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Auftragsstopp! Der Knatsch beim EZB-Großprojekt Target2

10. März 2021

Von Christian Kirchner

Bei der für 2022 anvisierten Konsolidierung der europäischen Zahlungs- und Wertpapierabwicklung wachsen nach Recherchen von Finanz-Szene.de die Zweifel, ob der Zeitplan einzuhalten ist. Insidern zufolge drohen die Kosten des Mammutprojekts – das im Fachjargon „Target2/T2S-Konsolidierung“ heißt – dermaßen aus dem Ruder zu laufen, dass die Bundesbank jüngst eine Evaluierung der laufenden Umsetzung in Auftrag gegeben hat. Daher werden einstweilen auch keine neuen externen Aufträge vergeben. Pikant: Die Umsetzung der Konsolidierung sollte ursprünglich bereits in diesem Jahr abgeschlossen werden, war dann aber vergangenen Sommer bereits auf November 2022 verschoben worden. Sollte jetzt auch dieses Zieldatum wackeln, wäre das für die Geschäftsbanken, die von Target2 abhängen, extrem ärgerlich.

Auf Nachfrage von Finanz-Szene teilte die deutsche Notenbank Anfang dieser Woche mit: „Der Vorstand der Bundesbank hat eine Überprüfung der Arbeiten im Rahmen der T2/T2S-Konsolidierung beauftragt.“ Die Maßnahme diene dazu, „den erfolgreichen Fortgang des Projekts sicherzustellen. Während der Überprüfung wurde vorübergehend die Vergabe von Aufträgen ausgesetzt.“ An der Zielmarke 2022 halte die Bundesbank allerdings fest: „Es gilt weiterhin der von der EZB kommunizierte und veröffentlichte Zeitplan“. Auch eine EZB-Sprecherin erklärte, das Eurosystem habe sich nach wie vor einem „Go Live“ im Jahr 2022 verschrieben.

6000 Banken in Europa hängen vom Erfolg des Target2-Projekts ab

Bei der „Target2/T2S-Konsolidierung“ handelt es sich um das aktuell wohl wichtigste Großprojekt überhaupt im europäischen Finanzsektor – aus Warte der Zentralbanken, aber auch aus Sicht der knapp 6.000 Geschäftsbanken in der Eurozone. Allein in Deutschland hängen rund 1.700 Banken und Sparkassen direkt oder indirekt an dem System.

Zugegeben, die Pläne sind ehrgeizig: Ziel der Konsolidierung ist es, drei parallel betriebene, seit den Nullerjahren schrittweise entwickelte und damit teils veraltete Systeme in Gänze zu ersetzen. Als da wären:

  • das Target2-System für Zahlungsabwicklungen
  • das Target2-Securities-System für die Wertpapierabwicklung und
  • das TIPS-System für Instant-Payment-Abwicklungen.

An ihre Stelle soll künftig ein komplett neues System treten. Im Grunde geht es um eine neue Marktinfrastruktur. Das Besondere daran: Die Umstellung soll nicht mit Hilfe eines Parallelbetriebs oder von Backup-Systemen erfolgen, sondern in Form eines so genannten „Big Bang“, eines Stichtags. Angepeilt wird dafür der November 2022.

Alles wird schneller und sicherer – sagen die Notenbanken

Die Einführung des neuen Systems und die Tests auf dem Weg dorthin plagen die Banken in ganz Europa. Das Ganze ist mühsam und kostspielig, aber drum herum kommen sie nicht. Institute, die bis zum Big Bang nicht ausreichend gerüstet sind, könnten von einer Minute auf die andere von allen wesentlichen Geschäften abgeschnitten sein: dem SEPA-Massenzahlungsverkehr, dem Individualzahlungsverkehr in Zentralbankgeld oder auch der Abwicklung geldpolitischer Geschäfte. Eine Folge dessen könnte sein, dass sie ihre Mindestreservepflichten nicht länger erfüllen können.

Als Lohn für die Mühe lockt eine leistungsfähigere Infrastruktur, die das tägliche Geschäft schneller und leichter macht. So versprechen die Notenbanken

  • Abwicklungen auch in der Nacht (was bislang nicht möglich ist),
  • einfachere und einheitliche technische Schnittstellen und
  • eine verbesserte Sicherheit gegenüber Hackerattacken und anderen Cyber-Gefahren.

Die Grenzen des bestehenden Systems hatte spätestens der Target2-Crash im vergangenen Herbst aufgezeigt. Damals war das Rückgrat des europäischen Zahlungsverkehrs einen halben Tag lahm gelegt (siehe hier). Die Instant Payments könnten zudem für die mögliche Einführung eines digitalen Euros von Bedeutung sein. So deuteten es Notenbanker vergangene Woche an.

Tausende Milliarden Euro, umzuleiten in einem Moment

Gleichwohl birgt die bereits 2017 eingeleitete Konsolidierung der drei Alt-Systeme sehr hohe Umsetzungsrisiken. Über das Wertpapiersystem Target2 Securities werden pro Tag Wertpapiere im Umfang von durchschnittlich 1100 Mrd. Euro abgewickelt (kein Dezimalfehler). Beim System Target2 geht es gar um Zahlungen in Höhe von täglich 1700 Mrd. Euro (auch kein Dezimalfehler). All diese Transaktionen sollen beim Big Bang von einem Tag auf den anderen auf ein komplett neues System umgelegt werden. Die vom Eurosystem mit der Umsetzung beauftragten Notenbanker – federführend: die Deutsche Bundesbank, die Banque de France und der Banca d’Italia – sind dabei auf die enge Mitarbeit aller Banken in der Eurozone angewiesen.

Angesichts der Dimensionen und Risiken wollen die Verantwortlichen keine Nachlässigkeit dulden.  „Jetzt wird es ernst“, heißt es etwa in einer Bundesbank-Präsentation aus dem Februar 2020, die sich an Banken richtete. Weiter mahnten sie dort: „Es ist im Interesse aller an T2 teilnehmenden Institute, sich darauf verlassen zu können, dass alle Institute das Projekt ernst nehmen, entsprechend priorisieren und alles daran setzen, im November 2021 migrationsbereit zu sein.“ Zugleich kündigten sie seinerzeit eine noch „engmaschigere Überwachung des Vorbereitungsstands der Institute“ an.

Migrationsbereit waren dann allerdings weder die Institute – noch die Notenbanken. Im Juli 2020 verschob der EZB-Rat den „Big Bang“ auf den November 2022. Auch die zugehörigen Testplanungen rutschten um ein volles Jahr nach hinten. Als Grund genannt wurde eine Umfrage in der europäischen Finanzwelt, der zufolge die Corona-Pandemie und ein neuer Fahrplan für Änderungen bei länderübergreifenden Geldflüssen im globalen Zahlungssystem Swift genug der Herausforderungen seien.

„Projektüblich“ sagen die einen, „unrealistisch“ die anderen

Über den aktuellen Status des so wichtigen, aber auch so diffizilen Projekts gibt es divergierende Stellungnahmen. Finanz-Szene.de hat ein halbes Dutzend BankerInnen und BeraterInnen befragt, die direkt mit der Umstellung befasst sind. Das Ergebnis: Manche sehen das Projekt unverändert im Fahrplan, andere halten einen Big Bang im November 2022 für „vollkommen unrealistisch“.

Die Optimisten halten ausufernde Kosten und temporäre Verzögerungen demnach für „projektüblich“. Die Pessimisten hingegen führen als zentralen Grund für ihre Zweifel an, dass die IT bei den Banken der Eurozone von extrem unterschiedlicher Güte sei. Vereinfacht gesagt: Die Vorbereitung auf den Big Bang sei um so komplexer, je größer die Bank und je älter die IT sei. Die neue Evaluierung und das Aussetzen neuer Aufträge dürfte diese Gruppe in ihren Zweifeln bestärken.

Direkt an das Target2-System angeschlossen waren zuletzt 1.943 Banken in Europa. Rund 4.000 weitere – unter ihnen vor allem kleinere Institute wie die meisten Sparkassen und Volksbanken in Deutschland – greifen über Dienstleister oder Dachinstitute auf das System zu. Weltweit wiederum unterhält Target2 Schnittstellen zu rund 45.000 Instituten außerhalb der Eurozone.

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