Analyse

Deutsche Banken kontern Gratis-Broker mit höheren Preisen

26. November 2019

Von Christian Kirchner

Im Retail-Brokerage überschlagen sich die Ereignisse:

  • In den USA übernimmt der Marktführer Schwab den Rivalen TD Ameritrade. Hintergrund des 26-Mrd.-Dollar-Deals: Aufgrund eines seit Monaten  grassierenden Preiskriegs garantieren nur noch Skaleneffekte auskömmliche Erträge.
  • Das Broker-Fintech Robinhood, das den Preiskrieg mit seinem Null-Gebühren-Modell überhaupt erst eingeleitet hatte, wagt unterdessen die Expansion nach Euro. Im ersten Quartal wollen die Amerikaner in Großbritannien an den Start gehen, womöglich folgt bald Deutschland.
  • Hier allerdings ist mit „Gratisbroker.de“ gerade erst der dritte Kostenlos-Anbieter (Finanz-Szene.de vom 19.11.2019) an den Start gegangen (nach Trade Republic aus Berlin und der Sutorbank-Tochter Justtrade). Und frühe Disruptoren wie Flatex kontern zum Teil sogar mit negativen Orderkosten.

Nun hatten wir im Sommer am Beispiel vonTrade Republic aufgezeigt, dass der Handel über die gebührenfreien Broker natürlich nicht wirklich kostenlos ist. Das ändert allerdings nichts an der von vielen Branchenexperten geäußerten Vermutung, dass es ähnliche Verwerfungen, wie sie sich in Amerika bereits zeigen, bald auch im hiesigen Broker-Markt geben könnte.

Also nochmal: Wie reagieren Deutschlands Banken und etablierten Broker auf diese sich schon länger abzeichnende säkulare Herausforderung? Interessanterweise: Bislang im Jahresverlauf nicht etwa mit Gebührensenkungen – sondern mit dem glatten Gegenteil.

  • In der Regel teurer für Anleger wurde es per 1. September beim Deutsche-Bank-Broker Maxblue (Bericht hier)
  • Bei der Postbank kletterten die Ordergebühren in zwei Schritten seit vergangenem Herbst um bis zu 100% für die Privatanleger-typischen Ordergrößen (Bericht hier)
  • Die Comdirect flog ihre kleinere Gebührenerhöhung im März über höhere Handelsplatzentgelte ein
  • Die inzwischen von der Comdirect übernommene Onvista hatte ihre Ordergebühren schon im Februar erhöht (Bericht hier) und im Sommer ihre bis dahin kostenlosen Sparpläne mit einer Festpreisgebühr von einem Euro versehen (Bericht hier)
  • Kurzum: Der branchenweit beachtete „Brokergebühren-Index“, den das Fachportal Broker-Test seit dem Jahr 2000 erhebt, klettert seit zwei Jahren stetig an (Link)

Die Kostenlos-Broker weiten derweil ihre Produktpaletten aus. Trade Republic kündigte Anfang November an, ab sofort 280 ETFs des globalen Indexfonds-Marktführers iShares/Blackrock komplett kostenlos im Rahmen von Sparplänen anzubieten. Das gab es bislang nur zeitlich befristet.

Wie sollen diese Modelle jemals profitabel werden? Wo kommen sie so plötzlich her? Und wie kann es sein, dass Traditions-Broker und Neo-Broker komplett unterschiedliche Preisstrategien einschlagen?

  • Die Technik begünstigt Null-Euro-Modelle: Die neuen Anbieter konzentrieren sich in der Regel stark auf smartphonebasierte Onboarding-Prozesse und Orderabwicklungen. Zudem umgehen sie die klassischen Börsen als Handelsplatz, docken ihre Kunden stattdessen direkt an exklusive Handelspartner wie Lang & Schwarz an (die Details dieses Ansatzes hatten wir neulich ausführlich beschrieben).
  • Etablierten Anbieter bleibt oft keine andere Wahl, als mit höheren Gebühren zu reagieren. Denn: Aufgrund ihrer höheren Kostenbasis können Sie sich signifikante Preissenkungen gar nicht leisten. Lieber riskieren sie, dass ein Teil der Kunden abspringt, als dass sie mit allen Kunden weniger Geld verdienen.
  • Die Zielgruppen sind unterschiedlich: Aus soziodemografischer Perspektive haben etablierte Anbieter gute Chancen, mit ihren Gebührenerhöhungen durchzukommen. Denn die zahlenmäßig größte Gruppe an Aktionären in Deutschland sind die Über-60-jährigen (3,5 Mio. vs. z.B 2,2 Mio. Unter-40-Jährigen). Und das sind – ohne Stereotype bedienen zu wollen – nicht unbedingt die Kunden, die bei erstbester Gelegenheit zu einem „Mobile only“-Broker wechseln.

Es gibt allerdings auch weitere Indizien, dass die Lage nicht allzu rosig ist für etablierte Anbieter: In den Zahlenwerken der deutschen Broker finden sich immer mehr Hinweise, dass das Geschäft zunehmend schwieriger wird.

  • Beispiel Flatex: Der Frankfurter Online-Broker gilt zwar als einer der aggressivsten Neukunden-Akquirierer. Dennoch verzeichnete Flatex im ersten Halbjahr einen Rückgang der ausgeführten Transaktionen zum Vorjahreszeitraum von 13%. Entsprechend sanken auch der Provisionsüberschuss (-7%) und das Konzernergebnis (-10%).
  • Beispiel Comdirect: Zwar steigerte die Coba-Tochter von Januar bis September ihren Gewinn bereinigt um 14% (siehe Bericht hier). Dazu trug das Wertpapiergeschäft trotz Gebührenerhöhungen allerdings kaum etwas bei. Die Zahl der Order? Plus 14%. Die Zahl der Depots? Plus 14%. Die Provisionserträge im Brokerage-Geschäft jedoch nur: plus 3%.

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