Jahres-Rückblick (II)

Die Digital-Banking-Trends 2020. Und die Lehren für 2021

16. Dezember 2020

Von Christian Kirchner und Heinz-Roger Dohms

1.) Auch die Direktbanken verabschieden sich vom Kostenlos-Banking. Und das war erst der Anfang.

Dass Filialbanken ab und an mal Gebühren erhöhen – geschenkt. Wenn aber die ING Diba erklärt, ihr kostenloses Girokonto sei nur noch ab einem monatlichen Mindestgeldeingang von 700 Euro kostenlos, ansonsten würden 4,90 Euro Gebühren fällig – dann ist das eine Zäsur.

Tatsächlich ist die ING Deutschland nicht die einzige hiesige Direktbank, die in diesem Jahr die Abkehr vom Kostenlos-Ansatz vollzogen hat. Auch Fidor ging diesen Schritt. Die 1822 ebenfalls. Consors dachten zumindest darüber nach. Und bei Anbietern wie N26 bleibt zwar das Basiskonto kostenlos – trotzdem ist ein deutlicher Strategieschwenk in Richtung kostenpflichtiger Kontomodelle erkennbar.

Dahinter steckt nicht nur die Idee, die Provisionserlöse zu steigern. Sondern der Gedanke, Verhaltens-Änderungen attraktiver zu machen und Kunden stärker zu segmentieren. Insofern ist es kein Wunder, dass 2020 nicht nur das Jahr war, in dem sich die Direktbanken vom kostenlosen Konto zu verabschieden begannen. Sondern auch das Jahr, in dem sie anfingen, die sogenannten „Verwahrentgelte“ (vulgo: Strafzinsen) zu verhängen. Zweifellos geht da noch mehr. In 2021.


2.) Für die ING Diba war 2020 ein Jahr des Übergangs. Und 2021?

Wer hierzulande „Direktbank“ sagt – der kommt um die ING Diba herum. Darum verharren wir noch einen Augenblick beim Frankfurter Oranje-Institute.

Zahlenmäßig und in Anbetracht der Umstände dürfte auch 2020 wieder okay gewesen. Auf Neun-Monats-Basis stand in der Rechnung der niederländischen Mutter ein Vorsteuergewinn von rund 800 Mio. Euro zu Buche, die Cost-Income-Ratio lag bei weiterhin starken 48%.

Interessanter: 2020 sollte eigentlich das Jahr werden, in dem die ING Diba den großen Strategieschwenk vollzieht und in die Wertpapierberatung einsteigt. So ganz hat das zeitlich nicht hingehauen. Wir gehen aber davon aus, dass es nächstes Jahr (und zwar relativ früh im nächsten Jahr) der Fall sein wird.


3.) Die DKB war 2020 ein Jahr des Rückschritts. Und 2021?

Mit der DKB ist eigentlich alles okay. Aber irgendwie hat man den Eindruck, es war auch schon mal (entschuldigen Sie das falsche Wort) okayer. Und damit meinen wir nicht mal den IT-Clusterfuck in der ersten Jahreshälfte (mehr dazu weiter unten). Sondern, dass immer auf Investitionen in die Digitalisierung verwiesen wird – man aber auf die Ergebnisse dieser Investitionen gefühlt oft recht lange warten muss. Wann kommt sie denn nun, die neue App? Bei Twitter lautet die DKB-Running-Gag-Antwort auf solche Fragen: „Soon“.

Könnte es sein, dass die rätselhafte Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit irgendwann mal mit einem anorganischen Schritt überbrückt wird? Vielleicht klappt’s dann ja auch mit den 8 Mio. Kunden (Stand heute: 4,5 Mio.). Und zwar: „Soon“.


4.) Die Brokerage-Modelle von Flatex und Comdirect sind 2020 explodiert. Und wie weiter?

Um 131% ist Flatex-Aktie in diesem Jahr bislang gestiegen, im Schnitt gar rund 350% ging es ansonsten für alle an deutschen Börsen notierten Broker und Makler nach oben. Noch Fragen? Nicht nur die Neobroker, sondern auch die Onlinebroker haben 2020 in wahnwitziger Manier vom großen Trading-Trend profitiert.

Die Frage lautet: Wie nachhaltig ist der Trend? Flatex, Comdirect, Consors und Co. waren die Disruptoren der Banken. Nun müssen sie aufpassen, von den No-Frills-Gratis-Brokern nicht selbst disruptiert zu werden.


5.) It‘s the Kernbankensystem, stupid

Nein, kein Wort mehr zur Apobank. Auf die haben wir dieses Jahr genug eingedroschen.

Wobei, eine Frage dann doch: Ist der „Fall Apobank“ wirklich so einzigartig, wie wir ihn gemacht haben? Oder ist es nur ein Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Jahren noch blühen könnte, wenn auch andernorts die Arbeiten an der Kern-IT beginnen?

Fest steht: Das schlanke Modell grüne Wiese (siehe das Kernbankensystem der Solarisbank) wird für die etablierten Player nicht wirklich funktionieren. Sondern: Das wird’s ans Eingemachte gehen, übrigens auch dort (siehe die Liaison zwischen Deutsche Bank und Google), wo die Cloud ins Spiel kommt.


6.) … und auch ansonsten gilt: Die IT bleibt vielerorts eine Baustelle

„Im Retailbanking gehören IT-Pannen (und entsprechende Shitstorms) jetzt zum Alltag“. So hatten wir’s vor einem Jahr in unserem Ausblick auf 2020 geschrieben.

Und so kam’s dann auch, und zwar gleich zu Beginn des Jahres, als die DKB einer DDoS-Attacke völlig hilflos gegenüberstand und die Schuld nur notdürftig auf die Sparkassen-IT abwälzen konnte.

Gab’s solche Ausfälle nicht schon immer? Doch. Aber wenn Banken (und zwar auch Direktbanken, siehe oben) dazu übergehen, ihre Services wirklich zu bepreisen – dann steigt die Erwartungshaltung, dass die Services auch tatsächlich funktionieren.


7.) Die Finanz Informatik und die Fiducia & GAD müssen irgendetwas ändern. Aber was?

Oberflächlich betrachtet war die Finanz Informatik genannte Sparkassen-IT einer der Verlierer dieses Jahres (weil sie bzw. ihre Tochter FI-TS unter anderem das Debakel bei der DKB mitzuverantworten hatte) …

… und ihr genossenschaftliches Pendant Fiducia & GAD einer der Gewinner (weil die Apobank für ihren Weggang von der Fiducia bitter bestraft wurde).

In Wirklichkeit ist die Lage natürlich komplexer. Die Sparkassen-IT und die Geno-IT stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Nämlich: 1.) In beiden Verbünden steigt die Anspruchshaltung (zumindest jenseits der Ortsebene) – dass daraus eine Absetzbewegung entsteht, ist zumindest nicht auszuschließen. Und 2.) Die IT-Welt um die beiden Dickschiffe herum verändert sich – und ob sich die Sparkassen- IT und die Geno-IT rasch genug mitverändern und wie das überhaupt gehen soll, das ist nicht ausgemacht


8.) Die Banken entdecken die Bancassurance wieder. Doch wird die digital sein?

Nicht ohne Ironie, dass das Schlagwort „Bancassurance“ ausgerechnet 20 Jahre nach der Übernahme der Dresdner Bank durch die Allianz (für damals 31 Mrd. Euro!!!) wieder an Aktualität gewinnt.

So nennt die Check24 Bank als einen ihrer USPs die enge Verzahnung mit dem hauseigenen Vergleichsportal und dessen Versicherungs-Rechnern. Die ING Diba wiederum entdeckt im sechsten Jahrzehnt ihres Bestehens (den gewerkschaftlichen Vorläufer eingerechnet) urplötzlich den Versicherungsvertrieb, nämlich mit Produkten der Axa. Schließlich die DKB, die jetzt ebenfalls mit den Franzosen paktiert – ebenfalls mit der Axa für Spezialversicherungen bei Online-Bestellungen und Reisebuchungen. Und dann wäre noch die Deutsche Bank, die 2020 „Regalgeld“ von Talanx und Zurich einsackte und parallel das starte, was sie einen digitalen Versicherungsmanager nennt.

Wird 2021 endgültig zum Comeback-Jahr der Bankassurance werden? Und wird diese digital sein? Was sich zumindest sagen lässt: Die im engeren Sinne die über Banken eingeworbenen jährlichen Prämien wachsen schon heute um – je nach Versicherung –  3% bis 5% pro Jahr. Wenn man einfach mal voraussetzt, dass die Kreditwirtschaft in puncto digitale Schnittstellen den Versicherungen voraus sind, dann könnte sich für Banken und Sparkassen hier tatsächlich mal ein Wachstumsfeld auftun.


9.) Wenn Banken Fintechs gründen, geht das manchmal gut – und meistens nicht

Das Jahr 2020 markierte auch: das Ende von Yomo (also des N26-Herausforderers der Sparkassen). Und das Ende von Yunar (also der Loyalty-App der Deutschen Bank). Noch ein Beispiel gefällig, dass Banken vielleicht besser keine Fintechs gründen sollten? Klar, Comeco, die Gesellschaft hinter der TEO-App der Sparda-Banken.

Wobei: Es hat sich 2020 ja auch ein paar Fälle gegeben, wo das Zusammenspiel von alter und neuer Welt womöglich doch funktioniert, siehe der vorletzte Link. Bitte mehr davon!

10.) Die Bigtechs kommen näher und näher und näher

… und es ist schon fast ein Trost, dass sich vieler dieser Initiativen (Amazon Lending mit Goldman Sachs, Payment via WhatsApp, die „Google Plex“ genannte Banking-App von Google …) erst einmal außerhalb Deutschlands abspielen


11.) Die PSD2 …

Ach nein, es waren ja nur zehn Trends erlaubt. Vielleicht hört man von der PSD2 dann 2021 wieder was.


NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

 

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing