Deep Dive

Ist die Deutsche Bank bei ihrer Digitalisierung gescheitert?

27. April 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Wer wissen will, wie Markus Pertlwieser tickt – der muss einen noch unveröffentlichten Aufsatz lesen, den der oberste Digitalstratege der Deutschen Bank kürzlich verfasst hat. Pertlwieser räumt in dem Beitrag ab mit dem Konzept der „Two speed organisation“. Also mit der Idee, dass sich innerhalb einer Bank beides parallel realisieren lässt, nämlich die Digitalisierung des Bestandsgeschäft und die Entwicklung neuer, digitaler Geschäftsmodelle. Stattdessen redet Pertlwieser einer Separierung des Zukunftsgeschäfts von der bestehenden Bank das Wort. Es brauche „digitalen Angreifer“, die „fern vom üblichen Bankgeschäft“ arbeiten – und, ja: Dies bedeute auch zuzulassen, dass sich die bestehende und die neuen Einheit gegenseitig „kannibalisieren“.

Es ist nicht ganz klar, ob Pertlwieser, als er diese Gedanken niederschrieb, schon wusste, dass er die Deutsche Bank (wie an diesem Wochenende vom „Manager Magazin“ enthüllt wurde) bald verlassen wird. Eines jedoch ist klar: So wie ihr Oberdigitalo Pertlwieser tickt – so will die Deutsche Bank bis auf weiteres nicht mehr ticken. Die Personalie Pertlwieser ist mehr als eine Personalie. Sie ist eine Botschaft: Die Zeit der hochtrabenden Ideen ist spätestens mit dem Ausbruch der Corona-Krise vorbei. Es geht jetzt nicht mehr darum, wie sich die Deutsche Bank für die nächsten zehn Jahre positionieren will. Es geht jetzt darum, dass sie die nächsten zehn Monate überlebt.

Eine schöne Botschaft ist das nicht. Ist es trotzdem die richtige?

Markus Pertlwieser entstammt der McKinsey-Schule. Von dort kommt der heute 45-Jährige 2008 zur Deutschen Bank, steigt 2015 zum „Chief Digital Officer“ für das Privatkundengeschäft auf. Es ist ein Titel, den es bei der Deutschen Bank bis dahin gar nicht gibt. Und so richtig wird in den fünf Jahren, die Pertlwieser den Titel führen wird, auch nicht klar, welche Machtfülle damit verbunden ist. War der Digitalchef wirklich ein Chef? Oder war er eher ein Chefideologe? War Pertlwieser der Mann, der die Deutsche Bank in die Zukunft führen sollte? Oder war er ein Norbert Walter 2.0?

In jedem Fall ist Pertlwieser lange Zeit: ein Sewing-Mann. Das wird deutlich, als Christian Sewing und Markus Pertlwieser am 19. April 2016 bei einem „Workshop“ genannten Presse-Event die Digitalstrategie der Deutschen Bank enthüllen. In den Doppeltürmen herrscht damals für kurze Zeit so etwas wie Aufbruchstimmung. Die alte Krise und deren elend lange Aufarbeitung scheinen hinter dem Institut zu liegen, die neuen Krisen sind noch nicht da. Selbst die ewigen Skandale und Affären haben an diesem Frühlingstag vor vier Jahren Pause.

Stattdessen ist von den „Deutsche Bank Labs“ in Berlin, London und Palo Alto die Rede, vom Start der großen „Digitalfabrik“ mit 400 Mitarbeitern in Frankfurt-Sossenheim, von 750 Mio. Euro, die über die nächsten Jahre in die Digitalisierung des Privatkundengeschäfts investiert werden sollen. Sewing, damals noch nicht CEO, sondern Retailchef, hört sich an jenem Tag kaum anders an als Pertlwieser. Er sagt Sätze wie: „Wir schaffen in der Deutschen Bank ein digitales Ökosystem.“ Oder: „Wir müssen der digitale Vorreiter sein.“

Tatsächlich wird die Deutsche Bank, wird Pertlwieser sämtliche digitalen Projekte, die damals annonciert werden, im Laufe der Jahres sauber umsetzen.

  • Es startet: die neue App
  • Es kommt: die komplett digitale Kontoeröffnung
  • Es wird gelauncht: die „Zinsmarkt“ genannte Einlagen-Plattform
  • Es geht live: die digitale Vermögensverwaltung „Robin“
  • Es wird was: mit dem „e-Safe“ genannte Dokumenten-Management
  • Es geht (an diesem Montag und mit reichlich Verspätung) schließlich auch noch an den Start: der digitale Versicherungsmanager

Darüber hinaus beteiligt sich die Deutsche Bank unter Pertlwieser an einigen hoffnungsvollen jungen Fintechs wie Dwins („Finanzguru“) oder zuletzt  Qplix (siehe neulich unser Stück: „Klein! Aber oho? So investiert die Deutsche Bank in Fintechs“). Und: Die Blaubanker bringen sogar eine Unternehmung an den Start, die dem Pertlwieser’schen Leitmotiv der Separierung beinahe idealtypisch entspricht – nämlich Yunar, eine Kundenkarten-App, die komplett außerhalb der Deutschen Bank (nämlich innerhalb einer in Berlin angesiedelten neuen GmbH namens Ambidexter) entwickelt wird.

Die Wohlmeinenden innerhalb der Deutschen Bank sehen in diesem Track Record den Beleg dafür, dass Pertlwieser „geliefert“ habe. Denn auch wenn sich manches verspätet hat. So gut wie nichts ist liegengeblieben. Die weniger Wohlmeinenden stellen hingegen die Frage, bei welchen Projekten man wirklich von einem Erfolg sprechen könne (siehe auch schon unsere Analyse „Der große Check – wie digital ist die Deutsche Bank wirklich?“ aus dem November 2018).

  • Müsste man Bilanz ziehen, dann steht auf der Habenseite zweifelsohne die Apple-Pay-Einführung Ende 2018. Keine andere etablierte Bank hierzulande setzte – maßgeblich vorangetrieben von Pertlwieser – so früh und vor allem so dezidiert auf den Mobile-Payment-Dienst des US-Giganten (siehe die entsprechende Analyse unseres Payment-Experten Hendrik Dahlhoff kürzlich). Zwar gibt es keine aktuellen Nutzerzahlen (hier welche von Anfang 2019). Allerdings kooperieren inzwischen nahezu alle deutschen Geldinstitute mit Apple – was ein starkes Beleg dafür sein sollte, dass die Deutsche Bank mit ihrer frühzeitigen Festlegung richtig lag.
  • Allseits gelobt wird in der digitalen Bankenszene auch die Deutsche-Bank-App. Diverse Test-Erfolge (zum Beispiel im Fachmagazin „Chip“) stützen diese Einschätzung.
  • Zumindest ein Achtungserfolg ist der „Zinsmarkt“, über den die Deutsche Bank seit dem Start 2017 Kundeneinlagen in Höhe von 2,5 Mrd. Euro an Partnerinstitute mit besseren Zinsangeboten vermittelte. Gleichwohl: Verglichen mit den beiden Fintech-Einlagen-Brokern Raisin („Weltsparen“) und Deposit Solutions („Zinspilot“, „Savedo“), die ganz grob auf jeweils rund 20 Mrd. Euro kommen, nimmt sich das vermittelte Volumen dann doch wieder bescheiden aus …
  •  … was noch mehr für den Robo-Advisor „Robin“ gilt, von dem sich Pertlwieser schon per Ende 2018 (und damit gut ein Jahr nach dem Marktstart) ein Assetvolumen von 1 Mrd. Euro erhofft hatte. Stattdessen hat die Deutsche Bank bis heute keine „AuM“-Zahlen zu ihrem digitalen Vermögensverwalter veröffentlicht. Nach Schätzungen von Finanz-Szene.de erscheint heute ein Wert irgendwo zwischen 250 Mio. Euro und 350 Mio. Euro realistisch. Womit die Deutsche Bank nicht nur hinter dem mit der ING Diba kooperierenden Marktführer Scalable Capital (vor Corona mehr als 2 Mrd. Euro), sondern auch weiterhin hinter bankeneigenen Playern wie Cominvest (Comdirect, vor Corona rund 600 Mio. Euro) und Quirion (Quirin Bank, vor Corona rund 400 Mio. Euro) zurückhängt.

Einer der tendenziell eher Wohlmeinenden sagt: „Bei vielen Dingen, die Pertlwieser in den letzten Jahren im Digitalbereich angepackt hat, würde man rückblickend sagen, dass die Ideen in jedem Fall richtig waren. Man hat allerdings oft das Gefühl, dass die Deutsche Bank bei ihren digitalen Projekten bei 80% stehen bleibt, statt die Sache dann auch einfach mal konsequent durchzuziehen.“ Einer der weniger Wohlmeinenden sagt: „Dass man von einigen Sachen praktisch gar nichts mehr hört, kommt ja nicht von ungefähr.“

  • Zu den Projekten, um die es auffällig still geworden ist, gehört Verimi, also die Identitäts-Plattform der deutschen Wirtschaft, die von der Deutschen Bank und insbesondere Pertlwieser ganz entscheidend vorangetrieben wurde. Nutzerzahlen? Sonstige Geschäftszahlen? Bislang Fehlanzeige, mal abgesehen davon, dass der Aufbau auf Verimi-Ebene allein 2018 knapp 30 Mio. Euro verschlungen hat. Was man immerhin weiß: Von den drei ursprünglichen Geschäftsführern war anderthalb Jahre nach dem Start schon keiner mehr an Bord.
  • Sollte die Deutsche Bank irgendeine stringente Idee haben, was sie mit der Norisbank machen soll – dann erschließt sich diese Idee nicht wirklich.
  • Zumindest ein Fragezeichen gehört hinter das vielleicht ambitionierteste Pertlwieser-Projekt, nämlich die schon angesprochene Bonuskarten-App Yunar. Diese sollte auf Sicht zu einer mobilen Wallet ausgebaut und – erweitert um Kontofunktionen – zu einem „echten digitalen Attacker“ werden, wie es intern hieß.  Auf 250.000 mindestens einmal monatlich aktive User soll die Ende 2018 gestartete App kommen, was einerseits so schlecht nicht klingt – andererseits aber nicht verhinderte, dass das Geldhaus inzwischen einen Co-Investor für das Projekt sucht und sogar einen kompletten Verkauf nicht ausschließt. Im 2019er-Geschäftsbericht der DB Privat- und Firmenkundenbank hat „Finanz-Szene.de“ dieser Tage die Kapitalisierung für die hinter Yunar stehende Ambidexter GmbH entdeckt. 43 Mio. Euro waren schon 2018 in die Gesellschaft geflossen. Womit Yunar gemessen am Initial-Funding fast so etwas wie das teuerste deutsche Fintech überhaupt sein könnte. Man kann sich ungefähr ausmalen, was dann erst die Anschluss-Finanzierung kosten wird, die irgendwann mit ziemlicher Sicherheit ansteht.

Dass in einem vielstimmigen Laden wie der Deutschen Bank viele der digitalen Projekte intern mit Skepsis verfolgt werden, versteht sich von selbst. Damit zum Beispiel der „Zinsmarkt“ mehr als nur ein Achtungserfolg wird, müsste die Plattform im täglichen Kundengeschäft ordentlich gepusht werden, für „Robin“ gilt dasselbe. Doch passiert das? Wird die innere Kannibalisierung wirklich zugelassen? Pertlwieser sah sich und seine Digitaltruppe immer als Enabler. Die neuen Tools, die neuen Dienste zum Kunden bringen – das sollten andere. Und hier scheinen die täglichen Widerstände dann doch größer zu sein, als die Deutsche Bank zugeben mag, auch wenn jüngst verkündet wurde, dass der „Zinsmarkt“ künftig auch den Kunden der Postbank und im Wealth Management angeboten werden soll.

Zwischenzeitlich sah es mal so aus, als könnte aus Pertlwieser auf Sicht mehr werden als „nur“ der Digitalchef und Vorstand der Privatkundensparte. So übernahm er 2017 neben seiner eigentlichen Aufgabe auch die Verantwortung für die technische Integration der Postbank. Indes: Als die Deutsche Bank letztes Jahr einen neuen IT-Chef suchte, da holte Sewing den ehemaligen SAP-Vorstand Bernd Leukert. Und: Erst wenige Tage ist es her, dass die Bank den Transformations-Experten Jan Wohlschieß (er ist seit 2010 bei der „Deutschen“) zum „Chief Information Officer“ (CIO) des weltweiten und zum  „Chief Operating Officer“ des deutschen Privatkundengeschäfts machte. Auch das klang gelinde gesagt eher nicht nach einer Aufwertung von Pertlwiesers CDO-Rolle. Zumal die Personalie mit dem Wording garniert wurde, Wohlschieß solle „die Komplexität im deutschen Geschäft abbauen“ und dieses „effizienter machen“.

Nun wird in der Deutschen Bank zwar verneint, dass es zwischen der Personalie Pertlwieser und der Personalie Wohlschieß irgendeinen Zusammenhang gibt. Wie man allerdings hört, soll Pertlwieser Position nach dessen Ausscheiden erst einmal aus dem Organigramm verschwinden. Mehr COO wagen. Und weniger CDO.

Man könnte es auch einfacher ausdrücken: Es geht jetzt mehr denn je ums Sparen. Zumal in der reichlich geschundenen Privatkundensparte (siehe hier, hier, hier und hier). Und nicht mehr um die großen Entwürfe – zu denen beispielswiese auch gehörte, die Deutsche-Bank-App für Nichtkunden zu öffnen, was auch eine jener Ideen war, die bei den Digitalmenschen außerhalb der Bank größeren Anklang fanden als bei den Skeptikern innerhalb. Schon vor Monaten war aus den Doppeltürmen zu hören: „Bei allem, was die Digitalleute an Ideen haben, wird jetzt erst einmal nach dem Ergebnisbeitrag gefragt.“ Eine Prioritätensetzung, die sich mit der Corona-Krise bis auf weiteres manifestiert haben dürfte.

War für langfristige Digitalprojekte wie Yunar das Geld schon vor Corona knapp, so gilt jetzt erst Recht. Weswegen der Abgang Pertlwiesers konsequent erscheint. Aus Perspektive der Bank. Aber auch aus seiner eigenen.

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