Kurz gebloggt

Das seltsame Zertifikat in der Produkt-Palette der ING Diba

23. April 2020

Von Christian Kirchner

Einlagen rein, Baukredite raus – und ansonsten lassen wir unsere Kunden in Ruhe. Das war (leicht zugespitzt formuliert) das Geschäftsmodell der ING Diba.

Indes: Die ING Diba heißt ja nicht mehr ING Diba. Stattdessen will seit  einiger Zeit „ING Deutschland“ genannt werden. Und nicht nur der Name, auch das Geschäftsmodell verändert sich, wie wir Anfang Februar in unserer großen Analyse „Der Tabubruch – Warum sich die deutsche ING neu erfinden muss“ gezeigt hatten. Die größte Online-Bank des Landes will ihre Kunden nicht länger in Ruhe lassen. Sondern sie will ihnen (was ja auch völlig legitim ist) etwas verkaufen.

Der langjährige ING-Kunde merkt das daran, dass in seinen Kundenbriefen, in seinem Online-Banking und seiner Mobile-Bank-App immer öfter für irgendwas geworben wird, was aus Kundensicht in den Bereich „Geldanlage“ und aus Bankernsicht in den Bereich „Provisionsgenerierung“ fällt. Hier ein Hinweis auf den Robo-Partner Scalable Capital. Dort eine neue ETF-Sparplan-Aktion. Dann wieder ein „Fonds-Held“, der sich zu kaufen lohne.

An das meiste hat man sich gewohnt. Und manches ist aus Kundenperspektive auch durchaus sinniger, als sein Geld auf alle Zeiten auf dem „ING-Extrakonto“ vor sich hinvegetieren zu lassen. Indes: Neulich, so berichten Kunden, tauchte im Online-Banking der ING Deutschland urplötzlich ein Produkt auf, dass man in dieser Form eher anderswo vermutet hätte. Nämlich die „Neuemission“ eines Zertifikats. Genauer: einer Aktien-Anleihe. Und noch genauer: einer Aktien-Anleihe mit einer ziemlich üppigen „Reduction in Yield“, also mit ziemlich üppigen internen Gebühren des Emittenten.

Konkret handelte es sich um eine Aktien-Anleihe auf Wirecard, emittiert von Hypo-Vereinsbank, vertrieben – so jedenfalls der Plan – über die ING Deutschland. Die Konstruktion des Papiers ist flott erklärt: Das Zertifikat, so hat Finanz-Szene.de rekonstruiert, sollte vom 15. April über zwölf Monate laufen. Wer so lange dabeigeblieben wäre, hätte in jedem Fall eine garantierte einmalige Zinszahlung in Höhe 12,6% kassiert. Im Gegenzug sollte der Anleger auf jede darüber hinausgehende Gewinnchance verzichten.

Heißt: Hätte die Wirecard-Aktie auf Jahressicht 30% zugelegt, wäre es für den Anleger trotzdem bei den 12,6% geblieben. Andererseits wäre der Anleger allerdings auch gegen Kursverluste von bis zu 10% geschützt gewesen (er hätte also trotzdem seine 12,6% plus seine Anlagesumme kassiert). Erst an größeren Verlusten wäre der Käufer an den Verlusten beteiligt worden: Heißt: Bei einer Anlage von 1000 Euro und einem Kursverlust von 25%, hätte der Anleger auch nur 750 Euro zurückerhalten, plus seinen garantierten Kupon von 12,6%.

Nun mag man von solchen Konstruktionen halten, was man will. Per se zu verurteilen sind sie nicht. Und ungewöhnlich schon gar nicht. Oder anders gesagt: Wer ganz fest mit einer Seitwärtsbewegung der Wirecard-Aktie rechnet und darauf unbedingt setzen möchte, für den sind die 12,6% Rendite eine attraktive Option. Und fair sah auf den ersten Blick auch die Bonifikation der ING aus: „Für die Vertriebsleistung erhält die ING einmalig eine Vergütung von 1%“, war auf der Zertifikate-Seite des Instituts zu lesen. Indes: Zu jedem Zertifikat gehört seit 2018 ein vom Gesetzgeber verpflichtend vorgeschriebenes „Basisinformationsblatt“ – welches im konkreten Fall unter anderem die internen Produktkosten seitens des Emittenten Hypo-Vereinsbank offenlegen muss. Und dort steht auf Seite 3 unter „Zusammensetzung der Kosten“ und „Auswirkung der im Preis bereits inbegriffenen Kosten“: 10,37%.

Anders gesagt: Die internen Kosten des Produkts sind fast so hoch wie der maximal mögliche Gewinn des Kunden (also die 12,6%). Nun werden zwar die internen Kosten nicht vom Kupon abgezogen, der Kunde erhält also in der Tat eine Zinszahlung von 12,6% und nicht etwa eine Zinszahlung von 12,6%, von der er sauber gerechnet noch 10,37% Kosten abziehen muss. Aber: Wären die internen Kosten niedriger, dann bestünde entsprechender Spielraum, das Produkt deutlicher attraktiver zu gestalten. Also zum Beispiel einen höheren Kupon zu zahlen.

Das ist insofern interessant, als dass es von Wettbewerbern der HVB Aktienanleihen auf Wirecard (etwa bei der DZ Bank oder HSBC) mit fast identischer Laufzeit, aber weitaus besseren Konditionen gibt. Also höheren Puffern. Oder höhere Zinskupons. Meist beidem. Und vor allem einem Bruchteil des „Reduction in Yield“ (das ist der Fachbegriff für die internen Kosten). Die liegen liegen bei anderen einjährigen Aktienanleihen auf Wirecard nämlich bei die exemplarisch zwischen 0,2% und 1,1%. Und nicht dem 10- bis 50fachen davon.

Erkundigt sich man bei Industrie-Insidern, gibt es für diese merkwürdige Diskrepanz eine Erklärung: In sich schnell bewegenden Märkten sind „Primärmarkt“-Emissionen (also das, was die HVB und die ING Deutschland mit ihrer „Neuemission“ vorhatten …) denkbar ungünstig. Denn: Die Konditionen der bereits am Markt befindlichen Papiere („Sekundärmarkt“) passen sich in ihren Preisen neuen Marktgegebenheiten an. Was insbesondere für die Volatilität gilt (und die war ja in den vergangenen Wochen extrem hoch). Bei den „Primärmarkt-Emissionen“ liegen die Konditionen hingegen vorher fest. Dann folgt eine lange Zeichnungsphase. Was dazu führen kann, dass sich in volatilen Marktphasen die Metriken eines neues Produks im Zuge der Emission dramatisch verändern könne.

Vernünftigerweise hätten die ING die geplante Emission frühzeitig stoppen müssen. Das allerdings geschah erst unmittelbar vor der für den 15. April geplanten Emission – nachdem das Papier inklusive der unvertretbar hohen internen Kosten bereits beworben worden war (und Finanz-Szene.de die Bank mit Fragen zu dem Papier konfrontiert hatte).

Hatte die ING die integrierte Kostenexplosion zuvor schlicht übersehen? Wollte man das Papier zunächst trotz der gestiegenen Kosten in den Markt bringen, entschied sich dann aber im letzten Moment doch noch anders? Oder ist der Rückzug „konsequent anlegerfreundlich“, wie die ING Deutschland auf Anfrage mitteilt?

Fest steht: Die Aktienanleihe mit den 10,37% internen Kosten ist letzten Ende in keinem einzigen Kundendepot gelandet. Und das ist gut so.

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