Exklusiv

Ersetzt Daimler die Postbank durch ein Plattform-Fintech?

25. November 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Der Automobilkonzern Daimler setzt bei der Finanzierung seiner Lieferanten neuerdings auf die Dienste des Münchner Plattform-Fintechs CRX Markets.  Am vergangenen Freitag seien erstmals Forderungen von Daimler-Lieferanten über den eigenen Handelsplatz finanziert worden, sagte uns CRX-Chef Frank Lutz.

Unklar ist, was die Kooperation für den bisherigen Reverse-Factoring-Partner des Dax-Konzerns bedeutet – nämlich für die Postbank. Zu Mutmaßungen, die Zusammenarbeit mit CRX Markets könnte mittelfristig das Aus für das Bonner Institut nach sich ziehen, meinte ein Daimler-Sprecher auf Anfrage von Finanz-Szene.de lediglich: „Wir prüfen aktuell neue kreative Lösungen, wie wir die Prozesse rund um die Lieferanten-Forderungen effizienter gestalten können.“ Ein Sprecher der Postbank verwies in der Sache auf Daimler.

Beim „Reverse Factoring“ läuft die Forderungs-Finanzierung – anders als beim klassischen Factoring – nicht über den Lieferanten, sondern über den Abnehmer. Ein Charakteristikum dieser noch relativ jungen Konstruktion: Die Finanzierungs-Konditionen bemessen sich an der Bonität des Abnehmers (also im konkreten Fall Daimlers), nicht an der Kreditwürdigkeit des Zulieferers. Auf seiner eigenen Website beschreibt Daimler die Vorteile und die Funktionsweise wie folgt:

„Der Forderungsverkauf (Factoring) ist in der Automobilbranche ein weit verbreitetes Mittel der Finanzierung. Seit 2009 bietet auch die Daimler AG ihren Lieferanten diese Möglichkeit. Und zwar in Form des Daimler Reverse Factoring Programms, das Lieferanten schnell und günstig liquide Mittel frühzeitig zur Verfügung stellt. […] Lieferanten können ihre Forderungen gegenüber der Daimler AG an die finanzierende Bank verkaufen – unmittelbar nachdem sie entstanden sind. Finanzierende Bank ist die Postbank […] Der entscheidende Unterschied zum klassischen Factoring: die Daimler AG als Kunde betreibt das Programm und ist damit aktiv in den Prozess eingebunden. Weil die Forderung durch Daimler bestätigt wird, zielt der Factor auf das Ausfallrisiko der Daimler AG ab und ermöglicht so einen Vorteil bei der Marge. Dadurch sind die Finanzierungskosten deutlich niedriger als beim klassischen Factoring.“

Daimlers bisheriger Ansatz wird in Fachkreisen als „Single Bank“-Lösung bezeichnet, weil die Finanzierungen immer von derselben Bank kommt – sprich: im Falle des Stuttgarter von der Postbank. Im Unterschied dazu betreibt CRX Markets eine Plattform, über die verschiedene Banken und sonstige Investoren wie bei einer Auktion auf die Forderungen der Lieferanten bieten können.

Nach Angaben von CRX-Chef Lutz sind bislang 35 „finanzierende Parteien“ an das Tool angeschlossen, darunter die Unicredit, die Helaba, die Santander, die BayernLB, die Société Générale sowie Asset Manager, Pensionsfonds und Family Offices. Die am vergangenen Freitag gehandelten „Daimler-Forderungen“ seien beim US-Anleiheinvestor Pimco gelandet, das Volumen habe bei 6 Mio. Euro gelegen. Lutz betonte explizit, dass es sich um die erste Transaktion mit Daimler gehandelt habe – auch wenn in Fachmedien schon Anfang 2018 über eine Kooperation der beiden Unternehmen berichtet wurde. „Das war damals ein Gerücht aus einer sehr frühen Phase der ersten Gespräche zwischen Daimler und uns“, sagte der CRX-Chef.

„Reverse Factoring“, wie es Daimler betreibt, ist in der deutschen Industrie bislang eher mäßig verbreitet – egal ob als Single-Bank-Lösung oder als Plattform-Ansatz. Trotzdem versucht eine ganze Reihe von Fintechs, dieses Modell zu etablieren, darunter der Frankfurter Anbieter Traxpay und das Hamburger Startup Trustbills, das nach der Insolvenz im Frühjahr ein Comeback versucht. Zu den bekanntesten Playern auf internationaler Ebene gehört die US-Plattform C2FO, an der unter anderem der Allianz-Konzern beteiligt ist. Traxpay hatte Anfang des Jahres Edeka als Kunden gewonnen.

Finanz-Szene.de hatte im August dieses Jahre eine Finanzierungsrunde bei CRX Markets öffentlich gemacht (Bewertung: 65 Mio. Euro). Medial in Erscheinung treten die Münchner aber kaum, obwohl sie auch schon vor Daimler einige namhafte Partner gewinnen konnten – darunter den Schweizer Lebensmittelkonzerne Nestlé.  Chef der CRX-Aufsichtsrats ist Philip Holzer, früher bei Goldman Sachs Deutschland die Nummer zwei hinter Alexander Dibelius.

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