Kurz gebloggt

Was die ING mit Amazon vorhat – und was das für Lendico heißt

30. Juni 2020

Von Christian Kirchner

Ist die ING Deutschland nicht eigentlich für ihre schlanken Strukturen bekannt? Für das Anfang 2018 übernommene Kredit-Fintech Lendico scheint das weniger zu gelten. Bis vor Kurzem zählte die vergleichsweise kleine Einheit laut Handelsregister sechs (!) Geschäftsführer. Jetzt sind es immer noch vier – und das, obwohl die Gründer allesamt raus sind.

Was zur Frage führt: Wie läuft’s eigentlich bei Lendico?

Also – zumindest gibt es Grund zu der Annahme, dass das Geschäft bald kräftig anziehen wird. Denn gestern gab die hiesige ING eine erstaunliche Kooperation bekannt: Der Internet-Gigant Amazon vermittelt seinen Profi-Verkäufern in Deutschland künftig Kredite der Frankfurter Oranje-Bank im Volumen zwischen 10.000 Euro und 750.000 Euro. Laufzeit? Bis zu drei Jahre. Mit anderen Worten: Der Onlinehändler schaufelt der noch jungen ING-„Business Banking“- Sparte (=Lendico) Zinsgeschäft zu. Und erhält im Gegenzug eine Provision. (Im Grunde also wie der ING-Diba-Deal mit dem Robo-Advisor Scalable Capital, nur unter umgekehrten Vorzeichen, was den „Kunden vs. Provisionen“-Tausch angeht …). Interessant dabei ist: Gerade einmal zwei Wochen ist es her, dass Amazon auch in den USA ein Vertriebsabkommen mit einer Bank gemacht hat, um Verkäufern Kredite zu vermitteln. Der Partner dort: Goldman Sachs. 

Was strategisch erstaunt: Eigentlich ging viele in der Branche davon aus, dass Amazon das Kreditgeschäft mit den eigenen Händlern künftig selber macht. Sie wissen schon: Die GAFAs und das Banking und so weiter … Tatsächlich vergibt Amazon in anderen Ländern längst solche Kredite. Und auch in Deutschland scheint es zumindest mal entsprechende Überlegungen gegeben zu haben (siehe hier und hier zwei Newsletter-Ausgaben aus 2018). Logisch: Denn Amazon dürfte über seine Händler mehr wissen als jede Bank, etwas was Daten zu Verkaufshistorie, zur Zahlungsmoral oder zur Wettbewerbsposition betrifft. Hinzu kommt: Andere Neo-Player wie Paypal oder Klarna sind hierzulande ja schon längst in die Händlefinanzierung eingestiegen.

Andererseits: Vielleicht muss/kann/darf so ein GAFA ja auch nicht alles sofort selber machen. Also erst einmal eine Kooperation – in den USA mit Goldman, in Deutschland mit der ING.

Die wird froh darüber sein. Denn ein bisschen Traktion kann deren digitalbasiertes „Business Banking“ (=Lendico) ganz gut gebrauchen.

Rückblick:

  • Die deutsche ING ist traditionell stark in der Baufi und halbstark in der Konsumentenfinanzierung; stark aufgeholt hat sie zudem in den letzten Jahren drei Etagen weiter oben, also im Wholesale-Geschäft mit großen Unternehmen. Dazwischen ließ sie allerdings zwei Etagen frei. Nämlich einmal den mittelgroßen Mittelstand. Und die Klein-KMUs
  • Zumindest die Lücke bei den Klein-KMUs wollte man schließen. Darum vor zweieinviertel Jahren die Übernahme von Lendico, einer digitalen Kreditplattform, die technisch auch schon damals als sehr fortschrittlich galt – die aber, wie so viele Fintechs, an einem Mangel an Geschäft litt
  • Dass sich die ING den Deal ein bisschen was hat kosten lassen, erkennt man daran, dass – wie Finanz-Szene.de gestern erst entdeckt hat – sich im 2019er-Geschäftsbericht eine Abschreibung von 21 Mio. Euro auf Lendico findet. Denkbar, dass das einkalkuliert war. Denn …
  • … nachdem es um Lendico eine Zeitlang sehr ruhig war, präsentierte die ING für das Geschäftsjahr 2019 dann doch recht ordentliche Zahlen. Demnach wurden 2019 über die Plattform  insgesamt 95,2 Mio. Euro vergeben, was „einem durchschnittlichen Wachstum von über 30 Prozent pro Monat“, entsprach, so die Auskunft auf der Jahres-PK. Zur Einordnung: Der langjährige Marktführer für KMU-Plattform-Kredite hierzulande, nämlich Funding Circle Deutschland, kam im ersten Halbjahr 2019 auf vermittelte Darlehen in Höhe von 53 Mio Euro. (aktuellere Werte haben wir auf die Schnelle nicht gefunden); und beim Konkurrenten Creditshelf waren es im Gesamtjahr rund 89 Mio. Euro.

Eine Studie von Barkow Consulting im Auftrag der Solarisbank kam Ende 2019 zu dem Schluss, dass der rund 219 Mrd. Euro große KMU-Kreditmarkt nicht nur um 7% p.a. wachse, sondern für die klassischen Banken wegen der hohen Eigenkapitalkosten „wertvernichtend“ sei. Nun muss man dazu sagen: Nachdem die Studie erschien, hat sich Funding Circle Deutschland aus dem Geschäft quasi verabschiedet (zu hoch waren die Verluste), während Creditshelf auch wegen Corona ein regelrechtes Horror-Q1 hinlegte. Und doch werden die Prämissen der Barkow-Studie damit nicht obsolet: Nicht alles, aber zumindest manches spricht dafür, dass die digitalen Akteuren den KMU-Kreditmarkt auf Dauer effizienter beackern können als die klassischen Banken.

Eigentlich ganz gute Aussichten für Lendico. Ein Konkurrent (Funding Circle Deutschland) quasi weg vom Fenster, der andere (Creditshelf) zuletzt mit merklichem Rückschlag. Und nun auch noch Treibstoff durch die Amazon-Kooperation. Allerdings: Sollte Lendico wirklich Erfolg haben, dann steht zu befürchten, dass zumindest der eigene Name vom Erfolg aufgefressen werden wird. In der gestrigen Pressemitteilung ist schon nur noch von „ING Deutschland“ und „Business Banking ING Deutschland“ die Rede. Der Begriff „Lendico“ hat es nur noch in die Fußnote geschafft.

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