Exklusiv

Solaris baut eigene Kernbank – und das fast zum Nulltarif

7. September 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Als die Solarisbank 2016 an den Start ging, glaubten manche Kritiker einen Geburtsfehler zu erkennen. Da kam dieser neue Player und kündigte kaum weniger an, als das Banking neu erfinden zu wollen – doch wer genau hinschaute, der sah: In seinem Kern setzte das vermeintliche neue Super-Fintech auf, nun ja: Technologie von der Stange. Anders als von Branchenpuristen erwartet, hatte die Solarisbank ihr Core-Banking-System nämlich nicht selbst gebaut. Sondern: Es kam von einem externen Zulieferer, und zwar von der alteingesessenen Pass Consulting aus Aschaffenburg.

Das also sollte sie sein, die große Berliner Banking-Revolution? Mit Technologie aus der südhessischen Provinz? Ach, ups, Nordbayern, nicht Südhessen. Aber machte es das besser?

Nun lassen sich  ein paar Argumente aufzählen, die die Kritik von damals entkräften. Denn 1.) Pass Consulting ist ein im Markt allenthalben anerkannter Anbieter; 2.) Durch schwerwiegende Macken, die sich auf Mängel im Core Banking zurückführen ließen, ist die Solarisbank in den zurückliegenden dreieinhalb Jahren eher nicht aufgefallen; und 3.) Ob der Bau eines eigenen Kernbankensystems damals wirklich sinnig gewesen wäre, sei mal dahingestellt. Zumindest hätte es den Marktstart wohl merklich verzögert.

Vor allem aber: Sollte der Verzicht auf eine eigene Core Bank tatsächlich ein Makel gewesen sein, dann ist dieser Makel laut Recherchen von Finanz-Szene.de jetzt getilgt. Die Solarisbank hat nämlich (im Markt wurde darüber schon länger geraunt, im jüngst veröffentlichten 2019er-Jahresabschluss findet sich der schriftliche Beleg) die zurückliegenden rund 24 Monate genutzt, tatsächlich eine eigene Kernbank zu bauen.

Noch nicht alle, aber einige Konten (etwa die des neuen Vorzeige-Partners Vivid Money) laufen bereits über das neue System. In den kommenden ein bis zwei Jahren sollen nun peu à peu auch langjährige Partner wie Kontist oder Penta, deren Konten momentan noch auf der Pass-Consulting-Suite basieren, migriert werden. Und falls in Düsseldorf nun der ein oder andere neugierige und post-traumatisierte Apobank-Vorstand fragen sollte, was sich die Solarisbank diesen Spaß hat kosten lassen, eher 20 Mio. Euro, eher 50 Mio.  oder eher 100 Mio. Euro … Alles weit daneben. Die richtige Antwort weiter unten.

Chronik eines „Projekts“: Wie die Apobank ins Chaos stürzte

Zunächst einmal zum Grundsätzlichen: Wie entscheidend die Kernbank für das heutige Bankgeschäft ist, zeigte sich im Frühjahr bei der großen IT-Migration besagter Apobank. Deren Wechsel von der Fiducia & GAD zur Schweizer Avaloq verschlang nicht nur grob veranschlagt eine halbe Mrd. Euro (wenn nicht mehr …), sondern endete in einem solchen Chaos, dass die Rechnung gleich mal um einen veritablen Reputationsschaden erweitert wurde (siehe unsere große Recherche aus dem April). Ob und wann sich die Apobank von diesem Schlag erholen wird, das wird man sehen.

Nun ist der Kernbankenwechsel einer Altbank mit dem Kernbankenwechsel einer Neobank nur entfernt vergleichbar. Bei etablierten Geldhäuser wie der Apobank ist die IT über die Jahre und Jahrzehnte derart zugewuchert, dass die Migration auf ein neues Core-Banking-System zur Sisyphus-Arbeit gerät. Motto: Stimmt, dieses Uralt-Zinsprodukt aus 2004 liegt bei ein paar hundert Kunden ja immer noch im Depot – das müssen wir dann ja auch noch Konto für Konto rüberziehen. Schöner Mist!

Im Unterschied dazu gibt es die Solarisbank erst seit ein paar Jahren. Zudem bietet sie ihren B2B-Partnern (also beispielsweise reinen Frontend-Banken wie Penta oder Kontist) eine vergleichsweise schlanke und standardisierte Produktpalette. Zugewuchert ist da wenig. Hinzu kommt besagte Streckung der Migration. „Wir machen das Partner für Partner und Produkt für Produkt“, erläutert Produktvorstand Jörg Howein. Und was die Sache zusätzlich erleichtert: Die Solarisbank hat keine komplett eigene Kernbank gebaut. Sondern konzentriert sich auf die Teile, die sie als kritisch fürs eigene Modell betrachtet.

Dazu muss man sich noch einmal vor Augen führen, wie so ein Kernbanken-System in der Regel und grob vereinfacht gesagt aufgebaut ist:

  • Die unterste (und eher dünne)  Schicht ist das auch als „General Ledger“ bekannte Hauptbuch. Hierin sind praktisch alles Daten abgelegt, die am Ende in die Finanzbuchhaltung einfließen. Vermutlich kooperiert die Solarisbank in diesem Bereich entweder mit SAP oder mit Oracle, jedenfalls sind das die beiden Standardanbieter
  • Oberhalb des Hauptbuchs (oder vielleicht besser: neben dem Hauptbuch) ist das Nebenbuch angesiedelt, also sozusagen die Kundenkonten. Anders formuliert: Wenn das Hauptbuch dem „Backend“ entspricht, dann entsprich das Nebenbuch dem „Frontend“. Dieses auch als „Kunden-Ledger“ bekannte Modul hat die Solarisbank nun selber gebaut, um die Abhängigkeit von externen Dienstleistern wie Pass peu à peu zu reduzieren
  • Neben der Ledger-Ebene ist alles Regulatorische angesiedelt, also vor allem das Meldewesen (hier dürfte die Solarisbank einem der üblichen Spezialianbieter wie Bearing Point, BSM oder Wolters Kluwer vertrauen) sowie Themen wie KYC oder „Anti Money Laundering“
  • Spannender freilich ist, was über der Ledger-Ebene passiert, nämlich bei Kredit (hier kooperiert die Solarisbank nach Finanz-Szene.de-Informationen inzwischen mit Mambu, also mit denen hier …) und vor allem bei Zahlungsverkehr (also alles was mit SEPA, Swift usw. zu tun hat).

Zentral ist für Howein vor allem das Zahlungsverkehrs-Modul. Auch das hat die Solarisbank selber gebaut – und hier sieht Vorstand Howein die größte Verbesserung zum Status quo: „Core Banking ist ein Hygienefaktor. Es muss funktionieren. Und es darf keine negativen Einflüsse auf Effizienz und Innovationsfähigkeit haben

Was er damit meint, skizziert Howein am Beispiel des neuen Partners Vivid Money (also des Frotend-Banking-Partners, dessen Endkundenkonten bei der Solarisbank bereits über das neue System laufen): Als Vivid Money im Juni seinen Großangriff auf N26 verkündete, wurde als eines der Premium-Features die Möglichkeit aufgeführt, sogenannte Unterkonten einzurichten – also beispielsweise eines für den Gehaltseingang, eines fürs Shopping, eines für bestimmte Devisen und so weiter.

Die Folge: Bei Partnern mit vielen Unterkonten und teils hohen Buchungsaktivitäten fallen dabei Kosten an. Und zwar in letzter Konsequenz bei den Core-Banking-Anbietern, die das dann der Solarisbank in Rechnung stellen.“Unser ‚Banking as a Service‘-Ansatz ist auf hohe Skalierung zu möglichst geringen Grenzkosten angewiesen“, sagt Howein. Heißt: „Wir wollen die Zahl der Transaktionen, die über unsere Systeme laufen, fortlaufend steigern – dabei aber gleichzeitig den Kostenanstieg begrenzen. Und das gehe auf Dauer nur mit einem eigenen Zahlungsverkehrs-Modul.“

Die Kosten aber seien nur das eine, das andere sei der Service, so Howein: „Wenn es aufgrund eines Core-Banking-Problems bei einem Partner hakt, dann beschwert sich der Endkunde bei unserem Partner, der beschwert sich bei uns – und wir müssen dann darauf vertrauen, dass unser entsprechendes Core-Banking-Dienstleister das Problem löst. „Speziell im Zahlungsverkehr müsse die Lösung aber meist sehr schnell her. „Auch das war ein Grund, entscheidende Komponenten unseren Kernbanken-Systems selber zu bauen – nämlich solche Probleme in Zukunft selber lösen zu können, und zwar rund um die Uhr.“

Bleibt noch die Frage, was das alles gekostet hat. „Im ersten Jahr hatten wir einen Team von sechs bis acht Leuten auf dem Projekt, im zweiten Jahr waren es dann zwei Teams“, berichtet Howein. Die Kosten könne man sich ja dann ja selber ausrechnen.

Wir hier kommen mit unserem Finanz-Szene.de-Casio auf: Gut 20 Leute mit Vollkosten von geschätzten durchschnittlich 100.000 Euro pro Jahr. Also gut 2 Mio. Euro. Richtig gerechnet, liebe Apobank-Vorstände?

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing