Exklusiv

Smartbroker startet durch. Geht die Anti-Trade-Republic-Wette auf?

1. Juli 2021

Von Christian Kirchner

Die „Wallstreet Online AG“ gehörte viele Jahre lang zu den (jedenfalls unserem Eindruck nach) eher diffusen Playern da draußen. Ein bisschen Finanzplattform. Ein bisschen Fonds-Irgendwas. Und natürlich Betreiberin des, nun ja: legendären „Wallstreet Online Börsenforums“. Jedenfalls: Irgendwie (wie genau, haben wir nicht verfolgt) ist es den Berliner dann aber 1.) peu à peu gelungen, ihre Community in eine regelrechte Kundschaft zu verwandeln; und irgendwie brachten sie 2.) dann auch noch das Kunststück fertig, irgendwann 3,3% am heute (heute!, damals noch nicht …) größten deutschen Fintech zu halten, nämlich am Berliner Neobroker Trade Republic.

Schließlich folgte allerdings ein Move, der im Rückblick und auf den ersten Moment fatal anmutet: Die „Wallstreet Online AG“ nämlich verkaufte im April 2020 (für, wie man heute weiß, viel zu kleines Geld …) ihren Trade-Republik-Stake, um mit dem Erlös einen eigenen Neobroker aufzubauen, genannt: der Smartbroker. Der nun wiederum hat sich allerdings in den zurückliegenden Monaten derart rasant entwickelt (das ist der Segen einer großen Community …), dass man inzwischen ernsthaft fragen muss, ob die scheinbar fatale Anti-Trade-Republik-Wette soooo fatal wirklich war. Hier alle Zahlen:

Der Verkauf der 3,3% – ein Wahnsinn

Erlöst hat die „Wallstreet Online AG“ mit dem Verkauf der Trade-Republic-Anteile laut Geschäftsbericht 3,9 Mio. Euro, zusammengesetzt aus 0,9 Mio. abgegangenen Buchwerten (mutmaßlich also der „Einstandspreis“) sowie 3,0 Mio. Euro Beteiligungserträgen. Das ist etwas mehr als beim Ausstieg vermeldet wurde (damals sprach man von 3,5 Mio. Euro, die erlöst werden sollten), allerdings natürlich drastisch weniger als der Anteil heute wert wäre.

So lag Trade Republics Bewertung beim jüngsten Funding bei 4,4 Mrd. Euro. Mithin wären die 3,3% heute stolze 145 Mio. Euro wert (natürlich vorausgesetzt, man hätte sich nicht verwässern lassen und die Fundings voll mitgemacht). Ein dreistelliger Millionen-Betrag dürfte Wallstreet Online damit locker durch die Lappen gegangen sein. Somit muss der Smartbroker schon brutal gut laufen und skalierbar sein, um zu rechtfertigen, dass die Beteiligung an Trade Republic verkauft und lieber ein Copycat finanziert wurde.

Brutal gut laufen. Tut er das?

Die Investitionen zum Start – überschaubar

Aus dem Geschäftsbericht lässt sich näherungsweise ablesen, wie viel es denn kostet, einen marktreifen Neobroker aufzusetzen: gerade einmal gut 7 Mio. Euro. Im Jahr 2019 fielen laut damaligem Abschluss 0,2 Mio. Euro, 2020 dann 7,1 Mio. Euro an Investitionen in den Smartbroker an. Hinzu kommt noch Aufwand für Marketing und Legitimationen (verbucht unter „Materialeinsatz“), der sich recht genau zu 10 Mio. Euro kumuliert.

Dass die Marktreife gegeben ist, lässt sich daran erkennen, dass der Smartbroker zum Jahresende 2020 bereits 70.000 Kunden und 4,3 Mrd. Euro an Assets beisammen hatte (siehe dazu auch unsere große Marktanalyse aus dem Januar).

Die Erträge – auch überschaubar (noch)

Überraschend niedrig fallen, gemessen an Kundenzahl und einem vollen Jahr „im Betrieb“, die Erträge des Smartbroker aus: Wallstreet Online beziffert sie auf 1,14 Mio. Euro. Wer einmal jene 50.000 Kunden heranzieht, die der Smartbroker Mitte Dezember als „aktiv“ bezeichnet hatte, und for the sake of the game einfach mal unterstellt, dass diese das ganze Jahr über aktiv waren, kommt rechnerisch auf nur 22,80 Euro Ertrag je Kunde. Fairerweise sei allerdings darauf hingewiesen, dass der Großteil des Kundenwachstums im 2. Halbjahr 2020 angefallen sein dürfte und das Gros der Kunden entsprechend auch kein volles Jahr handeln konnte. Der tatsächliche durchschnittliche Ertrag dürfte damit höher liegen …

Ein weiteres Detail aus dem Geschäftsbericht: Für die 22.500 Depotkunden der VW-Bank, welche im vergangenen Jahr von der DAB zum Smartbroker wechselten, bezahlte das Unternehmen offenbar 5 Mio. Euro – rechnerisch also 222 Euro pro Kunde. Zudem darf der Smarktbroker nur 70% der Umsätze behalten, die mit diesen Kunden erzielt werden (die übrigen 30% bleiben mutmaßlich beim Verkäufer).

96 Euro – so viel gibt Smartbroker derzeit je Neukunde aus

Wallstreet Online offeriert auch einen neuen, spannenden Datenpunkt: Per Ende April 2021 habe der Smartbroker bereits 130.000 Kunden gezählt. Demnach hat der Neobroker binnen vier Monaten mal eben ein Kundenwachstum von 85% erzielt! Für Ende dieses Jahres werden gar 200.000 Kunden erwartet. Das wären – im Fall des Falles – gar 185% Plus!

Zu diesem Punkt präzisiert Wallstreet Online weiter, dass es im laufenden Kalenderjahr rund 12,5 Mio. Euro in die Neukundengewinnung für den Smartbroker investieren wolle. Womit mal wieder Zeit für eine unserer natürlich immer sehr groben, aber auch sehr interessanten (und daher sehr beliebten) Überschlagsrechnungen wäre: Will der Smartbroker 2021 um 130.000 Kunden wachsen und dafür 12,5 Mio. Euro investieren, liegen die reinen Akquisitions- und Marketingkosten pro Kunde bei 96 Euro.

280 Mio. Euro – so viel hat die Mutter an Wert zugelegt

Und wie sieht es strategisch aus? Hier formuliert Wallstreet Online, bekannt auch für sein Mediengeschäft mit einem Börsenforum, dass die „Verknüpfung der Media-Reichweite mit der Transaktion“ im Mittelpunkt stehe und eine enge Verzahnung von Information und Transaktion angestrebt werde. Womit es bereits zwei Akteure gäbe, die genau dieses Prinzip verfolgen: Bekanntlich schluckte das zum Springer-Konzern gehörende Wirtschaftsportal „Finanzen.net“ kürzlich den Münchner Anbieter „Gratisbroker“ und benannte ihn in „finanzen.net zero“ um.

Ja und, lohnt sich das Ganze? Nun, an der Börse scheint die Entwicklung des Smartbroker zu verfangen: Zumindest hat sich der Aktienkurs der Mutter, der Wallstreet Online AG, von gut 6 Euro Anfang 2020 bis gestern auf 25,80 Euro mehr als vervierfacht. Macht einen aktuellen Börsenwert von 371 Mio. Euro – und damit einen Wertzuwachs von rund 280 Mio. Euro in dem Zeitraum, in dem der Smartbroker am Start ist. Auch nicht sooo schlecht! Vielleicht war die Entscheidung, die 3,3% an Trade Republic zu verkaufen (und damit im Rückblick ca. 140 Mio. Euro in den Wind zu schießen) doch nicht soooo doof …

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