Interview

Wieso die Check24-Bank auf die Erstbank-Verbindung pfeift

13. Oktober 2020

Von Christian Kirchner

Produkt-Launches sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Wo es früher einen „Tag X“ gab, gibt es heutzutage mehrwöchiger Prozesse mit hunderten „Beta-Testern“ und Vorab-Releases (oder soll man sagen „Vor-App-Releases“?) mit der Folge, dass man viele Produkte, wenn sie dann offiziell livegehen, eigentlich schon kennt zu oder zu kennen glaubt.

Genau so ist es auch mit der C24 genannten Check24-Bank, die an diesem Dienstag offiziell livegeht, aus der Perspektive eines Finanz-Szene.de-Lesers gefühlt allerdings längst live ist (siehe hier und hier).

Jedenfalls: Auch wenn wir und schon zweimal ausgelassen haben über die C24 Bank zuletzt, wollen wir es heute noch ein drittes Mal tun. Denn: Im exklusiven Gespräch mit Finanz-Szene.de hat sich Check24-Chef Christoph Röttele erstmals auch höchstselbst zu der Frage geäußert, wie sich das neue, digitale Retailbanking-Angebot in einem gefühlt überversorgten Markt mit 92 Millionen Girokonten positionieren und vom harten (und teuren) Wettbewerb differenzieren will.

Die wichtigste Aussage: „Es ist nicht unser oberstes Ziel, die Erstbank-Verbindung zu werden. Unsere Kunden können aus unserem Angebot heraus alle Bankverbindungen steuern, daher ist der Multibanking-Ansatz auch ein Herzstück“, so Röttele.

Die Erstbankverbindung nicht als Top-Priorität? Das ist schon mal ein Hämmerchen. Denn traditionell gilt die Erstbank-Verbindung als Anker der Kundenbeziehung, um lukrative Folgegeschäfte zu machen im Kredit- und Anlagebereich. Auf 60% bis 80% des „Customer Lifetime Value“ schätzen Retail-Banking-Experten den Wert dieses „Erstbank-Verbindung“. Um den Rest dürfen sich Zweit- und die Drittbank prügeln, wobei selbst hierfür merkliche Kunden-Akquisitionskosten anfallen.

Strategisch schlägt die C24 Bank damit eine völlig andere Richtung ein als Institute wie die Commerzbank, DKB oder ING Diba. Diese setzen in der Regel darauf, über Bedingungen (wie dem Gehaltseingang) und/oder Gebührenstrukturen (mit Kosten für Inaktivität) zur Erstbank zu werden. Die C24 Bank dagegen – limitiert ihr Produkt: Eine Kreditkarte auf Charge-Basis gibt es nicht einmal im Premium-Kontomodell; auf die Girocard wird vorerst verzichtet (siehe weiter unten); und den Multibanking-Ansatz betont Röttele nicht nur verbal („… ist unser Herzstück…“), sondern in der Tat zeigt die C24-App Fremdkonten-Transaktionen gleichberechtigt neben dem eigenen Girokonto an.

Klar: Als „Multibanking“-Anbieter positionieren spätestens seit der PSD2 auch andere, etwa die Deutsche Bank, Lufthansa-Tochter „Miles and More“ (siehe hier) oder Apps wie Finanzguru (siehe hier). Allerdings hat Check24 auch schon mit seinem Vergleichsportal bewiesen, dass man tatsächlich „aggregieren“ kann.

Dass die C24 Bank auf die Girocard zunächst verzichtet, mag die Verhandlungen mit dem Exklusiv-Partner Mastercard versüßt haben – könnte für manche Kunden aber auch gewöhnungsbedürftig sein (zumal auf dem Land, wo manche Händler nur die Girocard akzeptieren). Röttele will sich hier noch nicht endgültig festlegen: „Wir haben das Thema noch nicht abschließend diskutiert, es ist keine endgültige Entscheidung gegen die Girocard. Hier werden wir uns die Erfahrungswerte in der Praxis ansehen und dann entscheiden, ob wir doch noch eine Girocard anbieten werden.“

Eine weitere Auffälligkeit, die sich bereits im Beta-Test abzeichnete, bestätigt Röttele: Die C24 Bank zeigt keinerlei Berührungsängste, auch eher bonitätsschwachen Kunden ein Girokonto samt Mastercard Debit anzubieten, fischt mithin in einem Bereich, aus dem sich andere Institute eher zurückzuziehen versuchen. „Es geht darum, auch ganz unterschiedlichen Kundengruppen ein Angebot zu machen, es gibt keinen erklärten Schwerpunkt. Wir haben auch keinerlei Berührungsängste bei Kunden mit einer aus unserer Sicht nicht optimalen Bonität. Auch mit diesen Kunden lässt sich über sogenannte Tippgeber-Provisionen perspektivisch Geld verdienen.“

Was Röttele damit meint: Der Kern des Angebots sieht so aus, dass Kunden der Bank an die hauseigenen Vergleichsportale für Strom, Gas, Handy, DSL und Co. herangeführt werden sollen. Das Kalkül: Eine (selbst kostenlose) Kontoverbindung rechnet sich auch dann, wenn der entsprechende Kunde Produktverträge über das Portal abschließt – und bei diesen Vorgängen dann Provisionen generiert werden, die weit über die üblichen Kontoführungsgebühren hinausgehen dürften. Entsprechend ist auch die neue C24-App strukturiert, die Finanz-Szene.de bereits vergangene Woche einsehen konnte: „Banking“ ist lediglich eine der sechs Rubriken, vier sind für Vergleiche von Versicherungen, Krediten, Handy/DSL und Geldanlagen reserviert (siehe hier).

Röttele sieht hier Alleinstellungsmerkmale: „Zentral sind Open Banking und Multibanking sowie die Vertragserkennung und -optimierung. Hier haben wir USPs, die es so am Markt noch nicht gibt.“ Davon abgesehen verfolge man allerdings „das gleiche Erlösmodell wie klassische Banken. Zusätzliche Einnahmen werden wir mit den Tippgeber-Provisionen erzielen.“

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