Commerzbank*, die ING Bank, die ING Diba und die LBBW. Vermutlich stehen die genannten Institute nicht hinter der gesamten Kreditlinie, wohl aber für einen beträchtlichen Teil.“
  • Das mit dem „beträchtlichen Teil“ möchten wir auf Basis neuer Informationen, die aus dem Umfeld des Bankenkonsortiums stammen, leicht revidieren. Denn wenn stimmt, was uns gestern erzählt wurde, dann gehören dem Konsortium neben den genannten Instituten noch um die zehn weitere Banken an.
  • Per Mitte 2019, so kann man aus dem damaligen Halbjahresbericht ableiten, dürfte die Kreditlinie mit rund 1,7 Mrd. Euro nahezu ausgeschöpft gewesen sein
  • Im Verlauf des Herbst allerdings (so lässt es sich u.a. aus damaligen Aussagen von CFO Alexander von Knoop schlussfolgern) nutzte Wirecard besagte Anleiheemission sowie ein Investment aus dem Umfeld des japanischen Technologieinvestors Softbank, um Kredite im Umfang von rund 900 Mio. Euro zurückzuführen
  • Unter Berücksichtigung von 1-2 kleineren Posten dürfte das tatsächliche Exposure des Bankenkonsortiums nach diesen Transaktionen bei allenfalls 900 Mio. Euro gelegen haben
  • Nun wissen wir nicht, was seitdem passiert ist, und es wollte uns auch niemand sagen gestern. Angesichts des üppigen Softbank-Investments (das nur zu einem Teil für die Tilgung von Krediten verwendet wurde) könnte es aber sein, dass Wirecard in den Monaten danach keinen größeren Kreditbedarf hatte
  • Hieße (aber das ist jetzt reine Spekulation): Womöglich reden wir von dann noch „nur“ von rund 900 Mio. Euro, die sich zudem auf etwa 15 Banken verteilen. Wären im Schnitt etwa 60 Mio. Euro pro Institut. Nichts wirklich dramatisches – auch wenn der Anteil einige Banken höher gewesen sein könnte
  • Bleiben eigentlich noch zwei Fragen: Die eine, was mit den „2 Mrd. Euro“ aus der Ad-hoc ist? Noch eine Vermutung unsererseits: Vielleicht bezieht sich die Summe ja auf die aktuelle Kreditlinie, nicht auf die tatsächlich ausgereichten Kredite.
  • Und die andere Frage: Was ist eigentlich mit dem Kredit der Deutschen Bank an Markus Braun? Hintergrund: Die „Financial Times“ hatte im März 2019 berichtet, dass Wirecard-Vorstandschef Markus Braun einen 150 Mio. Euro schweren Kredit bei der Deutschen Bank aufgenommen und als Sicherheit Teile seines Wirecard-Aktienpakets hinterlegt habe. Wie viele Aktien genau, das ging aus der Datenbank der Bafin zu Eigengeschäften von Führungskräften hervor, wie wiederum das „Handelsblatt“ berichtete: 4.166.667 Stück. Nun wissen wir natürlich nicht, ob es den Kredit noch gibt. Aber aus der Stückzahl und dem gestrigen nachbörslichen kollabierten Schlusskurs von Wirecard von 35,90 Euro lässt sich immerhin errechnen, wie viel denn die Sicherheit nach dem Kurskollaps noch Wert wäre, wenn der Kredit unverändert bestünde. Nämlich 4.166.667 mal 35,90 = 149,6 Millionen Euro.

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