News

Zinswende erreicht Sparer: ING Diba streicht Verwahrentgelte

Die ING Deutschland streicht in einem spektakulären Schritt kurzfristig die Verwahrentgelte für den allergrößten Teil ihrer Kunden. Zum 1. Juli steigen die Freibeträge für Guthaben auf Giro- und  Tagesgeldkonten (letztere heißen bei der ING Diba “Extra-Konten”) von derzeit 50.000 auf 500.000 Euro pro Konto, teilte die Bank am Dienstagfrüh mit. Da die größte deutsche Direktbank zugleich ankündigte, wieder neue Tagesgeldkonten auch für Neukunden zu eröffnen, kommt die Regelung der faktischen Abschaffung der Verwahrentgelte gleich. Denn: Ab Juli lassen sich damit wieder problemlos 1 Mio. Euro strafzinsfrei bei der deutschen ING anlegen.

Der Schritt dürfte Signalwirkung für die gesamte Bankenbranche haben, da die ING Deutschland mit 9,1 Millionen Kunden die kundenstärkste hiesige Onlinebank und mit zuletzt 129 Mrd. an Kundeneinlagen auch traditionell einlagenstark ist. Der Schritt erschwert anderen Banken, die Kunden zur Zustimmung von Verwahrentgelten zu bewegen oder diese gar auszuweiten. Zugleich steigt der Druck auf den Wettbewerb, der ING Diba zu folgen, zumal Ende April bereits die OLB die faktische Abschaffung der Verwahrentgelte verkündete.

Offiziell spricht die Oranje-Bank in ihrer Mitteilung davon, “die positive Zinsentwicklung an den Kapitalmärkten und die zuversichtliche Markterwartung frühzeitig” weiterzugeben. Das heißt: Die ING Diba ist offenbar wieder optimistisch, mit ihren Einlagen weitgehend risikofrei andere Zinserträge erwirtschaften zu können – also ihrerseits Minuszinsen umgehen zu können. Ein klares Indiz, dass diese Zuversicht berechtigt sein könnte: Seit Mitte Dezember ist  die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen um 1,5 Prozentpunkte von damals minus 0,4% auf nunmehr wieder plus 1,1% gestiegen.

Dass auch die kurzfristigen Zinsen als Folge der angekündigten EZB-Zinsschritte 2023 wieder in den positiven Bereich drehen, gilt inzwischen am Terminmarkt als wahrscheinlich. Dann werden (zinslose) Einlagen für die hiesigen Banken wieder zum Geschäftsmodell, indem man sie schlicht höher verzinst anderweitig anlegt und die Differenz als Zinsüberschuss verbucht. Der Schritt der ING Diba könnte auch das Startsignal für eine 180-Grad-Wende im Privatkundengeschäft sein: Anstatt Einlagen loswerden zu wollen, setzt möglicherweise bald schon wieder ein Rennen um Einlagen ein.

Ein Blick auf die Entwicklung der Einlagen und Kredite der deutschen ING über die vergangenen zwei Jahre zeigt zudem, dass die Direktbank mit einer Kette an Verschärfungen ihrer Verwahrentgelt-Politik gelungen ist, ihren Einlagenüberhang beinahe auf null zu senken: Binnen gerade einmal eines Jahres sank die Höhe der Einlagen (unterstützt auch vom Rückzug aus dem Österreich-Geschäft, wo es kaum Kredit-, aber viel Einlagengeschäft gab) um rund 19 Mrd. auf 129 Mrd. Euro. Dem standen ausweislich der jüngsten Quartalszahlen der niederländischen Mutter 127 Mrd. Euro an Krediten gegenüber. Will die ING ihr Kreditgeschäft vollständig über Einlagen refinanzieren, müsste der zuvor angestrebte Einlagenschwund nun auch stoppen.

 

Die ING Deutschland hatte erst sehr spät Verwahrentgelte eingeführt und dann die Regelungen in sehr kurzen Abständen immer weiter verschärft: Im Dezember 2019 strich die Bank die Zinsen auf das populäre "Extra-Konto", ab Herbst 2020 bot sie Zinsen nur noch für Bestandskunden an (siehe hier); dem folgte Ende 2020 die Ankündigung von Verwahrentgelten von 0,5% ab 100.000 Euro für Neukunden (siehe hier). Im Juni 2021 wiederum kündigte die ING Diba ein Absenken des Freibetrag auf 50.000 Euro je Konto und die Ausweitung auch auf Bestandskunden an (siehe hier).

 

To top