Exklusiv

Deutsche Bank plant Öffnung ihrer App für Nichtkunden

16. Januar 2020

Von Christian Kirchner

Wenn es wirklich so kommt, wäre es revolutionär: Die Deutsche Bank verfolgt Pläne, ihre App für Nichtkunden zu öffnen und mit der Zeit dann auch immer mehr „bankferne“ Produkte über die App zu vertreiben. Das hat Finanz-Szene.de von mit der Angelegenheit vertrauten Personen erfahren. Der innerhalb des Instituts umstrittene Schritt würde nach unserem Verständnis bedeuten, dass die Nutzung der Deutsche-Bank-App nicht mehr an ein vollständiges vorheriges Onboarding geknüpft wäre. Stattdessen gäbe es neben dem normalen „Kunden“ praktisch auch den einfachen „User“, der die App nutzen kann, ohne eine vollständige Kundenverbindung einzugehen.

Dazu muss man wissen, dass die Deutsche Bank ihren Kunden auch jetzt schon digitale Features anbietet, die über klassische Bankdienstleistungen hinausgehen. Dazu gehören zum Beispiel der sogenannte „E-Safe“ (ein digitales Dokumenten-Schließfach) oder der „Zinsmarkt“, eine Zins-Plattform, über die die Deutsche Bank Spareinlagen an andere Institute vermittelt.

Darüber hinaus kursieren in der Deutschen Bank konkrete Überlegungen, die Angebotspalette deutlich zu erweitern. Ein Beispiel: Der Nutzer könnte via Deutsche-Bank-App ein iPhone – verbunden mit einer günstigen Ratenfinanzierung oder einer Display- oder Verlustversicherung. Die Bank wäre in diesem Fall ein reiner Produktvermittler, hätte aber die Möglichkeit, eine eigene Dienstleistung in den Produktabschluss einzubinden.

In letzter Konsequenz wäre die Deutsche-Bank-App damit keine klassische Banking-App mehr, sondern würde eher zu so etwas wie eine Shopping-App mutieren. Vorbilder hierfür sind beispielsweise die spanische BBVA, diverse asiatische Banken oder die chinesische „Super-App“ Wechat (die quasi Amazon und Multifinanz-App in einem ist).

Die Pläne wären – bei Umsetzung – eine radikale Abkehr vom Retailbanking, wie es hierzulande bislang verstanden wurde und in der Banking-Apps in „Silos“ stecken, die nur mit Bankverbindung zugänglich sind. Kern der Geschäftsbeziehung zum Normalkunden war in der analogen Welt stets das Girokonto. Dieses galt als Anker für lukrative Folgegeschäfte, etwa in der Immobilienfinanzierung. Im Internet-Zeitalter drohen die Banken ihren einstmals exklusiven Zugang zum Kunden aber peu à peu zu verlieren, neue Richtlinien wie PSD2 tragen ebenfalls dazu bei, dass die Erstbankverbindung an Bedeutung verliert.

Anders gesagt: Vor zehn Jahren war klar, was ein Bankkunde ist: derjenige, der bei einer Bank mindestens sein Gehaltskonto führt. Heute diffundiert der Begriff, wachsen die Konten- und Kartenportfolios beständig – und drohen Banken in die Rolle eines reines Abwicklers von margenschwachen Dienstleistungen degradiert zu werden. Das zeigt sich einmal in einem Verlust an Geschäft, den Banken mit „ihren“ Kunden machen – es zeigt sich aber auch darin, dass Kunden komplett abwandern.

Die Deutsche Bank (die anders als zum Beispiel die Commerzbank kaum aggressive Neukunden-Kampagnen fährt) hat das in den vergangenen Jahren selbst zu spüren bekommen. Sie verlor zuletzt binnen gut eines Jahres rund eine Million Kunden – netto. Damit bröckelt auch die Basis für Provisionserträge aus der Kontoführung und Folgegeschäft.

Die Überlegungen der Bank – über die noch nicht final entschieden wurde – sind daher auch nicht zwingend offensiv zu verstehen. Vielmehr müssen sich angesichts des grassierenden Sparzwangs (die Kosten sollen bis 2022 von zuletzt 22 auf 17 Mrd. Euro herunter) alle Digitalinvestitionen der Deutschen Bank in einem überschaubaren Zeitraum rechnen – es gibt keine „Nice to have“-Features mehr, die etwa experimentell den Leistungsumfang für Bestandskunden verbessern. Insofern landet man zwangsläufig bei radikaleren Ideen, die Erträge überhaupt zu verteidigen. Erst Anfang Dezember musste die Bank zugeben, nunmehr in der Privatkundensparte bis 2022 mit überhaupt keinem Ertragswachstum mehr zu rechnen.

Das ganz große Ziel hinter der Öffnung der App ist es, wieder das zu werden, was Banken in der analogen Welt waren – nämlich der erste Anlaufpunkt für den Kunden zu werden. Doch so plausibel die Pläne in der Theorie klingen mögen: In der Praxis stellt sich die Frage, warum Nichtkunden ausgerechnet die Deutsche-Bank-App zum Ausgangspunkt für ihre Online-Aktivitäten machen sollten. Schließlich begibt sich die Frankfurter Großbank im Kampf um die Kundenschnittstelle in Konkurrenz zu mächtigen Spielern wie Apple, Amazon oder zum Beispiel auch Check24. Intern können Befürworter der Idee allerdings auf das rasante Wachstum der digitalen Nutzung von Deutsche-Bank-Anwendungen verweisen und darauf, dass erste Cross-Selling-Experimente vielversprechend angelaufen sind.

Tatsächlich heißt es, in Teilen der Deutschen Bank würden die Pläne schon länger verfolgt – seien aber lange Zeit auf Widerstand gestoßen. Als Gegner des Projekts galt intern Ex-Privatkundenchef Frank Strauß. Dessen Nachfolger Manfred Knof soll der Idee allerdings offener gegenüberstehen. Ein Sprecher der Deutschen Bank lehnte jede Stellungnahme zum Thema ab.

Als Fingerzeig, dass die Argumentation der Befürworter inzwischen die Bankspitze erreicht hat, gilt indes eine Passage aus der Rede von CEO Christian Sewing beim „Investor Deep Dive“ Anfang Dezember. Wörtlich hatte Sewing dort (ab Minute 35) in Zusammenhang mit dem „Tech Driven, (open) platform banking“ gesagt:

„We have seen a growth of 40% year to date in monthly active users, and clients use the app one million times a day. That’s up 25% since the beginning of the year. Aber there’s much more to it. Our cross sell rates for active online clients are more than 60% higher than for those clients that are not online.“

(…)

„We now understand clients need much better and can propose targeted solutions to them. With that, we are moving to the next level of platform business by becoming much more of an initiator of transactions than a processor of transactions.“

„Genau darum geht es bei den Plänen“, sagt einer, der mit der Gemengelage vertraut ist – „zum Auslöser einer Transaktion zu werden anstatt sie nur abzuwickeln“.

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