Deep Dive

Die ING Diba, Herr Baader, unsere Neobroker – und der Einbruch von Xetra

8. Dezember 2020

Von Christian Kirchner

Eine Bankenkrise? Hier, bei uns in Deutschland? Darüber wird Thomas Posovatz nur schmunzeln können. Genauso wie Ingo Hillen, Frank Niehage und Nico Baader. Krise??? Wenn der Gewinn um mehrere Hunderte von Prozent steigt und die Aktie ebenfalls? Was, bitteschön, soll das denn für eine Krise sein?

Die genannten Herren sind vier deutsche Banken-CEOs im Corona-Jahr 2020. In zwei Fällen handelt es sich um sogenannte Wertpapierhandelsbanken (Posovatz/mwb Fairtrade, Hillen/Sino AG), in zwei Fällen sogar um Institute mit Vollbanklizenzz (Niehage/Flatex, Baader/Baader Bank). Während andere Bank- und Sparkassenchefs hierzulande unter Zins- und Covid-19-Krise ächzen, können Posovatz, Hillen, Niehage und Baader ihr Glück dieser Tage vermutlich kaum fassen. Um durchschnittlich 514% sind die Gewinne ihrer vier Institute im ersten Halbjahr gestiegen, an der Börse ging es im Mittel um 326% aufwärts. Ein Wahnwitz.

Nun werden Sie die oberflächliche Begründung für dieses Wunder natürlich längst kennen, liebe Leserinnen und Leser – sie lautet: Trading-Boom! Indes: Haben Sie mal Lust, unter die Oberfläche zu gucken? Da nämlich ist momentan eine regelrechte Revolution im Gange. Und zwar mit noch kaum abschätzbaren Konsequenzen nicht nur für Aktienbroker wie Baader, Fintechs wie Trade Republic oder Handelsplätze wie Lang & Schwarz – sondern potenziell auch (allerdings im negativen Sinne) für die Deutsche Börse.

Doch um das zu verstehen, sollten wir zunächst kurz zu Biontech schwenken. Also zu dem deutschen Biotech-Unternehmen, das mit seinem Corona-Impfstoff zuletzt ganz groß rausgekommen ist.

Frage: Was, liebe Leserinnen und Leser, glauben Sie, war am Freitag, 3. Dezember, der gemessen am Umsatz liquideste deutsche Handelsplatz für die Biontech-Aktie? „Das müsste Xetra gewesen sein“, werden viele von Ihnen jetzt intuitiv vermuten. Schließlich dominiert Xetra (also die elektronische Handelsplattform der Deutschen Börse) seit knapp einem  Vierteljahrhundert den Aktienhandel hierzulande. Und wenn es nicht Xetra war ? Dann mit Sicherheit die Börse Frankfurt. Denn: Biontech ist ja nicht hierzulande, sondern an der Tech-Börse Nasdaq gelistet. Und Auslandswerte werden, wenn nicht über Xetra, dann traditionell über die Börse Frankfurt gehandelt.

Die Sache ist nun aber: Die richtig Antwort lautet weder „Xetra“ und „Börse Frankfurt“. Sondern: Die höchsten Umsätze mit der Biontech-Aktie wurden am 3. Dezember über Tradegate erzielt, also über den elektronischen Handelsplatz der Berliner Börse (mit Dank an den Twitterer „Trader53“ für den Hinweis). Und das mit weitem Abstand. Das ist ungefähr so, als würde man Fragen, welcher Fußball-Bundesligist den teuersten Kader hat, und die Antwort würde weder Bayern München noch Borussia Dortmund heißen, sondern Mainz 05.

Biontech Umsätze am 3. Dezember (gerundet)

Stücke Volumen
Tradegate 1.290.000 123.030.000
Xetra 243.000 23.220.000
L&S Exch. 133.000 12.700.000
Frankfurt 125.000 11.830.000
Stuttgart 90.000 8.570.000
Quotrix 32.000 3.070.000
Gettex 31.000 2.960.000

Nun haben wir es mitnichten mit einem Zufall zu tun. Auch die Aktie von Apple, dem wertvollsten Börsenkonzern der Welt, wurde am vergangenen Freitag (wie auch schon an etlichen Tagen zuvor) auf Tradegate reger gehandelt als auf Xetra oder in Frankfurt, …

Stücke Volumen
Tradegate 79.000 7.990.000
Xetra 59.000 5.960.000
L&S Exch. 12.000 1.180.000
Frankfurt 7.000 712.000
Gettex 4.100 437.000
Stuttgart 4.000 418.000
Quotrix 3.000 327.000

… und nicht anders war es beispielsweise mit Tesla.

Was man dazu wissen muss: Tradegate ist mitnichten eine Handelsplatz für die großen institututionellen Investoren da draußen. Stattdessen konzentriert sich Tradegate – ebenso wie Lang & Schwarz in Düsseldorf –  traditionell auf den außerbörslichen Handel mit Privatanlegern. Heißt: Die Gewinner der Trading-Booms sind nicht nur Onlinebroker wie die Comdirect und Flatex oder Neobroker wie Trade Republic. Stattdessen erfasst die Umwälzung praktisch aller Akteure, die direkt oder indirekt mit dem außerbörslichen Handel zu tun haben – den wiederum immer mehr Banken, Broker und Trading-Apps ganz bewusst forcieren, da es diese Handel ist, der ihnen Rückvergütungen einbringt, die an klassischen Börsen nicht fließen.

Blicken wir dazu schlicht einmal auf die Kursentwicklung aller börsennotierten Handelsplattformen und Broker hierzulande, die sehr stark im außerbörslichen Handel engagiert sind. Wie Sie sehen, tauchen hier auch unsere vier Banken von weiter oben wieder auf …

Kurs seit Anfang Januar Kurs seit Anfang November Abstand zum Allzeithoch Gewinn H1 zum VJ Börsenwert in Mrd. Euro
Sino AG 446% 40% 0% 268% 0,1
mwb Fairtrade 385% 66% -52% 1113% 0,1
Lang & Schwarz 384% 79% -1% 770% 0,2
Baader Bank 352% 70% -12% n.a.* 0,3
Berliner Effekt. 176% 35% 0% 591% 0,7
Tradegate 147% 58% -3% 562% 1,4
FlatexDegiro 121% 17% -6% 162% 1,5
Euwax 24% 7% -32% 584% 0,4

* Verlust in Vorjahresperiode; Quelle: Comdirect, Halbjahresberichte, Stand 8.12.2020, gerundet, sortiert nach Performance YTD

Wer hier nun gleich auf „spekulative Übertreibung“ plädiert, dem empfehlen wir, die Spalte „Gewinn H1 zum Vorjahr“ noch einmal ganz genau anzuschauen. Hieraus nämlich geht hervor, dass die Nettogewinne der acht Trading-Aktien allein im ersten Halbjahr in aller Regel erheblich stärker gestiegen sind, als das bei den Kursen bis heute der Fall ist.

Wobei sich die Gewinnexplosion nicht nur aus dem Trading-Boom, sondern auch aus den Geschäftsmodellen ableitet: Die Fixkosten bleiben meist gleich. Beginnen die Kleinaktionäre da draußen also zu investieren oder gar zu zocken, bescheren sie nicht nur den Neobrokern, sondern natürlich auch klassischen Online-Brokern wie Flatex oder Sino sowie Handelsplätzen wie Tradegate oder Lang & Schwarz einen Ertragsschub. Und auch bei aufs Wertpapiergeschäft spezialisierten Banken wie Baader oder MWB Fairtrade schießen die Erträge in die Höhe, ohne dass sich bei den Kosten so wahnsinnig viel tut.

Um diese Entwicklung zu verstehen, hilft ein kleiner Blick in den Handels-Alltag: Unterstellt, ein Kunde der boomenden Trading-App von Trade Republic möchte für 1.000 Euro Aktien von Apple kaufen. Das Geschäftsmodell von Trade Republic sieht es gar nicht mehr vor, diese Order an einem Handelsplatz der Wahl des Kunden aufzugeben, wie es in den vergangenen 25 Jahren bei Banken und Online-Brokern üblich war. Sondern: Die Order werden zwangsweise von der zu Lang & Schwarz gehörenden LS Exchange abgewickelt, wenn man Kunde bei Trade Republic ist, und das egal, ob man einen ETF-Sparplan führt oder eine Aktie kauft.

Die praktische Konsequenz: Für den Kauf von 10 Apple-Aktien à aktuell 101 Euro fällt eine so genannte „Fremdkostenpauschale“ von einem Euro an. Trade Republic erhält aber auch laut Kostenausweis bzw. AGB „Zuwendungen“ über 1,50 Euro für die Order. Diese Zuwendung fällt unabhängig von der Höhe der Transaktion an, also egal, ob ein Kunde eine Apple-Aktie oder 1000 kauft. Gewährt wird diese „Zuwendung“ an Trade Republic von der LS Exchange, die selbst mit der Abwicklung dieser Order ihren Schnitt machen kann. Wie? Das ist klassisches „Maklergeschäft“: Man besorgt sich die Aktien günstiger woanders oder hält sie schon im Bestand, wenn der Kunde kauft. Oder führt Order zusammen.

Der Boom der Trading-Apps alleine macht aber hier nicht den Unterschied. Auch die Online-Broker selbst forcieren das Geschäft mit dem außerbörslichen Handel. Gibt man beispielsweise eine Order für die gleichen 10 Apple-Aktien bei der kundenstärksten deutschen Direktbank ING Diba auf, haben Kunden dort zwar die prinzipielle Wahl des Handelsplatzes, und zwar zwischen den sieben deutschen Regionalbörsen, dem Xetra-Handelsplatz und dem so genannten Direkthandel über Tradegate. Ordermaske wie Gebührenstruktur sind indes so gestaltet, dass Kunden einen starken Anreiz haben, zur Ausführung den Direkthandel zu wählen, der im Falle der ING über die Tradegate Exchange abgewickelt wird.

Hier, wie das konkret abläuft in der ING-App:

  • Tradegate wird als erster Handelsplatz in der Order-Maske aufgelistet
  • Selbst wenn andere Börsen identische aktuelle Kurse bieten (in unserem Test: 100,98 Euro je Apple-Aktie), ist im Menüpunkt „Direkthandel“ in orangener Schrift „aktuell bester Preis (unabhängig von Zusatzkosten)“ hervorgehoben.
  • Die Orderprovision ist bei der ING prinzipiell identisch (0,25% vom Kurswert, mindestens 4,90 Euro), allerdings fallen für alle Handelsplätze außer dem Direkthandel gut sichtbar Zusatzkosten an, etwa eine von der ING festgelegte „Handelsplatz-Gebühr“ zuzüglich Courtagen bzw. variablen „Handelsentgelten“
  • Der Handel ist zwischen 8 und 22 Uhr möglich, das Handelssystem Xetra ist indes nur von 9 bis 17.30 Uhr in Betrieb.

Konsequenz: Die effektiven Kaufkosten aus Anlegersicht – unabhängig von der Kursstellung – belaufen sich exemplarisch für den Kauf von 10 Apple-Aktien (ausprobiert am Montag, 7. Dezember gegen Mittag) bei der ING auf…

  • 7,67 EUR im „Direkthandel“ via Tradegate
  • 9,43 Euro auf Xetra
  • 13,10 Euro an der Börse Frankfurt
  • 13,57 Euro an der Börse Berlin
  • 15,85 Euro an der Börse Stuttgart

…. womit wir eine mögliche Erklärung für die disruptive Kraft der Neo-Broker haben wie die oben genannten Trade Republic, aber auch Smartbroker, Gratisbroker, Justtrade und Co.. Ihre Gebühren liegen netto um Längen unter denen klassischer Broker, und nicht mal die Stiftung Warentest hatte im Zuge eines Tests im Oktober etwas an ihrer Kurs-Qualität zu meckern gehabt (siehe hier).

Dazu ist anzumerken, dass die ING erst im Oktober an ihren Gebühren geschraubt hat. Seinerzeit machte sie den Handel an zahlreichen regionalen Handelsplätzen noch ein bisschen unattraktiver preislich (siehe hier) und damit den Direkthandel noch ein bisschen attraktiver.

Dass Banken und Broker den Direkthandel damit preislich extrem wettbewerbsfähig machen, ist die eine Sache. Die andere: Beim Direkthandel verdient die ING nicht nur an der klassischen Orderprovision. Sie erhält – wie Trade Republic auch von der LS Exchange – eine Rückvergütung von Tradegate, wenn der Kunde sich für den Direkthandel entscheidet. Wobei auch diese nicht von der Ordergröße abhängt, sondern pauschal fließt. Das ist freilich nichts, was die GuV der deutschen ING mit ihrer Bilanzsumme von zuletzt 176 Mrd. Euro richtig bewegt. Aber es läppert auf Jahressicht, denn die ING Diba wickelte selbst 2019 – also in einem eher ruhigen Börsenjahr – 11,5 Mio. Orders ab.

Und nun zum großen Verlierer:

Ende Oktober legte die Deutsche Börse (die mit 60% am Tradegate-Betreiber beteiligt ist) die Zahlen fürs Q3 vor. Die Aktionäre bekamen zu hören: Rückläufigen Erlösen. Rückläufige Gewinne. Von einer „zyklischen Entwicklung“, von „ungünstigen Marktbedingungen“ – und man fragte sich: Hä? Da draußen herrscht ein Trading-Boom wie seit 20 Jahren nicht mehr, und die Deutsche Börse spricht von „ungünstigen Marktbedingungen“? Gewiss: Noch immer fließen bei großen Dax-Werten über 90% der Umsätze über den Handelsplatz Xetra. Und dennoch verdient die Börse nur noch rund jeden achten Euro im klassischen Handel, Tendenz sinkend.

Als der Dax-Konzern am 18. November jedenfalls seinen Investorentag abhielt, gab es eine 43 Folien umfassende, eng bedruckte Präsentation. „Growth in uncertain times“. Fragt man sich nun, woher dieses „Growth“ denn kommen soll, dann fällt auf:

  • 48-mal fiel in der Präsentation Wort „ESG“, also das Kürzel für Enviroment, Social, Governance, ein Geschäftsfeld, dass die Deutsche Börse in den nächsten Jahren deutlich ausweiten will
  • 28-mal fiel das Wort „ISS“, also der Name des kürzlich erworbenen globalen Stimmrechtsberaters
  • 27-mal fiel das Wort „Data“
  • 23-mal fiel das Wort „M&A“
  • Und 18-mal fiel das Wort „Analytics“.

Ein anderes Wort fiel auf den 43 Seiten hingegen nur ein einziges Mal. Nämlich das Wort: „Xetra“.

Kein Wunder, schließlich rechnet die Deutsche Börse – und genau hier wird Xetra das einzige Mal erwähnt – für ihren Geschäftsbereich „Xetra“ in denn nächsten Jahren nur noch mit einem strukturellen „Growth“ von exakt „0%“, während alle anderen Bereiche wachsen sollen.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing