Was die Wirecard-Pleite für Banken, Fintechs und Gläubiger bedeutet

26. Juni 2020

Von Christian Kirchner

Was bedeutet der Insolvenzantrag für die Wirecard Bank?

Die Wirecard Bank AG (Bilanzsumme: 5,9 Mrd. Euro) hat für den Gesamtkonzern eine große Bedeutung: Über sie laufen zahlreiche Geschäfte der Mutter, sie betreibt mit Vollbanklizenz Endkundengeschäft über die Marke „Boon“, sie agiert als White-Label-Anbieter für Girokonten und ist Issuer von Kreditkarten.

Wichtig: Den Insolvenzantrag allerdings hat allein die Wirecard AG gestellt – die Bank ist nicht direkt betroffen. Die Bafin hat einen Sonderbeauftragten eingesetzt, der überwachen soll, dass keine Gelder in Richtung des Mutterkonzerns fließen.

Die Einlagen der Sparer dürften sicher sein: Bis 100.000 Euro greift die staatliche Einlagensicherung, zudem ist die Wirecard Bank Mitglied des Einlagensicherungsfonds privater Banken. Hierdurch sind sogar bis zu 750.000 Euro geschützt.

Was bedeutet der Insolvenzantrag für Banken und Gläubiger?

Die Kreditlinie des Bankenkonsortiums soll sich auf 1,75 Mrd. Euro belaufen (es kursiert auch die Zahl 1,85 Mrd. Euro); davon waren zuletzt rund 90% gezogen. Die Linien der Commerzbank, die LBBW und der ING belaufen sich übereinstimmenden Medienberichten zufolge auf jeweils 200 Mio. Euro. Keines der drei Institute widersprach vergangene Woche auf Anfrage von Finanz-Szene.de dieser Darstellung. “Das Geld ist weg”, zitiert „Reuters“ einen Banker, “in einigen Jahren bekommen wir vielleicht ein paar Euro zurück, aber wir müssen den Kredit jetzt abschreiben”.

Das gilt auch für die 500-Mio. Euro-Anleihe, die Wirecard erst im September 2019 ausgegeben hatte und die in diversen Fonds und Mandaten in kleinen Stückzahlen diffundiert ist (und für die meisten Privatanleger eine zu große Stückelung hatte, man musste 100.000 Euro anlegen). Das Papier notiert bei nur noch 19,5% des Nennwerts – was illustriert, dass auch Anleihenprofis wenig Hoffnung haben, aus einer etwaigen Insolvenzmasse hinreichend bedient zu werden.

Was bedeutet der Insolvenzantrag für Aktionäre?

Die Wirecard-Aktie kostete gester nur noch 3,53 Euro – ein Zockerpapier. Ehe für Aktionäre im Pleitefall noch etwas übrig bleibt, werden erst einmal alle anderen Gläubiger bedient. Eher unwahrscheinlich, dass nun Opferanwälte in der Lage sind, angesichts der sich abzeichnenden Forderungen der Banken und anderer Gläubiger (die Rede ist von 3,5 Mrd. Euro) viel herauszuholen.

Was wird aus Wirecard?

Hängt davon ab, welche Pläne der Insolvenzverwalter (möglicher Kandidat: der erst einmal zum Sachverständigen bestellte Michael Jaffé) verfolgen wird. Darauf, dass aus dem Insolvenzverfahren nochmal eine „neue Wirecard“ hervorgeht, sollte man aber nicht unbedingt wetten. Und welche Teile im Falle einer Zerschlagung für die Konkurrenz interessant sein könnten – auch das muss erst mal sehen. Zu befürchten steht (jedenfalls aus Sicht Wirecards), dass konkurrierende Payment-Plattformen wie Adyen einzige an Wirecards Kunden interessiert und diese nun versuchen abzuwerben.

Was bedeutet die Pleite für die Mitarbeiter?

Die bangen um ihre Arbeitsplätze – dürfen nach Eröffnung des Insolvenzverfahren aber immerhin erst einmal Insolvenzgeld beantragen. Angesichts des Booms auf dem Arbeitsmarkt (gerade für Tech-Kräfte) hätte man vor ein paar Monaten vermutlich noch gesagt, dass viele Wirecard-Angestellte bald einen neuen Job finden. Das dürfte durch die Corona-Krise nun schwieriger geworden sein.

Was sind die Folgen für die Payment-Industrie?

Die Branche als Ganzes wirkt alles andere als erschüttert. Und einzelne Konkurrenten scheinen tatsächlich sogar zu profitieren. Aktien von Worldline und Adyen legten seit Mitte letzter Woche um jeweils 10% zu, Paypal sogar um 11% in einem ansonsten unveränderten Markt. Klar: Viele Wirecard-Kunden werden sich jetzt neue Anbieter suchen. Davon könnten hierzulande z.B. Heidelpay oder Concardis profitieren.

Und was für unsere Fintechs?

So viele deutsche Fintechs fallen einem gar nicht (mehr) ein, die ihre Geschäfte auf eine Kooperation mit Wirecard stützen. Okay, Varengold (wobei, Varengold ist ja nicht wirklich ein Fintech) – aber sonst? Naja, 3-4 andere wird’s schon noch geben, da freuen wir uns schon auf die entsprechenden Leser-Mails. Indes: Die Zeiten, dass die Wirecard Bank hinter N26 stand, die sind ja lange vorbei.

Die Folgen für die Finanz-Startup-Branche werden wohl vor allem indirekter Natur sein:

Der bekannte Fintech-Blogger André Bajorat schreibt bei „Payment and Banking“: „Dieser Skandal […] wird die Finanz-Branche und -Aufsicht nachhaltig verändern. Die schon immer als ‘hart’ geltende deutsche Aufsicht wird ihr Vorgehen im Umgang mit sogenannten neuen Geschäftsmodellen sicherlich überdenken und ab sofort eine angepasste Verwaltungspraxis an den Tag legen. So kann und muss man wohl auch die aktuellen Aussagen des Bafin-Chefs verstehen. Das wird sicherlich Folgen für den Markt haben und vermutlich den bewährten Playern leichter fallen.“

Sein Kompagnonen Jochen Siegert meint:  „Der Aufbau des notwenigen Vertrauens in innovative Startups dürfte noch länger dauern als ohnehin schon.“

Zugleich dürfte es aber auch Gewinner geben. Zum Beispiel die Solarisbank, die – würde Wirecard tatsächlich verschwinden – einen Konkurrenten als Service-Provider-Plattform für Bankdienstleistungen verliert.

Welchen Schaden nehmen Börse, Dax und Anlegerkultur?

Wenn wir uns das Urteil erlauben dürfen: einen großen. Eine Mitgliedschaft im Dax ist eigentlich ein Qualitätskriterium, was Größe, Liquidität und Relevanz angeht. Solche Player sollte eigentlich per Definition nicht binnen weniger Tage zusammenbrechen; nun ist es doch passiert.

Bitter auch: Wirecard sollte frischen Wind in den Dax bringen. Stattdessen setzt sich mit dem Crash ein Muster durch, dass schon seit Längerem zu beochten ist: Dax-Aufsteiger verlieren, sobald in die höchste Börsenliga vorgestoßen sind, dramatisch an Performance:

  • ProSieben Sat1 rückte am 21. März 2016 in den Dax auf. Kursentwicklung bis zum erneuten Rauswurf 2018: minus 40 Prozent, der Dax im gleichen Zeitraum: plus 23 Prozent.
  • Covestro rückte für ProSieben am 19. März 2018 nach. Kursentwicklung seitdem: minus 59 Prozent (Dax: minus zwei Prozent)
  • Wirecard war am 24. September der Aufsteiger. Kursentwicklung seitdem: minus 98 Prozent
  • Am 23. September 2019 hieß der Aufsteiger MTU Aero Engines. Kursentwicklung seitdem: minus 38 Prozent (Dax: minus vier Prozent)
  • eine Betrachtung der erst am 22. Juni 2020 aufgerückten Deutsche Wohnen macht noch keinen Sinn

Aus Sicht eines Dax-ETF-Anlegers bedeutet das: Man kauft sich in aufgeblähte Aufsteiger „ein“, die dann abschmieren – ein Ablauf, der auch technisch plausibel klingt. Denn anders als gemeinhin vermutet, kaufen die ETFs (etwa auf den Dax) nicht nach der Indexaufnahme „am Markt“ zu. Sie holen sich die erforderlichen Aktien der Aufsteiger am Aufstiegstag einfach von ihrem so genannten „Market Maker“ – der hat sie schon in den Tagen und Wochen zuvor aufgekauft. (Ein Umstand freilich, der nichts anders Tatsache ändern, dass es 80% der „aktiven“ Manager auch nicht besser machen).

Als sicher kann darüber hinaus gelten, dass sich zehntausende Kleinanleger an Wirecard die Finger verbrannt haben. Derivate auf die Aktie sind seit Aufkommen der ersten Manipulationsgerüchte im Februar 2019 regelmäßig die meistgehandeltsten an den Privatanlegerbörsen. Laut der „Welt“ war Wirecard während der Corona-Krise die meistgekaufte (!) Aktie deutscher Kleinanleger.

Allerdings muss man daraus nicht zwingend den Schluss ziehen, dass künftig weniger gezockt. wird. Vielmehr erleben ja gerade Neo-Broker einen regelrechten Boom.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing