Research

Vom Klon zum Flop? Wenn unsere Banken „Fintech“ spielen

13. Februar 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Als die Fintech-Welle vor fünf, sechs Jahren die deutsche Küste erreichte – da sagte mancher Skeptiker gleich mal das baldige Abebben voraus, und zwar mit folgendem Argument: Ist ja alles gut und schön, was die Fintechs da treiben. Aber was, wenn die Banken die Geschäftsmodelle einfach kopieren und mithilfe ihrer breiten Kundenbasis in den Markt drücken?!

Tatsächlich begannen bald die ersten Institute, eigene Startups zu gründen. Die Sparkassen starteten Yomo (also den N26-Klon), die Deutsche Bank versuchte es mit Robin (also dem Scalable-Klon), die Coba schickte Main Funders ins Rennen (also einen Funding-Circle-Klon), und alle miteinander beglückten sie die Menschheit mit Paydirekt, sprich mit dem „deutschen Paypal“ usw. usw .

Und jetzt in die Gegenwart: Gleich zwei dieser Klone sind in den letzten Tagen unfreiwillig in die Schlagzeilen geraten: Yomo wird nur als Miniaturfassung fortgeführt. Und Yunar, also die digitale Geldbörse der Deutschen Bank, soll (zumindest teil-)verkauft werden.

Höchste Zeit für ein kleines Fazit: 13 deutsche Banken-Fintechs – und was aus Ihnen wurde. Bitte sehr:

Bevestor

  • Gegründet: 2016
  • Status: Der Robo-Advisor der deutschen Sparkassen (oder zumindest der der Deka)
  • Vorbild: Die Scalable Capitals und Quirions dieser Welt.
  • Geschäftsidee: Den Sparkassen ging es beim Start eher nicht darum, mit maximalem Elan den Robo-Markt aufzurollen – sondern lediglich darum, eine eigene Robo-Lösung für abwanderungswillige Kunden in der Hinterhand haben. Aktiv beworben wurde der Bevestor in den Anfangsjahren kaum. Zu groß war die Sorge, mit einer preisgünstigen Robo-Lösung das deutlich lukrativere Geschäft mit Fonds oder Zertifikaten zu kannibalisieren.
  • Bilanz: Als Folge dieser Strategie kam der Bevestor Ende 2018 gerade mal auf  „Assets under Management“ in Höhe von lächerlichen 6,5 Mio. Euro. Inzwischen soll das verwaltete Vermögen immerhin im mittleren zweistelligen Millionenbereich liegen – auch weil der Bevestor in den vergangenen Monaten deutlich präsenter wurde, z.B. über Anzeigen in der Frankfurter Sonntagszeitung
  • Ausblick: Solange die Sparkassen-Gruppe mit Fonds und Zertifikaten gutes Geld verdient (was sie tut, siehe hier, hier und hier), dürfte sie wenig Interesse daran haben, den Bevestor über die Maßen zu promoten. Zumal sich der mediale Hype um das Robo-Thema bislang noch kaum in entsprechender Kundennachfrage widerspiegelt.

Debtvision

  • Gegründet: 2018
  • Status: Die digitale Schuldschein-Plattform der LBBW (wobei es sich genau genommen um ein 80%/20%-Joint-Venture mit der Börse Stuttgart handelt)
  • Vorbilder: u.a. Firstwire und VC Trade
  • Geschäftsidee: Das Schuldschein-Geschäft zu digitalisieren und zu plattformisieren in der Hoffnung, am Ende die Plattform zu sein, auf die sich der Markt kapriziert
  • Bilanz: „Seit dem Start wurden über Debtvision 46 Transaktionen vermarktet, hinter denen ein Gesamtvolumen von 10 Mrd. Euro steht. Davon wurden 2,5 Mrd. Euro über Debtvision gezeichnet“, teilt die LBBW auf Anfrage mit
  • Ausblick: Zurzeit buhlen sieben Schuldschein-Plattformen um die Gunst von Unternehmen, Banken und Investoren – als Marktführer gilt bislang VC Trade (das ist die Plattform, über die die Helaba und die BayernLB handeln, die ihnen aber nicht gehört). Debtvision-Chef Christoph Steinbrich hat schon mal vorsorglich die Prognose gewagt, von den sieben Anbietern werde auf lange Sicht nur einer übrig bleiben.

Finpair

  • Gegründet: (Ende) 2018
  • Status: Die digitale Schuldschein-Plattform der NordLB
  • Vorbild: Siehe oben
  • Geschäftsidee: Mehr oder weniger siehe oben (sorry, liebes Finpair-Team, dass wir das so kurz machen – aber fürs Alphabet können wir ja nix. Hättet Ihr Euer Fintech „Aupair“ genannt, wäre es jetzt Herr Steinbrich, der blöd aus der Wäsche guckt. Aber es musste ja „Irgendwas mit Fin“ sein …)
  • Bilanz: „Die Plattform hat im zurückliegenden Geschäftsjahr zwölf Transaktionen erfolgreich am Markt platziert“, heißt es auf Anfrage. „Das platzierte Volumen betrug knapp 1,1 Mrd. Euro. In den ersten fünf Wochen dieses Jahres ist Finpair mit vier weiteren Transaktionen im Markt (Volumen ca. 250 Mio.) und für weitere zwei Transaktionen mandatiert (Vermarktungsstart jeweils Februar). Die Anzahl der Investoren hat sich inzwischen auf 250 erhöht.“
  • Ausblick: Ob am Ende von sieben Plattformen nur eine überlebt, sei mal dahingestellt. Sieben jedenfalls werden angesichts des dann doch nur überschaubar großen Schuldschein-Markts eher nicht überleben. Ob die NordLB den Nachteil des vergleichsweise späten Starts auf Strecke wettmachen kann? Abwarten. Immerhin: Ein Killer-Fintech, gegen das die Banken keine Chance haben, scheint es in dem Feld nicht zu geben (wobei der Schuldschein-Markt eher nicht unser Spezialthema ist, kann auch sein, dass wir Blödsinn erzählen).

Fyrst

  • Gegründet: 2019
  • Status: Die Mobile-Bank der Deutschen Bank für Gründer, Selbständige und Freiberufler
  • Vorbild: Kontist, Holvi
  • Geschäftsidee: Die Zielgruppe „kreative Jungunternehmer“ mit einem eigenen „Mobile-First“-Produkt und eigener Marke ansprechen.
  • Bilanz: Die Deutsche Bank spricht von „mehreren tausend Kunden“. Das ist natürlich schwammig – wäre aber (wenn’s, sagen wir, wirklich 4000-5000 aktive Kunden sind) nicht soooo schlechte wäre dafür, dass Fyrst erst im letzten Herbst gestartet ist. Technisch fußt das Angebot auf der Postbank-Infrastruktur.
  • Ausblick: Erfolgskritisch könnte sein, ob es der Deutschen Bank gelingt, ein Produkt zu etablieren, dass über einfache Konto- und Zahlungsfunktionen hinaus tiefergehende Bankdienstleistungen anbietet. Das wäre womöglich ein Distinktionsmerkmal im Vergleich zur Fintech-Konkurrenz. Klar ist: Player wie Holvi oder Penta machen mächtig Tempo da draußen. Aber: Anders als im mobilen Retailbanking (N26 …) sieht es nicht so aus, als wären die Fintech-Rivalen bereits uneinholbar enteilt.

Main Funders

  • Gegründet: 2016
  • Status: Der Marketplace-Lender der Commerzbank
  • Vorbild: Funding Circle
  • Geschäftsidee: Eine Plattform, die es institutionellen Investoren ermöglicht, Kredite an kleine und mittelständische Unternehmen zu vergeben. Die Bank tritt in diesem Modell nicht selbst als Kreditgeber auf, sondern lediglich als Vermittler.
  • Bilanz: Main Funders wurde zunächst stolz präsentiert. Danach hat man (mangels Erfolgs) nie wieder was gehört – bis die Plattform im Mai 2019 an das Frankfurter Finanzierungs-Fintech Creditshelf „verkauft“ wurde
  • Ausblick: Erübrigt sich.

Moneymap

  • Gegründet: 2017
  • Status: Der Vertragsmanager der Hypo-Vereinsbank
  • Vorbild: Aboalarm
  • Geschäftsidee: Mit einem Vertragsmanager können Banken das Girokonto des Kunden (auf dessen Wunsch hin) auf mögliche Einsparpotenzialen zum Beispiel beim Strom- oder Gasvertrag hin screenen. Vom Anbieterwechsel profitiert dann wiederum die Bank, die vom neuen Anbieter eine Provision erhält
  • Bilanz: Schon 2018 stellte die HVB das Moneymap-Experiment ein und „verkaufte“ ihren Anteil an dem Joint-Venture an den Berliner Company Builder Finleap
  • Ausblick: So plausibel das Konzept des Vertragsmanagers klingt – in der Praxis ist die Idee mit etlichen mit Schwierigkeiten verbunden (siehe unsere Analyse von vor einem Jahr). Die Commerzbank und die ING Diba verfolgten ebenfalls Pläne zum Start eines Vertragsmanagers, sind aber bis heute nicht live.

Paydirekt

  • Gegründet: 2014
  • Status: Die Online-Bezahllösung der deutschen Banken
  • Vorbild: Paypal
  • Geschäftsidee: Die deutschen Banken wollten dem US-Giganten eine eigene Online-Bezahllösung entgegensetzen. Einen technischen USP boten sie dem Kunden zwar nicht – allerdings hofften sie, über das Vertrauensargument (Datenschutz …) punkten zu können
  • Bilanz: Fast sechs Jahre nach dem Start hat sich Paydirekt noch nicht ein einziges Mal zu Transaktionszahlen geäußert (was stattdessen allerdings Finanz-Szene.de gemacht hat, siehe hier und hier). Zwar war zuletzt von 3,2 Mio. Kunden die Rede, die sich für Paydirekt registriert haben sollen. Wie viele davon den Bezahldienst aber wirklich nutzen und wie oft, das ist völlig unklar.
  • Ausblick: Laut jüngsten Plänen (wobei auch die inzwischen schon wieder einige Monate alt sind) sollte Paydirekt gemeinsam mit dem ebenfalls bankeneigenen Online-Bezahldienst Giropay, der P2P-Überweisungs-App Kwitt und der Girocard zur neuen deutschen Payment-Scheme „X Pay“ verschmolzen werden. Es gibt Menschen, die sagen, mit dieser Lösung würden die deutschen Banken und Sparkassen auch die Frage umgehen, ob man Paydirekt nicht eigentlich abwickeln sollte.

Robin

  • Gegründet: 2017
  • Status: Der Robo-Advisor der Deutschen Bank
  • Vorbild: Scalable Capital (und zwar sogar bis hin zu optischen Detailfragen)
  • Geschäftsidee: Vom damals vielerorts erhofften Robo-Boom profitieren
  • Bilanz: Beim Start 2017 hieß es, bis Ende 2018 wolle die Deutsche Bank auf 1 Mrd. Euro Assets under Management kommen. Stattdessen, so schätzten wir vor rund einem Jahr, war „Robin“ Ende 2018 allenfalls bei 125 bis 150 Mio. Euro angelangt.
  • Ausblick: Auf Anfrage teilt die Deutsche Bank mit, die Kunden hätten Robin „bis heute einen guten dreistelligen Millionenbetrag anvertraut“. Man zähle zu den „Top-5 digitalen Vermögensverwaltern in Deutschland“. Zur Einordnung: Auf Platz 3 lag zuletzt mit mehr als 500 Mio. Euro Cominvest, auf Rang 4 mit rund 400 Mio. Euro Quirion, dahinter sind diverse Robo-Fintechs mit mehr, aber mutmaßlich nicht viel mehr als 100 Mio. Euro unterwegs. Irgendwo dazwischen darf man also die Deutsche Bank vermuten.

VAI Trade

  • Gegründet: 2017
  • Status: Der Einkaufsfinanzierer der deutschen Volksbanken (oder wenigstens der Berliner Volksbank)
  • Vorbild: Wenn man es wüsste …
  • Geschäftsidee: VAI Trade stattet kleine und mittlere Unternehmen mit Vorfinanzierungen aus. Dabei handelt es sich um ein Geschäft, dass sich für Banken wegen seiner Kleinteiligkeit normalerweise kaum lohnt. Durch Automatisierung und Standardisierung will VAI Trade dieses Problem lösen.
  • Bilanz: Offiziell hat die Berliner Volksbank zwar eine Pressestelle – wir aber erreichen dort nie jemanden und wenn doch mal, dann kriegen wir keine inhaltliche Auskunft. In einer Pressemitteilung von VAI Trade war unlängst von „deutschlandweit 9000 registrierten Kunden“ die Rede, was nicht viel aussagt. Einem längeren „Handelsblatt“-Artikel von vergangener Woche war als konkreteste Aussage zum Geschäftsverlauf zu entnehmen, VAI Trade befinde ich „schon in der Wachstumsphase“.
  • Ausblick: Können wir keinen geben. Das einzige, was wir wissen: CEO Garry Krugljakow war vor Jahresfrist still und heimlich bei VAI Trade ausgeschieden (siehe Finanz-Szene.de vom 24. Januar). Dem HB sagte er letzte Woche: „Ich habe den größten Spaß daran, Dinge am Reißbrett zu entwickeln und aufzubauen.“ Was, wenn wir es richtig verstehen, die offizielle Begründung für seinen Abgang sein soll. Denn VAI Trade, siehe oben, ist ja jetzt schon in der Wachstumsphase, nicht mehr in der Entwicklungs- und Aufbauphase.

Visualvest

  • Gegründet: 2016
  • Status: Der Robo-Advisor der Volks- und Raiffeisenbanken (bzw. wenigstens der Union Investment)
  • Vorbild: Alle Angaben siehe Bevestor
  • Geschäftsidee: Siehe Bevestor (bitte Sparkassen durch Genobanken ersetzen)
  • Bilanz: Anders als beim Bevestor lassen lassen sich bei Visualvest keine Zahlen bzw. Schätzungen zum verwalteten Vermögen in Erfahrung bringen. Eine hübsche Parallele dagegen: Auch Visualvest ist zuletzt sichtbarer geworden, unter anderem durch Anzeigen in der FAZ.
  • Ausblick: Siehe Bevestor (bitte Sparkassen durch Genobanken ersetzen)

Yomo

  • Gegründet: 2016
  • Status: Die Smartphone-Bank der deutschen Sparkassen
  • Vorbild: N26
  • Geschäftsidee: Der Aufbau einer deutschlandweiten, nur lose an die örtlichen Sparkassen gebundenen Digitalbank, mit der mobil-affinen Millenials eine Alternative zu den hergebrachten Sparkassen-Angeboten gereicht werden sollte
  • Bilanz: Das Projekt scheiterte aufgrund technischer Unzulänglichkeiten und wegen fehlender Akzeptanz innerhalb des Sektors
  • Ausblick: Nach jetzigen Stand ist Yomo als eigenständige Kontolösung tot. Allerdings sollen Kunden die Möglichkeit erhalten, die Yomo-App mit ihrem normalen Sparkassen-Online-Konto zu verknüpfen.

Yunar

  • Gegründet: 2018
  • Status: Die Loyalty-Wallet der Deutschen Bank
  • Vorbild: Stocard
  • Geschäftsidee: Die Portemonnaies vieler Menschen sind voll von Bonuskarten – von Payback über Bahn-Bonus bis Miles & More. Warum, dachte sich die Deutsche Bank, soll man daraus keine Geschäftsmodell für die digitale Welt machen? Und so schickte sie Ende 2018 Yunar ins Rennen, die Wallet für Bonusprogramme und Kundenkarte. Das Ziel lautete, die virtuelle Geldbörse dann nach und nach um mobile Bankleistungen zu erweitern und so aus der Idee ein Geschäftsmodell zu machen.
  • Bilanz: Die Deutsche Bank tritt dem Eindruck entgegen, die (Teil-)Verkaufsabsichten könnten mit einer schwachen Performance zu tun haben. „Yunar läuft operativ sehr gut“, heißt es auf Anfrage. „Die Plattform hat bis heute mehr als 300.000 ‚Active user‘ und ist seit Dezember neben Deutschland auch in drei europäischen Ländern verfügbar.“
  • Ausblick: Sollte die Deutsche Bank 1.) einen namhaften Investor/Käufer finden, sollte dieser 2.) einen ordentlichen Preis bezahlen und sollte 3.) dieser Preis irgendwie publik werden … dann würden wir wissen, dass Yunar wirklich gut läuft.

Zinsmarkt

  • Gegründet: 2017
  • Status: Der Einlagen-Broker der Deutschen Bank
  • Vorbild: Raisin und Deposit Solutions (wobei Deposit Solutions beim Zinsmarkt der technische Dienstleister ist, sodass man darüber streiten kann, ob es sich hier überhaupt um ein eigenständiges Fintech-Projekt der Deutschen Bank handelt)
  • Geschäftsidee: 1.) Die Einlagen der eigenen Kunden an Banken vermitteln, die höhere Zinsen zahlen. 2.) Auf diesem Wege verhindern, dass sich die Kunden selbst nach anderen Banken umsehen, was den Verlust der Kundenbeziehung nach sich ziehen könnte. Und 3.) noch ein bisschen an den Provisionen verdienen
  • Bilanz: Stand heute hat die Deutsche Bank Einlagen in Höhe von 2,5 Mrd. Euro vermittelt. Ob man das „hervorragend“ nennen muss, wie es ein Sprecher des Instituts tut, sei mal dahingestellt – schlecht ist es nicht. Zur Einordnung: Raisin und Deposit kommen mit ihren B2C-Tools auf Beträge irgendwo zwischen 15 Mrd. und 20 Mrd. Euro. Wichtig: Das sind keine „AuMs“, sondern es sind bei allen Anbietern die jemals vermittelten Gelder. Schichtet ein Kunde seine 10.000 Euro 2x jährlich um, sind nach drei Jahren also schon 60.000 Euro vermittelt, auch wenn sich an den „AuMs“ (Zinsen mal außen vor gelassen) nichts geändert hat.
  • Ausblick: Im Rahmen des Deutsche-Bank-Einstiegs bei Deposit Solutions im letzten Herbst hieß es, der Zinsmarkt (der bislang nur im „blauen“ Privatkundengeschäft vermarktet wird) solle aufs Wealth Management und auf die Postbank ausgeweitet. So weit wir das verfolgt haben, ist das Vorhaben noch nicht in die Tat umgesetzt.

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