Exklusiv

Eklat bei Auto-Fintech von Deutsche Bank und Auto1

1. April 2020

Von Heinz-Roger Dohms, Thomas Borgwerth (Finanz-Szene.de) und Philipp Jonetzko (Startupdetector)

Man schreibt den 7. Juni 2018, als Hakan Koç, Gründer des Milliarden-Startups Auto1 („WirKaufenDeinAuto.de“), die Bühne der Berliner Noah-Konferenz betritt, um „etwas wirkliches Aufregendes“ zu verkünden. Bevor es soweit ist, fasst Koç allerdings noch rasch die Basics zusammen: 2,2 Mrd. Euro habe Auto1 im abgelaufenen Geschäftsjahr umgesetzt. 420.000 Gebrauchtwagen seien über die Plattform verkauft worden. Und der „CAGR“, also das jährliche Durchschnitts-Wachstum, habe zwischen 2013 und 2017 bei 240% (!) gelegen.

Zahlen, die – wenn sie denn stimmen – erklären, warum die Gebrauchtwagen-Plattform binnen weniger Jahre zu „einem der wertvollsten jungen Unternehmen der Welt“ aufgestiegen ist, wie das „Manager Magazin“ damals staunt. Die Bewertung beläuft sich auf 2,9 Mrd. Euro.

Jedenfalls, exakt 7:25 Minuten hat Koç – weißes Hemd, hochgekrempelte Ärmel – geredet, als er die Bombe endlich platzen lässt: Auto1 habe ein eigenes Finanzierungsvehikel gegründet, erzählt er, die „Auto1 Fintech GmbH“.

Aber nicht mit irgendwem. Sondern gemeinsam mit der Deutschen Bank und der Allianz. Ziel sei es den an die Auto1-Plattform angeschlossenen Gebrauchtwagen-Händlern – zum damaligen Zeitpunkt schon fast 50.000 – den „bestmöglichen Zugang“ zu Finanzprodukten und zum Kapitalmarkt zu offerieren. Also quasi eine neue Autobank.

Wenige Tage später wird Stefan Hoops, seinerzeit Leiter des einheimischen Kapitalmarktgeschäfts der Deutschen Bank, in einer Pressemitteilung wie folgt zitieret:

„Durch die schnelle Finanzierung der Autohändler über eine digitale Plattform setzen wir bei ihnen Kapital frei, das sonst als Eigenkapital gebunden wäre. Dadurch sind die Händler viel flexibler wenn sich neue Chancen am Markt ergeben. Durch die Verbriefung von Autokrediten erweitern wir als Bank für Investoren außerdem eine attraktive Anlageklasse.“

So also begann vor zwei Jahren die Geschichte von „Auto1 Fintech“, dem ambitionierten Joint-Venture von Deutschlands größter Bank, Deutschlands größtem Versicherer und einem der größten deutschen Startups.

Und wie ging die Geschichte weiter?

Das zeigen nun gemeinsame Recherchen von „Startupdetector“ und „Finanz-Szene.de“. Anfang März kam es bei der „Auto1 Fintech“ nämlich zu einem veritablen Eklat. Mit der Folge, dass eine völlig unbekannte Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in 79379 Müllheim plötzlich das große Wort zu führen scheint bei dem Autofinanzierer. Während Deutsche Bank und die Allianz offenbar nicht mehr viel zu bestellen haben. Und Auto1 mit dem ganzen Konstrukt bereits abgeschrieben zu haben scheinen.

Doch der Reihe nach.

Eigentlich klang die Idee ja schlüssig. Eine Autobank für den Gebrauchtwagen-Markt. Eine, die zunächst einmal die Händler finanziert. Irgendwann aber auch  die Endkunden. Und die neben der Finanzierungs- auch die Versicherungsseite umfasst.

Warum nicht? Denn: Ist es nicht so, dass zum Beispiel die Finanzsparte von  Volkswagen oder die Finanzsparte von Daimler seit Jahren mehr Gewinn erwirtschaften als jede Bank hierzulande? Und heißt es nicht immer, auch die klassischen Banken und Versicherer müssten sich am modernen „Point of Sale“ positionieren, wenn sie den Kontakt zum Kunden nicht verlieren wollen? Was könnte für ein Kreditinstitut ein besser „Point of Sale“ sein als eine Plattform mit Zehntausenden von Händlern und Hunderttausenden von Kunden – und das in einem großvolumigen, finanzierungsbedürftigen Segment?

Indes: So sinnig das Projekt auch anmutet – es ist auch von Anfang an ein wenig diffus. Das „Handelsblatt“ zum Beispiel widmet dem neuen Autofinanzierer gleich zum offiziellen Start 2018 eine große Geschichte und schreibt: „Über die Höhe ihrer Investition haben die drei Partner Stillschweigen vereinbart. Nur so viel ist zu erfahren: Zusammen halten die drei die Mehrheit.“

Doch stimmt das mit der Mehrheit überhaupt? Und wer sind die anderen Investoren?

Den Fall zu rekonstruieren ist schwierig, denn die Handelsregister spucken weniger Informationen aus, als man eigentlich erwarten sollte. Was auf Basis öffentlich zugänglicher Dokumente allerdings feststeht: Bei der Auto1 liegen Mitte 2018 lediglich 20% der Anteile; 80% hält eine in Luxemburg gemeldete Beteiligungsfirma namens „Strategic Fintech Investment SA“. An dieser wiederum schreibt sich die Deutsche Bank per Ende 2018 exakt 8,6% der Anteile zu; bei der Allianz sind es 12,4%. Das geht aus den jeweiligen Geschäftsberichten der beiden Dax-Konzerne hervor.

Einfache Rechnung: 20% + (8,6% x 0,8) + (12,4% x 0,8) = 36,8%

Auto1, die Deutsche Bank und die Allianz halten also offenbar, anders als damals kolportiert, nicht die Mehrheit an dem neuen Autofinanzierer. Sondern direkt und indirekt nur gut ein Drittel der Anteile. Frage: Wer kontrolliert die Gesellschaft stattdessen? Beziehungsweise: Kontrolliert sie überhaupt irgendjemand?

Im luxemburgischen Handelsregister finden sich diverse Auszüge zur „Strategic Fintech Investment SA“, also zum 80%-Eigner der „Auto1 Fintech“. Über die Anteilsverteilung geben die Dokumente allerdings keinen Aufschluss. Was gleichwohl auffällt: Unter den aufgelisteten Direktoren der Gesellschaft wird an erster Stelle ein gewisser Bensen Safa genannt, geboren auf Zypern, wohnhaft in Dubai. Erst danach tauchen der Allianz-Manager Nazim Cetin und der Deutsche-Bank-Manager Oliver Resovac auf. Ist in Wirklichkeit also dieser Bensen Safa der starke Mann in der „Strategic Fintech Investment SA“ und damit in der „Auto1 Fintech“? Und wer ist dieser Mann überhaupt?

Die Ambitionen des neuen Fintechs zeigen sich an der Besetzung des Managements. Chef von „Auto1 Fintech“ wird der ehemalige Tesla-Manager Fedor Artiles, als CFO steht ihm Axel Buhr zur Seite. Letzterer hatte für Tesla die Leasing-Gesellschaften in Deutschland und Großbritannien mit aufgebaut und zuvor als Manager bei Daimler Financial Services gearbeitet. So fulminant allerdings der Start ausfällt – schon bald wird es auffällig still um die „Auto1 Fintech“. Keine größeren Interview. Keine größeren öffentlichen Verlautbarungen. Das Unternehmen gerät öffentlich fast ein wenig in Vergessenheit.

Dass ändert sich erst Anfang 2020. Da berichtet das Branchemedium „Finance Forward“, als neuer Geschäftsführer der der „Auto1 Fintech“ sei jetzt ein gewisser Taimur Andre Rashid eingetragen. Verglichen mit Artiles und Buhr ist Rashid ein eher unbeschriebens Blatt. Er hat für ein Krypto-Startup gearbeitet. Und für die Crowdinvesting-Plattform Kapilendo. Während Rashid kommt, muss Finanzchef Buhr gehen. Im Handelsregister findet sich eine Stellungnahme von ihm: „Mit dem Schreiben vom 26. November 2019 wurde ich darüber in Kenntnis gesetzt, dass ich als Geschäftsführer der Auto1 FT GmbH (…) abberufen und gleichzeitig mit sofortiger Wirkung unwiderruflich von der Arbeit freigestellt wurde.“

Bumm.

Der eigentlich Kracher indes soll noch folgen. Und zwar bei einer Gesellschafter-Versammlung der „Auto1 Fintech“ Anfang März. Auf den ersten Blick geht es bei dem Treffen nur um eine stinknormale Kapitalerhöhung. Doch in Wirklichkeit liest sich das Protokoll wie ein Showdown zwischen den beiden Hauptgesellschaftern, also zwischen der Auto1 und dem luxemburgischen Vehikel, an dem die Deutsche Bank und die Allianz beteiligt sind

Tagesordnungspunkt eins ist besagte Kapitalmaßnahme. Das im Handelsregister einsehbare Protokoll zur Versammlung hält fest: „Bei der durchzuführenden Kapitalerhöhung gehen die Gesellschafter von einem Unternehmenswert von EUR 8.500.000,00 aus.“

Der Versammlungsleiter – es handelt sich um den neuen „Auto1 Fintech“-Geschäftsführer Rashid – stellt den Punkt zur Abstimmung. Im Namen der „Strategic Fintech Investment“ stimmen Bensen Safa und ein weiterer Vertreter (genau, es handelt sich allem Anschein nach um den Bensen Safa von weiter oben) der Beschlussfassung zu. Die beiden Vertreter von Auto1 indes – sie stimmen dagegen, haben gegen den luxemburgischen Mehrheits-Gesellschafter aber offenbar keine Chance: „Bei unveränderter Präsenz ergab die Abstimmung in Bezug auf den Beschlussvorschlag damit: Die Gesellschafter gehen von einem Unternehmenswert von EUR 8.500.000,00 aus.“ (Fettung im Original).

Anders gesagt: Auto1 wird bei seinem eigenen Fintech-Vehikel düpiert. Und zwar von einem Co-Gesellschafter an dem die vermeintlichen Partner, nämlich die Deutsche Bank und die Allianz, beteiligt sind.

Es geht weiter. Als nächstes steht die Frage an, welche Gesellschafter an der Kapitalerhöhung teilnehmen. Die Abstimmung ergibt: „Die Gesellschafter der Auto1 FT GmbH nehmen an der Kapitalerhöhung nicht teil.“ (Anm. der Redaktion: „Auto1 FT GmbH“ ist der rechtliche Name der „Auto1 Fintech“)

Einer der Vertreter von Auto1 schlägt daraufhin vor, die neuen Anteile zum Preis von 8,5 Mio. Euro allein zu übernehmen. Das Milliarden-Startup ist also bereit, sein Engagement zu vergrößern – wenn zugleich auch sein Einfluss steigt. Das allerdings lehnen „die anwesenden Vertreter der Strategic Fintech Investment SA“ ab. Die zweite Düpierung.

Dann der Coup: Der Vorsitzende Rashid stellt zur Abstimmung, dass zur Kapitalerhöhung eine gewisse „Safa Beteiligungs GmbH“ zugelassen werden soll. Das ist die weiter oben schon erwähnte Gesellschaft mit Sitz in Müllheim. Und als deren Geschäftsführer firmiert laut Handelsregister (liebe Leserinnen und Leser, Sie ahnen es schon): Bensen Safa.

Durch Handaufheben stimmen Safa und ein weiterer Vertreter der „Strategic Fintech Investment SA“ dem Beschluss zu, die Vertreter von Auto1 verneinen abermals, das Protokoll notiert: „Die Safa Beteiligungs GmbH wird im Nennbetrag von 55.588,00 EUR zur Kapitalerhöhung der Gesellschaft zugelassen. Zum Kapitalerhöhungsbetrag kommt ein Aufgeld in Höhe von 18.844.412,00 EUR hinzu.“

Die dritte Düpierung der Auto1.

Laut den Berechnungen von „Startupdetector“ und „Finanz-Szene.de“ müsste die Kapitalerhöhung um gut 55.000 Anteile auf insgesamt gut 80.000 Anteile rein rechnerisch zur Folge haben, dass die „Safa Beteiligungs GmbH“ jetzt fast 70% der Anteile an dem Autofinanzierer hält. Entsprechend wären die direkten Anteile der Auto1 sowie die indirekten Anteile der Deutschen Bank und der Allianz nur mehr von marginaler Bedeutung. Dieser Einschätzung wird in Finanzkreisen allerdings widersprochen: Ja, die Anteile der Altgesellschafter seien verwässert worden. Aber lange nicht so stark, wie es unsere Berechnungen nahelegen.

Wie es nun weitergeht? Auto1 scheint sich von der „Auto1 Fintech“ innerlich bereits verabschiedet zu haben. Eine weitere Zusammenarbeit zwischen den beiden Unternehmen sei nicht vorgesehen, ist aus Startup-Kreisen zu hören. Offiziell äußern will sich der Plattform-Betreiber nicht.

Die Allianz betont auf Anfrage von Finanz-Szene.de, man halte „auch weiterhin indirekt Anteile an der Auto1 Fintech GmbH.“ Es handelt sich dabei „um eine kleinere Beteiligung im Rahmen eines breiten Portfolios an strategischen Investments mit potenziellen Synergien zum Kerngeschäft.“ Und dann noch mal konkreter:

„Die indirekte Beteiligung an der Auto1 Fintech wird unverändert gehalten über die gemeinsam mit Partnern wie der Deutschen Bank eigens zu diesem Zweck gegründete Strategic Fintech Investments S.A. Die bei der Gesellschafterversammlung der Auto1 Fintech beschlossene Kapitalerhöhung sichert die Finanzierung des Unternehmens für die Zukunft. Das begrüßen wir.“

Die Deutsche Bank nimmt zu den Vorgängen keine Stellung. Allerdings scheint man in Frankfurt – ähnlich wie in München – bis auf weiteres zu hoffen, dass die „Auto1 Fintech“ vielleicht irgendwie doch die Kurve kriegt. Auch ohne Kooperation mit der Auto1-Plattform. Denn, 1.) Ordentlich kapitalisiert dürfte die Gesellschaft durch den Einstieg der „Safa Beteiligungs GmbH“ ja erst einmal sein. Und 2.) Um die Autohändler zu finanzieren, braucht es nicht zwingend Auto1.

Wobei zur Wahrheit natürlich auch gehört: 1.) Einfacher dürfte das Geschäft ohne den Plattform-Betreiber kaum werden. Und 2.) Was bleibt der Deutschen Bank und der Allianz auch groß übrig, als zu hoffen, dass sich die Dinge doch noch zum Besseren wenden?

Versuche von Finanz-Szene.de, mit Bensen Safa in Kontakt zu kommen und auch ihn zu Wort kommen zu lassen, scheiterten.

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