Analyse

50% CI-Ratio! Wie will die Hypo-Vereinsbank das schaffen???

10. Dezember 2021

Von Christian Kirchner und Heinz-Roger Dohms

Als die Deutsche Bank vor zwei Jahren Ihre Ziele für 2022 präsentierte, da wurden ebendiese Ziele allenthalben als anspruchsvoll empfunden: 8% Eigenkapitalrendite! 70% Cost-Income-Ratio! Na, ob der gute Herr Sewing das wirklich schafft?

Tatsächlich ist es ja so, dass Deutschlands Banken es in Summe schon seit Jahren nicht mehr hinkriegen, das Aufwand-Ertrag-Verhältnis unter 70% zu drücken. Laut Bundesbank-Zahlen (HGB-basiert …) lag die branchenweite CIR vor drei Jahren bei gut 73%, vor zwei Jahren waren es 76%, im vergangenen Jahr schließlich 72%. Gefühlt gilt daher: Wer “die 70” unterbietet, darf zufrieden sein. Wer “die 60” erreicht, ist richtig, richtig gut. Und wer sogar “die 50” anpeilt, ist ein Exot (siehe hier und hier) oder hat (siehe die ING Diba) zumindest mal keine Filialen, die er im Winter beheizen muss …

Jedenfalls: Wenn man sich all das vor Augen führt – kann es dann sein, dass die zu Ende gehende Woche einen Paradigmenwechsel im deutschen Banking einläutet? Denn: Gestern hatten wir ja schon den Fall der OLB (mehr zu der übrigens weiter unten), die für 2023 allen Ernstes eine CI-Ratio von 45% anstrebt! Und gestern nun: Hat die HVB erklärt, dass sie bis 2024 bei 50% sein will! Nun mag man sagen: 1.) Ziele werden aufgestellt, um sie zu verfehlen. 2.) Auch die OLB ist ein Exot; sowie 3.) Die HVB brabbelt bloß das nach, was die Unicredit vorbrabbelt – und letztere wird wahlweise von französischen Fallschirmjägern (Mustier) oder Zürcher Investmentbankern (Orcel) kommandiert, arbeitet also unter Verhältnissen, die sich auf die hiesige Branchenkultur nur bedingt übertragen lassen …

Andererseits: Vielleicht meint die HVB das mit den 50% ja trotzdem ernst? Und vielleicht sind die 50% ja wirklich zu erreichen?! Unsere Analyse:

Was ist das übergeordnete Ziel der Unicredit?

Die Unicredit plant – wie bei der Präsentation ihrer neuen Strategie gestern verlautete –, bis 2024 gruppenweit auf eine Eigenkapitalrendite von 11% und eine Cost-Income-Ratio von unter 50% zu kommen. Flankierend dazu sollen 16 Mrd. Euro an die Aktionäre zurückgezahlt werden, ohne dass hierdurch die Kernkapitalquote unter eine Bandbreite von 13,5% bis 14% fällt.

Zur Einordnung: Seit der Finanzkrise hat die Eigenkapitalrendite der Unicredit nie über 8% gelegen, die Cost-Income-Ratio fiel es im besten aller Jahre auf 53%. Mithin: Die Ziele, die die italienische Großbank da formuliert, sind außerordentlich. Entsprechend geschockt (positiv geschockt …) reagierte gestern der Kapitalmarkt. Die Unicredit-Aktie schoss um 11% nach oben, seit Jahresbeginn beträgt das Plus nun schon abenteuerliche 67%.


Was heißt das für die Hypo-Vereinsbank?

Für die Hypo-Vereinsbank gelten die Ziele der Mutter nahezu 1:1. Sie soll bis 2024 auf mindestens 10% Eigenkapitalrendite und dem Vernehmen nach ebenfalls auf eine Cost-Income-Ratio von unter 50% kommen. Dafür bräuchte es einen Nettogewinn von 1 Mrd. Euro, merklich mehr, als in den vergangenen Jahren herausgekommen ist (auch wenn sich die Zahlen nicht eins zu eins vergleichen lassen, weil sich die Zuschnitte ein wenig ändern).

Sowohl bei den Erträgen als auch bei den Kosten verlangt Mailand von der Münchner Tochter einen einen Quantensprung. Die einen sollen nämlich um 2% pro Jahr steigen, die anderen um 4% pro Jahr sinken. Und das, nachdem die HVB in den zurückliegenden Jahren schon zwei große Transformations-Programme (mit dem vollen Paket aus Jobabbau und sonstigem Cost-Cutting) hinter sich hat.


Wie sind die Ziele im Kontext der letzten Jahre zu bewerten?

Wie gesagt, ein Zahlenvergleich ist schwierig. Denn:

  1. Bislang wurden die beiden deutschen Einheiten (also zum einen das Privat- und Firmenkunden-Geschäft und zum andere das Investmentbanking) wurden bilanziell bislang getrennt ausgewiesen – neuerdings fasst man sie zusammen. Und …
  2. Wirklich detaillierte Zahlen gab es auch bislang nur für das Privat- und Firmenkunden-Geschäft, intern “Commercial Banking” genannt

Was sich auf diese Basis allerdings immerhin sagen lässt: Im Privat- und Firmenkunden-Geschäft hat die HVB bislang selbst in guten Jahren eine Cost-Income-Ratio von allenfalls 70% erreicht. Von Ertragssteigerungen war dabei nichts zu sehen; stattdessen mussten es die Kosten richten, wie sich im Vergleich der Geschäftsjahr 2015 und 2020 zeigt …

in Mio. Euro 2015 2020 absolut relativ
Erträge gesamt 2.652 2.354 -298 -11%
Personalkosten 1.145 958 -187 -16%
Sachkosten 825 686 -139 -17%
Kosten gesamt 1.997 1.651 -346 -17%
operativer Gewinn 655 703 48 7%
Gewinn vor Steuern 409 256 -153 -37%
Nettogewinn 413 167 -246 -60%
Mitarbeiter 11.542 9.002 -2540 -22%
Filialen 514 313 -201 -39%
Cost-Income-Ratio 75% 70% -0,05 -7%
RWA (Mrd. Euro) 31,5 35,5 4 13%
Einlagen (Mrd. Euro) 103,9 103 -0,9 -1
Kredite (in Mrd. Euro) 80,4 87,2 7 8

… Dazu muss man wissen: Es gibt innerhalb der Hypo-Vereinsbank zwar Geschäftsbereiche (Private Banking, Trade Finance etc. …), die schon heute hochprofitabel arbeiten. Insbesondere das Retailgeschäft ist von einer Eigenkapitalrendite von 10% allerdings deutlich entfernt. Entsprechend ist es vor allem das Deutschland-Geschäft, dem die Unicredit weitere harte Einschnitte abverlangt. Konkret soll die ohnehin schon kostentechnisch schlanke HVB die Kosten in den kommenden drei Jahren noch einmal annähernd in dem gleichen Umfang (14%) senken wie in den zurückliegenden fünf Jahren zusammen (-17%). Das ist krass.

Wie das gehen soll? Klar, über Stellenstreichungen. Aber eben auch: über die noch viel stärkere Digitalisierung von Geschäftsprozessen und über die radikale Simplifizierung der Produktpalette. Dass es bei der Hypo-Vereinsbank diesbezüglich keine Tabus gibt, hatten wir ja schon verschiedentlich beleuchtet (siehe -> “HVB vermittelt Gewerbekunden an DZ-Tochter VR Smart Finanz” oder auch -> “Wie und warum die HVB ihre Leasing-Tochter sterben lässt”). Es gibt aber auch Entwicklungen, die weniger schlagzeilenträchtig sind. Ein Beispiel von vielen: Die HVB soll über rund 70 verschiedene Formen von Bürgschaftsfinanzierungen verfügen. “Da muss man dann halt runter auf maximal fünf”, sagt ein Kenner der Bank. “Dann lässt sich das auch digitalisieren.”


Wie viele Stellen und Filialen fallen in Deutschland weg?

Schon in den Tagen vor der Strategie-Präsentation hatte “Bloomberg” berichtet, dass bei der Unicredit weitere rund 3.000 Stellen wegfallen könnten – davon etwa die Hälfte in Deutschland.

Zwar verweigerte Unicredit-Chef Andrea Orcel im gestrigen Presse-Call hierzu jede nähere Aussage. Nach Informationen von Finanz-Szene ist allerdings zumindest die für Deutschland genannte Zahl einigermaßen stimmig. Was wir hören: Brutto sollen hierzulande über die kommenden drei Jahre 1.300 zusätzliche Jobs wegfallen. Dem steht, wie gestern offizielle verlautete, die Schaffung von rund 200 neuen Stellen gegenüber, womit das Delta bei 1.100 läge.

Unausweichlich scheint derweil, dass die Hypo-Vereinsbank auch noch mal an ihr Filialnetz geht. Zur Erinnerung: Bereits Mitte des vergangenen Jahrzehnts und damit früher als andere deutsche Großbanken hatte die HVB die Zahl ihrer Standorte von einst knapp 600 auf zunächst rund 340 annähernd halbiert. Dabei war es seitdem auch mehr oder weniger geblieben, zuletzt waren es noch gut 300 Filialen. Angesichts der Corona-Pandemie, die noch einmal zu einem dramatisch geänderten Kundenverhalten geführt hat, wird es bei diesen 300 Filialen allerdings nicht bleiben. Gerade an kleineren Standorten drohen weitere Schließungen.


Gibt es eine Tendenz, wo die Stellen wegfallen?

Vor allem die Zentral- und Back-Office-Bereiche müssen als gefährdet gelten. Die Unicredit führte gestern in ihrer Strategie-Präsentation aus, sie verfüge über fünf regelrechte “Silos” (davon zwei in Deutschland) mit jeweils eigenen Infrastrukturen. Diese Silos gelte es es aufzubrechen und Dienstleistungen zu zentralisieren. Sprich: Die parallelen Infrastrukturen verursachen aus Sicht des Management zu viele Kosten – da will man ran.

Ferner war in Bezug auf die hiesige Tochter von angepeilten “Effizienzen in der Zentrale” die Rede. Die generelle Tendenz in Deutschland sei, so Orcel, das Personal wieder “an den Kunden” heranzurücken – ebenfalls ein Indiz, dass es vor allem Stellen ohne direkten Kundenbezug treffen wird.


Wo, bitte schön, sollen die Ertragszuwächse herkommen?

Cost-Cutting beherrscht sie, die HVB, das hat sie in den vergangen Jahren bewiesen. Aber wie soll die Ertragswende gelingen?

  • Das Kreditvolumen im KMU-Geschäft soll um 6% pro Jahr ausgeweitet werden. Das ist ein klarer Strategieschwenk, denn in der Kreditvergabe war die HVB in den vergangenen Jahren eher konservativ unterwegs (das Volumenwachstum betrug von 2015-2020 gerade mal 1,6% p.a., das ist klar unter dem Branchenschnitt)
  • Als Wachstumsmarkt wird explizit das Private Banking genannt. Die Assets under Management sollen bis 2024 um 12 Mrd. Euro steigen. Interessant hierbei: Die HVB verfügt laut Angaben von gestern inzwischen über 60.000 PB-Kunden. Im Nachhaltigkeitsbericht von 2018 war noch von 38.000 Kunden die Rede gewesen.
  • Dass die Retail-Produktpalette radikal um 40% verschlankt werden soll, hat nicht nur Kostengründe. Die HVB hofft, den Anteil digitaler Abschlüsse (gemessen an den Abschlüssen insgesamt) verdoppeln zu können

Was die Pläne für Deutsche Bank und Commerzbank bedeuten

Siehe oben: Mit ihren unerhört ambitionierten Zielen bei Eigenkapitalrendite und Cost-Income-Ratio setzen Unicredit und HVB die beiden Frankfurter Großbanken mächtig unter Druck. Wenn die Deutsche Bank demnächst ihre neue Strategie präsentiert, dann wird eine CI-Ratio von 70% nicht mehr ausreichen; und die Commerzbank wird möglicherweise noch einmal nachschärfen müssen. Denn sie hatte bezogen auf das Jahr 2024 zuletzt je nach Sparte Zielmarken von grob 60% ausgegeben.

Das mit dem “Druck” gilt übrigens auch für die Ausschüttungen: 5 Mrd. Euro Kapital will die Deutsche Bank mit ihrer laufenden Transformation für die Aktionäre freisetzen. Verglichen mit den 16 Mrd. Euro, die die Unicredit auskehren will, mutet das urplötzlich seeeehr bescheiden an. Zumal die Unicredit an der Börse mit 28 Mrd. nur unwesentlich höher bewertet ist als die Deutsche Bank mit 23 Mrd. Euro.

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