Angriff auf Fiducia? Italiener kapern deutsches Core-Banking-Unikum

11. August 2021

Von Heinz-Roger Dohms

In den deutschen Kernbanken-Markt kommt noch mehr Bewegung als ohnehin schon. Wie am Dienstag mitgeteilt wurde, übernimmt der italienische Technologie-Spezialist Objectway den bei München ansässigen Core-Banking-Anbieter „Die Software Peter Fitzon“. Dessen „OBS Banking Engine“ genannte Kernbanken-Lösung ist vor allem im klassischen Private Banking tief verwurzelt. Zu den bekanntesten Kunden (wobei diese unserer Vermutung zufolge nicht alle das komplette Core-Banking von Fitzon beziehen …) gehören Metzler, Bethmann, Hauck & Aufhäuser, Baader, Oddo BHF sowie die hiesigen Ableger von Credit Suisse und UBS.

Zum Kaufpreis wurde gestern nichts gesagt. Laut den im Bundesanzeiger einsehbaren Geschäftsabschlüssen kam die nach ihrem Gründer benannte Fitzon GmbH (am Markt tritt das Unternehmen freilich unter dem Label „Die Software“ auf …) in den vergangenen Jahren meist auf ein Rohergebnis irgendwo grob zwischen 15 Mio. und 20 Mio. Euro. Der Überschuss schwankte stark, erreicht aber beispielsweise im Geschäftsjahr 2014/15 mehr als 4 Mio. Euro und im Geschäftsjahr 2017/18 sogar mehr als 6 Mio. Euro. Mithin: Werte, von denen die allermeisten B2B-Fintechs hierzulande nur träumen können – wobei die B2B-Fintechs natürlich über eine andere Wachstumsdynamik verfügen als die in den 1980er-Jahren gegründete Fitzon GmbH.

Unter Experten galt „Die Software Peter Fitzon GmbH“ schon lange als einer der begehrtesten Banking-Technologie-Anbieter hierzulande. So hatte sich in den vergangenen Jahren nach Informationen von Finanz-Szene.de vor allem der Schweizer Softwarekonzern Avaloq (genau, das sind die, die bei der Kernbanken-Migration der Apobank eine eher schlechte Figur machten …) intensiv um das oberbayerische Unternehmen bemüht – war aber letztlich abgeblitzt. Ob Avaloq auch zuletzt noch um die Fitzon GmbH gebuhlt hat, wissen wir nicht. Mag sein, dass bei den Eidgenossen derlei Gelüste nach dem „Fall Apobank“ etwas nachgelassen haben.

Der deutsche Core-Banking-Markt lässt sich vereinfacht gesagt wie folgt beschreiben:

  • Es gibt die Großbanken wie die Deutsche Bank oder die Commerzbank, die (natürlich mit externer Unterstützung) in der Regel auf hauseigene Systeme setzen – übrigens solche, die gern mal in die Jahre gekommen sind
  • Dann gibt es den genossenschaftlichen IT-Dienstleister Fiducia & GAD sowie dessen Sparkassen-Pendant Finanz Informatik, die sich im wesentlichen um die IT der beiden großen Verbünde kümmern
  • Dann gibt es SAP (dazu gleich mehr) …
  • … das Berliner Fintech-Unicorn Mambu, das allerdings mit wenigen Ausnahmen (N26, C24 Bank) vor allem im Ausland aktiv ist und deshalb in unserer heutigen Betrachtung außen vor bleiben soll …
  • … und dann gibt es kleinere, zum Teil deutsche, zum Teil ausländische Spezialisten wie zum Beispiel PASS aus Aschaffenburg oder eben die Fitzon GmbH

Das Interessante nun: In diesem Markt tut sich was. Konkret …

  • Wie angedeutet, war die genossenschaftliche Apobank (was sie heute vielleicht nicht mehr täte) aus dem Fiducia-Lager ausgeschert, um sich Avaloq an den Hals zu werfen
  • Sieben Sparda-Banken bracht ihren IT-Dienstleister (die SDV-IT) in ein Joint-Venture mit dem französischen Technologiekonzern Sopra Steria* ein; die vier übrigen wechselten zur Fiducia
  • SAP brachte sein Core-Banking-Geschäft jüngst in ein Joint-Venture mit einem Herren ein, den wir eigentlich irgendwann mal für eine gesonderte Story porträtieren müssten
  • Und jetzt Objectway, ein 1990 gegründetes italienisches Technologie-Unternehmen, dessen Namen wir bis gestern noch nie gehört haben und das in seiner Pressemitteilung über sich selber sagt, es sei „eines der Top 100 Fintech-Unternehmen für Wealth- und Asset Management-Software weltweit“ (was auch immer das heißen mag; wie ein besonders illustrer Zirkel klingt es irgendwie nicht; aber egal)

Jedenfalls: In „Finanz-Szene – Der Podcast“ hatte der „Fiducia & GAD“-Chef Martin Beyer vor einigen Wochen, wenn wir es richtig erinnern, die These aufgestellt, im deutschen Markt sei für ausländische Core-Banking-Player wenig zu holen. Weil: Die Fiducia und die Finanz Informatik deckten die beiden Verbünde ab; und jenseits der beiden Verbünde sei da ja nicht so viel.

Interessanterweise kommen sich die neuen Player nun aber ausgerechnet mit der Fiducia & GAD ins Gehege: Avaloq bei der genossenschaftlichen Apobank; Sopra Steria bei den genossenschaftlichen Sparda-Banken. Und auch: die Fitzon GmbH. Jenseits des eigenen Verbunds beliefert die Fiducia & GAD nämlich auch diverse klassische Privatbanken mit ihrem Core-Banking. In diesem Feld kommen sich die beiden Unternehmen also direkt in die Quere. Mal sehen, ob die Damen und Herren von Objectway nun zum Angriff auf die Fiducia blasen.

* Disclaimer/Transparenzhinweis: Sopra Steria gehört zu den Premium-Partnern von Finanz-Szene

Martin Beyer … über den Totalumbau der Fiducia & GAD

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