Exklusiv

500 Mio. €? Ernsthaft? Was die Apobank ihr Avaloq-Coup kostet

26. Mai 2020

Von Heinz-Roger Dohms

93 Stunden. Also fast vier Tage. So viel Zeit will sich die Apobank nehmen, um ihre IT von Freitag, 12 Uhr, bis Dienstag, 9 Uhr, auf ein neues Kernbanksystem umzustellen. Es ist der Abschluss eines (inklusive Vorlaufs) rund vierjährigen Mammutprojekts. Und: Es ist ein Vorgang, dem technologieaffine Banker größte Beachtung schenken. Schon allein deshalb, weil es sich beim neuen Kernbank-Partner der genossenschaftlichen Apobank nicht etwa um die genossenschaftliche Fiducia & GAD handelt. Sondern um den hierzulande wenig bekannten Schweizer Software-Anbieter Avaloq.

Welches Fazit lässt sich ziehen, nun, da das gigantische Projekt kurz vor dem Abschluss steht? Also – zeitlich ist die Apobank im Plan. Die Frage lautet: Lässt sich dasselbe von den Kosten sagen? Denn: Warum wurde anfangs von einem „niedrigen“, später aber von einem „mittleren“ dreistelligen Millionenbetrag gesprochen? Und was hat es zu bedeuten, wenn im 2019er-Geschäftsbericht von Kosten „deutlich über Plan“ die Rede ist?

Wir machen die Rechnung auf :

1.) Wie hoch wurden die Kosten veranschlagt?

Dazu gab es im Laufe der Zeit drei vage Angaben, die aus unserer Sicht so richtig nicht zueinander passen wollen;

  • Im September 2017 schrieb die „Börsen-Zeitung“ ohne expliziten Quellen-Hinweis, aber offenkundig auf Basis von Informationen aus der Bank selber:  „Allein die Projektkosten dürften in der Größenordnung eines kleinen dreistelligen Millionenbetrages liegen. Bezüglich der Betriebskosten muss man wohl an einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag pro Jahr denken.“
  • Im Juli 2018 sagte dann Apobank-Chef Sommer laut offiziellem Redemanuskript vor der Vertreter-Versammlung des Instituts: „Alleine für das Auswahlverfahren und das Vorprojekt investierten wir im vergangenen Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag. Anfang dieses Jahres ist nun das Migrationsprojekt gestartet – mit dem Ziel, im ersten Halbjahr 2020 auf das neue System umzustellen. Bis zu diesem so genannten ‚Cutover‘ rechnen wir mit weiteren Investitionskosten in niedriger dreistelliger Millionenhöhe. Diese Kosten stemmen wir aus dem laufenden Geschäft sowie aus Reserven, die wir in den letzten Jahren aufgebaut haben.“
  • Bei der Bilanz-PK Anfang 2019 hieß es dann (wir zitieren das „Handelsblatt“): „Der Wechsel zum Schweizer IT-Dienstleister Avaloq soll im zweiten Halbjahr 2020 abgeschlossen sein. Er kostet die Apobank insgesamt einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag.

2.) Was sagen die Geschäftsberichte (quantitativ)?

Die Kosten für die IT-Migration finden sich im Sachaufwand. Erste „Vorkosten“ schlugen sich bereits 2016 und 2017 nieder, ab 2018 wurden die Kosten für das Projekt dann richtig spürbar. Hier eine Tabelle, die zeigt, die der Sachaufwand in den vergangenen Jahren immer stärker stieg – und wie in der Folge das Betriebsergebnis vor Risikokosten zu sinken begann (jeweils in Mio Euro):

Sachkosten Betriebsergebnis vor Risikokosten
2014 235 337
2015 229 308
2016 244 249
2017 264 224
2018 325 234
2019 424 218
2020 „werden spürbar steigen“

Quelle: Geschäftsberichte

3.) Was sagen die Geschäftsberichte (qualitativ)?

  • 2016: „Maßgeblich [für den Anstieg des Sachaufwands] waren höhere Betriebskosten sowie Großprojekte. Erwähnt seien hier vor allem die bevorstehende IT-Migration sowie Projekte zu aufsichtsrechtlichen Themen. „
  • 2017: „Der Sachaufwand inklusive Abschreibungen stieg deutlich […]. Maßgeblich hierfür waren vor allem Kosten für das Vorprojekt der IT-Migration. Insgesamt fiel der Anstieg des Sachaufwands jedoch deutlich geringer aus als erwartet, weil das IT-Migrationsprojekt später startete.“
  • 2018: „Der Sachaufwand inklusive Abschreibungen stieg […] wie geplant sehr deutlich  […]). Maßgeblich hierfür waren vor allem die Aufwendungen für die anstehende IT-Migration […].“
  • 2019: „Der Sachaufwand inklusive Abschreibungen stieg […] sehr deutlich […]. Der Anstieg […] lag vor allem wegen der Kosten für die IT-Migration deutlich über seinem Planwert.“
  • 2020: „Der Verwaltungsaufwand wird 2020 maßgeblich von den Investitionen in die IT-Migration bestimmt. Ohne die Kosten der IT-Migration ginge der Aufwand sehr deutlich zurück. Unter Berücksichtigung der Umstellungskosten wird der Sachaufwand spürbar steigen.“

Man sieht: Bis 2018 entwickelten sich die Kosten für die IT-Migration offenbar annahmegemäß (mal abgesehen davon, dass das Projekt mit Verzögerung startete und daher 2017 die Kosten niedriger ausfielen als geplant). 2019 lag der Sachaufwand erstmals und zwar „deutlich“ über Plan – was explizit mit den Kosten für das IT-Projekt begründet wird. Und für 2020 rechnet die Bank sogar nochmals mit einem „spürbaren“ Anstieg.

4.) Wie hoch waren die Kosten für die IT-Migration insgesamt?

Das lässt sich exakt nicht beziffern (jedenfalls nicht von uns). Allerdings wollen wir versuchen, uns dem Wert zumindest ganz, ganz grob anzunähern. Und zwar wie folgt:

  • In den letzte drei Jahren, bevor sich die IT-Migration 2016 erstmals in den Kosten niederschlug, lagen die Sachaufwendungen bei 234,9 Mio. Euro (2013), 234,7 Mio. Euro (2014) und 228,9 Mio. Euro (2015). Macht einen Durchschnittswert von rund 233 Mio. Euro.
  • Wenn man nun die 233 Mio. Euro als „langfristige durchschnittliche Sachkosten ohne IT-Migration“ definiert und dieser Zahl die tatsächlichen Sachkosten (also inklusive IT-Migration) gegenüberstellt, dann ergeben sich für die Jahre 2016 bis 2019 folgende Differenzen, wiederum in Mio. Euro:
2016 10,7
2017 30,6
2018 92,2
2019 190,9
Summe 324,4
  • Dazu kommt nun noch das Delta für 2020, das (siehe oben der „spürbare“ Anstieg) in jedem Fall nochmal deutlich größer werden dürfte als das 2019er-Delta, sodass man für die Jahre 2016 bis 2020 von einem Gesamt-Delta irgendwo Richtung 550 Mio. Euro ausgehen darf.
  • Nun ahnen wir natürlich, dass uns diese Form der Beweisführung wieder böse Leserbriefe einbringen wird. Denn 1.) wissen wir natürlich nicht, ob die Sachkosten ohne IT-Migration wirklich bei rund 233 Mio. Euro geblieben wäre; und 2.) stammen die Mehrkosten, folgt man den Formulierungen in den Geschäftsberichten, zwar wesentlich, aber nicht ausschließlich aus der IT-Migration.
  • Woran indes kein Zweifel besteht: Im Zuge der IT-Migration nahm bzw. nimmt der Sachaufwand in den Jahren 2016 bis 2020 ein frappierendes Ausmaß an.

5.) Was sagt die Apobank selber?

Unsere Rechnung will man in Düsseldorf nicht kommentieren. Allerdings wird betont, dass es keine widersprüchlichen Aussagen zu den Kosten gegeben habe. Es gelte die Aussagen bei der Bilanz-PK von Anfang 2019, also (siehe oben) von einem „mittleren“ dreistelligen Millionenbetrag die Rede war – daran habe ich nichts geändert. Die Aussage Sommers bei der Vertreterversammlung 2018 habe sich nicht auf die Gesamtkosten bezogen.

6.) Fazit

Unabhängig von der Frage, was wann gesagt wurde und ob die Kosten für die IT-Migration letztlich bei 400 Mio. Euro, bei 500 Mio. Euro oder womöglich ja doch „nur“ bei 350 Mio. Euro liegen – in dicker Brocken ist’s allemal. Denn nur mal zur Einordnung: Der  „Jahresüberschuss nach Steuern“ in den Jahren Jahren 2015 bis 2019 (also in den fünf zurückliegenden Geschäftsjahren) belief sich gerade mal auf 309 Mio. Euro.

Lohnt sich so ein gigantisches Projekt wirklich? Die nächsten Jahre werden es zeigen.

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