Analyse

Zehn (fast) unglaubliche Sätze aus dem Targobank-Abschluss

19. Januar 2021

Von Christian Kirchner

Januar ist der Monat des Neuanfangs, auch bei der Targobank in Düsseldorf. Dort hat Isabelle Chevelard den Vorstandsvorsitz übernommen, die Französin folgt auf ihren Landsmann Pascal Laugel, der das für seine Ratenkredite bekannte Institut seit 2016 geführt hatte und innerhalb des Mutterkonzerns Crédit Mutuel eine neue Aufgabe übernimmt.

Dessen CEO hat der neuen Chefin mit auf den Weg gegeben, sie möge doch bitte „dafür Sorge tragen, unsere Position in diesem Land zu stärken“. Aber keinen Druck, ist klar! Chevelard war zuletzt Personaldirektorin bei Crédit Mutuel und bis 2017 für die „PNB-Paribas-Gruppe“ tätig, wie es in ihrem Profil heißt, wobei wir über den Tippfehler großzügig hinweg schauen wollen – Steine, Glashaus, Sie wissen schon.

Nun sind wir ja Journalisten, wir halten uns seltener mit den großen Hoffnungen für die Zukunft auf, lieber nehmen wir uns die kleinen Zahlen der Vergangenheit vor. Und just diese Woche hat die Targobank AG ihren testierten Geschäftsbericht für 2019 im Bundesanzeiger veröffentlicht (der dann doch sehr, sehr viel aussagekräftiger ist als der schon vor Monaten veröffentlichte dünne „Jahresbericht“ auf der Website).

Hier frei Haus zehn (fast) unglaubliche Sätze aus dem Zahlenwerk:

1.) „Die Filialen und der persönliche Kundenkontakt sind […] unverändert der bedeutendste Vertriebsweg der Targobank“

Nun gut, könnte man sagen, ist das nicht bei den meisten Hybridbanken mit Filial- und Online-Angebot so – dass in den Filialen immer noch mehr Geschäft gemacht wird als digital? Schon, doch in Zeiten, in denen andere Institute wegen Corona oder CIR dauerkonferieren, wie viele Filialen sie schließen sollen, ist so ein offensives Bekenntnis zum Filialgeschäft doch eher selten.

2.) „Zum Stichtag […] verfügt die Bank über insgesamt 305 Zweigstellen (31.12.2018: 303 Zweigstellen).“

Ähm, Moment: Sind da 2019 etwa nicht nur keine Filialen geschlossen worden, sondern welche dazugekommen?? Ja, tatsächlich. Nur zwei, aber immerhin. Und neugierig, wir wir sind, haben wir auch mal einen Blick in einen Geschäftsbericht der Targobank aus dem Jahr 2007 geworfen, dem letzten Jahr vor der Übernahme der damaligen Citibank durch die französische Crédit Mutuel. Die Zahl der Zweigstellen damals: 288. Nun geht es mit dieser Zahl schon seit Jahren hin und her, doktert die Targobank offenbar an ihrem Netz laufend herum. Aber dennoch: In einem guten Jahrzehnt mit Übernahme, Finanzkrise, Null- und Negativzinsen sind unterm Strich 17 Filialen hinzu gekommen (ein Plus von 6%)!

3.)  „Das Ergebnis nach Steuern beträgt […] EUR 524 Mio. und übertrifft damit die Erwartung aus dem Vorjahr.“

Bevor Sie protestieren: Doch, dass eine Bank auch mal Erwartungen übertrifft, ist in der jüngeren Vergangenheit eher ungewöhnlich, und „unglaublich“ wird der Satz dadurch, dass die 524 Mio. Euro Gewinn nach Steuern nicht nur ein Rekord sind, sondern gegenüber 2018 auch einem Plus von 31% entsprechen. Im Prognosebericht des Vorjahres ging die Bank noch „von einem leichten Anstieg des Nettobankergebnisses aus“. Es gibt sie offenbar noch, die Tiefstapler unter den Banken.

4.) „Die Aufwands-Ertrags-Quote […] beträgt 53,0% (2018: 57,9%).“

Kann man schon mal machen: Die CIR (Cost-Income-Ratio) mal eben um fünf Prozentpunkte drücken. Und das als Filialbank. Zur Einordnung: Bundesweit liegen Banken im Schnitt bei 79%, die in Sachen Omnichannel am ehesten mit der Targobank vergleichbar HVB kam unter der Knute unter den strengen Augen der Mutter Unicredit auf 69%, die DKB zuletzt auf 67%. Mit ihren 53% liegt die Targobank annähernd auf dem Niveau der ING Deutschland (2019: 48%) – aber die unterhält bekanntlich keine einzige Filiale.

5.) „Für 2019 beliefen sich die Zinsaufwendungen mit EUR 41 Mio. auf Vorjahresniveau.“

Halt, Vorbemerkung: Wie sich die Zinsaufwendungen genau aufteilen, verrät die Targobank nicht. Da bei ihr aber außer den Einlagen der Kunden kaum etwas eine Rolle spielt, nehmen wir die 41 Mio. Euro als Richtgröße für die Zinsen, die sie ihren Kunden zahlt.  So betrachtet, zahlt die Bank nur 0,2%* Zinsen auf die ihr zur Verfügung gestellten Einlagen von knapp 20 Mrd. Euro! Diese sind, by the way, im Vergleich zum Vorjahr um 11% gestiegen. Aktuell gehören dazu 2,1 Mrd. Euro Spareinlagen und 14,7 Mrd. Euro täglich fällige Einlagen, der Rest sind „sonstige“. Was so reinkommt bei 3,9 Millionen Kunden.

Nun könnten Sie fragen: Werden nicht alle Banken mit unverzinsten Einlagen überschüttet? Ja – im Neugeschäft. Die meisten Banken schleppen aber in der Regel auch noch dick(er) verzinste Sparverträge, Banksparpläne, Schuldverschreibungen und sonstige Zinsprodukte aus der Vergangenheit mit sich herum, die sich erst über die Jahre ausschleichen. Daher betrugen die Zinsaufwendungen aller deutschen Banken zusammen 2019 immer noch 80 Mrd. Euro. Da stehen die Düsseldorfer schon nachgerade sensationell gut da und selbst besser als „Einlagenkönigin“ ING (die 2019, zum Vergleich, 2,1 Mrd. Euro Zinsaufwendungen hatte).

6.) „Die Kapitalrendite […] – definiert als Quotient aus Ergebnis nach Steuern und Bilanzsumme – beläuft sich […] auf 2,24% (31.12.2018: 1,90%).“

Ziehen wir auch hierzu alle deutschen Banken als Referenz heran, betrug diese Kapitalrendite 2019 – bedingt durch das Ausnahmejahr der Deutschen Bank – minus 0,02%. Man kann aber auch das beste der vergangenen fünf Jahre nehmen, 2016, mit 0,24% – selbst dann hat die Targobank immer noch eine neun mal höhere Kapitalrendite als alle anderen im Durchschnitt. Und für alle, die Renditen lieber am Eigenkapital messen: Jener Wert steht nicht im Jahresabschluss, beträgt aber gemessen an Überschuss und Eigenkapital von rund 2,2 Mrd. Euro: 23%. Wie das? Nun, vor zehn Jahren betrugen die Zinsaufwendungen noch mehr als 100 Mio. Euro pro Jahr, bei Zinserträgen von etwa einer Milliarde. Seitdem haben sich die Zinsaufwendungen mehr als halbiert (siehe 5.), während die Zinserträge durch den Ausbau insbesondere der Konsumentenfinanzierung um ein knappes Drittel auf gut 1,3 Mrd. Euro gestiegen sind. Wer sagt, dass das Zinsergebnis laufend schrumpfen muss?

7.) „Personalaufwand: 277.863 TEU“

Gut, das ist kein Satz, sondern eine Zahl. Aber offenbar hat die Targobank ihr Gewinnplus von 31% erwirtschaftet, obwohl bzw. auch weil sie die Personalkosten gegenüber 2018 um 8% gedrückt hat. Letzteres liegt sicher auch daran, dass die Zahl der Mitarbeiter bei der Targobank AG von 4189 auf 3904 (auf Gruppenebene sind es etwas mehr) sank, aber wohl nicht allein, denn das ist nur ein Rückgang um knapp 7%.

8.) „Im Bereich der Ratenkredite wurde ein Anstieg von 11,5% verzeichnet, die sich auf EUR 14.810 Mio. erhöhten.“

In dem für die Bank extrem profitablen Ratenkreditgeschäft gab es somit ein Wachstum, das fünfmal so stark ausfiel wie das des Gesamtmarkts! Laut Bundesbank wuchs das Neugeschäft mit Konsumentenkrediten 2019 um 4,9%, die Bestandsvolumina stiegen sogar nur um knapp 2%. Auch das erklärt die starken Zahlen (zumindest zum Teil), allerdings ist es riskant, das Ratenkreditgeschäft kurz vor der Corona-Krise nochmals so ausgeweitet zu haben. Zu einer kleinen Analyse gehört daher auch dieser Satz: „Im Zusammenhang mit der 2019 erfolgten deutlichen Ausweitung des Kreditportfolios und den Auswirkungen der so genannten Corona-Krise steigen ebenfalls die Kosten der Risikovorsorge deutlich.“

9.) „Da für 2020 mit einem weiteren Zufluss an Geldern im Einlagengeschäft und höheren Zinsen gerechnet wird, ist von einem steigenden Zinsaufwand im Passivgeschäft für 2020 auszugehen.“

Eine Bank, die mit höheren Zinsen rechnet? Ach, diese Düsseldorfer…

10.) „Zur Verbreiterung des Angebots im Firmenkundengeschäft ist die Targobank offen für weitere Kooperationen innerhalb der Crédit Mutuel Alliance Fédérale, aber auch für Fusionen oder Akquisitionen.“

Endlich ist da mal Schluss mit dem Geschwurbel! Wo gibt es das denn noch, dass eine Bank glasklar in einen Geschäftsbericht schreibt: Wir sind offen für Fusionen und Akquisitionen? We love it.

* In einer ersten Version des Artikels war fälschlicherweise von 0,002% die Rede

Vorstandschef Pascal Laugel verlässt die Targobank

Die irrsinnigen Eigenkapitalrenditen der Targobank

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