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Fünf kontraintuitive digitale Strategien für etablierte Banken

15. Juli 2020

Von Richard Dratva*

Um der disruptiven Wucht der Digitalisierung zu begegnen, tun etablierte Finanzmarken das, was ihnen vor dem Hintergrund ihrer über Jahrzehnte gewachsenen Geschäftspraktiken, Arbeitsweisen und Prozesse intuitiv richtig erscheint – und liegen damit im digitalen Zeitalter oftmals daneben. Dieser Beitrag stellt fünf trivial anmutende, aber kontraintuitive digitale Strategien vor, wie etablierte Institute im Digital Banking der 2020er Jahre erfolgreich sein können.

Strategie 1: Sichtbare Verbesserungen für den Kunden schaffen, statt tief unten im Stollen zu graben

Unter der Oberfläche kämpfen Banken mit der enormen Komplexität und den Kosten hunderter verschiedener Systeme, die sie für ihr Tagesgeschäft aufrechterhalten müssen –  und widmen den Löwenanteil ihres Technologiebudgets der Wartung dieser Systeme. Dadurch entsteht jedoch keine für den Kunden sichtbare Leistung. Banken sollten sich deswegen darauf konzentrieren, spürbare Verbesserungen für den Endkunden zu erreichen. Die Modernisierung der zugrundeliegenden Systeme ist wichtig, Innovation aber ist wichtiger – und dafür müssen in den Banken die vorhandenen Ressourcen entschieden umverteilt werden. 

Strategie 2: Radikal vereinfachen, statt in Komplexität zu ersticken

Für etablierte Unternehmen ist es einfacher, ihr Portfolio um neue Produkte und Dienstleistungen zu ergänzen als bestehende Angebote zu entfernen. Deswegen hat sich bei vielen Finanzmarken ein sehr großes Angebot an Konten, Karten, Tarifen, Preisstufen und Services angesammelt – natürlich ganz im Sinne der Kunden, denn die wissen diese große Auswahl doch sicher zu schätzen, oder? Tatsächlich fühlen sich die Kunden bei zu vielen Möglichkeiten schnell überfordert.

Hinzu kommt, dass Finanzinstitute nur dann schneller und innovativer werden können, wenn sie auch schlanker und fokussierter werden – also ihr Portfolio drastisch reduzieren. Eine kontraintuitive Strategie ist es deswegen, die Zahl der Optionen radikal zu verringern und die Customer Journey so weit wie möglich zu vereinfachen, denn Einfachheit bedeutet Bequemlichkeit und Bequemlichkeit ist der größte Treiber für Loyalität in der digitalen Welt.

Strategie 3: Open Banking statt Wagenburgmentalität

Viele etablierte Finanzinstitute begrenzen bislang die Öffnung ihrer Systeme auf das regulatorische Minimum. Die eigentlichen Treiber des Open Bankings werden jedoch künftig nicht die Regulatoren, sondern die Bankkunden sein – und die wissen, was sie wollen: ein Banking, das ihrer digitalisierten Lebenswelt entspricht. Die Finanzwelt der Zukunft ist hypervernetzt. Es ist deswegen besser, Teil dieser Vernetzung zu werden als sich ihr zu verschließen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt künftig darin, die Daten Dritter intelligent zu nutzen und nicht nur die eigenen Daten Dritten zur Verfügung zu stellen.

Die gute Nachricht: Etablierte Finanzmarken sind für die heraufziehende Open-Banking-Welt besser gerüstet als sie glauben. Ob Energie, Mobilfunkverträge oder Medienservices: Viele Bankkunden können sich bereits heute vorstellen, branchenfremde Produkte von ihrer Bank zu beziehen. Dies eröffnet Banken die Möglichkeit, sich mit Zusatzangeboten neue digitale Ertragsquellen zu erschließen. 

Strategie 4: Zum Challenger der Challenger werden, statt in Angststarre zu verfallen

Etablierte Institute schrecken häufig vor Innovationen im Stil der Challenger zurück, weil sie befürchten, mit radikalen Veränderungen die Reputation ihres Instituts aufs Spiel zu setzen oder gleich ihre komplette Marke umbauen zu müssen. Eine kontraintuitive Strategie für Banken besteht darin, zu untersuchen, was genau die Challenger so erfolgreich macht – und anschließend mit halbunabhängigen „Flanker Brands“ eigene Challenger auf den Markt zu bringen, um so losgelöst von der Hauptmarke mit neuen Technologien, Denkweisen und Kundensegmenten experimentieren zu können. Der große Vorteil dabei: Eine solche „Flanker Brand“ muss gar nicht immer teuer sein.

Strategie 5: Auf Innovationen in „Fin“ statt in „Tech“ setzen

Fintechs sind oft von Natur aus eher „tech“ als „fin“. Sie überzeugen vor allem mit ihrer Technologiekompetenz, ihrem kundenorientierten Designdenken und ihrer Fähigkeit, für alte Probleme neue Lösungen zu finden. Viele etablierte Institute glauben, selbst zu Technologieunternehmen werden zu müssen, um den neuen Wettbewerbern Paroli bieten zu können. Sie stellen hunderte von Entwicklern ein, bauen ihre IT-

Infrastruktur aus und versuchen so, die Challenger technologisch zu überholen.

Doch ist das wirklich nötig? Etablierte Finanzmarken sollten sich vielmehr auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren: Die Entwicklung und den Vertrieb von Finanzprodukten und -dienstleistungen. Technologie ist nur Mittel zum Zweck und kann von Banken an spezialisierte Finanztechnologie-Anbieter outgesourct werden.


* Dr. Richard Dratva ist Chief Strategy Officer bei Crealogix. Schon Ende der 90er-Jahre war er als Projektleiter bei Credit Suisse für die Konzeption und Einführung der ersten Schweizer Onlinebank verantwortlich. Seitdem hat er zahlreiche Innovationsprojekte in den Bereichen Digital Wealth Management und Digital Advisory geleitet. 

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