Analyse

Steht der Smartbroker wirklich kurz vor 10 Mrd. Euro AuMs?

2. Dezember 2021

Von Heinz-Roger Dohms und Christian Kirchner

Die Mitteilung, die der Berliner Finanzportal-Betreiber “Wallstreet Online” gestern Vormittag herausgab, klang im ersten Moment harmlos. “Mit weiteren 8 Mio. Euro”, so stand es in der Überschrift, fördere man den Smartbroker – also den 2019 gestarteten, hauseigenen Neobroker. Was übersetzt so viel bedeutet wie: Die “Wallstreet Online AG” injiziert seinem Trade-Republic-Herausforderer eine weitere kleine Kapitalspritze zur Finanzierung des Wachstums.

Eine nette Meldung für unseren Newsletter. Aber mehr auch nicht. Dachten wir jedenfalls, wie gesagt, im ersten Moment.

Was uns dann jedoch regelrecht elektrisierte, das war die Unterzeile besagter Mitteilung: “Die Überschreitung der 10-Mrd.-Euro-Schwelle bei den Assets under Management wird voraussichtlich Anfang 2022 erfolgen”, stand da. Womit man, wie es im weiteren Textverlauf hieß, “gemessen an der AuM-Höhe bereits jetzt der größte Neobroker-Betreiber in Deutschland” sei!

In der Tat: Mit 10 Mrd. Mrd. Euro wäre der Smartbroker kein Trade-Republic-Herausforderer mehr. Sondern: Mit 10 Mrd. Euro hätte der vermeintlich kleine Smartbroker das große Trade Republic möglicherweise und sensationellerweise überholt. Denn, nur zur Erinnerung: Trade Republic hatte seine Assets zuletzt im Mai mit 6 Mrd. Euro beziffert. Indes: Stimmt das mit den 10 Mrd. Euro wirklich? Angeblich ja. Denn in der “Börsen-Zeitung” (Paywall) heute Morgen bekräftigt Wallstreet-Online-Chef Matthias Hach die Aussage noch einmal.

Trotzdem können wir die Zahl irgendwie nicht glauben. Und was nun?

Mmmhhh.

Fangen wir an beim Wording.

In dem “BÖZ”-Interview (Paywall) heute Früh lässt Hach wie gesagt kaum einen Zweifel daran, dass sich die 10 Mrd. Euro auf den Smartbroker beziehen. Wir zitieren (Fettungen unsererseits):

“Bei den Assets under Management (AuM) gehen wir davon aus, dass wir im Januar die Marke von 10 Mrd. Euro reißen, womit wir innerhalb von gut zwölf Monaten eine Verdoppelung erzielt hätten. Damit sind wir einer der größten Neobroker in Deutschland, und ich würde sagen, das Momentum beim Smartbroker ist keinesfalls schwächer als bei Trade Republic oder Scal­able.” 

In der offiziellen Mitteilung von gestern Früh allerdings wird der Bezug, wenn man die Mitteilung sehr genau liest, ganz so deutlich nicht hergestellt. Denn dort heißt es (Fettungen unsererseits):

“Mit Blick auf die ‘Assets under Management’ (AuM) konnte das werthaltige Wachstum auch in diesem Jahr fortgesetzt werden. Unter Berücksichtigung der aktuellen Marktbedingungen geht der Vorstand davon aus, bereits Anfang 2022 die 10 Mrd. Euro-Grenze zu überschreiten. Zum 31.12.2020 betrug die Höhe der betreuten Vermögenswerte rund 4,3 Mrd. Euro AuM. Dieser Wert konnte bereits innerhalb von elf Monaten mehr als verdoppelt werden. Damit ist die WOC gemessen an der AuM-Höhe bereits jetzt der größte Neobroker-Betreiber in Deutschland.”

Also:

  • Es geht in der Passage nicht um den Smartbroker. Sondern es geht um eine “WOC”
  • Und es wird auch nicht behauptet, dass die “WOC” der größte Neobroker in Deutschland sei. Sondern die Rede ist vom “größten Neobroker-BETREIBER”, also von einem Unternehmen, dass (unter anderem?) einen Neobroker betreibt, aber nicht notwendigerweise ein Neobroker ist.

Smartbroker: Kundenwachstum geht um drei Viertel zurück

Dazu muss man nun wissen: Zwischen der “Wallstreet Online AG” (einer börsennotierten Kapitalgesellschaft) und dem Smartbroker (der gar keine Gesellschaft ist, sondern eine “Brand” bzw. ein “Produkt” bzw. ein “Angebot”) steht noch die “Wallstreet Online Capital AG”. Bei dieser handelt es sich unserem Verständnis nach um eine Tochter der “Wallstreet Online AG” (welche > 95% der Aktien besitzt) und um die Betreiberin des Smartbrokers. Die “Wallstreet Online Capital AG” ist unserem Verständnis nach nun jenes Unternehmen, dass in der weiter oben zitierten Passage mit “WOC” abgekürzt wird.

Wenn wir es richtig verstehen, ist es nun aber so, dass die “WOC” nicht nur den Smartbroker betreibt, sondern obendrein auch noch den Fondsvermittler “Fondsdiscount”. Und: Die “WOC” hat unserem Verständnis nach vor einiger Zeit auch die Wertpapierdespots der VW Bank übernommen.

Hätte Matthias Hach im Interview mit der “BÖZ” nicht ziemlich klar suggeriert, dass sich die 10 Mrd. Euro auf den Smartbroker beziehen, wären wir nach längerem Nachdenken deshalb eher davon ausgegangen, dass sich die 10 Mrd. Euro möglicherweise auf die Summe von Smartboker + Fondsdiscount + ehemalige VW-Bank-Assets beziehen. Zumal sich genau so auch eine Investoren-Präsentation liest, die “Wallstreet Online” just dieser Tage veröffentlicht hatte. Darin nämlich finden sich bezogen auf den Stand per 30. Juni dieses Jahres folgende Zahlen:

  • Assets under Management: 6,8 Mrd. Euro
  • Smartbroker-Kunden: 142.443
  • Durchschnittliche AuM je Smartbroker-Kunde: rund 30.000 Euro

Eine simple Multiplikation der 142.443 Kunden mit den 30.000 Euro Durchschnitts-AuM ergibt 4,3 Mrd. Euro. Was zwar viel ist. Aber eben doch weniger also die genannten 6,8 Mrd. Euro. Irgendwas muss das Delta erklären. Wir würden vermuten, es sind die Fondsdiscount- und die Ex-VW-Bank-Assets (und dem wurde gestern seitens der “Wall Street Online AG” auf Nachfrage auch nicht widersprochen, weshalb uns die Aussagen Hachs in der “BÖZ” umso mehr verwirren).

Was man bei alldem freilich nicht vergessen darf: Selbst wenn wir nicht mit den AuM von “Anfang 2022” rechnen, sondern mit den AuMs von sozusagen “dieser Woche” (das müssten ja grob 9 Mrd. Euro sein, wenn die 4,3 Mrd. Euro von Ende 2020 “mehr als verdoppelt” wurden, wie es in der Mitteilung heißt) und hiervon die geschätzten Assets von “Fondsdiscount” und “ehemals VW Bank” abziehen – dann landet man mutmaßlich immer noch irgendwo zwischen 5 Mrd. und 6 Mrd. Euro.

Mit diesen Mit 5-6 Mrd. Euro läge der Smartbroker zwar sicherlich immer noch ein gutes Stück hinter Trade Republic (wie gesagt, 6 Mrd. Euro per Mai …) – aber unerwartet deutlich vor dem Scalable Broker (2,5 Mrd. Euro per Oktober). Und auch das wäre eine ziemliche Sensation.

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