Analyse

Woran Boekhout scheiterte – und welche Baustellen er hinterlässt

25. November 2020

Von Christian Kirchner

Wann hat die Commerzbank das Publikum eigentlich zum letzten Mal wirklich positiv überrascht? Vermutlich war das im Juli 2019, als sie die Ernennung des früheren ING-Diba-Chef Roland Boekhout zu ihrem neuen Firmenkundenchef verkündete.

Nun, 16 Monate später, geht das Kapitel Boekhout zu Ende, bevor es richtig begonnen hat. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge hat sich der Niederländern mit dem neuen Aufsichtsratschef Hans-Jörg Vetter überworfen. Boekhout also geht (hier übrigens kommen Sie zur Vita seines, sofern „Bloomberg“ richtig liegt, mutmaßlichen Nachfolgers Michael Kotzbauer), die Probleme im Firmenkundengeschäft aber bleiben. Eine Kurzanalyse:

Als Boekhout seinen Job zum 1. Januar antrat, übernahm er eine Sparte, deren Gewinne schmolzen wie ein Eisblock im Hochsommer:

  • 2016 betrug das operative Ergebnis noch 1,3 Mrd. Euro
  • 2017 dann noch 0,8 Mrd. Euro
  • 2018 dann noch 0,6 Mrd. Euro
  • und 2019 schließlich noch gut 0,3 Mrd. Euro

Nun war der Rückgang zwar auch der Tatsache geschuldet, dass lukrative Altportfolien von Jahr zu Jahr weniger Ertrag abwarfen. Daneben fielen 2019 aber drei Dinge auf:

  • Der sukzessive Gewinnrückgang hatte offenbar nichts mit einer sinkenden Risikoneigung zu tun. Im Gegenteil: Die Coba weitete ihre Kreditvolumen 2019 stark marktüberdurchschnittlich um 6 Mrd. auf 88 Mrd. Euro aus
  • Die Commerzbank musste 2019 gleich zweimal – nämlich im Q2 wie im Q4 – zuvor von Analysten nicht in der Höhe erwartete Kreditausfälle einräumen, wobei im vierten Quartal von „Einzelfällen vor allem im internationalen Firmenkundengeschäft“ die Rede war

… wohlgemerkt: Das war alles noch vor Corona. Bevor im ersten Quartal 2020 (Boekhout war mittlerweile im Amt) sogar ein Verlust von 114 Mio. Euro anfiel. Und bevor später im Jahr dann auch noch der bis zu 200 Mio. Euro schwere Wirecard-Ausfall hinzukam. Der mit Corona ja eher nichts zu tun hatte. Sondern mit offenkundig schlechtem Risikomanagement.

Der Commerzbank läuft die Zeit davon. Merkt sie das???

Jedenfalls: Der voraussichtliche Jahresverlust der Firmenkundensparte wird inzwischen auf rund 160 Mio. geschätzt, auch 2021 soll laut Analysten nur eine schwarze Null herauskommen. Was alles noch nicht wirklich Boekhout anzulasten ist (bzw.: war). Wobei: Tatsache ist auch, dass elf Monate nach Amtsantritt noch keine wirkliche Boekhout-Handschrift zu erkennen ist (bzw.: war). Das „Viel Kredit führt hoffentlich zu viel Gewinn“-Prinzip der Vorjahr ist offenbar an seine Grenzen gestoßen. Die Frage lautet: Was tritt an dessen Stelle?

Glaubt man, was die „Wirtschaftswoche“, die „Süddeutsche Zeitung“ oder die „Börsen-Zeitung“ zum Abgang Boekhouts schreiben, dann geht der Niederländer nicht als Reaktion auf die Berufung Manfred Knofs zum Vorstandschef. Sondern: weil er mit seinen Ideen für die Neuaufstellung der Firmenkundensparte beim Aufsichtsrat (bzw.: dessen Chef) nicht durchgedrungen sei.

  • In der „SZ“ heißt es heute Früh: „Während Boekhout offenbar den internationalen Zuschnitt erhalten wollte, soll Vetter auf eine Verkleinerung dringen. Zur Debatte stehen die Standorte Brasilien, London, New York oder auch Hongkong.“
  • Die „Wiwo“, die gestern als erste über Boekhots Demission berichtete, schreibt: „Dem Abgang des Niederländers sind heftige Debatten über die Zukunft des Firmenkundengeschäfts vorausgegangen […] Im Kern ging es darum, wie groß die Sparte noch sein soll.“
  • Und die „BÖZ“ berichtet, beim Streit zwischen Boekhout und Vetter sei es im Kern „um die Frage gegangen, wie man die rund 5.000 Beschäftigte zählende Sparte so zurechtstutzt, dass die Commerzbank in ihrer einstigen Paradedisziplin wieder mehr verdient. Boekhouts Vorschlag, etwa die Hälfte der Stellen zu streichen und einen Großteil der Kunden nur noch digital oder per Telefon zu betreuen, habe nicht überzeugt.“

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