Aus der Szene

Die alten Banker gehen jetzt zum Fintech. Und die Fintech-Jungs flüchten zur Bank

Legendär ist die Geschichte des Frankfurter Fintech-Promis, der eigentlich als COO bei einem aufstrebenden Berliner Krypto-Startup angeheuert hatte – allerdings nach vier Tagen seinen Rollkoffer packte, um stattdessen das alternative Jobangebot der Börse Stuttgart anzunehmen.

Damals wurde in der Szene noch geschmunzelt: Stuttgart statt Berlin? Börse statt Fintech? Aus heutiger Perspektive dagegen – hat der gute Oliver Vins (so hieß der Mann und heißt er immer noch) eigentlich alles richtig gemacht. Wer will sich schon der „Hiring & Firing“-Kultur aussetzen, die zuletzt bei etlichen Berliner Fintechs herrschte? Und was sind schon ein paar ESOPs gegen ein ordentliches Gehalt?!

Nicht zu vergessen: Unter Schwaben lebt man am Ende ja so oder so, ob nun in Stuttgart oder am Kollwitzplatz im Prenzlauer Berg.

Tatsächlich ist in diesen Wochen zu beobachten, dass das „Modell Vins“ Schule macht – übrigens interessanterweise genauso wie das exakt entgegengesetzte Modell. Was waren das noch für Zeiten, als das Andocken der Fintech-Blogger Bajorat und Siegert bei der Deutschen Bank mit einem Argwohn verfolgt wurde, als hätten die beiden den Wechsel Luis Figos vom FC Barcelona zu Real Madrid nachgespielt. Wären André Bajorat und Jochen Siegert damals auf einer ihrer Payment-Konferenzen mit einem Schweinskopf beworfen worden, so wie dereinst Figo im Camp Nou – man hätte sich nicht gewundert. Heute dagegen? Werden die Seiten zwischen Banking und Fintech fast im Wochentakt gewechselt, und niemanden stört’s auch nur im Geringsten.

Dabei scheinen es tatsächlich eher die Jungen zu sein, die die Sicherheit der etablierten Bankenbranche suchen. Während es eher die Älteren sind, die sich noch mal das Abenteuer Fintech geben.

  • Dirk Franzmeyer zum Beispiel, 54 Jahre alt, einstiger Gründer der biw Bank? War eben noch in der „Rheinischen Post“ als Vorsitzender des Vereins „Wir retten unser Dorf e.V.“ zu bewundern. Und schlägt nun unvermittelt in der Geschäftsführung von Scalable Capital auf.
  • Oder, Klaus Vehns, ebenfalls 54 Jahre, ganz früher Landesbank Schleswig-Holstein (ja, die gab’s mal), später Comdirect und BMW Bank, zuletzt zwölf Jahre bei der deutschen Rabobank-Tochter Rabodirect – firmiert neuerdings als „Chief Growth Officer“ des niederländischen Fintech-Unicorns Bunq.

Zwei Männer, bei denen man davon ausgehen sollte, dass die private Vermögensbildung weit fortgeschritten ist. Die sich also Fintech, wenn man so will, noch leisten können. Und zwar nicht als „Beirats-Mitglied“, das für ein paar tausend Euro im Jahr den eigenen Namen zu Markte trägt (das gab es ja immer schon). Sondern mittenmang im operativen Geschäft. So richtig mit Arbeitszeiten und so.

Dagegen die Fintech-Jungs? Eben noch haben sie die Revolution angezettelt. Und plötzlich schauen sie abends im Schrank nach, ob der Anzug noch passt, weil am nächsten Morgen ein Vorstellungsgespräch bei Frau Kolak oder Herrn Schmalzl auf sie wartet.

  • Björn Schmuck zum Beispiel war die letzten drei Jahre als „Co-Founder“ eines „EdTechs“ namens „Buya“ unterwegs („EdTech“ hat nichts mit sprechenden Pferden zu tun, sondern mit dem englischen Wort für „Bildung“). Seit Anfang April leitet er stattdessen nun den „Amberra“ genannten Accelerator der genossenschaftlichen Bankengruppe.
  • Oder, Chris Scheuermann, ein Mann, der in den letzten zehn Jahren fast alles erlebt hat, was man im Fintech-Bereich erleben möchte oder auch nicht erleben möchte (2012-2016 Paypal, 2016-2020 Finleap Connect, 2020-2022 Yapily) – trägt seit Anfang März als „Country Relationship Management Lead – Germany“ die bankeneigene European Payment Initiative hinaus ins Land.

Nun gehört zur Wahrheit natürlich auch, dass sowohl Franzmeyer als auch Vehns immer schon digitalaffine Banker waren (der eine mit dem Schwerpunkt „Whitelabel-Banking“, der andere mit dem Schwerpunkt „Online-Banking“) – da ist der Schritt in die Fintech-Branche nicht ganz so groß. Und umgekehrt haben sowohl Schmuck (Ex-Berenberg, Ex-Deka) als auch Scheuermann (früher mal für die sparkassen-eigene Starfinanz unterwegs) eine Vergangenheit in der etablierten Bankenbranche – diese Anknüpfungspunkte dürften bei ihren jüngsten Engagements geholfen haben.

Und doch – die Grenzen verschwimmen zwischen Banking und (Fin-)Tech. Ob nun …

  • bei der Helaba, die in den letzten Monaten die drei „Managing Director“-Positionen ihrer hauseigenen „Helaba Digital GmbH“ allesamt mit externen Kandidaten besetzte (siehe hier und hier)
  • bei der LBBW, die ihren neuen Digitalchef wie selbstverständlich von außen holte (siehe hier)
  • bei der SWK Bank, die sich für ihr „Business Development“ gerne bei Berliner Fintech-Managern bedient (siehe hier)
  • bei dem noch immer dezent nebulöse Berliner Digitalprojekt von J.P. Morgan, für das unter anderem Alumni von Solarisbank, N26, Bitpanda und Nuri angeworben wurden
  • oder eben andersherum bei N26, wo seit neuestem ein früherer Landesbanker im Vorstand sitzt (siehe hier)
  • oder bei Trade Republic, wo – vielleicht auch schon als vorbereitende Maßnahme in Richtung Banklizenz – im vergangenen Sommer zwei Senior-Banker in die Führung einstiegen (siehe hier)

Da passt ins Bild, dass zuletzt auch die Sparkassen eine ihrer wichtigsten Positionen nicht etwa intern besetzten – sondern stattdessen auf eine bemerkenswert originelle Lösung setzen, siehe just dieser Tage unser Stück -> Sparkassen machen Mercedes-Topshot zum Chef der FI-TS. Und ins Bild passt auch, dass Frankfurts Banken zwar dieser Tage wieder mal laut über den bösen Fachkräftemangel klagen – sich ein Frankfurter Bankmanager gestern am Rande der „Finance Forward“-Konferenz allerdings leise freute, dass ihm die jüngst Entlassungswelle im Fintech-Bereich das Recruiting derzeit massiv erleichtere.

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