Analyse

Zehn Banken im Check: Stoppen Negativzinsen die Einlagenflut?

17. Februar 2020

Von Christian Kirchner

Erinnern Sie noch an die Skatbank? Als das in Thüringen beheimatete Online-Institut im Herbst 2014 einen Negativzins auf hohe Sparguthaben erhob, tat der Rest der Branche die Maßnahme zunächst als Sonderweg einer schrulligen Spinner-Bank ab. Ein Einzelfall, hieß es beim BVR.  Der Wettbewerb in Deutschland sei so intensiv, dass er „diese sogenannten Strafzinsen eigentlich nicht zulässt“, gab der DSGV zu Protokoll. Und der damalige HVB-Chef Weimer ließ sich zitieren: „Egal, wer zu uns kommt, er wird dafür nicht bestraft.“

Heute, gut fünf Jahre später, ist klar: Aus dem damaligen Sonderfall ist längt der Regelfall geworden. Landauf, landab versuchen mehr und mehr Banken, durch die Einführung von Negativzinsen bzw. „Verwahrentgelte“ die Einlagenflut zu stoppen. Bleibt zu fragen: Gelingt das auch, oder verpuffen die Abwehrmaßnahmen? Gibt es Alternativen, die möglicherweise besser funktionieren? Und welche Folgen haben solche Schritte für das übrige Geschäft? Finanz-Szene.de hat zehn Fälle untersucht, von der Comdirect über die Deutsche Bank bis hin zur Volksbank Niederschlesien (in alphabetischer Reihung):

Comdirect

  • Hat was gemacht? Gleich ein Bündel von Maßnahmen: Negativzinsen für Einlagen über 250.000 Euro, keine Tages- und Festgelder mehr für Neukunden ohne Girokonto.
  • Wann? November 2019 (Streichung Tagesgeld/Festgeld), Dezember 2019 (Negativzinsen)
  • Hat was gebracht? Nach Jahren mit kontinuierlichen monatlichen Einlagenzuflüssen von im Schnitt gut 300 Mio. Euro, kehrte sich der Trend im Dezember 2019 um. Die Comdirect verzeichnete plötzlich einen Abfluss von 90 Mio. Euro. Dieser hat sich im Januar auf eine Viertelmilliarde Einlagenabflüsse beschleunigt.
  • Und sonst? Muss man mit (Schein-)Korrelationen zwar aufpassen – aber dass der Januar 2020 zum Rekordmonat bei den Transaktionen (siehe hier) wurde, das ist dann doch erstaunlich. Die „Kundenabwehr-Maßnahmen“ scheinen dem Handel zumindest nicht geschadet haben.

Deutsche Bank

  • Hat was gemacht? Eine Doppelstrategie gefahren: Noch im Frühjahr letzten Jahres lockte sie mit dem „Zugreifzins“ von 0,75%. Seit Herbst 2019 allerdings verlangt auch die Deutsche Bank bei sehr hohen Guthaben von Privat- und Geschäftskunden einen Negativzins (wenn auch nicht per se, sondern auf Einzelfallbasis.
  • Wann? S.o.
  • Hat was gebracht? Die Kundeneinlagen liegen seit einer Weile flach in der Bilanz: 582 Mrd. Euro (2017), 564 Mrd. Euro (2018), 572 Mrd. Euro (2019). Wichtig: Die Deutsche Bank versucht seit geraumer Zeit, den Einlagen-Anteil an ihrem Funding zu erhöhen (siehe unsere Analyse hier) – sie ist also nicht zwingend darauf aus, die Einlagen zu reduzieren.
  • Und sonst? Geht die Bank mit dem Thema erstaunlich offen um: „Der Roll-Out der Verwahrgebühren beginnt, den Einfluss negativer Zinsen abzumildern“, heißt es freimütig in der Präsentation der Jahreszahlen vor Analysten vergangene Woche.

Deutsche Skatbank (VR-Bank Altenburger Land)

  • Hat was gemacht? Minus 0,5% auf alle Einlagen oberhalb von 100.000 Euro erhoben
  • Wann? Ende 2014. Erweiterung dann im Oktober 2016
  • Hat was gebracht? Die Spareinlagen der Skatbank-Mutter „VR-Bank Altenburger Land“ sind zwischen 2015 und 2018 von 121,2 Mio. Euro auf 119,4 Mio. Euro gesunken. Allerdings kletterten die anderen Einlagen im gleichen Zeitraum von 384 auf 438 Mio. Euro. Insofern: Ein gemischtes Bild.

Flatex

  • Hat was gemacht? Führte -0,4% (inzwischen: -0,5%) Negativzinsen ab dem ersten Euro auf das Cash-/Verrechnungskonto ein.
  • Wann? März 2017.
  • Hat was gebracht? Eine Menge. Ende 2016 – also kurz vor Einführung – lagen die Kundeneinlagen bei 1.336 Mio. Euro. Am Ende des ersten Jahres mit Negativzinsen (2017) dann nur noch bei 884 Mio. Euro. Die Kunden zogen also gut 450 Mio. Euro ab. Inzwischen liegen die Einlagen zwar wieder bei 995 Mio. Euro laut letztem Stand. Aber die verteilen sich auch auf mehr Kunden als noch 2016 (290.000 vs. 212.000).
  • Und sonst? Sinkende Einlagen, auf den Rest kann man 0,5% Negativzinsen erheben – und die Einführung der Negativzinsen brachte Flatex-CEO Niehage 2017 auch noch einen BILD-Artikel mit der Überschrift „Deutschlands ehrlichster Banker“ ein. Ein voller Erfolg also, die Aktion.

GLS Bank

  • Hat was gemacht? Den „GLS-Beitrag“ von 60 Euro pro Jahr mit dem Verweis auf die Null- und Negativzinsen eingeführt.
  • Wann? Jahreswende 2016/2017.
  • Hat was gebracht? Viel! „Die sonstigen betrieblichen Erträge“ (in die die Gebühr eingerechnet wird) stiegen 2017 von 2,2 Mio. Euro  auf 9,8 Mio. Euro. Offenbar ein Effekt, der bis heute anhält. Im Geschäftsbericht 2018 heißt es: „Der seit 2017 erhobene GLS Beitrag wird auch für das Jahr 2019 einen signifikanten Ergebnisanteil ausmachen“.
  • Und sonst? Eine kleine Hochrechnung: Die Einlagen der GLS-Bank kletterten zwischen 2015 und 2019 um 1.943 Mio. Euro. Die Erträge aus der Einführung des „GLS-Beitrags“ (bei schätzungsweise 240.000 betroffenen Kunden sind das 14,4 Mio. Euro) würde also selbst dann jeglichen Negativzins ausgleichen, wenn man theoretisch unterstellte, die Ökobank müsste sämtliche hinzugewonnenen Einlagen zum Negativzins an die EZB weiterreichen (was sie natürlich nicht muss). Dafür müsste die GLS nämlich wären gerade mal 9,7 Mio. Euro Zinsen berappen.

Haspa

  • Hat was gemacht? Über die letzten Jahre Stück für Stück Negativzinsen für Groß-, Firmen- und Privatkunden eingeführt und dabei die zunächst großzügigen Freibeträge sukzessive gesenkt
  • Wann? Seit Februar 2017
  • Hat was gebracht? Der Zuwachs an Kundengeldern lag zwischen 2013 und 2016 stets bei 1,4 bis 1,8 Mrd. Euro pro Jahr – netto. Von da an bis Ende 2018 kletterte das Einlagenvolumen aber nur noch um 0,6 Mrd. Euro (und ging 2017 sogar leicht zurück). Besonders erfolgreich war die Haspa bei der Limitierung täglich fälliger Einlagen. Die haben sich per Ende 2018 vs. Ende 2016 quasi kaum noch verändert (jeweils 19,0 Mrd. Euro)
  • Und sonst? Der Niedrigzins (Hamburger Morgenpost: „Mäusekonto-Schock!“) hat auch die Kinderkonten erwischt. Hier gibt’s nur noch 2% statt wie zuvor 3% für maximal 500 Euro.

ING Deutschland

  • Hat was gemacht? Den Einlagenzins über die vergangenen Jahre zwar sukzessive gesenkt – aber nicht bis ins Negative hinein.
  • Wann?
  • Hat was gebracht? Auch ohne Negativzinsen steigen die Kundeneinlagen kaum noch. 139,5 Mrd. Euro waren es per Ende 2019, das ist nur ein Mini-Plus gegenüber dem Vorjahr (138,2 Mrd. Euro) trotz erneut gestiegener Kundenzahl (Netto: +215.000). Etwa seit Mitte 2018 ist der in der Vergangenheit übliche Einlagenzufluss von 3 Mrd. bis 5 Mrd. Euro netto pro Jahr faktisch gestoppt.
  • Und sonst? Stellen wir uns die Frage, ob das nachgerade perfekt gemanagte Einlagevolumen womöglich etwas mit der sogenannten „Aussteuerung“ unerwünschter Kunden zu tun hat („aussteuern“, schreiben wir, wenn wir uns „rausdrängen“ nicht zu schreiben trauen). Denn unerwünschte Kunden können ja zum Beispiel die sein, die hohe Einlagen deponieren – aber der Bank anderweitig keine Umsätze bescheren. Auffällig ist: Allein 2019 verlor ING Diba brutto 344.000 Kunden. Die Bank spricht von einer „Bereinigung um inaktive Konten und ausgelaufene Finanzierungen“.

Sparda Berlin

  • Hat was gemacht? Negativzinsen von 0,4% (jetzt: 0,5%) auf Tagesgeld ab 100.000 Euro eingeführt
  • Wann? September 2017
  • Hat was gebracht? Kurzfristig einiges. Noch 2016 stiegen alle Einlagen zusammen um rund 260 Mio. Euro. Ein Jahr später (also die Jahr, in dem die negativen Zinsen eingeführt wurden) verlangsamte sich das Wachstum bei den Spareinlagen auf nur noch 24 Mio. Euro – aus den anderen Einlagen flossen sogar 56 Mio. Euro ab. 2018 blieben die Spareinlagen dann nahezu konstant, die sonstigen Einlagen stiegen indes wieder um 6,4% bzw. knapp 280 Mio. Euro. Von Dauer war der Effekt also nicht.
  • Und sonst? Will die Sparda Berlin mit der Sparda Hannover fusionieren –  aus ganz freien Stücken???

Volksbank Stendal 

  • Hat was gemacht? Sie verlangt minus 0,5% Einlagezinsen auf Tagesgeld und Girokonteneinlagen oberhalb von 100.000 Euro.
  • Wann? Seit Oktober 2016 (wobei es zunächst nur minus 0,4% waren)
  • Hat was gebracht? Siehe Sparda Berlin: Zum Jahresende 2016 sanken zunächst die täglich fälligen Einlagen deutlich um rund 10% auf 91 Mio. Euro. Von diesem Niveau aber kletterten sie bis Ende 2018 wieder auf 107 Mio. Euro. Die Spareinlagen sind seit Ende 2015 von 34 Mio. Euro auf 48 Mio. Euro per Ende 2018 gestiegen.
  • Und sonst? Ist die Bank trotzdem optimistisch, die Einlagen steuern zu können: „Im Passivgeschäft gehen wir von konstantem Volumen aus. Unsere Strategie ist dahingehend ausgerichtet, Einlagenzuwächse nicht offensiv anzustreben und das Vermittlungsgeschäft auf hohem Niveau zu stabilisieren.“

Volksbank Niederschlesien

  • Hat was gemacht?  Ein individuelles „Verwahrentgelt“ zwischen 5 und 50 Euro je wohlhabendem Kunden eingeführt.
  • Wann? Oktober 2016 (angekündigt, Umsetzung unbekannt)
  • Hat was gebracht? Viel. 2016 noch kletterten die Spareinlagen der Volksbank Niederschlesien um 28% auf 110 Mio. Euro. 2017 dann um 19% auf 131 Mio. Euro. 2018 aber gingen sie dann zurück um 2%.
  • Und sonst? Wenn es Banken und Sparkassen gibt, bei denen man die Einführung von Verwahrgebühren, Negativzinsen und Sonderbeiträge verstehen kann, dann sind es die ostdeutschen Institute. Denn typischerweise haben sie schlicht nicht genug Kreditgeschäft für ihre Einlagen. Beispiel Volksbank Niederschlesien: Hier pendelt der Anteil der Kundenkredite an der Bilanzsumme bei lediglich 42%.

Kleine Zusammenfassung der unsystematischen Stichprobe: Bei wenigstens fünf Banken ist ein direkter Zusammenhang zwischen Maßnahmen und Einlagenentwicklung zu beobachten, mal temporär, mal sogar dauerhaft (Comdirect, Flatex, Sparda Berlin, Volksbank Stendal, Volksbank Niederschlesien). Bei zwei weiteren liegt er zumindest kurzfristig nahe.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing