Analyse

Darum partnert Trade Republic mit der Deutschen Bank

Es ist eine überaus spektakuläre Liaison: Der milliardenschwere Berliner Neobroker Trade Republic partnert (siehe unsere Exklusivmeldung von gestern Vormittag) mit der Deutschen Bank. Was steckt dahinter? Und was wird jetzt aus der Solarisbank?

Unser FAQ:

1.) Was ist überhaupt passiert?

Als Fintech-Broker braucht Trade Republic nicht nur eine Depotbank (das ist die HSBC Deutschland), sondern auch eine Bank für das, was man klassischerweise als “Verrechnungskonten” bezeichnet – quasi das Scharnier zwischen dem Girokonto des Endkunden und seinem Depot. Bislang liegen diese “Verrechnungskonten” allesamt bei der Solarisbank. In Zukunft allerdings partnert Trade Republic darüber hinaus auch mit der Deutschen Bank sowie der US-Großbank Citigroup.

Nachdem Finanz-Szene und Finance Forward die spektakuläre Liaison gestern Vormittag publik gemacht hatten, betonte Trade Republic, dass es lediglich um eine Erweiterung des Partnerkreises gehe – die Solarisbank also nicht ersetzt werde. De facto ist es nach unseren Informationen allerdings so, dass nicht nur Neukunden, sondern auch ein beträchtlicher Teil der weit mehr als eine Million Bestandskunden an die Deutsche Bank bzw. die Citigroup angebunden werden. Sprich: Es findet also eine Migration weg von der Solarisbank statt.

Erste – durchaus auch langjährige – Kunden bekamen dies gestern auch schon mitgeteilt. So heißt es in einem uns vorliegenden Kundenschreiben von Trade Republic wörtlich:

“Ab heute führen wir Dein Guthaben auf einem Konto der Deutsche Bank AG. Du erhältst deshalb eine neue Trade Republic IBAN. Für Dich ergeben sich keine Änderungen. Selbstverständlich gibt es auch weiterhin weder Depotgebühren noch Negativzinsen. Dazu gilt die volle Einlagensicherung von 100.000 €. Denk bitte daran, dass Du Deine Daueraufträge an Trade Republic anpassen musst.”

Trade Republic wechselt von Solarisbank zu Deutsche Bank


2.) Wird die Deutsche Bank zum “Banking as a Service”-Spezialisten?

In gewisser Weise ist sie das schon. Denn auch wenn Begriffe wie “Banking as a Service” im medialen Gebrauch in erster Linie für die Fintech-Banken verwendet werden – was die Deutsche Bank beispielsweise im Transaction Banking macht, unterscheidet sich wenig von dem, was auch manch aufstrebendes Finanz-Startup als Service-Geschäft anbietet.

Was nun den konkreten Fall betrifft: Die Deutsche Bank hat sich speziell in ihrer Corporate Bank in den vergangenen Jahren mit einer ganzen Reihe von Fintech- und Payment-Experten verstärkt (siehe etwa hier). Viele dieser Neuzugänge kamen dabei von Wirecard (siehe u.a. unsere Berichterstattung hier). Das ist auch insofern interessant, als dass Wirecard ja nicht nur ein Payment Service Provider war, sondern mit der hauseigenen Wirecard Bank auch als “Banking as a Service”-Provider auftrat, also ziemlich genau die Art von Geschäft betrieb, für das heute die Solarisbank steht.

Im Zuge der personellen Erweiterungen hat die Deutschen Bank ein zuvor eher lose bedientes Kundensegment zu Kernzielgruppe erhoben – nämlich: Fintechs & Plattform-Betreiber. Die Idee läuft darauf hinaus, diesen tendenziell neuen Spielern aus der Corporate Bank heraus genau dieselben Produkte anzubieten wie den klassischen Unternehmenskunden auch. In diesem Sinne sei Trade Republic ein Kunde wie jeder andere auch, heißt es – und die angebotene Dienstleistung falle ganz normal unter “Cash Management”-Solutions.

Dem Eindruck, dass ein Fintech-Kunde der Kategorie Trade Republic für die Deutsche Bank neu ist, wird in Finanzkreisen widersprochen. Das Institut habe in den vergangenen Jahren bereits eine ganze Reihe von namhaften, auch deutschen Fintechs als Kunden gewonnen. Ungewöhnlich an Trade Republic sei eher, dass die Sache in diesem Fall öffentlich wurde.

Und noch mehr Payment-Nerds! Deutsche Bank wildert bei Wirecard


3.) Wofür braucht Trade Republic die Deutsche Bank konkret?

Um dies detailliert zu erklären, bräuchten wir mehr Ahnung von der Materie, aber hier zumindest mal der grobe Versuch: Die von der Solarisbank erbrachte Dienstleistung (also stark vereinfacht ausgedrückt das Führen der Depot-Verrechnungskonten) hatten wir uns irgendwie immer als primär technisch-regulatorische Dienstleistung vorgestellt. Tatsächlich allerdings, so wurde es uns gestern geschildert, geht es darüber hinaus um das Handling großer Geldflüsse. Zumal Trade Republic ja, anders als noch vor 1-2 Jahren, kein Startup mehr ist, sondern einer der größten europäischen Retail-Broker mit mutmaßlich weit mehr als einer Million Kunden und entsprechend riesigen Handelsvolumina.

Die Konsequenz: In der Aufbauphase sei der sozusagen natürliche Banking-Partner von Trade Republic die Solarisbank gewesen. Inzwischen habe der Berliner Neobroker allerdings ein Stadium erreicht, indem es naheliegender sei, die Zahlungsabwicklung einer internationalen Großbank anzuvertrauen. Dass sich Trade Republic neben der Deutschen Bank auch für die Citigroup entschieden hat, sei demzufolge kein Zufall. Beide Institute verfügten über reichlich Erfahrung im großvolumigen Cash-Management und über eine breite Produktpalette – wozu beispielsweise auch Kreditprodukte gehörten, mit denen sich kurzfristige Liquidität für die Handelsabwicklung sicherstellen lasse.


4.) Ist die Solarisbank jetzt der große Verlierer?

Also – ein Gewinner ist sie sicher nicht, wenn jetzt die Kunden von ihr weg migriert werden…

Allerdings: Wie stark der Verlust mutmaßlich hunderttausender Konten die Solarisbank wirklich trifft, dazu kursierten gestern zwei unterschiedliche Lesarten:

  • Lesart A) Um wirklich groß zu werden, brauche die Solarisbank (die vergangenes Jahr den Unicorn-Status erreicht hatte) auch entsprechend große Kunden. Einen ihrer größten allerdings habe sie nun verloren – das werfe kein gutes Licht auf die Wachstums- und Skalierungs-Story
  • Lesart B) Trade Republic sei zwar ein prestigeträchtiger Kunde – wirklich attraktiv sei das niedrigmargige Massengeschäft mit den Verrechnungskonten allerdings nicht. Deshalb: Dass die Solarisbank große Accounts händeln könne, habe sie längst bewiesen. Darum gehe es für sie im Moment eher darum zu zeigen, dass sie mit ihren Partnern wirklich Geld verdienen kann. Und das gehe im “Konto & Karte”-Business, das die Solarisbank mit Neobanken wie Vivid Money oder Penta betreibt, deutlich besser

5.) Warum hat sich Trade Republic gleich zwei neue Bankpartner angelacht?

Das ist unklar. Im Zuge der angestrebten Europäisierung (Italien, Frankreich, Spanien …) kann es vermutlich nicht schaden, mit gleich zwei großen Zahlungsabwicklern zu partnern. Zumal: Von großen Einzelhändlern kennt man das ja auch, dass sie oftmals nicht nur mit einem, sondern mit zwei Acquirern kooperieren (man weiß ja nie …). Gleichwohl: Eine Notwendigkeit, neben der Deutschen Bank auch noch die Citigroup ins Boot zu holen, gibt es unserem Verständnis nach nicht.

Wie die Kunden auf die beiden Banken aufgeteilt werden, entzieht sich unserer Kenntnis. Ebenso wenig wie wir wissen, ob eines der beiden Institute eine Art “Preferred-Status” genießt. Aus dem Umfeld von Trade Republic verlautete gestern nur so viel: Eine trennscharfe Aufteilung zwischen regionalen Märkten sei nicht vorgesehen.


6.) Was sagt der Schritt über Trade Republic?

  • In jedem Fall unterstreicht die Kooperation mit der Deutschen Bank und der Citigroup die enormen Ambitionen des 5-Mrd.-Dollar-Fintechs
  • Ein Vorgriff auf möglicherweise noch weitreichende Expansionsgelüste (UK?) sei der Schritt allerdings nicht, hieß es gestern …
  • … und die Partnerschaft dahingehend zu deuten, dass damit auch eine Vorentscheidung in Bezug auf etwaige, zukünftige IPO-Banken gefallen sein könnte – diese Deutung sei ebenfalls Quatsch.

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