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Von Baufi bis Konto: Gewinner & Verlierer der Corona-Krise

9. September 2020

Von Hakan Özal*

Ende Februar ging es in Deutschland los. Der Dax hatte gerade ein neues Allzeithoch bei knapp 13.800 Punkten erklommen, als die ersten Corona-Fälle in BW und NRW gemeldet wurden. Am 9. März lag die Zahl der nachgewiesenen Infektionen in Deutschland erstmals über 1.000. Zwei Tage später erklärte die WHO den Covid-19-Ausbruch zur weltweiten Pandemie, eine weitere Woche später rutschte der Dax unter 8.500 Punkte fiel. Das öffentliche Leben, in vielen Ländern Europas und Asiens, kam zum Erliegen.

Urplötzlich war die Welt eine andere. Nicht nur, aber eben auch in ökonomischer Hinsicht.

Seitdem haben absehbare genauso wie undenkbare Entwicklungen ihren Lauf genommen. Bankfilialen schlossen und manche machten erst gar nicht wieder auf. Jene Zweigstellen, die vorerst überlebten, werden wohl zukünftig noch weniger frequentiert sein als ohnehin schon. Aktuelle Daten von Statista belegen den unweigerlichen Trend: „Zahl der Bankfilialen auf dem Niveau der 50er Jahre“. Und:  „Im Jahr 2019 gaben 70 Prozent der Befragten an Online-Banking zu nutzen.“ Damit ist der erste Verlierer der Pandemie schon einmal ausgemacht.

Indes: Es gibt neben der Bankfiliale noch weitere Verlierer innerhalb der deutschen Bankenbranche. Aber eben auch: Gewinner!

In der nun folgenden Analyse blicke ich daher primär auf die Neukunden-Entwicklungen unterschiedlicher Finanz-Produkte in Deutschland seit Ausbruch der Corona-Krise. Als Grundlage ziehe ich die von financeAds vermittelten Neukunden aus unserem Affiliate-Netzwerk heran. Diesem gehören – abgesehen von Sparkassen und Genossenschaftsbanken praktisch alle relevanten Banken und Versicherungen hierzulande an.

Onlinebroker und Neobroker sind die großen Gewinner

Das erste Ergebnis wird kaum verwundern: Anbieter von Wertpapier-Depots sind die größten Gewinner der Krise. Nun gab es das Schnäppchenjäger-Phänomen auch schon bei früheren Kursrutschen. Was wir jedoch in den vergangenen Monaten erlebt haben – das hatte eine völlig neue Dimension. Der Höhepunkt war der 16. März, als allein innerhalb unseres Affiliate-Netzwerks an einem einzigen Tag mehr als 5.000 Depot-Neukunden vermitteln wurden. Im gesamten März waren es mehr als 75.000 (!). Ein „normaler“ Wert wäre irgendetwas zwischen 15.000 und 20.000 gewesen.

Die erfolgreichsten deutschen Online-Broker gewannen zeitweise das Zehnfache an Neukunden wie zu normalen Zeiten. Ähnlich rekordverdächtig entwickelten sich die Handelsaktivitäten, wie den Pressemitteilungen zum 1. Halbjahr von Flatex (vom 02.07.20: 288.000 Brutto-Neukunden +238% zum Vj; 13,1 Mio. Trades +127% zum Vj) und Comdirect (vom 30.07.202: ca. 200.000 Netto-Depot-Neukunden; 24,7 Mio. Trades +113% zum Vj,) zu entnehmen sind. Die Consorsbank gehörte auch klar zu den Top-3-Gewinnern der Krise. Aber auch Neobroker wie Trade Republic und Smartbroker konnten sich, mit ihren schlanken und optimierten Angeboten und Antragsprozessen, ein ordentliches Stück vom Neukunden-Kuchen abschneiden. Gerade diese neuen Player bekamen binnen kürzester Zeit eine Traction, für die andere Finanz-Startups gern mal Monate oder gar Jahre brauchen.

Besonders spannend – und das ist ein Trend, der mir auch von vielen Marktteilnehmern bestätigt wurde: Unter den Neukunden waren auch viele komplette Börsen-Neulinge – darunter verglichen mit früheren Werten übermäßig viele Frauen. Hier spiegelte sich ein Trend, der durch Soziale Medien und Influencer (bestes Beispiel: „Madame Moneypenny“) schon länger befeuert wird und wohl auch noch weiter anhalten wird. Wir merken das auch daran, dass zu unseren Affiliate-Partnern auch immer mehr dieser Influencer gehören.

Die Nachfrage nach Kreditkarten brach brutal ein

Kommen wir zum größten Verlierer der Finanz-Industrie: die Kreditkarte. Gemessen an den Neukunden brach die Nachfrage im März um knapp 50% ein – ein Trend, den nicht nur wir spürten, sondern der sich beispielsweise auch über Tools wie Google Trends eindeutig nachvollziehen lässt. Es war allerdings nicht nur so, dass die Nachfrage zurückging. Gleichzeitig wurden Bonitäts-Anforderungen und Prüfungsmechanismen derart verschärft, dass maximal 10-20% der Neukundenanträge überhaupt genehmigt wurde, wie sich aus der allgemeinen Bestätigungsquote für März und April herauslesen lässt.

Wer hier mitrechnet, erkennt die desaströse Entwicklung. Neben der Unsicherheit in Bezug auf Selbstständige, die sofort zur Risikogruppe erklärt wurden, wurden auch andere Bonitätskriterien verschärft. Dieser negative Effekt bei der Neukunden-Gewinnung verstärkte sich dadurch, dass der Einsatz von Kreditkarten im „Corona-Lockdown“  zwangsläufig auf ein Minimum fiel. Erst im Juli kehrte sich diese Entwicklung langsam wieder um.

Was war mit Ratenkrediten, Baufinanzierung und Girokonto?

Im Vergleich zu den Kreditkarten blieb das Geschäft mit Ratenkrediten und Baufinanzierungs-Anfragen eher auf konstantem Niveau. Aber auch hier kam es zu verschärften Bonitäts-Anforderungen und Problemen beim Abschluss von Finanzierungsanfragen – wobei die Einschnitte weniger heftig waren.

Der Einfluss der Corona-Krise auf die Neukunden-Entwicklung beim Girokonto  war eher gering. Jedoch ist zu erwarten, dass der Wettbewerb um das Neukunden-Wachstum zum Jahresende bei den Online-Banken (übrigens nicht nur beim Konto, sondern auch bei der Kreditkarte) wieder stark zulegen wird – zumindest deuten darauf die Budgetplanungen fürs restliche Jahr und aktuelle Aktionen diverser Marktteilnehmer hin Der Kunde hat erlebt, dass er keine Filiale mehr braucht und immer mehr Banken und Sparkassen ihre Kontoführungs-Gebühren erhöhen. Spätestens im Januar wird es dank attraktiver Prämien sicherlich einen „Online-Banken-Run“ von Neukunden geben.

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Ausblick: Mit Check24 und den GAFAs könnte das Spiel eine völlig neue Richtung nehmen

Mein Fazit: Die digitale Finanz-Industrie ist einer der Gewinner der Corona-Krise. Jedoch werden nur die wirklich digitalen Player profitieren können. Und der Kampf um die Marktführerschaft wird mit den Neukunden gewonnen. Denn jetzt kommen die digitalen Natives mit eigenem Vermögen, die man nur online gewinnen kann.

Größere Risiken für etablierte Banken sehe ich auch aus Richtung der GAFAs und Check24. Die Wechselbereitschaft von einer Bank zur Nächsten ist aktuell nicht besonders groß. Aber was wäre, wenn Apple oder Google mit einem innovativen Gesamtkonzept aufwarten oder die C24 Bank das kostenlose Volks-Girokonto an den Start bringt – während die etablierten Institut die Gebühren weiter erhöhen? Das würde den Kampf um Neukunden neu entfachen und könnte aus dem bekannten Wechsel-Frust schnell eine Wechsel-Lust werden lassen.


* Hakan Özal ist Geschäftsführer von financeAds, dem führenden Premium Affiliate Netzwerk für Banken, Versicherungen und Fintechs in Europa.

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