Exklusiv

Die zwei Sorgen der ING Diba: Trüber Ausblick, maue Stimmung

21. Mai 2020

Von Christian Kirchner

Die jahrelange Wachstumsgeschichte der ING Diba Bank wäre in diesem Jahr auch ohne Corona-Krise zu einem vorläufigen Ende gekommen. Das geht aus dem dieser Tage veröffentlichen Jahresabschluss der größten deutschen Online-Bank hervor. Dem Bericht zufolge rechnete das erfolgsverwöhnte Institut bereits vor Einbrechen der Krise mit einem „deutlich sinkenden Ergebnis vor Steuern“. Testiert wurde der Abschluss per Mitte März. Da war der Corona-Crash zwar schon absehbar – auf eine grundlegende Veränderung ihres Prognoseberichts verzichtete die ING Diba jedoch. Stattdessen liegt dem Ausblick noch eine gesamtwirtschaftliche Prognose zugrunde, laut der die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr gewachsen wäre. Zur Corona-Pandemie heißt es in diesem Abschnitt, dass sich der Ausbruch des Coronavirus „dämpfend auf die bisherigen Prognosen“ auswirken könnte.

Der überraschend pessimistische Ausblick der ING Diba nährt den Verdacht, dass die deutsche Kreditwirtschaft in diesem Jahr ganz unabhängig von Corona mit deutlichen Ergebnisrückgängen konfrontiert worden wäre. Nur nochmal zur Erinnerung: Ende April hatten wir berichtet („Fraspa malt schwarz – auch ohne Corona“), dass die Frankfurter Sparkasse für 2020 mit einem „deutlichen Abschmilzen“ des Zinsüberschusses sowie mit einer merklichen Verschlechterung auch weiterer Kennziffern gerechnet hatte; Anfang Mai schrieben wir dann, dass es bei der Haspa in Hamburg („Größter deutscher Sparkasse implodiert die GuV“) ähnlich düster aussieht wie bei den Kollegen in Frankfurt. Nun ist die kraftstrotzende ING Diba (Vorsteuergewinn in 2019: 1,35 Mrd. Euro) natürlich nicht mit den beiden seit Jahren eher dümpelnden Großsparkassen zu vergleichen. Indes: Die Richtung für 2020 (wenn auch ausgehend von einem völlig anderen Ausgangsniveau) war dieselbe.

Dabei mutete vor allem der prognostizierte „deutliche Rückgang des Provisionsergebnis“ erstaunlich an. Denn: Eigentlich ist es das erklärte Ziel der deutschen ING, die Abhängigkeit vom Zinsergebnis (das immer noch vier Fünftel der Erträge ausmacht) zu reduzieren – was sinnigerweise nur über den Provisionsüberschuss erreicht werden kann. Tatsächlich versuchte das Institut zuletzt, genau dieses Geschäft mit zwei sehr konkreten Maßnahmen zu forcieren: Zum einen verlangt die ING Diba seit 1. Mai von Inhabern wenig aktiver Konten 4,90 Euro Gebühr pro Monat. Zum anderen hat sie im Februar den Einstieg in die Anlageberatung angekündigt – beides Faktoren, die eigentlich den Provisionsüberschuss antreiben müssten (siehe auch unsere große Analyse „Der Tabubruch: Warum sich die ING Diba neu erfinden muss“).

Dazu teilt die ING auf Nachfrage mit: „Ausgehend vom Jahresende 2019 rechnet die ING-DiBa auf Grundlage der handelsrechtlichen Rechnungslegung für das Jahr 2020 mit deutlich steigenden Provisionsaufwendungen, welche insgesamt das Provisionsergebnis schmälern.“ Finanz-Szene.de erkundigte sich zudem, wie denn diese Prognose zu den erfreulich stark ausgefallene Zahlen mit Blick auf das Provisionsergebnis im Q1 zu erklären seien (siehe hier). Dazu erklärt die ING: „Die veröffentlichten Quartalszahlen der ING Deutschland wurden, sofern nicht anders angegeben, auf Basis des IFRS Zahlenwerks ermittelt. Die Angaben sind daher nur eingeschränkt mit dem handelsrechtlichen Zahlenwerk des Jahresabschlusses der ING-DiBa vergleichbar.“

Was die Sache für die Oranje-Bank nun aber noch schwieriger macht: Sie hat parallel zum befürchteten Ergebnisrückgang (der in Anbetracht von Corona ja noch spürbarer ausfallen dürfte als prognostiziert) auch noch ein faustdickes Problem mit der Mitarbeiterzufriedenheit. Hintergrund: Dass die Stimmung bei der hiesigen ING nicht die beste ist, hatte Finanz-Szene.de im vergangenen August ja schon einmal beleuchtet („Mitarbeiter moppern gegen Radikalumbau der ING Deutschland“). Aus dem 2019er-Abschluss geht nun indes hervor, dass sich die Lage offenbar noch einmal verschärft hat oder zumindest nicht gebessert hat.

Und zwar heißt es dort: „Zur Messung der Mitarbeiterzufriedenheit als bedeutsamer nichtfinanzieller Leistungsindikator hat die Bank im Geschäftsjahr 2019 an einer ING-weiten Mitarbeiterbefragung OHI (Organisational Health Index) teilgenommen.“ Dabei handelt es sich um eine von der Unternehmensberatung McKinsey entwickeltes Barometer, das angibt, bis zu welchem Grad die Mitarbeiter die Ziele und die Strategie des Unternehmens verstehen und tatsächlich mittragen. Für Deutschland ergab sich hier ein Durchschnittswert von nur 50%. Zum Vergleich: Konzernweit betrug dieser Wert bei der ING Groep laut deren Geschäftsbericht 2019 70%.

Erklärt wird die maue Stimmung im Abschluss wie folgt: „Der Rückgang des Ergebnisses im Vergleich zur vorherigen Mitarbeiterbefragung bei der ING-DiBa ist insbesondere durch den im September 2019 beendeten Transformationsprozess erklärbar.“ Um dies einordnen zu können, muss man zwei Jahre zurückblicken: 2017 (also vor Beginn der Transformation) hatte die ING Diba eine schlichte Befragung der Mitarbeiter durchgeführt. Dabei zeigten sich noch 81% der befragten ING-Mitarbeiter „sehr zufrieden“ mit ihrem Arbeitsplatz. Ein Jahr darauf lag die „Gesamtzufriedenheit“ dann plötzlich nur noch bei 57%. Und nun also das Abrutschen auf 50% –  wobei der Wert mit den Vorjahreswerten nicht 1:1 zu vergleichen ist, weil der OHI-Index anders berechnet wird.

Die ING Diba erklärt dazu auf Nachfrage: „Dieses Ergebnis ist als sehr kurzfristiges Stimmungsbild zu betrachten, das mitten in einem Prozess temporärer Unsicherheit entstanden ist, indem Mitarbeiter teilweise ihren neuen Job noch nicht kannten. Wir sehen ganz aktuell beim Pulsecheck (Teil der OHI-Befragungsstruktur) eine höhere Zufriedenheit und wir messen jetzt auch in häufigeren Intervallen. Aufgrund dieser positiv zu erwartenden Entwicklung sehen wir die Ergebnisse aus 2019 als nicht repräsentativ für weitere Schlussfolgerungen.“

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