Analyse

Ist Smava jetzt wirklich das dritte deutsche Fintech-Unicorn?

14. Februar 2021

Von Heinz-Roger Dohms und Caspar Schlenk

Es ist ein Paukenschlag: Der zweitgrößte Online-Vermittler von Konsumentenkrediten hierzulande (nämlich Smava aus Berlin) schluckt den drittgrößten (nämlich Finanzcheck aus Hamburg). Wie sieht der Deal im Detail aus? Wie wird sich der Markt für Konsumentenkredite durch den Zusammenschluss verändern? Und ist Smava – wie medial gleich spekuliert wurde – jetzt wirklich ein „Einhorn“? Wir konnten’s kaum glauben. Und haben den Taschenrechner angeworfen. Die Analyse:

1.) Wie sieht der Deal zwischen Smava und Finanzcheck konkret aus?

Smava übernimmt Finanzcheck komplett. Dafür erhält der bisherige Finanzcheck-Eigentümer Hellman & Friedman (ein US-Finanzinvestor) Anteile an Smava sowie eine Barzahlung. Das „Handelsblatt“ bezifferte den Kaufpreis nach Gesprächen mit Smava-Chef Alexander Artopé und Christian Nagel vom Smava-Investor Earlybird auf „knapp 200 Mio. Euro“. Diese Summe wird in Branchenkreisen als realistisch angesehen. Aus dem Unternehmensumfeld heißt es, die Cash-Komponente habe den größeren Teil der „knapp 200 Mio. Euro“ ausgemacht.

2.) Wie groß sind/waren Smava und Finanzcheck stand-alone?

In der Pressemitteilung zu dem Deal heißt es:

„Insgesamt haben beide Unternehmen im Jahr 2020 ein Kreditvolumen von deutlich über 4 Mrd. Euro zwischen Konsumenten und Banken vermittelt. Davon entfallen rund 65% auf Smava.“

Diese Angabe dürfte stimmen, wobei man „deutlich über 4 Mrd. Euro“ eher mit 4,1 Mrd. Euro übersetzen sollte als mit, sagen wir, 4,4 Mrd. Euro.

Darüber hinaus wurden am Freitag – auch auf Anfrage – keine weiteren Geschäftszahlen genannt. Allerdings: Auf Basis von älteren Geschäftsberichten, Investoren-Präsentationen, Interview-Aussagen und eigenen Berechnungen glauben wir, die Entwicklung des vermittelten Volumens seit 2015 ziemlich exakt aufdröseln zu können (einzig bei dem Finanzcheck-Wert für 2019 handelt es sich um eine reine Schätzgröße, darum das Sternchen). Voilà:

in Mrd. Euro Smava Finanzcheck
2015 0,5 0,6
2016 0,7 0,8
2017 1,2 1,1
2018 2,0 1,3
2019 2,7 1,4*
2020 2,7 1,4

Man sieht: Obwohl Smava (gegründet: 2005) einige Jahre älter ist als Finanzcheck (gegründet 2009), hatte das in Hamburg ansässige Finanzcheck den Berliner Konkurrenten zwischenzeitlich überholt. Mitte 2018 wurde die bis dahin eigentümergeführte Finanzcheck an den Internetkonzern Scout24 verkauft. Spätestens da verkehrten sich die Verhältnisse wieder. Denn während sich die Zuwächse von Finanzcheck nach dem Exit dramatisch verlangsamten, setzte Smava seinen Wachstumskurs zumindest bis 2019 fort.

3.) Ist Smava nach der Finanzcheck-Übernahme ein Unicorn?

Dass Smava sich medial zu positionieren weiß, ist nichts Neues. Ein paar Beispiele:

Kommen wir also zu den Fakten:

  • Auf Basis unserer Berechnungen (die sich aus Einträgen in öffentlichen Registern herleiten) kam Smava im Jahr 2016 auf eine Bewertung von gerade mal 64 Mio. Euro; Ende 2017 waren es dann immerhin rund 190 Mio. Euro
  • Wenn nun das „neue“ Smava (annähernd) 1 Mrd. Euro wert sein soll und Finanzcheck in dem Deal mit „knapp 200 Mio. Euro“ bewertet wird – dann müsste das „alte“ Smava in dem Deal mit (annähernd) 800 Mio. Euro taxiert worden sein, wenn die These vom Unicorn stimmt (jedenfalls, wenn man „Unicorn“ mit einer Bewertung von mindestens 1 Mrd. Euro übersetzt, legt  man 1 Mrd. Dollar als Maßstab, ist die Rechnung logischerweise eine andere)

Ist die 1 Mrd. Euro realistisch? Wir haben, kurz gesagt, unsere Zweifel:

  • Finanzcheck wurde Mitte 2018 für 285 Mio. Euro veräußert (was damals in der Branche einhellig als ziemlicher „Wow“-Preis aufgenommen wurde). Wenn Finanzcheck diesmal für „knapp 200 Mio. Euro“ weggegangen ist, so entspricht das einem Rückgang um rund ein Drittel. Frage: Und die Bewertung von Smava soll sich im ungefähr gleichen Zeitraum vervierfacht haben (nämlich von 190 Mio. auf annähernd 800 Mio. Euro)? Mmmh
  • Smava dürfte 2020 einen Umsatz von rund 85 Mio. Euro gemacht haben. Eine Bewertung mit dem Faktor 9,5 wäre hoch, auch weil die Berliner Firma erst unter Beweis stellen muss, dass sie nach einem Jahr der Stagnation (freilich bedingt auch durch die Corona-Krise) wieder wachsen kann.
  • Nicht zu vergessen: 2019 sollte Smava „Reuters“ zufolge zu einer Bewertung von umgerechnet „bis zu 440 Mio. Euro“ verkauft oder an die Börse gebracht werden. Daraus allerdings wurde nichts. Auch das spricht gegen die Annahme, dass die „alte“ Smava jetzt plötzlich (annähernd) 800 Mio. Euro wert sein soll

4.) Warum gehen Smava und Finanzcheck zusammen?

Wir haben es nicht mit einer Traumhochzeit, sondern mit einer Vernunftehe zu tun. Smavas Wunschszenario wäre der Börsengang gewesen – jedoch erzielten die Berliner (siehe oben) allem Anschein nach keinen adäquaten  Preis. Finanzcheck wiederum glich zuletzt einem Restposten. Hintergrund: Das Scout24-Management hatte bei der Übernahme 2018 geglaubt, es könne Synergien durch die Anbindung von Finanzcheck an den hauseigenen Online-Marktplatz Autoscout24 heben.

Ende 2019 wurde Autoscout24 dann jedoch (mitsamt Finanzcheck) vom Hellman&Friedman übernommen. Der US-Finanzinvestor, so heißt es, teilte Synergie-These nicht wirklich. Finanzcheck sollte darum weg. Smava war ein dankbarer Abnehmer. Den Abschlag auf den 2018er-Kaufpreis nahmen die Amerikaner offenbar billigend in Kauf.

5.) Was ist die Ratio der Smava-Eigentümer?

Auch wenn Smava in den zurückliegenden Jahren imposant gewachsen ist und 2020 sein Neugeschäfts-Volumen trotz Corona-Krise immerhin verteidigt zu haben scheint, wuchs der Abstand zum Marktführer Check24 nach übereinstimmenden Angaben aus Branchenkreisen kaum. In Zahlen: Mit einem vermittelten Volumen von sehr grob geschätzt 5 Mrd. Euro dürfte Check24 weiterhin nicht nur vor der „alten“ Smava (2,7 Mrd. Euro) liegen, sondern auch vor der neuen Kombination aus Smava/Finanzcheck (4,1 Mrd. Euro).

Von dem  Zusammenschluss verspricht sich Smava nun auf Skaleneffekte beispielsweise beim Einkauf von Marketingleistungen – und dass man Abnehmer für die Banken noch interessantw wird. Das Ziel lautet, in nicht allzu ferner Zukunft an Check24 vorbeizuziehen.

Der Plan der hinter Smava stehenden Venture-Capital-Investoren wie Earlybird, Kreos Capital, Runa Capital, Verdane Capital und Vitruvian Partners sowie dem neuen Investor Proventus Capital Partners dürfte es sein, spätestens dann bei einem möglichen Börsengang die eigenen Preisvorstellungen durchsetzen zu können.

6.) Wird dieses Kalkül aufgehen?

Schwierig. Denn Smava steht nicht nur in Konkurrenz zu Check24, sondern auch im Wettbewerb mit den Banken. Und beide (also sowohl Check24 als auch die Banken) haben die Möglichkeit, ihre Kundenakquise-Kosten über den Verkauf bzw. die Vermittlung weiterer Produkte zu refinanzieren. Diese Möglichkeit hat Smava als Ein-Produkt-Anbieter nicht.

Einer, der den Markt bestens kennt, aber keinem der in diesem Artikel genannten Unternehmen angehört, sagt:

„Ratenkredite gehören zu den umkämpftesten Online-Lead-Märkten überhaupt – zumal auch viele Banken mittlerweile gelernt haben, wie dieses Spiel funktioniert. Die sorgen dann vertraglich dafür, dass der über Smava gewonnene Kunde auch wirklich ihr Kunde ist. Oder zumindest versuchen sie es.“

Die Frage lautet: Wird es Smava auf Dauer gelingen, diesen Kreislauf (die Kunden immer wieder aufs Neue über Google oder über TV-Werbung gewinnen zu müssen, um sie dann gegebenenfalls an die Banken zu verlieren) zu durchbrechen? Also den „Lock-in“ zu schaffen, wie das im Fachjargon heißt?

Im Umfeld von Smava wird der Anteil der Kunden, die mehrfach einen Kredit bei Smava beantragen, auf ein Drittel beziffert

Was für den Smava-Case spricht: Durch den Deal mit Finanzcheck haben wir es auf dem Vergleichsmarkt für Ratenkredite nun faktisch mit einem Duopol zu tun – was eine bessere Verhandlungsposition gegenüber den Banken verspricht. Verivox macht in dem Segment wenig Geschäft, und der Finleap-Hoffnungsträger Joonko hat kürzlich aufgegeben – was weitere Interessenten abschrecken dürfte, zeigt der „Fall Joonko“ doch: Wer in dem Markt gegen Check24 (und Smava) anstinken will, müsste vermutlich eine dreistellige Millionensumme investieren.

7.) Wie geht es nun weiter?

In den nächsten Monaten wird der Fokus auf der Zusammenführung von Smava und Finanzcheck liegen. Zu der Frage, ob dabei möglicherweise auch Arbeitsplätze (etwa bei Backoffice-Tätigkeiten) wegfallen, wollte sich Smava am Freitag nicht äußern. Eine klare Ansage gab es dagegen in Bezug auf die Markenstrategie: Smava und Finanzcheck sollen als eigenständige Marken erhalten bleiben – und zwar dauerhaft.

Auf kurze und mittlere Sicht erscheint diese Strategie sinnig. Schließlich ist nicht nur Smava, sondern auch Finanzcheck vielen Verbrauchern ein Begriff. Ob es aber wirklich Sinn macht, auch langfristig zwei Marken zu positionieren – dass wird sich zeigen.

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