Kurz gebloggt

Die Franzosen kommen! Fünf Lehren aus dem Fidor-Deal

17. November 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Manchmal ist ein Deal einfach nur ein Deal. Manchmal ist ein Deal aber auch ein Knotenpunkt, in dem verschiedenste kleine und große Branchentrends auf fast wundersame Weise zusammenlaufen. In genau diese Kategorie fällt der gestern Vormittag verkündete Verkauf der Fidor Solutions an das französische Beratungs- und IT-Haus Sopra Steria* (siehe hier unsere entsprechende Meldung).

Auf den ersten Blick markiert der Deal lediglich die sich seit langem abzeichnende Zerschlagung der vermaledeiten Fidor Bank. Tatsächlich steckt aber sehr viel mehr dahinter – zumal wenn man diesen Deal in Tateinheit mit dem 12h zuvor verkündeten Verkauf des sog. Wirecard-Kerngeschäfts an die spanisches Santander betrachtet (Glückwunsch übrigens an die Bafin, die, wenn wir die Dinge richtig deuten, ihr Primärziel – also das Einziehen der Wirecard-Banklizenz – tatsächlich erreicht hat).

Unsere fünf Thesen zur Lage:

1.) Das „Modell Fidor“ ist am Ende

Positiv betrachtet war Fidor alles in einem. Eine Neobank wie N26. Und ein „Banking as a Service“-Anbieter wie Solaris. Für das Scheitern des Ansatzes lassen sich diverse Gründe anführen. Vielleicht haben sich die Münchener verheddert. Vielleicht haben sie sich mit ihren missglückten Kredit-Engagements (aus denen jene Wachstumsmittel kommen sollten, die sich andere Startups bei VCs holen) übernommen; vielleicht haben auch einfach nur die Franzosen schuld. Also jene von der Pariser Großbank BPCE, die Fidor 2016 mit großen Ambitionen übernahmen, aber nie eine Idee entwickelte, was man mit der deutschen Challenger-Bank eigentlich anstellen will.

Festzuhalten bleibt: a) Mit dem gestrigen Tag ist die alte Fidor endgültig Geschichte; b) Dass sich zwei namhafte Bieter (während die Fidor Solutions an Sopra Steria gehen soll, interessiert sich der Finanzinvestor Ripplewood bekanntlich für die eigentliche Fidor Bank) um die beiden Fidor-Hälften bemühen, zeigt: Das Unternehmen hat vermutlich mehr Substanz, als es die katastrophalen Nachrichten der vergangenen Monate (siehe hier, hier, hier und hier) vermuten ließen.

2.) Solarisbank und Raisin Bank dürfen sich freuen

Die Wirecard Bank wird abgewickelt, die Fidor Bank zerschlagen. Für die anderen „Banking as a Service“-Anbieter dürfte es kein Nachteil sein.

3.) Sopra hat einiges vor im deutschen Banken-IT-Markt

Man beachte, dass genau genommen nicht Sopra Steria die Fidor Solutions kaufen will, sondern die Tochter „Sopra Banking Software“ – also exakt jene „Sopra Banking Software“, die im vergangenen Jahr schon die Mehrheit an der „SDV-IT“, also am IT-Dienstleister der Sparda-Banken übernommen hatte (das 51-49-Joint-Venture firmiert seitdem unter dem Namen „Sopra Financial Technology GmbH“) …

4.) Die Fiducia & GAD muss sich in Acht nehmen (und andere auch)

Zur Erinnerung: Mit dem Sparda-Deal hatte Sopra einen Keil in den deutschen Genosektor getrieben. Während sich sieben Sparda-Banken (darunter die Sparda-West) IT-seitig nun von der neuen „Sopra Financial Technology“ betreuen lassen, setzen die übrigen Sparda-Banken (darunter die Sparda Hannover) auf die Dienste des zentralen genossenschaftlichen IT-Anbieter Fiducia & GAD. Man darf davon ausgehen, dass Sopra die sieben Sparda-Banken als Brückenkopf nutzen will, um in den nächsten Jahren noch tiefer in den deutschen Markt  vorzudringen – möglich, dass auch der Fidor-Deal in diesem Kontext zu sehen ist. Für die Fiducia & GAD und andere etablierte IT-Dienstleister tut sich neue Konkurrenz auf. Siehe auch die Apobank-Avaloq-Saga (hier und hier).

5.) Die Franzosen kommen. Wenn sie nicht längst da sind

Dass die Fidor Solutions aus der Obhut einer französischen Bank in die Obhut eines französischen IT-Dienstleisters wechseln soll, ist kein Zufall.

Da versteht es sich von selber, dass sich bei Joint-Venture-Deals selbstverständlich die Franzosen die Mehrheit sichern, bei Sopra-Sparda (siehe oben) im Verhältnis 51:49, bei Easycash-Payone im Verhältnis 52:48. Und hätten sich die Beteiligten nicht heillos zerstritten, hätten wir bei der „European Payment Initiative“ jetzt auch einen französischen CEO.


*Sopra Steria wird vom kommenden Jahr an zu den „Premium-Partnern“ von Finanz-Szene.de gehören. Auf unsere Berichterstattung hat das selbstverständlich keinen Einfluss.

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