Exklusiv

Sparda-Banken investierten 60 Mio. Euro in Flop-Fintech

17. Dezember 2020

Von Christian Kirchner

Die Sparda-Banken haben sich die – völlig missglückte – Einführung der neuen Banking-App „TEO“ schon jetzt rund 60 Mio. Euro kosten lassen. Dies zeigen Berechnungen von Finanz-Szene.de auf Basis von Handelsregister-Einträgen und Geschäftsberichten. Das mit weitem Abstand größte finanzielle Engagement ist dabei die Sparda-Bank Baden-Württemberg eingegangen. Unseren Kalkulationen zufolge investierten die Stuttgarter vor zwei Jahren zunächst rund 20 Mio. Euro in die TEO-Betreibergesellschaft Comeco und legten Anfang dieses Jahres noch einmal 12,6 Mio. Euro nach. Das ist addiert weit mehr Geld, als die Sparda Baden-Württemberg in einem normalen Geschäftsjahr an Gewinn macht. Auf Anfrage bestätigte die Sparda BaWü die entsprechenden Zahlen. Erstaunlich allerdings: Im Geschäftsbericht der Sparda Baden-Württemberg wird die Comeco-Beteiligung nur einmal abstrakt erwähnt und verschwindet ansonsten in anonymen Beteiligungssalden.

Die sieben am Projekt beteiligten Sparda-Banken und ihr Fintech Comeco hatten sich eigentlich vorgenommen, die mit Lifestyle-Elementen angereicherte TEO-App in den nächsten Jahren „europaweit“ auszurollen und es zu einem „führenden Ökosystem im europäischen Raum“ zu machen. Stattdessen werfen die Finanz-Szene.de-Recherchen inzwischen die Frage auf, ob sich die Sparda-Gruppe mit dem Prestige-Projekt schlicht übernommen haben könnte. Wie von uns berichtet, hatte die Sparda München nach insgesamt desaströsen Kundenbewertungen auf Portalen und App-Stores kürzlich Abstand von der Idee genommen, die bestehende Sparda-Banking-Zugänge zum Jahresende zugunsten der TEO-App abzuschalten. Die Sparda Nürnberg vollzog die Zwangsabschaltung der alten Applikation dagegen teilweise auf App-Basis – und kassierte dafür eine heftige Kundenschelte.

Die Sparda Baden-Württemberg plant derweil, die vor knapp einem Jahr gelaunchte TEO-App vom 1. April zum alleinigen Zugang für alle digitalen Zugänge zu erklären. Ob es dazu wirklich kommt, bleibt allerdings abzuwarten. Denn wie Sparda-Bawü-Chef Martin Hettich jüngst gegenüber der „BÖZ“ (Paywall) einräumte, habe die App sparda-weit bislang erst 238.000 Kunden. Dabei sollten es zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich schon mehr als 1 Mio. Kunden sein. Sollten sich die Kunden weiterhin so massiv gegen die neue App wehren wie bislang, droht entweder ein teurer Parallelbetrieb zweier Systeme – oder steht am Ende das gesamte TEO-Projekt infrage? Im „BÖZ“-Interview führte Sparda-Bawü-Chef Hettich unter anderem „Beharrungskräfte“ an, die Kunden noch vor dem Wechsel zurückschrecken ließen.

Tatsächlich erinnert die TEO-Historie mittlerweile frappierend an zwei andere Fintech-Projekte deutscher Banken, die letztlich scheiterten – nämlich Yomo bei den Sparkassen und Yunar bei der Deutschen Bank. Die Sparda-Banken hatten die in Stuttgart ansässige Betreibergesellschaft Comeco 2018 aufgesetzt und öffentlich als ambitioniertes Fintech-Projekt positioniert. Ins Management als einer der beiden Geschäftsführer rückte Stefan Bisterfeld, ehemals Bereichsleiter Direktvertrieb jener Sparda Baden-Württemberg, die (siehe oben) das größte Investment in Comeco tätigte.

Interessant ist, dass sich die verschiedenen Sparda-Banken dem TEO-Projekt mit sehr unterschiedlicher Intensität verschrieben haben. Insidern zufolge hatten ursprünglich sämtliche Institute der Gruppe Interesse an der neuen App signalisiert. Also nicht nur jene sieben Spardas (München, Nürnberg, Augsburg, West, Baden-Württemberg, Ostbayern und Hessen), die die Comeco gemeinsam aufsetzten – sondern auch die übrigen vier (Südwest, Berlin, Hamburg, Hannover) auch wenn diese sich IT-seitig inzwischen vom Rest der Gruppe abgesetzt haben.

Schon bei der ersten Finanzierungsrunde – so fördern es die Recherchen von Finanz-Szene.de zutage – investierten dann allerdings neben der Sparda Baden-Württemberg nur noch drei Institute in (gemessen an ihrer Wirtschaftskraft) wirklich nennenswertem Umfang in Comeco. Nämlich: Während aus Stuttgart die besagten rund 20 Mio. Euro Eigenkapital kamen, beteiligten sich die Sparda München unseren Berechnungen zufolge mit rund 5 Mio. Euro und die Sparda Nürnberg mit 4 Mio. Euro (ja, genau: Die drei Spardas, die sich finanziell am stärksten engagierten, sind auch die, die TEO jetzt mit aller Macht bei ihren Kunden durchsetzen wollen bzw. wollten).

Immerhin: In dieser ersten Runde engagierten sich wenigstens noch sämtliche sieben Sparda-Institute, auch wenn die (große) West, Augsburg, Hessen und Ostbayern dies laut den Handelsregistereinträgen nur in überschaubarem Umfang taten (jeweils rechnerisch zwischen 2,5 und 4 Mio. Euro, wenn Geld proportional zu den Einlagen floss).

Als dann aber 2018 (neuere Daten liegen nicht vor) schon 10 Mio. Euro Verlust bei der Comeco anfielen und zwischen Ende 2019 (Zahlungsverpflichtung) und Januar 2020 (Beurkundung) die nächste Finanzspritze anstand, zogen zwei Institute aus dem Septett nicht mehr mit – nämlich West und die Oberbayern. Interessanterweise sind das auch jene bei Spardas, die Ihren Kunden die TEO-App bis heute gar nicht anbieten.

Von jenen in Hessen und Augsburg flossen rechnerisch eher symbolische Beträge von je einer bzw. gut einer Million. Hingegen von den Spardas in München und Nürnberg dann noch mal je drei Mio. Euro. Ganz vorne dabei dann aber auch in dieser Runde: Die Sparda Baden-Württemberg mit knapp 13 Mio. Euro. Und erneut gilt auch bei dieser Runde: Die Spardas, die sich finanziell am stärksten engagierten, sind auch die, die TEO jetzt mit aller Macht bei ihren Kunden durchsetzen wollen.

So sieht die Zusammensetzung der Gesellschafter des TEO-Entwicklers Comeco laut letztem Handelsregistereintrag aus …

Einlage in € Anteil in %
Sparda BaWü 326.000 49
Sparda München 80.000 12
Sparda Nürnberg 70.000 11
Sopra Steria 44.000 7
Sparda West 40.000 6
Sparda Augsburg 39.000 6
Sparda Hessen 35.000 5
Sparda Ostbayern 25.000 4

Quelle: Handelsregistereinträge und Veränderungen Comeco GmbH und Co. KG

… wobei die Comeco 2018 mit 40,5 Mio. Euro Eigenkapital ausgestattet wurde (10.000 Einlage entsprechen demnach 1 Mio. Euro) und dann in einer weiteren, im Januar 2020 beurkundeten Runde nochmals mit rund 20 Mio. Euro Kapital (ebenfalls gemäß diverser Geschäftsberichtseinträge der Spardas mit dem Schlüssel 10.000 Einlage = 1 Mio. Euro Kapital). Mit der Bitte um einen Faktencheck dieser Zahlen und eine Stellungnahme konfrontiert, lehnte die Comeco dies ab.

Würde man jedenfalls ein Sparda-TEO-Unterstützer-Ranking anfertigen, sähe das so aus:

  • Baden-Württemberg, München und Nürnberg: Halten zusammen rund 72% an Comeco und sind offiziellen Aussagen zufolge weiterhin entschlossen, die alte Sparda-App alsbald abzuschalten, um TEO zum Durchbruch zu „verhelfen“
  • Hessen und Augsburg: Sind in beiden Finanzierungsrunden mitgezogen und bieten ihren Kunden die TEO-App an (ohne allerdings anzukündigen, die alte App und den Webzugang abzuschalten).
  • West und Ostbayern: Haben sich an der ersten Finanzierung für Comeco beteiligt, an der zweiten aber schon nicht mehr. Bieten TEO nicht aktiv an und haben dies lt. Nachfrage auch nicht geplant.
  • Berlin, Hannover, Hamburg, Südwest: Betrachten das ganze TEO-Comeco-Schauspiel jetzt seit mehr als zwei Jahren (belustigt?) von der Seitenlinie.

Nun liegen uns zwar keine Geschäftspläne von Comeco vor (das Sparda-Spinoff hat bis heute übrigens nicht einen Geschäftsbericht im Bundesanzeiger veröffentlicht *). Allerdings: Wenn es wirklich das Ziel war, so etwas wie eine europäische Super-App zu errichten – dann wird sich der Betrieb kaum finanzieren lassen, wenn (wie es jetzt aussieht) nicht einmal die eigene Gruppe komplett bei TEO mitmacht.

Insider berichten, dass innerhalb des Sparda-Sektors bereits „harte Entscheidungen“ diskutiert würden: Was, wenn sich das Kunden-Feedback nicht bessert? Und sich die Spaltung innerhalb der eigenen Gruppe noch vertiefen sollte? Wird dann ein dauerhafter Parallelbetrieb der Apps gefahren? Und wer zöge dann überhaupt noch mit, wenn die Comeco noch mehr Geld bräuchte?

Einer Bitte um Stellungnahme, wie sich das Eigenkapital bzw. der Gewinn/Verlust der Comeco 2019 entwickelt haben und wie der „Status quo“ sei, lehnte die Comeco auf Anfrage ab.

Dabei wäre genau das insbesondere für gut 600 Mitarbeiter, 710.000 Kunden und die rund 540.000 Genossenschaftsmitglieder der Sparda Baden-Württemberg eine spannende Information. Denn eine nicht ganz unwesentliche Frage lautet auch: Wie erklärt‘s man der Öffentlichkeit beziehungsweise den eigenen Mitgliedern (die Spardas sind bekanntlich genau wie die Volks- und Raiffeisenbanken als Genossenschaften organisiert)?

Um die Dimension dieses Problems zu veranschaulichen, muss man die knapp 33 Mio. Euro, die allein die Sparda Baden-Württemberg in Comeco investiert hat, einfach nur mal in Relation zur Ertragskraft des Instituts setzen. Es geht schon jetzt um nicht weniger als das 1,7-Fache des jüngsten 2019 Jahresüberschusses, respektive das 3,4-Fache des jüngsten Bilanzgewinns. Als beileibe keine Peanuts für eine Bank, die erst im Sommer die Anzahl der Genossenschaftsanteile, die jedes Mitglied zeichnen kann, von 10 auf 30 erhöht hat.

Trotz dieser Dimensionen ist unklar, inwieweit die Mitglieder über den Umfang des Comeco-Engagements überhaupt im Bilde sind oder auf einer Vertreterversammlung darüber informiert wurden – die Sparda Baden-Württemberg wollte sich hierzu auf Finanz-Szene.de-Anfrage nicht äußern. In den Geschäftsberichten jedenfalls spielt das finanzielle Abenteuer kaum eine Rolle. Lediglich im Bericht des Aufsichtsrats fällt der Name Comeco im 2019er Abschluss ein einziges Mal – „Investitionen in die Digitalisierung wurden umfassend getätigt ….  Hierzu zählen die Gründung der Sparda Versicherungs Service GmbH und die Beteiligung an der Comeco GmbH & Co. KG“.

Was man fairerweise sagen muss: Unserer Bitte, zu erklären, „wo bzw. in welchen (u.U. saldierten) Posten die Comeco-Beteiligung bilanzielle Berücksichtigung im 2019er-Abschluss findet“, kam die Sparda Baden-Württemberg Anfang dieser Woche nach: „Es handelt sich um eine bedeutende Beteiligung, die Sie im Geschäftsbericht in der Position 7 (Aktiva) und Position 5 (Passiva, da Zahlungsziel Januar 2020 vereinbart wurde) entnehmen können“ Und weiter: „Die Gesamtposition der Beteiligungen ergibt, gemessen an der Bilanzsumme, einen geringen prozentualen Wert der zu keiner Angabe im Anhang verpflichtet.“

Zu weiteren Fragen – ob sich die Beteiligung planmäßig entwickele, welche Ergebnisse bei der Comeco angefallen sind – nahm die Sparda Baden-Württemberg ebenfalls keine Stellung.

* Am Donnnerstag, dem 16.12.2020 nachmittag erschien erstmals der 2019er Abschluss im elektronischen Bundesanzeiger. Finanz-Szene.de wird diesen Artikel nach Analyse der Daten entsprechend ergänzen. 

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