Analyse

Die Tragik der Comdirect: Zum Abschied explodiert das Ergebnis

29. Januar 2020

Von Christian Kirchner

Regelmäßige Leser von Finanz-Szene.de werden sich an zwei Dinge erinnern: dass wir die Ertragskraft der Comdirect gemessen an deren Anspruch und deren Selbstdarstelltung eher nicht so dolle fanden. Und daran, dass wir die Verschmelzung der Comdirect auf die Commerzbank für einen an und für sich logischen Schritt gehalten haben.

Vor diesem Hintergrund haben die gestern vorgestellten 2019er-Zahlen des Quickborner Online-Brokers in mehrerer Hinsicht etwas Tragisches. Und das nicht nur, weil die 20. Bilanz-PK vermutlich die letzte war, bevor die Comdirect in der Commerzbank aufgeht. Sondern weil die Kennziffern (selbst bereinigt um den Erlös aus dem Ebase-Verkauf) diesmal so solide ausschauen, dass man fast auf die Idee kommen könnten, die Comdirect wäre stand-alone vielleicht doch ganz gut aufgestellt gewesen. Denn:

  • Endlich mal sehen nicht nur die Zuwächse bei Kunden (+9% auf 2,7 Millionen), Konten (+8% auf 1,7 Millionen) und Depotvolumen (+40% auf 51 Mrd. Euro) gut aus …
  • … sondern hinzu gesellt sich diesmal sogar ein deutliches Plus beim Ergebnis im Kerngeschäft: +38% auf 76 Mio. Euro. Der Überschuss explodiert regelrecht um 228% auf 164 Mio. Euro – darin enthalten ist allerdings der Erlös aus dem Ebase-Verkauf.

Nun werden Kenner einwenden, dass die Comdirect 2015 und 2016 ja schon einmal auf diesem Niveau beim operativen Gewinn war. Und doch deuten die Zahlen aus unserer Sicht darauf hin, dass das Geschäftsmodell der Coba-Tochter (sobald man das Kosten-Gedöns mal einigermaßen im Griff hat) grundsätzlich skalierbar ist. Beleg 1: Erstmals seit 2016 sind die Sachaufwendungen gefallen. Beleg 2: Sowohl der Zins- als auch der Provisions-Überschuss steigen prozentual betrachtet rascher als die Kosten. Dadurch tickt die Cost-Income-Ratio wieder unter 80% und nähert sich damit allmählich wieder einem für eine filiallose Direktbank erträglichen Wert.

Die Zahlen 2019

in Mio. € 2018 2019 Delta in %
Kunden 2,522 2,742 9
Depots 1,384 1,562 13
Konten 1,568 1,696 8
verw. Vermögen (Mrd. €) 62,1 80,2 29
Provisions-Überschuss * 206 220 7
Zins-Überschuss * 119 125 5
Kosten * 280 288 3
CI-Ratio in % 83,2 78,9 -5
Mitarbeiter (FTE) 1153 1167 1
Ergebnis vor Steuern * 55 76 38
Konzern-Überschuss** 50 164 228
* fortges. Aktivitäten
** IFRS, inkl. Verkauf eBase

Tragisch ist das alles auch insofern, als dass viele Mitarbeiter und nicht mehr erleben werden, ob die Comdirect nun wirklich bei Gewinnen und Dividenden aus der Hufe kommen wird oder nicht. Denn beim Konzernüberschuss geht es ohne Sondereffekte seit einer Dekade nicht nach oben (siehe diese Grafik). Und auch der ein oder andere Comdirect-Kleinaktionär dürfte gestern aufgemerkt haben – denn: Kann es sein, dass die Commerzbank ihre Tochter ausgerechnet in dem Moment übernimmt (und die freien Aktionäre rausdrängt), in dem Quickborn so ein bisschen zu performen anfängt? Auch das hätte etwas Tragisches. Denn, wir erinnern uns: Das Übernahmeangebot der Commerzbank kam zu einem Zeitpunkt, zu dem der Comdirect-Aktienkurs trotz Superbullenmarkts an den Aktienmärkten knapp über seinem Fünfjahrestief lag.

Was es sonst noch von der mutmaßlichen letzten Comdirect-Bilanz-PK zahlenmäßig zu berichten gibt?

  • Die Comdirect-Standorte Rostock und Quickborn bleiben mit unbekannter Stellenzahl erhalten
  • Laut Finanzchef Dietmar von Blücher hat der von uns für den Dezember diagnostizierte Trend sinkender Einlagen (konkret handelte es sich um den ersten Nettoabfluss seit zwei Jahren) im Januar fortgesetzt. Der Mix aus Strafzinsen ab 250.000 Euro sowie die Abschaffung des Tages- und Festgelds für Neukunden ohne Girokontoverbindung scheint also tatsächlich zu wirken.
  • Ein Aufreger bleibt, dass die Commerzbank den freien Comdirect-Aktionären gerade mal ein Übernahme-Angebot von 11,44 Euro pro Anteilsschein gemacht hat (welches die Comdirect-Vorstände angemessen fanden für kurzfristige Anleger) – nur um dem Großaktionär Petrus Advisers später 15,15 Euro je Aktie zu zahlen. Interessant wäre in diesem Zusammenhang endlich mal zu erfahren, welche Preisspanne denn eigentlich die Bewertungsgutachten ergeben haben, die die Comdirect in Auftrag gegeben hatte. Doch hierzu gestern: kein Kommentar.

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