Exklusiv

Fuck-up bei Comdirect & Co.: Ist der Coba-SocGen-Deal Schuld?

5. März 2020

Von Christian Kirchner

Durch eine schwerwiegende Panne im Angebot der deutschen Online-Brokern rückt der – eigentlich längst abgeschlossene – Verkauf der Commerzbank-EMC-Sparte an die französische Großbank Société Générale plötzlich wieder in den Fokus. Hintergrund: Wie Finanz-Szene.de gestern Mittag exklusiv berichtete, steht bei der Comdirect, bei Flatex, S-Broker und anderen hiesigen Retail-Brokern bereits seit Montag der Handel mit sogenannten Differenzkontrakten (CFDs) praktisch komplett still. {Nachtrag von 8:05h: Der Handel läuft nach drei Tagen wieder}

Als Schuldiger für die Probleme wird die Société Générale genannt, über deren Plattform das Geschäft bei zahlreichen Brokern läuft. So teilte ein Comdirect-Mitarbeiter in einem Online-Forum den aufgebrachten Kunden gestern Vormittag ohne Umschweife mit: „Wir haben gerade die Info bekommen, dass auch heute kein Handel starten wird. Ob und wann morgen der CFD-Handel wieder möglich ist, vermag ich euch nicht sagen. Jetzt erwartet ihr natürlich weiterhin eine Begründung […] Die Begründung ist, dass die SocGen technische Probleme hat. Was im Detail das Probleme ist, kann ich euch nicht sagen, da ich keine Details habe.“

Dass eine Bank eine andere Bank in dieser Form öffentlich anschwärzt, ist höchst ungewöhnlich – und zeigt, wie blank in der deutschen Broker-Szene die Nerven liegen. Zum Vorwurf machen dem Vernehmen nach die betroffenen Broker der SocGen neben dem peinlichen Vorfall an sich vor allem die mangelnde Kommunikation. Dazu muss man wissen: Der CFD-Handel ist zwar einerseits eine Nische. Andererseits soll es nach Angaben des CFD-Verbands dann aber doch rund 200.000 Menschen hierzulande geben, die das in aller Regel stark gehebelte Geschäft betreiben.

Im Schnitt gibt jeder dieser Kunden rund 400 An- oder Verkaufsorders pro Jahr in Auftrag. Das heißt: CFD-Trader handeln ungleich häufiger als normale Wertpapier-Kunden – und sind für Anbieter wie Comdirect oder Flatex entsprechend lukrativ, weil durch die Trades natürlich auch entsprechende Gebühren anfallen. Folge: Für die Broker ist es eine kleine Katastrophe, dieser Klientel ausgerechnet in einer der ereignisreichsten Börsenwochen der letzten Jahre einen tagelangen Blackout zumuten zu müssen und Kunden auf die Kanäle Telefon und Mail zu zwingen. Zudem überfordern die ausgesperrten Kunden die Hotlines der Broker, über die sie Klarheit wollen oder handeln müssen, weil ihre Positionen „offen“ waren. Wie die Institute mit Kunden umgehen, deren Positionen kollabiert sind, ohne, dass Kunden zeitnah eingreifen konnten, dürfte Gegenstand zahlreicher Diskussionen der kommenden Wochen werden.

Das Pikante ist nun: Die Sociéte Générale hatte ihr deutsches „Marketmaker“-Geschäft (so wird der Plattform-Betrieb im Fachjargon genannte) gerade erst mit dem Zukauf der sogenannten EMC-Sparte von der Commerzbank substantiell aufgebaut. Das Kürzel EMC steht für Equity Markets & Commodities – und der Bereich umfasst neben dem ETF-Geschäft auch das Zertifikate-Geschäft sowie eben das „Market Making“ für den Handel mit Differenzkontrakten mit B2B-Kunden.

Offiziell besiegelt wurde der Verkauf der EMC-Sparte, mit der die Commerzbank zuletzt (2017) Erträge von 370 Mio. Euro jährlich erwirtschaftet hatte, bereits Ende 2018. Bislang hieß es, die technische, personelle und bilanzielle Migration des Geschäftsbereichs – laut Branchenkennern ein Mammutprojekt – solle im ersten Quartal dieses Jahres abgeschlossen werden. Sie erfolgt schubweise. Naheliegenderweise kursieren nun in der Broker-Szene Spekulation, die Mega-Panne der vergangenen Tage könnte auf Probleme bei dieser Mammut-Migration zurückzuführen sein, und der kommunizierte Zeitplan sei kaum zu halten. Denn: Das Derivategeschäft etwa soll am 16. März migriert werden.

Die Commerzbank – die mit dem Vorgang rechtlich tatsächlich nichts mehr zu tun hat – lehnte eine Stellungnahme ab. Finanz-Szene.de bat natürlich auch die Société Générale um eine Stellungnahme. Das Pariser Institute antwortete:

„Aufgrund eines technischen Problems in unserer IT-Infrastruktur ist das Market Making in CFDs durch Société Générale seit Montagmittag von einem Handelsausfall betroffen. Wir nehmen den Vorfall sehr ernst und arbeiten mit Hochdruck daran, das Problem zu beheben.“

Und weiter, zur Frage, ob nun der Zeitplan wackele:

“Der aktuelle Vorfall hat keinen Einfluss auf die technische Möglichkeit zur Übertragung des Zertifikategeschäfts von der Commerzbank zur Société Générale. Société Générale und Commerzbank stehen im derzeitigen Marktumfeld in engem Austausch, um die anstehende Migration im besten Interesse der Kunden umzusetzen.“

Wir deuten die Aussage so, dass die SocGen einen Zusammenhang zwischen der Migration und den Problemen bestreitet und auch der Migrationsfahrplan bestehen bliebe. Ein Dementi also. . Wobei: Ein bisschen weich klingt das Dementi dann doch. Denn: dass die technische Möglichkeit besteht, das Geschäft zu migrieren, steht ja gar nicht in Frage. Sondern schlicht, ob sie gelingt. Jedenfalls, nochmal die SocGen im Originalton:

„Momentan gehen wir davon aus bis zum 05.03. zur Markteröffnung wieder handelbar zu sein.“

Das hieße also, dass an diesem Donnerstagmorgen alles wieder laufen würden.

(Ergänzung vom 5.3., 8:00 Uhr: Nach Angaben der Comdirect „ist der CFD-Handel um 8 Uhr wieder gestartet.“ Ein Großteil der „Reklamationen und fiktiven Positionsschließungen“ sei  „eingearbeitet“.)

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