Exklusiv

Genos setzen 5-Mrd.-Duftmarke mit Robo-Advisor-Plattform

Als die Volks- und Raiffeisenbank im Jahr 2015 einen (vermeintlichen) Robo Advisor namens Visualvest ins Rennen schickten – da wirkte das eher wie die Auflage eines “Me too”-Produkts. Macht das wirklich Sinn, wenn klassische Geldhäuser plötzlich Fintech spielen? Haben solche Unterfangen gegen die Startup-Robos wie Scalable Capital überhaupt eine Chance? Und umgekehrt gedacht: Tun sich die Genobanken und ihr Fondsdienstleister, also die Union Investment, überhaupt einen Gefallen mit so einem Vehikel? Oder kannibalisiert so ein digitaler Vermögensverwalter nicht am Ende eher das klassische Fondsgeschäft?

Für finale Antworten auf diese Fragen ist es noch zu früh. Für den Moment – also gut sechs Jahre nach dem Launch von Visualvest – sieht es allerdings so aus, als könnte das Kalkül des Genosektors aufgehen. Befeuert vom allgemeinen Wertpapierboom wird die Union Investment im Februar mit hoher Wahrscheinlichkeit Rekorde bei Nettoabsatz und Gewinn für 2021 verkünden. Klares Indiz: Allein im ersten Halbjahr lag der Nettoabsatz bei unglaublich 24,4 Mrd. Euro. Die noch größere Sensation allerdings: Einen signifikanten Beitrag hierzu hat Visualvest geleistet. Nach exklusiven Informationen von Finanz-Szene.de hat der (vermeintliche) Robo bei den Assets under Management die Marke von 5 Mrd. Euro geknackt. Das ist mehr, als Scalable Capital im Robo-Geschäft auf die Waage bringt. Und weit, weit mehr, als alles anderen Fintech-Robos aufweisen.

Freilich: Ob es sich bei Visualvest wirklich um einen Robo Advisor handelt, das darf man infrage stellen (siehe im letzten Jahr unsere Analyse -> Wo die Asset-Explosion beim Geno-Robo wirklich herkommt). Denn: Visualvest liefert nicht nur das, was gemeinhin als “Robo” verstanden wird, also eine automatisierte Anlage vor allem in kostengünstige ETFs, sondern eigentlich drei verschiedenen Produkte:

  • Einmal das Direktprodukt mit dem Namen “Visualvest”, digital direkt abschließbar online
  • Das etwas höher gepreiste Whitelabel-Produkt unter dem Namen „MeinInvest“, das die Geno-Banken vertreiben
  • Und die bei Genobanken „VermögenPlus“ genannten Variante, die technisch zwar auf die Plattform von Visualvest aufbaut, aber fast ausschließlich stationär vertrieben wird und mit pauschalen Service-Gebühren von rund 1,2 bis 1,4% eher im Mittelfeld zwischen klassischen Robos und aktiv verwalteten Fonds positioniert ist.

Recherchen von Finanz-Szene.de zeigen, dass das Geld vor allem in die “Vermögen Plus”-Variante fließt. Rund vier Fünftel der Assets dürften das sein, der Rest verteilt sich zum deutlich kleineren Teil auf den Visualvest-Robo (im sehr niedrigen dreistelligen Mio-Bereich) und eben auf “MeinInvest” (im höhere dreistelligen Millionenbereich).

Fürs erste relativiert das vielleicht den Vertriebserfolg (denn der Produktabschluss erfolgt noch meist über die Filiale) – aber es schmälert ihn nicht. Alles in allem ? Insgesamt dürfte ganz grob jeder zehnte Euro des Geno-Fondsabsatzes über die Visualvest-Plattform laufen. Das hätten 2015 die wenigsten für möglich gehalten. Und womöglich ist es Visualvest damit auch gelungen, ein Produkt in der genossenschaftlichen Angebotspalette zu verankern, mit dem digitalaffinere und etwas kostensensiblere Anlegern im Verbund gehalten werden, anstatt als Selbstentscheider zu Direktbanken und zu deren ETF-Angeboten überzulaufen.

 

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