Analyse

Mobile statt online: Die rasante Transformation der ING Diba

4. Februar 2022

Von Christian Kirchner

Sich durch die Kennzahlen der ING Diba zu arbeiten, war jahrelang eine ziemliche ermüdende Tätigkeit. Die Oranje-Bank erwirtschaftete ihre Erträge wesentlich in der Baufinanzierung (gähn), irgendwann kam noch das Wholesale Banking hinzu (gähn), die Kosten blieben stets schön niedrig (gähn) – und unterm Strich stand dann der gefühlt immer gleiche Jahresgewinn in Höhe von 1,2 Mrd. bis 1,3 Mrd. Euro. Hätte Vorstandschef Nick Jue bei der Bilanz-PK im Februar 2020 einfach die Geschäftszahlen aus 2017 verteilen lassen – vermutlich hätte es niemand gemerkt.

Jedenfalls: Gestern Mittag hat die ING Diba ihre diesjährige Bilanz-PK abgehalten. Und auch wenn die Zahlen auf den ersten Blick erneuten kaum überraschten (Gewinn: 1,2 Mrd. Euro), so zeigt sich bei genauerem Hinsehen: Diesmal ist alles doch ein bisschen anders. Denn: Die Zahlen zeigen, dass die ING Diba heute eine zwar nicht fundamental andere, aber doch andere Bank ist als noch vor zwei Jahren.

Woran machen wir das fest? Bitte sehr:

1.) Die “Hausbank”-Strategie trägt Früchte …

Mitte 2020 hatte die ING Diba eine Zäsur verkündet: Schluss mit dem Neukundenwachstum, weg mit dem 10-Mio.-Kunden-Ziel, stattdessen sollten bestehende Kundenbeziehungen profitabler gestaltet werden. Zentrales Ziel: Mehr “Hausbank”-Kunden generieren, also Kunden, die neben dem Girokonto wenigstens ein weiteres Produkt nutzen.

Bereinigt man die Zahlen um das inzwischen abgestoßene Österreich-Geschäft (hier haben wir in allen vier Jahren den letzten Stand von 2021 in Abzug gebracht), ist die Entwicklung bei den Retail-Kunden wie folgt:

Kunden in Mio. “Hausbank-Kunden” in Mio. Anteil Hausbank-Kunden
2018 8,93 1,54 17
2019 8,95 1,77 20
2020 8,96 2,10 23
2021 9,09 2,26 25

Nun dürfe der ING Diba hierbei vor allem der Wertpapier-Boom in die Hände gespielt haben. Aber das muss man ja nicht gegen sie auslegen. Was zählt: Die Oranje-Bank hier ihr strategisches Ziel erreicht.


2.) … und Kunden lassen sich offenbar viel zumuten

Seit rund zwei Jahren mutet die ING Deutschland ihren an günstige bis kostenlose Dienstleistungen gewöhnten Kunden so einiges zu:

  • Gebühren für inaktive Girokonten
  • Höhere Ordergebühren
  • Verwahrentgelte für Neukunden …
  • … und später dann auch für Bestandskunden jenseits des Freibetrags
  • Bepreisung der Girocard

Auch wenn manche Änderungen erst nach und nach greifen: Der Kundenentwicklung hat das alles nicht geschadet, denn es kommen (siehe Tabelle oben) netto immer noch Kunden hinzu, was auf eine gehörige Preissetzungsmacht hindeutet. Und mehr noch: Bereinigt um das Österreich-Geschäft, betrug der Kunden-Nettozuwachs plus 131.000, verglichen mit 8.000 ein Jahr zuvor. Die Kurve wird also sogar wieder steiler.


3.) Im Firmenkundengeschäft ist der Boom einstweilen vorbei

Dass die ING Deutschland im Wholesale Banking (in den letzten Jahren eine Gewinnmaschine) den Fokus auf profitables, risikoarmes Geschäft legt – das war offenbar nicht nur so daher gesagt. Das Kreditbuch wächst nicht mehr – und lässt man 2020 beiseite (negativer Ausreißer wegen Wirecard-Abschreibungen), dann sieht man: Das Niveau des Jahre 2017-2019 wird trotz günstiger Rahmenbedingungen (kaum Risikovorsorge) nicht mehr erreicht. Wiewohl das natürlich eine Klage auf extrem hohem Niveau ist: Die Sparte arbeitet mit <30% Cost-Income-Ratio, zweistelligen Eigenkapitalrenditen und gerade einmal 467 Mitarbeitern …

 


4.) Die ING Diba hat dem Verfall des Zinsergebnisses wenig entgegenzusetzen

Das Zinsergebnis sank um 4%. So weit, so unauffällig. Wobei: Ist diese Diagnose wirklich unauffällig? Denn: Egal ob Deutsche Bank, Hypo-Vereinsbank oder Commerzbank – etliche Institute hierzulande sendeten zuletzt klare Signale, dass beim Zinsergebnis der Tiefpunkt erreicht ist und es nun wieder aufwärts geht. Zwei beispielhafte Datenpunkte hierzu: Bei der Deutschen Bank stieg das Zinsergebnis im Q4 um 14% zum Vorjahr, bei der Hypovereinsbank sogar um 29%.

Bei der ING dagegen? Ist von einer Trendwende nichts zu sehen – im Gegenteil, wie ein Blick in die leicht anders berechneten, aber eben auch unterjährig ermittelten Zahlen zum Deutschland-Geschäft der niederländischen Mutter illustrieren

Das ist eine um so erstaunlichere Entwicklung, als sich die wesentlichen Rahmenbedingungen eigentlich zum Positiven verändert haben:

  • Die ING Diba weitete den Bestand an Baufinanzierungen und Konsumentenkredite deutlich aus
  • Und ihr gelang es, im Retail Banking – bei wachsendem Kreditbuch – 10,1 Mrd. Euro Einlagen loszuwerden

Warum dann dieses krasse Minus (das übrigens nicht aufs Retailgeschäft, sondern auf die übrigen Sparten zurückzuführen ist)? Dem Vernehmen nach gab es im Q4 gewisse Einmaleffekte. Zudem hat sich ING tendenziell eher für dauerhaft niedrige Zinsen positioniert mit Absicherungsgeschäften, profitiert also (noch) nicht unmittelbar von den zuletzt steigenden Zinsen. So oder so: Der "Spread" zu den ersten berichtenden deutschen Wettbewerbern (minus 16% ING versus plus 14 bzw. 29% Deutsche/HVB) ist erstaunlich.


5.) Die neuen Geschäftsideen laufen nur seeeehr langsam an

Wir erinnern uns: ING Deutschland hatte vor zwei Jahren 2020 diverse Initiativen angeschoben …

  • Mehr Kreditvergabe in „Business Banking“ (mithilfe der neuen Tochter Lendico) (siehe hier)
  • Ein Pakt mit Amazon bei der Kreditvergabe für Händler (siehe hier)
  • Die Vertriebskooperation mit der Axa (siehe hier)
  • Der Einstieg in die Wertpapierberatung mithilfe sogenannte "Anlage-Coaches" – im Februar 2020 angekündet, im Mai 2021 endlich gelauncht (siehe hier)

Wie fällt die Bilanz aus?

  • Das Bestandsvolumen im "Business Banking" fällt trotz stark gestiegenen Neugeschäfts mit 172 Mio. Euro immer noch bescheiden aus. Das hat eine kleinstädtische Sparkasse mehr an KMU-Krediten im Buch
  • Den Anteil der "Amazon-Händler-Kredite-" hieran sei zwar "substanziell", so die ING Diba. Aber "substanziell" von "wenig" ist halt noch nicht viel
  • Nachdem die Kooperation mit der Axa jüngst zumindest global für beendet erklärt worden war (siehe hier) und man immer noch überlegt, wie es nun in Deutschland weiter geht, ging die Pressemitteilung zur Bilanz-PK auf sieben Seiten gar nicht mehr auf etwaige Vertriebsvolumina ein
  • In den sieben Zielfonds für die digitale und persönliche Wertpapierberatung  lägen zusammen "rund 100 Mio. Euro", hieß es gestern. Auch das ist noch kleine Münze.

Die ING erklärte auf der Bilanzpressekonferenz, sie experimentiere nun auch mal mit neuen Produkten, sei allerdings mit den Entwicklungen in allen Bereichen und hier allem voran im Wertpapiergeschäft durchaus zufrieden.


6.) Der Wertpapier-Boom hält erstaunlicherweise an

Jüngst überraschte uns (siehe hier) die Meldung, dass die Zahl der Aktionäre hierzulande 2021 zurückgegangen. Daher überrascht uns nun umgekehrt, dass  – gleichwohl der Wertpapier-Boom bei der ING Diba trotzdem weiterging – und entscheiden zum 13%-igen Plus im Provisionsgeschäft beitrug.

Die wichtigsten Eckdaten dazu:

  • Anzahl der Depots plus 19%
  • Anzahl der Trades plus 26%
  • Assets in der Kooperation mit Scalable: plus 33% auf nunmehr 1,6 Mrd. Euro
  • Depotvolumen der Kunden plus 38% auf nunmehr 79 Mrd. Euro

7.) Die App-Nutzung boomt

Die ING Diba schafft offenbar, was sich viele andere Retailbanken nur vornehmen – nämlich die Kunden dazu zu bringen, möglichst viele Transaktionen über die Banking-App zu erledigen, statt anderweitig Kapazitäten zu binden.

Konkret:

  • 60% (!) der Wertpapier-Transaktionen werden inzwischen per App abgewickelt werden
  • 90% der Banking-Logins erfolgen über die App
  • Bei Mobile Payment betrug das Wachstum 60%

Alle drei Datenpunkt sind ziemlich spektakulär – und helfen natürlich, die Kosten zu senken und (Mobile Payments!) Erträge zu steigern.

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