Exklusiv

Zwischen LBO und Spezialfonds: Das Ertragswunder der Apobank

15. April 2021

Von Heinz-Roger Dohms

Dass die Bilanz-PK der Apobank eine veritable Horrorzahl offenbaren würde – so viel war schon vorher klar gewesen. Schließlich hatte das Düsseldorfer Spezialinstitut im vergangenen Jahr seine große Kernbank-Migration kolossal verpatzt. Ein Fiasko, das die Kosten für das ohnehin sündteure Projekt endgültig ins Absurde steigen ließen.

Die Folge, so teilte die Apotheker- und Ärztebank gestern mit: Die Sachaufwendungen (welche die Kosten für das IT-Projekt beinhalten) sind 2020 nochmals signifikant auf 474 Mio. Euro gestiegen. Eine Zahl, die man noch vor wenigen Jahren für unvorstellbar gehalten hätte. Denn, zur Erinnerung: Bevor sich die Migrationskosten 2016 erstmals in der Bilanz niederschlugen, lag der Sachaufwand in den meisten Jahren irgendwo um die 230 Mio. Euro …

Doch wie gesagt, diese horrende Zahl hatte man erwarten dürfen (siehe auch unser Stück „Verpatzte IT-Migration wird Apobank-Ergebnis schwer belasten“ aus dem vergangenen August). Die News – um nicht zu sagen: die Sensation – des gestrigen Tages war eine andere Zahl. Denn: Trotz der Belastungen durch das Kernbank-Debakel hat es die Apobank geschafft, das zurückliegende Geschäftsjahr mit einem Vorsteuergewinn von 111,2 Mio. Euro abzuschließen. Zum Vorjahr gerade mal ein Minus von 5%. Der Grund? Nun, zum einen ist es der Klientelbank gelungen, ihr Provisionsergebnis um 5,1% nach oben zu schrauben. Beachtlich. Aber nichts, was andere Banken nicht auch geschafft hätten. Viel verblüffender: Darüber hinaus hat die Apobank auch ihren Zinsüberschuss regelrecht in die Höhe getrieben. Und zwar um auf den ersten Blick unerklärliche 8,7% auf 750 Mio. Euro …

… beziehungsweise, wenn man die Entwicklung seit 2017 ins Auge nimmt …

Zinsüberschuss der Apobank
2017 606 Mio. Euro
2018 632 Mio. Euro
2019 691 Mio. Euro
2020 750 Mio. Euro

… dann binnen drei Jahren sogar fast 150 Mio. Euro um fast 25%. Und das in einem Umfeld, in dem die Zinsergebnisse bei vielen anderen deutschen Banken und Sparkassen regelrecht erodieren (allein im Q4 2021 bei den 21 wichtigsten Geldinstituten hierzulande um historische 9%, siehe hier). Ein Husarenstück!!!

Äh, wie geht das, liebe Apobank?

Einzige bei der gestrigen Bilanz-PK freiheraus gelieferte Erklärung, allen Ernstes: Man habe „auch von geringen Zinsaufwendungen profitiert“.

Das klang fast so, als würde Bill Gates, befragt nach den Quellen seines Reichtums, sagen: „Ich habe auch ganz gut gespart über die Jahre.“

Also, was ist Sache, jetzt mal ernsthaft?

Vorweg: Da die Apobank zwar gestern ihre Bilanz-PK abhielt, ihre Bilanz aber ironischerweise noch bis nächste Woche unter Verschluss halten will, gibt es auf diese Frage noch keine definitiven Antworten. Ein paar vorläufige aber schon …

  • Ja, klar. Die Zinsaufwendungen der Apobank sinken. Das tun sie naturgemäß seit Jahren bei fast allen Banken. Interessanter Nebenaspekt hierbei: Dass die Aufwendungen in Düsseldorf ziemlich stark sinken (2019 zum Beispiel um gut 26 Mio. Euro), hat auch damit zu tun, dass die Bank in diesem Posten von „positiven Zinsen“ profitiert. De facto also: Erträge aus Negativzinsen. 2019 beliefen sich diese auf fast 20 Mio. Euro. Zitat aus dem 2019er-Abschluss: „Im Posten ‚Zinsaufwendungen‘ sind positive Zinsaufwendungen aus Geldaufnahmen bei der EZB, bei anderen Kreditinstituten und bestimmten Kundengruppen, aus dem Collateral Management sowie aus  verbrieften Verbindlichkeiten […] enthalten“ …
  • … wobei, das ist ja alles Business as usual
  • … oder zumindest war es das größenmäßig 2019 noch. Und 2020? Da sind wir unsicher. Beim EZB-TLTRO-Tender im Juni nämlich hat die Apobank mal eben mit 5 Mrd. Euro (!!!) zugegriffen, wie bei der Bilanz-PK auf Nachfrage mitgeteilt wurde (siehe auch unsere Verwunderung über die um 20% gestiegene Bilanzsumme Anfang dieser Woche). Apobank-Finanzchef Thomas Siekmann meinte zur Begründung, man habe in der Corona-Krise „auf der konservativen Seite“ stehen wollen. Hübsch formuliert.
  • Indes, eigentlich ging es uns ja um etwas anderes, nämlich um die Zinsertragsseite. Hier haben mehr oder weniger alle deutschen Banken seit Jahren mit signifikanten Rückgängen zu kämpfen, die Apobank aber offenkundig nicht. Sie schafft es wundersamerweise, die Zinserträge zu verteidigen bzw. sogar in bescheidenem Ausmaß zu steigern. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit …
  • … Also noch einmal, wie das? Also: Zum einen, so hieß es gestern auf Nachfrage, sind hier Ausschüttungen aus sogenannten Spezialfonds enthalten. Was es mit diesen Vehikeln genau auf sich hat, wissen wir ehrlich gesagt nicht. Aber: Dass die Apobank mit der Option liebäugelte, die Kosten aus dem Kernbanken-Umzug im Extremfall auf diese Weise gegenzufinanzieren, hatten wir ja schon vergangenes Jahr enthüllt (die entsprechende Formulierung in einem früheren Geschäftsbericht lautete: „Zudem ist zur Gegenfinanzierung der IT-Migration eine Ausschüttung aus unseren Spezialfonds möglich“). Riecht für uns stark nach dem Verkauf von Tafelsilber
  • Aber ist das alles? Oder ist da noch mehr?

… als wir dieser Frage gestern nachgingen, stolperten wir über zwei interessante Artikel der geschätzten Kollegen vom „Finance Magazin“.

  • Der eine hieß „Leveraged Finance: Der Graben zwischen Banken und Private Debt„. Tenor: Bei sogenannten „Leveraged Buyout (LBO)“-Deals (sprich: Finanzinvestoren kaufen Unternehmen und nehmen dafür kräftig Kredite auf …) sind die deutschen Banken – zumal vor dem Hintergrund von Corona – immer mehr auf dem Rückzug. So hätten bei einer Umfrage  80% der befragten LBO-Banker hierzulande gesagt, sie hätten im Jahr 2020 ihre Kreditkonditionen verschärft.
  • Und der andere Artikel? Hieß „Debt-Fonds bei LBOs weiter auf dem Vormarsch„. Der Tenor hier? Im Grunde ähnlich. Von fünf LBO-Finanzierungen im deutschen Mid-Market-Segment (d.h.: Kredite zwischen 20 Mio. und 500 Mio. Euro) werden inzwischen drei von speziellen Debt-Fonds gestemmt und nur noch zwei von Banken. Offenbar ist dieses Geschäft vielen Geldinstituten zu riskant geworden und die Konkurrenz zu groß. Wobei, eine Ausnahme scheint es zu gegeben. Denn im letzten Absatz des Artikels ist plötzlich von einem Institut die Rede, das das deutsche LBO-Geschäft im Jahr 2020 „bankenseitig dominiert“ habe – nämlich: die Apobank!

Tatsächlich geht aus dem Marktreport, der dem Artikel zugrundeliegt (und der von GCA Altium stammt), hervor: Bei den insgesamt 96 LBO-Deals im deutschen Mid-Market-Segment im Corona-Jahr 2020 war die Apotheker- und Ärztebank im satte 10-mal mit von der Partie und damit häufiger als jede andere Bank (und übrigens auch häufiger als jeder Debt-Fonds …).

Auf Platz zwei folgte mit der LBBW (9 Deals) ein Institut, das über ungleich mehr Eigenkapital und vermutlich auch über deutlich mehr Erfahrung in dem Geschäft verfügt. Und auf Platz drei mit der Oldenburgischen Landesbank (7 Deals) ein Institut, hinter dem sehr risikofreudige amerikanische Eigner stehen (siehe: „Radikalo-Banking: Was Apollo mit der OLB vorhat„). Derweil die Deutsche Bank? Nur 2 Deals. Oder die Commerzbank? Nur 3 Deals. Letzteres übrigens mag damit zu tun haben, dass der langjährige „Director Leveraged Finance“ der Commerzbank (er heißt Christoph Neef) Mitte 2018 wo angeheuert hat?

Genau: bei der Apobank. Schmissiger Jobtitel: „Head of Corporate & Leveraged Finance Department“.

Fairerweise:

  1. Geht man die Liste der zehn mit Apobank-Krediten aufgekauften Unternehmen durch, dann deuten die Namen („Careforce Sanvartis“, „Hansefit“, „Pharmalex“, „MIP Pharma“, „Sanecum“ usw.) darauf hin, dass es sich in aller Regel um Firmen aus dem Gesundheitssektor zu handeln scheint. Also aus einer Umgebung, in der sich das Institut auskennen sollte
  2. Wir haben nicht wirklich ein Gefühl dafür, wie riskant solche Deals für die kreditgebende Bank wirklich sind und welchen Anteil solche (und möglicherweise ähnliche) Geschäfte am Zinsergebnis haben (die Apobank sagte gestern auf Nachfrage, der Anteil sei „nicht wesentlich“)

Und doch drängt sich ein Gedanke unwillkürlich auf: Kann es sein, dass eine Bank, die wider alle Trends da draußen ihr Zinsergebnis brutal nach oben treibt, über einen nicht ganz kleinen Risikoappetit verfügt?

Jedenfalls: Das Kalkül, mittels Zinsgeschäft die horrenden Kosten aus dem Kernbank-Fiasko auszugleichen, scheint für den Moment aufzugehen (Apobank-Chef Sommer übrigens blieb gestern abermals vage, was die Gesamtkosten für das Projekt angeht und sprach erneut von einem „mittleren dreistelligen Millionenbetrag“).

Chronik eines „Projekts“: Wie die Apobank ins Chaos stürzte

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