Fintech unplugged (#5)

“Bis Jahresende profitabel sein”: Solarisbank vollzieht Strategieschwenk

Es ist schon so lange her, dass es schon fast nicht mehr wahr ist: Eigentlich hatte sich die Solarisbank (gelauncht: 2016) mal vorgenommen, bereits 2019 schwarze Zahlen zu schreiben. Ob dieses Ziel auch nur entfernt realistisch war, sei mal dahingestellt. Fest steht: Irgendwann wurde es einfach nicht mehr verfolgt. Wozu auch? Das Geld der Investoren floss ja. Was hätte es also gebracht, mit aller Macht die Verluste zu reduzieren?

Stattdessen machte die Solarisbank, was die anderen auch machten, sie investierte und expandierte, und dass diese Strategie nicht ganz falsch war, zeigte sich im Sommer letzten Jahres, als das Berliner “Banking as a Service”-Fintech 1.) von Investoren satte 190 Mio. Euro erhielt, damit 2.) zum Unicorn aufstieg und 3.) en passant auch noch den ziemlich großen britischen Wettbewerber Contis aufsog. Zum damaligen Zeitpunkt schien so gut wie festzustehen: Die nächste Ausfahrt, am besten schon 2022, heißt Börsengang!!!

Es ist dann, wie man weiß, alles ein bisschen anders gekommen. Ziemlich unvermittelt schlug das Wetter um, und auch wenn die Solarisbank (anders als manch ein eigener Kunde, siehe den Notverkauf von Kontist oder den Insolvenzantrag von Nuri) ein viel zu festes Fundament hat, um vom ersten Sturm gleich umgeweht zu werden, setzte sich über die letzten Monate doch die Erkenntnis durch: So wie die letzten 2-3 Jahre kann es nicht weitergehen. Im Juni gab’s von den Investoren zwar weitere 40 Mio. Euro (übrigens zu einer nochmals leicht auf 1,6 Mrd. Euro erhöhten Bewertung). Zum Expandieren war das Geld aber nicht mehr gedacht – sondern zur Festigung des Fundaments.

Und so kündigt Solarisbank-CEO Roland Folz nun also gegenüber Finanz-Szene an, die Strategie ein weiteres Mal anzupassen. Im Fokus jetzt wieder (und jetzt auch wirklich): die Profitabilität. Und zwar viel schneller als gedacht: Bis Jahresende will die Solarisbank zunächst auf Monatssicht und danach auch dauerhaft Geld verdienen. Wie dieses Kunststück angesichts von 2021 noch 42 Mio. Euro Verlust gelingen soll – diese Frage wollen wir im Rahmen unserer heutigen “Fintech unplugged”-Analyse (wie immer auf Basis des uns exklusiv vorliegenden Geschäftsberichts) aufdröseln.

Auf geht’s:

Wie hat sich das Geschäftsmodell 2021 entwickelt?

Das grundsätzliche Geschäftsmodell des Solarisbank – “Banking as a Service” – haben wir ja an diversen Stellen schonmal aufgedröselt (siehe etwa bei den 2020er-Geschäftszahlen hier). Mit Blick auf die bevorstehende strategische Neuausrichtung (siehe oben) schadet eine kleine Auffrischung aber sicher nicht.

Das Fintech selbst beschreibt seinen Geschäftszweck wie folgt: “Die wesentliche Dienstleistung der Solarisbank AG besteht im Angebot von regulierten Bankprodukten für externe Unternehmen.”

Als Zielgruppen werden“Großunternehmen, nationale und internationale Banken sowie Tech- und E-Commerce-Unternehmen, die über ein großes Netzwerk an Endkunden verfügen” ebenso aufgeführt wie zahllose Fintechs.

Dafür unterhält das Unternehmen vier Bereiche, nämlich:

  • Digital Banking: Zahlungsverkehrskonten, Karten, Payments, Virtual IBAN
  • Lending: Konsumentenkredite, Firmenkundenkredite, Handelsfinanzierungen, Fronting und Factoring
  • Identity: KYC (“Know your customer”) für Privat- und Firmenkunden
  • Digital Assets: Zahlungs- und Handelslösungen rund um Krypto Assets (wobei ein Großteil davon über die Tochtergesellschaft Solaris Digital Assets GmbH läuft)

Wie war per 2021 die Ertragslage?

Stand-alone stellten sich die Zahlen für die “alte” Solarisbank per Ende 2021 wie folgt dar:

in TEUR 2021 2020 Delta
in %
Zinsergebnis 9.216 5.263 75%
Provisionsergebnis 35.587 16.499 116%
Zins- und Provisionsergebnis 44.803 21.762 106%
sonst. betriebliche Erträge 3.271 3.165 3%
Personalaufwand -40.355 -28.090 44%
Abschreibungen -8.124 -5.127 58%
Wertminderungsverluste bei Finanzinstrumenten -2.737 -5.685 -52%
Sonstige Aufwendungen -38.190 -20.551 86%
Ergebnis vor Steuern -41.332 -34.526 20%
Steuern -299 888 -134%
Jahresergebnis -41.630 -33.638 24%

Quelle: 2021er-Konzerngeschäftsbericht des Solarisbank

Allerdings: Kurz vor Jahresende verleibten sich die Berliner bekanntlich noch den britischen Konkurrenten Contis ein. Eine Pro-Forma-Rechnung im Konzernabschluss zeigt, wie die Solarisbank inklusive Contis dagestanden hätte:

in TEUR Group actuals 2021 Group actuals 2020 Delta in %
Total net revenues 101.315 52.092 +95%
Total direct costs -46.457 -23.810 +95%
Total gross margin 54.756 28.283 +94%
Loan loss provisions -4.488 -5.344 -16%
Total GM after LLP 50.369 22.938 +120%
Total operating expenses -77.073 -47.574 +62%
EBTDA -26.704 -24.636 +8%
Depreciation and amortization -7.690 -4.461 +72%
EBT -34.394 -29.097 +18%

Quelle: Solaris Group

Womit hat die Solarisbank 2021 ihr Geld verdient?

Die Musik spielte erwartungsgemäß im Provisionsgeschäft, wo die Einahmen (bezogen auf die Solarisbank inklusive Contis) auf 49,4 Mio. Euro stiegen – im Wesentlichen getrieben durch die Bereiche Digital Banking (plus 127%) und Identity (plus 118%). Der Konzernabschluss hält fest: “Der Anstieg der Provisionserträge resultiert im Wesentlichen aus einer im Vergleich zum Vorjahr deutlich größeren Anzahl an Konten und Debitkarten.” Hinzu kamen noch Set-up-Fees über 3,5 Mio. Euro sowie sonstige betriebliche Erträge in Höhe von 3,2 Mio. Euro.

Eine bemerkenswerte Auffälligkeit zeigte sich im Zinsgeschäft – auch wenn das bei der Solarisbank bedingt durch das Geschäftsmodell eine untergeordnete Rolle spielt. So kam 2021 der überwiegende Teil des um 75% auf 9,2 Mio. Euro gestiegenen Zinsergebnisses aus positiven Zinsaufwendungen hin Höhe von 5,6 Mio. Euro. Dabei handelt es sich um die Verwahrentgelte, die die Solarisbank den Endkunden ihrer Frontend-Partner in Rechnung stellte.

in TEUR 2021 2020 Delta in %
Gebühren & Provisions-Einnahmen (gesamt) 49.415 21.800 127%
nach Bereich
Digital Banking 32.489 14.894 118%
Identity 11.939 3.080 288%
Lending 2.525 2.304 10%
Digital Assets 2.462 1.523 62%
Erträge aus set-up fees 3.561 2.324 53%

Quelle: 2021er-Konzerngeschäftsbericht des Solarisbank

Was hat die Solarisbank mit den Einlagen gemacht?

Die Verbindlichkeiten gegenüber Kunden und Kreditinstituten wuchsen kumuliert auf rund 3,5 Mrd. Euro – wobei es sich laut Geschäftsbericht ganz wesentlich um “um Einlagen von Kunden eines Wertpapierhandelsinstituts” handelte. Sprich: Höchstwahrscheinlich Trade Republic (was erklären könnte, warum es der Solarisbank wohl gar nicht so Unrecht ist, dass der Berliner Neobroker mit der Deutschen Bank einen alternativen Bankpartner mit ins Boot geholt hat, siehe unseren Leser-Blog -> “Was die Deutsche Bank kann, was die Solarisbank nicht kann”).

Demgegenüber standen zum Jahresende 2021 Forderungen (also Kredite) von nur rund 500 Mio. Euro. Den beträchtlichen Rest musste die Solarisbank also parken – mutmaßlich zu großen Teilen bei der EZB, inklusive einer entsprechenden Belastung durch den negativen Einlagenzins.

TEUR 31.12.2021 31.12.2020 31.12.2019
Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten 1.228.239 627.709 50.408
Verbindlichkeiten gegenüber Kunden 2.270.058 823.600 325.422

Quelle: 2021er-Konzerngeschäftsbericht des Solarisbank

Die einst durchaus ambitionierten Pläne im KMU-Kreditgeschäft scheinen mittlerweile vollständig abgehakt. So hält der Abschluss fest: “Im Vergleich zum Vorjahr hat die Solarisbank AG im Geschäftsjahr 2021 das Kreditvolumen entsprechend der Planung mit Geschäftskunden (SME-Segment) weiter deutlich reduziert. Der geplante Ausbau des Konsumenten-Kreditgeschäfts ist hinter den Erwartungen zurückgeblieben.”

Letzten Endes blieb der Solarisbank also auch nicht so viel anderes übrig, als das Geld der Kunden zur Zentralbank zu tragen.

Woraus setzten sich die Aufwendungen zusammen?

Wenig überraschend war der größte Kostenblock der Personalaufwand, der sich mit 40,3 Mio. Euro im Vergleich zu 2020 noch einmal um 44% erhöhte “Der Anstieg resultiert unter anderem aus dem Personalaufbau qualifizierter, technologieaffiner Mitarbeiter zur Umsetzung der Wachstumsstrategie. So wurden insbesondere die Bereiche Software-Development sowie die Kontrollfunktionen personell aufgestockt”, heißt es dazu im Geschäftsbericht. So zählte die Solarisbank  über das Geschäftsjahr 2021 hinweg im Schnitt 425 Beschäftigte (davon 407 in Vollzeit) und damit im Schnitt nochmal knapp 100 mehr als im Corona-Jahr 2020; zum Jahresende waren es (inklusive Contis) sogar schon 693 Mitarbeiter. Als Teil der Vergütung unterhielt die Solarisbank für Ihre Mitarbeiter diverse Aktienoptions-Programme, die in den Personalkosten enthalten sind.

Mit Blick auf die künftige Profitabilität ist der zweitgrößte Kostenblock aber mindestens genauso spannend, nämlich die “Sonstigen Aufwendungen”, die sich auf 38 Mio. Euro läpperten. Die größten Posten waren mit 7,4 Mio. Euro “Beratung allgemein” (“Aufwendungen Rechtsberatung und Beratungsleistungen im Zusammenhang mit der Kapitalerhöhung (Series D-Runde), der Akquisition von Contis und der Erstellung der Niederlassungen in Spanien, Frankreich und Italien in 2021″) sowie 7,2 Mio. Euro für “Produktbezogene Ausgaben”, hinter denen sich laut Geschäftsbericht “die Kosten, die für die Bereitstellung der Debit-/ Kreditkarten erforderlich sind” verbargen. Hinzu kamen etwa noch “Beiträge zur Entschädigungseinrichtung deutscher Banken, Aufwendungen für Konferenzen und Personalgewinnung”. 

Wie stand es um die Profitabilität?

2021 noch nicht so gut – der Verlust vor Steuern fiel mit 41 Mio. Euro noch einmal um 20% höher aus als im Vorjahr. Der Bilanzverlust (also quasi der kumulierte Cashburn seit Gründung) stieg auf 140 Mio. Euro, was sich die Solarisbank dank des Groß-Fundings im Sommer (siehe hier) allerdings leisten konnte. Die Kapitalrücklage stieg auf 369 Mio. Euro – das Eigenkapital wurde mit 222 Mio. Euro angegeben. Hieraus errechnete sich eine harte Kernkapitalquote von 28,1%, leicht unter dem Niveau des Vorjahres (30,9%).

Laut “Group P&L” (also Solaris und Contis zusammen) lag die Bruttomarge (“Total gross margin”) bei knapp 55 Mio. Euro, ein Plus von 94% gegenüber dem Vorjahr. Bei einem Geschäftsaufwand (“OPEX”) von 77 Mio. Euro ergab sich ein Vorsteuerergebnis (EBT) von minus 34,4 Mio. Euro. Dabei wurden die Erwerbskosten für Contis aus dem konsolidierten Ergebnis herausgerechnet, zudem wirtschaftete Contis anders als die “alte” Solarisbank im vergangenen Jahr bereits profitabel.

TEUR Solarisbank Konzern Contis Gruppe Eliminierung Erwerbs- kosten Contis Solarisbank Konzern inkl. Contis Gruppe
Gesamtertrag (Umsatz) 48.073 52.679 100.752
Ergebnis vor Steuern -41.332 3.996 2,942 -34.394
Steuern vom Einkommen und Ertrag -299 -1.829 -2.127
Periodenergebnis nach Steuern -41.630 2.167 2,942 -36.521

Quelle: 2021er-Konzerngeschäftsbericht des Solarisbank

Im Konzerngeschäftsbericht heißt es dazu noch:

“[Auch] die Bruttomarge [lag] deutlich über den Erwartungen, während der Jahresfehlbetrag […] aufgrund einmaliger Sonderaufwendungen u.a. im Zusammenhang mit dem Erwerb der Contis Beteiligung höher ausfiel als in der Planung angenommen.”

Was genau hat die Contis-Übernahme eigentlich gekostet?

Apropos Contis: Die Solarisbank nennt im Geschäftsbericht den Kaufpreis, gut 152 Mio. Euro. Darin enthalten sind rund 66,3 Mio. Euro Nettovermögen und ein angesetzter Firmenwert von rund 86 Mio. Euro. Dieser repräsentiert laut Geschäftsbericht “neben Wachstumschancen hauptsächlich die Fähigkeiten und fachliche Begabung der Belegschaft der Contis Gruppe”. Die übernommene Belegschaft besteht dabei aus 99 Beschäftigten in den UK sowie 75 weiteren Mitarbeitern in einem Entwicklungs- und IT-Zentrum in Indien (die Contis Technologies Private Limited).

Ausblick: Wie und wann will die Solarisbank profitabel werden?

Und nun also die “Strategie-Anpassung”, wie CEO Roland Folz das diese Woche im Gespräch mit Finanz-Szene nannte, wobei er auf ein Vokabular zurückgriff, das aus dem Munde eines Fintech-CEOs vor zwölf Monaten noch einigermaßen esoterisch geklungen hätten (“Resilienz erhöhen”, “Abhängigkeit von Kapitalmärkten reduzieren”, “risikoarmes Geschäft”). Das Ziel sei “ein positives Vorsteuerergebnis auf Monatsbasis zum Jahresende 2022”, sagt Folz – und auf folgende Weise soll es erreicht werden:

  1. Die Solarisbank will zwar weiter wachsen – aber nicht mehr so schnell: 100% Umsatzwachstum auf Gruppenebene – das war einmal. Folz gibt mittelfristig die Losung eines “moderaten Umsatzwachstums von 20% bis 50% aus”, für das laufende Jahr sollen es 20% bis 40% sein. Vor allem die internationale Expansion soll demnach gedrosselt werden, der Fokus erstmal auf den Märkten liegen, in denen das Fintech ohnehin schon stark ist, sprich vor allem Deutschland und UK. Von der Aufsicht auferlegte Wachstumsbeschränkungen gibt es laut Folz derzeit nicht (anders als bei N26), doch schadet der neue Kurs im Umgang mit der Bafin wahrscheinlich auch nicht. Zudem will das Unternehmen mit Blick auf die Neuausrichtung die Bereiche Operations und Compliance ausbauen.
  2. Weniger Konto, mehr Karte: Der massive Einlagenüberhang hat der Solarisbank zuletzt wehgetan. Zwar bringt die Zinswende nun Linderung – auf eine Ausweitung der Bilanz (was ja wiederum entsprechendes Eigenkapital erfordern würde) setzt die Solarisbank trotzdem nicht. Stattdessen spricht Folz für die Zukunft von “mehr transaktionalem und weniger Deposit-lastigem Geschäft”, was nach seiner Aussage vor allem über internationale etablierte Unternehmen”mit einem großen Ökosystem” kommen soll (und weniger über kleine Startup-Banken). Dafür will sich die  Solarisbank künftig stärker auf “integrierte Finanzdienstleistungen” (etwa im Payment-Bereich) fokussieren. Dafür soll unter anderem das Geschäft mit Kreditkarten und “risikoarmen” Konsumtenkrediten ausgebaut werden. Und was wird aus der klassischen Neobanken-Klientel wie Tomorrow, Vivid & Co.? Die bestehenden Partnerschaften werden fortgeführt – aber doch bei neuen Kooperationen ibn dem Segment wird man künftig wohl eher zurückhaltend sein.
  3. Geschraube an den Kosten: Bei der Solarisbank heißt das “Rightsizing”. Ziel ist es letztlich, die Aufwendungen bei steigenden Umsätzen stabil zu halten. Dafür würden in allen Bereichen die Kosten geprüft – insbesondere mit Blick auf die Sachaufwendungen.  Mit der vollständigen Integration von Contis sollen dann noch die im M&A-Sprech üblichen “Synergien gehoben” werden. Entlassungen sind momentan keine geplant. Vielmehr soll die Stellenzahl von zuletzt 750 bis Jahresende noch einmal moderat auf etwa 800 steigen (bedingt vor allem durch den Ausbau von Operations und Compliance).

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