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Von Squad bis Tribe: So stellt J.P. Morgan seine deutsche Retailbank auf

Man kann die Pläne von J.P. Morgan als ambitioniert bezeichnen. Oder als verrückt. Was bringt das größte amerikanische Finanzinstitut dazu, eine neue Retailbank in den deutschen Markt zu schicken? Wo der deutsche Retailmarkt doch als traditionell „overbanked“ gilt. Und wo sich die Folgen dieser „Overbanked“-Konstellation ja auch ganz konkret zeigen dieser Tage. Man denke an die Probleme der PSD-Banken und der Sparda-Banken. Oder an die Deutsche Bank, die es einfach nicht schafft, mit ihren 12 Mio. Postbank-Kunden irgendwie Geld zu verdienen.

Nun mag man sagen: Ganz andere Baustelle! Schließlich hat J.P. Morgan keine Altlasten mitzuschleppen. Kann einfach loslegen. Auf der grünen Wiese. Komplett digital selbstverständlich. Mobile first. Vielleicht sogar: Mobile only. Indes – eine Erfolgsgarantie ist auch das nicht. Denn: Ist da wirklich noch Platz neben der ING Diba, der DKB und N26? Und zeigt nicht gerade das Beispiel N26, wie schwer das mit dem Geldverdienen im deutschen Markt selbst als digitaler Player ist? Weshalb wird die Fidor Bank denn abgewickelt, wieso ist Revolut denn immer noch nicht durchgestartet im deutschen Markt, warum sind die ganzen Nuris und Ruukys und Owwns denn wieder verschwunden? Okay, okay – stopp: Vielleicht sollte man J.P. Morgan (13 Mrd. Dollar Gewinn im dritten Quartal) nicht unbedingt mit „Ruuky“ vergleichen! Und vielleicht weiß jemand wie Jamie Dimon ja auch einfach, was er da tut! Eines steht jedenfalls fest: J.P. Morgan will das mit der deutschen Retailbank jetzt wirklich durchziehen.

So zeigen Recherchen von Finanz-Szene, dass in Berlin inzwischen eine veritable Organisationsstruktur existiert, mit einem Head of Europe, mindestens zehn Executives Directors, mit Squads und Tribes und Risikomanagern und Account-Managern und Compliance-Leuten und outgesourcten Funktionen (Warschau, Indien) und was es sonst noch alles braucht. Oder anders gesagt: Hier kommen die Umrisse der deutschen Retailbank von J.P. Morgan:

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1.) Der „Head of Europe“ und das übrige Management

Wie wir schon vor einigen Monaten vermutet hatten (siehe dazu -> „Von Coba bis N26: Wo J.P. Morgan für ihre deutsche Digitalbank rekrutiert“), stammt die personelle DNA für J.P. Morgans deutsche Retailbank aus den Überresten der Digitalambitionen einer hiesigen Großbank – nämlich aus dem sogenannten Copernicus-Project. Zur Erinnerung: Das war der 2018 wieder eingestampfte Plan der Commerzbank (oder genauer gesagt, von deren polnischer Tochter mBank), eine paneuropäische Digitalbank aufzusetzen, siehe unsere damalige Berichterstattung.

Einer der ersten Geschäftsführer der 2017 gegründeten Copernicus Germany GmbH war der polnische Bankmanager Jakub Fast. Genau der wurde von J.P. Morgan zwei Jahre später zunächst mit dem Aufbau von „Chase UK“ betraut, also der britischen Smartphone-Bank von J.P. Morgan. Inzwischen nun firmiert Fast als geschäftsführender „Head of Europe“ für Chase mit Sitz in Berlin (siehe dazu auch unseren Personalien-Ticker im November).

Unterhalb von Fast hat J.P. Morgan eine Reihe von „Executive Directors“ eingestellt. Diese haben, soweit aus den Positionsbezeichnungen nachvollziehbar, allesamt leitende Funktionen, etwa als „Lead“ oder „Head of“ für einen bestimmten Bereich. Basierend auf ihren aktuellen Jobtiteln bzw. aus vormaligen Tätigkeiten ergibt sich das folgende Führungs-Tableau:

Name Schwerpunkte kommt von
Claudia Barghoorn Wealth Management, Kundeninteraktion, digitale Transformation
Fidelity International (Ex-BNP, Ex-Commerzbank)
Gunther Daiß Wealth Management, Innovation, Vertrieb JPM/Chase UK (Ex-Commerzbank)
Nina Falk Marketing, strategische Partnerschaften Ebay
Sarah Finger Digitales Produktmanagement, Vertrieb Axa
Rames Askar Produktmanagement, Kreditprodukte Targobank
Antonio Ardit Risiko Management, Control Management Santander Consumer Bank
Christian Höveler Kredit- und Betrugsrisiken, Datenanalyse Afterpay (Ex-Schufa, Ex-Paypal)
Mahsa Eggers Recht, Compliance Sparda-Bank Berlin
Amra Blume Kundenservice, Operations, Issueing Concardis
Alexander Schulze Kundenservice, Operations Paypal

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2.) Die Organisationsstruktur

Wie aus den Positionen bereits rekrutierter Mitarbeiter sowie aus Stellenausschreibungen hervorgeht, scheint J.P. Morgan die neue Digitalbank in einer „agilen“ Organisationsstruktur aufstellen zu wollen. Zumindest ist immer wieder von „Squads“ und „Tribes“ die Rede – beides typische Einheiten in diesen Organisationsformen. Der Unterschied zu einer klassischen hierarchischen Struktur ist stark vereinfacht ausgedrückt: Die „Squads“ arbeiten immer an einer bestimmten Zielsetzung und ziehen dafür Fachexperten aus unterschiedlichen „Tribes“ zusammen. Hierzulande pflegt etwa die ING Diba ein ähnliches Modell – denkbar, dass sich die Amerikaner ein Stück weit am hiesigen Platzhirschen orientieren.

Wenn der „Head of Europe“ Jakub Fast in den einschlägigen Karriere-Netzwerken Recruiting-Posts absetzt, erwähnt er immer wieder die folgenden Bereiche (wobei nicht ganz eindeutig ist, ob jeder dieser Bereiche automatisch auch ein „Tribe“ ist).

  • Customer Experience
  • Marketing
  • Strategy
  • Operations
  • Controls

Unklar bleibt, wo innerhalb der Berliner Organisation „Produkt“ sowie „Recht/Compliance“ verortet sind. Gut möglich, dass J.P. Morgan auch nicht sämtliche Funktionen in der deutschen Hauptstadt ansiedelt (sondern beispielsweise auf Kapazitäten in London zurückgreift).

Auffällig ist, dass weder unter den schon eingestellten Mitarbeitern noch in den Job-Anzeigen irgendwelche Entwickler oder Datenanalysten zu finden sind –und übrigens auch keine Treasury-Funktionen. Tatsächlich scheint J.P. Morgan die IT-Funktionen wesentlich aus Indien heraus zu bestreiten. Daneben ist offenbar auch Warschau ein wichtiger Stützpunkt für das Europa-Projekt. Hier finden sich Datenzentren und auch Treasury-Mitarbeiter.

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3.) Die Funktionen

Jenseits der oben aufgeführten Führungskräfte hat Finanz-Szene die Funktionen von 45 weiteren Mitarbeitern ausgewertet. Hieraus ergibt sich die folgende Aufstellung:

Product, UX, Marketing (14 Beschäftigte): 

  • Bedeutung: Die Funktionen zeigen, dass J.P. Morgan bereits konkret an der Produktpalette sowie am Frontend arbeitet. Konkret gibt es mindestens ein User-Experience-Team (bestehend aus Lead, Texter und Designer), Product Manager und Designer (4x), Copywriter (2x), Localization Manager (2x) sowie jeweils einen „Growth Lead“ und „Market Research Lead“.
  • Profile: Die Mitarbeiter bringen viel Digitalbank- und Fintech-Knowhow mit und kommen beispielsweise von der Solarisbank, N26 oder Liqid. Bei den Marketing-Funktionen kommt E-Commerce-Erfahrung dazu, etwa von Zalando oder Hello Fresh.

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Accounts Management & Kundenservice (9 Beschäftigte)

  • Bedeutung: Nach unserem Verständnis handelt es sich hierbei um die kundennahen Funktionen – jedenfalls kommt der Titel „Accounts Manager“ am häufigsten in der Organisation vor.
  • Profile: Ein Drittel der Beschäftigten kommt aus dem Berliner Büro von Klarna (wo ja im vergangenen Jahr Personal abgebaut wurde), der Rest überwiegend von Plattform-Anbietern, etwa aus der Reise- und Recruiting-Branche. Erfahrung bei einer Traditionsbank hat nur die „Account Manager CIB&FI Wholesale Payments“, eine frühere Commerzbankerin.

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Risiko-Management, Controls, Compliance, Recht (8 Beschäftigte)

  • Bedeutung: In diesen Funktionen setzt J.P. Morgan vor allem auf bank- und länderspezifisches Fachwissen. Konkret finden sich „Risk und Control Manager“ (4x), „General Counsel (2x) sowie jeweils ein Spezialist für „Global Financial Crime Compliance“ und für „Legal Regulatory Change Management“.
  • Profile: Die Beschäftigten entstammen fast ausschließlich der Finanzbranche, entweder klassischem Banking (DKB, Santander Consumer Bank, Sberbank Europe) oder Fintechs (N26, Afterpay, Elinvar).

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HR/Backoffice (6 Beschäftigte)

  • Bedeutung: Hier geht es um die wesentlichen Backoffice-Funktionen, wobei – der Aufbauphase geschuldet – Recruitment (4x) den Schwerpunkt bildet. Daneben finden sich noch eine allgemeine HR-Rolle sowie eine Assistenz.
  • Profile: Die Beschäftigten kommen überwiegend von außerhalb der Finanzbranche.

Bei acht Beschäftigten gibt es keine aktuelle Positionsangabe, aufgrund der vorherigen Titel würden wir sie aber grob wie folgt einordnen: Risk & Fraud Management (3x), Marketing (1x), Account Management (1x), Product (1x), Qualitätsmanagement (1x) und Recht (1x).

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4.) Die Lücken im Organigramm

Die Bank schreibt auch weiterhin Stellen in Berlin aus, darunter aktuell viel in Marketing, Compliance sowie Risk & Controls. Was bei den Schlüsselpositionen derzeit noch fehlt, ist eine Leitung für das Thema KYC („Know your Customer“) sowie ein Verantwortlicher für den Bereich Marketing Operations.

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