Kurz gebloggt

Das Comdirect-Vermächtnis: Was fehlte, war der monogame Kunde

15. April 2020

Von Christian Kirchner

Huch, was finden wir denn hier beim Aufräumen unseres „Home Office Desks“? Den Verschmelzungsbericht von Commerzbank und Comdirect! Das gute Teil (hier zum Download) hatten wir vor lauter Corona-Krise glattweg vergessen … Und nun? Einfach wegschmeißen? Das Dokument datiert auf den 20. März, eigentlich viel zu alt, um noch darüber zu berichten. Andererseits: Vielleicht enthält der Bericht ja doch ein paar Erkenntnisse, über die noch nicht berichtet wurde (z.B. was die Frage angeht, warum die Comdirect denn eigentlich verschwinden musste) . Wollen wir doch mal sehen …

1.) Die Comdirect schaffte es nicht, zur Erstbank-Verbindung zu werden

Der Verschmelzungsvertrag liefert Hinweise darauf, dass die Comdirect unter einem typischen Problem von Anbietern kostenloser Girokonten und den dazugehörigen Neukunden-Kampagnen leidet: Zwar setzten immer mehr klassische Commerzbank-Kunden auf digitale Angebote, heißt es in den Ausführungen zur Ausgangslage. „Andererseits unterhalten Kunden der Comdirect parallel Bankbeziehungen zu etablierten Filialbanken“, so der Bericht. Ist die langjährige Comdirect-Strategie, zur Erstbank-Verbindung der Kunden zu werden, fehlgeschlagen? Sieht so aus. Das Problem hieran: Die Multi-Konto-Kunden, die bei allen Banken das für sie Beste abgreifen, sind der natürliche Feind jeder Monetarisierungs-Strategie.

2.) Die „integrierte Bank“ kommt eher so Richtung 2023

Die Kunden der Comdirect müssen zumindest vorerst auf nichts verzichten. Geplant ist „das Leistungsangebot […] unverändert fortzuführen“. Erst „im weiteren Verlauf“ des Verschmeldungs-Prozesses soll dann „sukzessive das Zielbild der integrierten Bank“ realisiert werden. Die interne Zielmarke: 2023. Denn erst dann wird, wie es etwas ungelenk formuliert heißt, „ein eingeschwungener Zustand erwartet“.

3.) Was kann die Comdirect von der Mutter lernen? Wenig …

Die Commerzbank soll strategisch offenbar mehr von der Comdirect übernehmen als umgekehrt. Hinweise etwa, dass die rund 2,7 Mio. Comdirect-Kunden an Filialdienstleistungen herangeführt werden sollen, finden sich kaum in dem Vertrag. Hingegen heißt es: „Die digitale Weiterentwicklung mit dem Fokus auf ‚Mobile first‘ ist ein wesentliches strategisches Ziel der Integration.“ Und: „Die Commerzbank (wird) von den Kenntnissen und Erfahrungen des vertriebsstarken Comdirect Kundencenters profitieren.“ Und: „Kunden der Commerzbank hingegen können künftig ebenfalls das Brokerage-Angebot der Comdirect nutzen.“

4.) Die Monetarisierung-Pläne klingen noch etwas diffus

Etwas nebulös heißt es, dass „die persönliche Beratung der Commerzbank ein wesentlicher Teil des zukünftigen Kundenbetreuungsmodells nach der Verschmelzung“ sein soll.

Das wirft Fragen insbesondere zum künftigen Gebührenmodell auf. Denn: Die 1,7 Mio. Girokonten der Comdirect werden bislang umsonst geführt. Die Commerzbank bietet zwar auch per se ein kostenloses Girokonto ohne Mindest-Gehaltseingang an. Allerdings fügten die Frankfurter diesem Angebot im Juni für Neuabschlüsse eine Fußnote hinzu, wonach es sich um ein „zeitlich befristetes Angebot“ handle. Früher oder später wird die Commerzbank alles daran setzen wird, Kunden in kostenpflichtige Kontomodelle zu überführen und/oder das Leistungsangebot für kostenlose Kunden abzuspecken.

5.) In der Kunden-Akquise geht es um Kompensation statt um Wachstum

Was heißt das alles für die Entwicklung der Kundenzahlen, wo doch beiden Instituten das Netto-Neukundenwachstum seit Jahren strategisch heilig ist? Hier wird erwartet, „dass mögliche Kundenabwanderungen mit Neukundengewinnung kompensiert werden“, heißt es dazu. Im Klartext: Das ganze soll Null auf Null hinauslaufen.

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