Deep Dive

So geriet der „Versicherungsmanager“ der Sparkassen zum Endlos-Projekt

22. April 2021

Von Heinz-Roger Dohms

Im Mai 2018 tritt der größte deutsche Sparkassen-Versicherer, die Versicherungskammer Bayern (VKB), mit einem ehrgeizigen Vorhaben an die Öffentlichkeit: Gemeinsam mit dem Frankfurter Fintech Clark will die VKB ein digitales Versicherungstool launchen, aus dem in einem zweiten Schritt die gemeinsame Bancassurance-Lösung sämtlicher deutscher Sparkassen werden soll. Klingt fast zu schön, um wahr zu werden. Doch kurz darauf ist der ambitionierte Plan tatsächlich offizielles Programm: Die Sparkassen-Finanzgruppe verständigt sich auf den „S-Versicherungsmanager“ als künftiges Einheits-Tool für den gesamten roten Sektor. Endlich mal keine Sonderwege. Endlich mal kein Streit. Endlich mal ziehen alle an einem Strang. So zumindest scheint’s.

Der schöne Plan jedoch ist bald schon Makulatur. Die bayerischen Sparkassen verkrachen sich mit den rheinischen. Das Partner-Fintech verliert die Lust. Die Finanz Informatik kommt ins Spiel. Der Sparkassenverlag mischt mit. Für viel Geld werden komplizierte Codes und komplette Beteiligungen eingekauft. Ein Berliner Milliarden-Fintech wird eingeschaltet und bald darauf brüskiert. Man baut. Man testet. Man pilotiert. Bloß: Beim Endkunden ist selbst heute, drei Jahre nach der Ankündigung aus dem Mai 2018, noch nicht wirklich was zu sehen.

Was ist da schiefgelaufen? Wo und wann wurden die entscheidenden Fehler begangen? Warum zieht sich auch dieses digitale Prestigeprojekt der Sparkassen auf yomoeske Weise hin? Auf Basis interner Unterlagen haben wir versucht, das Fiasko chronologisch nachzuzeichnen.

Hinweis: Damit Sie beim Lesen nicht den Überblick für die vielen verschiedenen Player verlieren, stellen wir Ihnen die entscheidenden Akteure in einer Art begleitendem Glossar jeweils separat vor.

Unser exklusiver Deep Dive:

4. Mai 2018: Die Ankündigung

Die -> Versicherungskammer Bayern macht Pläne für eine digitale Bancassurance-Lösung in Kooperation mit dem Frankfurter Fintech Clark publik. Den Kunden (also den Versicherten) und den Vertriebspartnern (also den bayerischen Sparkassen) soll das neue Tool „noch dieses Jahr“ zur Verfügung gestellt werden, heißt es wörtlich. Sprich: Bis Ende 2018 soll es zum Go-Live kommen. Ein viel zu ehrgeiziges Ziel, wie sich bald zeigen wird.

Glossar:

  • Versicherungskammer Bayern (VKB): Der Versicherungskonzern der bayerischen Sparkassen. Wird sich im Laufe dieser Chronik mit der -> Provinzial Rheinland (ehem. Versicherungskonzern der rheinischen Sparkassen, inzwischen mit der -> Provinzial Nordwest verschmolzen) verkrachen, was den Sparkassen-Sektor in schwere Unruhen stürzen wird.
  • Clark: Ein aufstrebendes Frankfurter Versicherungs-Fintech, hervorgegangen aus -> Finleap. Clark war ursprünglich ein B2C-Spezialist. Strebte aber 2017/2018 verstärkt nach B2B-Kooperationen (unter anderem mit der Sparkasse Bremen, mehr dazu weiter unten) und wurde im Zuge dessen zum Technologie-Partner der _> VKB. Allerdings, so viel sei vorweggenommen: Clark wird sich das mit den B2B-Kooperationen nochmal anders überlegen.
  • Finleap: Berliner Fintech-Inkubator und Immer-noch-Clark-Gesellschafter. Im Laufe dieser Chronik wird die VKB auch mit Finleap anbandeln.

20. November 2018: Die Enthüllung

Auf der alle zwei Jahre stattfindenden Technologie-Messe der -> Finanz Informatik stellt Thomas Rodewis, Leiter Digitalisierung bei der VKB, die im Mai angekündigten Pläne erstmals im Detail vor. Mittlerweile ist ein Name für die digitale Bancassurance-Lösung gefunden: „S-Versicherungsmanager“. Rodewis‘ Auftritt gilt als Signal, dass aus dem VKB-Clark-Tool die Gemeinschaftslösung für die gesamte -> Sparkassen-Familie werden soll.

  • Finanz Informatik (FI): Der zentrale IT-Dienstleister der deutschen Sparkassen. Wird später in -> Finmas, einen Konkurrenten von Clark, investieren und dadurch in eine Gegenposition u.a. zur VKB geraten.
  • Sparkassen-Familie: Ein Euphemismus, der im Laufe dieser Chronik noch das ein oder andere Mal auftauchen wird.

29. November 2018: Die öffentliche Weihe

Gegenüber der „Börsen-Zeitung“ bestätigt der -> Verband öffentlicher Versicherer explizit, dass es sich beim S-Versicherungsmanager von nun an um die „gemeinsame Lösung“ sämtlicher Sparkassen-Versicherer handele:

„Die öffentlichen Versicherer arbeiten derzeit an einer gemeinsamen Lösung für die Sparkassen, mit der digital Versicherungen verwaltet werden können. Da bereits am Markt erprobte Modelle digitaler Versicherungsordner existieren, soll eine Lösung entwickelt werden, bei der Clark die grundlegende Software bereitstellen würde.“

  • Verband öffentlicher Versicherer (VöV): Lobbyorgan der Sparkassen-Versicherer. In der Regel machtvoll. Allerdings machtlos, wenn die eigenen Mitglieder wie die -> Versicherungskammer Bayern oder die -> Provinzial Rheinland gegeneinander in die Schlacht ziehen.

Ein kurzes Zwischenfazit

Ende 2018/Anfang 2019 scheinen die Dinge klar geregelt. Die Sparkassen und ihre Versicherer ziehen bei der digitalen Bancassurance an einem Strang. Im Fintech Clark glaubt man den passenden Technologie-Dienstleister gefunden zu haben. Von nun an kommen aus dem Sparkassen-Lager zwölf Monate lang keine weiteren öffentlichen Einlassungen zum Thema. Die interessierte Öffentlichkeit glaubt, das liege daran, dass die Sparkassen-Versicherer damit beschäftigt seien, ihre Pläne in die Tat umzusetzen. Doch von wegen! Ende 2019/Anfang 2020 folgen urplötzlich gleiche mehrere überraschende Volten.


11. November 2019: Der erste Deal der VKB

Finanz-Szene.de kommt mit der Exklusiv-Geschichte „Größter deutscher Sparkassen-Versicherer steigt bei Finleap ein“. Die VKB beteiligt sich also am einstigen Inkubator und Immer-noch-Großinvestor ihres Kooperationspartners Clark. Ist das ein strategisches Investment? Irgendeine Form von Koppelgeschäft? Bei der VKB heißt es heute, das Finleap-Investment sei unabhängig vom S-Versicherungsmanager erfolgt.


17. Dezember 2019: Der zweite Deal der VKB

Gemessen an den Aussagen aus dem Mai 2018 sollte das digitale Bancassurance-Tool der Versicherungskammer Bayern seit Ende 2018 am Markt sein. Kommt nun, ein Jahr später, endlich der Go-live? Nein! Vielmehr überrascht die VKB kurz vor Weihnachten 2019 mit folgender Mitteilung: „Versicherungskammer kauft von Clark digitalen White Label-Versicherungsmanager.“

Hä? Ist Clark jetzt raus dem Projekt? Ja! Aber warum?

Es kursiert die Lesart, Clark habe bald nach dem Einstieg ins B2B-Geschäft die Lust hieran verloren, und zwar ganz generell, unabhängig von der Partnerschaft mit der VKB. Eine andere Interpretation lautet, die Bayern hätten das Frankfurter Fintech mit ihren Anforderungen derart überfrachtet, dass Clark lediglich auf die VKB keine Lust mehr gehabt habe.

Wie auch immer: Die VKB sitzt jetzt jedenfalls „auf einem Haufen Code“, wie es ein Insider ausdrückt. Keine Frage: Es ist guter Code, nicht ohne Grund gehört Clark heutzutage zu den höchstbewerteten deutschen Finanz-Startups. Aber: „Ein Haufen Code ist eben noch kein fertiges Produkt“, wie der Insider sagt.

Wie viel Geld die VKB damals für „den Haufen Code“ an Clark überweist? In der Branche wird über einen mittleren bis gehobenen einstelligen Millionenbetrag gemunkelt. Weder die Versicherungskammer noch das Fintech wollen sich hierzu äußern.


27. Januar 2020: Das kleine Gegenprojekt

Finanz-Szene.de kommt mit der Story, dass die Sparkasse Duisburg aus dem eigenen Lager ausgeschert ist und in Kooperation mit dem Fintech -> Moneymeets und einer gewissen -> „S-Markt & Mehrwert GmbH“ eine eigene Bancassurance-Lösung startet.

  • Moneymeets: Kölner B2B-Insurtech. Wird am Ende dieser Chronik noch mal kurz auftauchen
  • S-Markt & Mehrwert: Eine schwer zu definierende Servicegesellschaft innerhalb der -> Sparkassen-Familie. Gehört zu 51% dem Deutschen Sparkassenverlag, einem Antipoden der -> Finanz Informatik.

29. Januar 2020: Das große Gegenprojekt (I)

Der Alleingang der Sparkasse Duisburg erweist sich als Nebenschauplatz. Denn tatsächlich, so enthüllt Finanz-Szene.de wenige Tage nach der Duisburg-Story, ist in der sog. Sparkassen-Familie ein viel größerer Glaubenskrieg entbrannt:

Die rheinischen Sparkassen und die ->Provinzial Rheinland empfinden die sog. Gemeinschafts-Lösung der VKB plötzlich als „unzureichend“. Stattdessen streben die Rheinländer nun eine Kooperation mit dem Berliner Technologieanbieter -> Finmas an. Wie aus Finanz-Szene.de vorliegenden Unterlagen hervorgeht, werden die Provinzial und die Finmas im Laufe des Jahres als Gegenentwurf zum S-Versicherungsmanager ein eigenes „Minimum Viable Product“ für eine digitale Bancassurance-Lösung bauen und sogar schon in die Pilotierung mit ersten Sparkassen gehen.

  • Provinzial Rheinland: Ehem. Versicherungskonzern der rheinischen Sparkassen, mittlerweile mit der -> Provinzial Nordwest zur neuen „Provinzial“ verschmolzen.
  • Finmas: Ein ursprünglich auf die sparkasseninterne Vermittlung von Baufinanzierungen spezialisiertes 50:50-Joint-Venture zwischen -> Hypoport und dem Ostdeutschen Sparkassenverband (OSV). Schon damals schreibt Finanz-Szene.de allerdings, dass die Anteile des OSV zeitnah von der -> Finanz Informatik, also vom mächtigen Sparkasse-IT-Dienstleister, übernommen werden sollen. Ein Schritt, der sich eigentlich nur so deuten lässt: Die Finanz Informatik unterstützt das Projekt der -> Provinzial Rheinland und stellt sich damit gegen die -> Versicherungskammer Bayern.
  • Hypoport: Eines der größten deutschen Finanz-Startups, an der Börse mit rund 3 Mrd. Euro bewertet. Über Finmas seit vielen Jahren eng verbandelt mit dem Sparkassen-Sektor; über ein weiteres Joint-Venture (nämlich: Genopace) in analoger Weise mit dem Genosektor verknüpft. Der einst reine Baugeld-Spezialist Hypoport strebt vermehrt auch ins Versicherungsgeschäft. Das Finmas-Arrangement mit der Provinzial Rheinland könnte diesbezüglich zum Königsdeal werden. Könnte!

3. Juni 2020: Das große Gegenprojekt (II)

Die Finanz Informatik steigt (jetzt auch offiziell) bei Finmas ein. Das strategische Kalkül hinter dem Deal findet sich in der Überschrift der entsprechenden Pressemitteilung der FI: „Finmas wächst noch stärker in den Sparkassenverbund hinein.“

Der (damals noch designierte) FI-Chef Andreas Schelling sagt:

„Die Finanz Informatik ist der zentrale Treiber der digitalen Finanzplattform der Sparkassen-Finanzgruppe. Mit der Beteiligung an der Finmas, die eng an dynamischen Marktfeldern operiert, können wir unsere Lösungs- und Prozesslandschaft noch stärker endkundenzentriert weiterentwickeln. Gemeinsam mit der Hypoport-Gruppe wollen wir eine Vernetzung der jeweiligen Lösungen und Technologien zur Stärkung des Sparkassen-Vertriebs vorantreiben.“

Vom Bau eines Bancassurance-Tools ist in der Pressemitteilung zwar nicht die Rede – aber …


16. Juli 2020: Das große Gegenprojekt (III)

Wie weit das große Gegenprojekt der rheinischen Sparkassen und der Finmas (nun mit der FI im Rücken) im Laufe des Jahres gedeihen wird, zeigt ein Finanz-Szene.de vorliegendes sparkassen-internes Infoschreiben von Mitte 2020. Dort heißt es:

„Seit unserer letzten Information Ende März ist hinter den Kulissen viel passiert. Corona hat uns in der Zwischenzeit zwar alle vor einige Herausforderungen […] gestellt – nichts desto trotz hat das Projektteam der Provinzial und Finmas weiterhin mit Hochdruck an der Umsetzung der digitalen Plattform gearbeitet.  In den letzten Wochen wurden unter anderem eine neue Infrastruktur zum optimalen Handling der Plattform aufgebaut, das Geschäftsmodell an den Bedürfnissen der Sparkassen ausgerichtet, Potentialrechnungen erstellt, Workshops mit einer Sparkassen-User-Group […] durchgeführt und vieles mehr. In den aktuellen Gremiensitzungen „Fachausschuss Markt & Vertrieb“ des RSGV (20.05.2020) sowie im Sparkassenbeirat der Provinzial (25.05.2020) haben wir ebenfalls über den aktuellen Stand informiert. Ihre Gremien haben uns bestärkt: in der Zielsetzung bzw. Notwendigkeit des Angebotes, insbesondere aber auch in der gewählten, innovativen Ausgestaltung der digitalen Plattform mit Finmas innerhalb des S-Finanzverbundes.“

Kein Zweifel mehr: Innerhalb der Sparkassen-Verbundes konkurrieren nun zwei große digitale Bancassurance-Projekte miteinander.


24. Juli 2020: Der Rückzug von Clark und der Auftritt von JDC

Der „Versicherungsmonitor“ vermeldet: „Clark beendet Kooperation mit Sparkasse Bremen.“

Dazu muss man wissen: Schon 2017/2018 hatte sich die Sparkasse Bremen an den Bau einer eigenen Bancassurance-Lösung mit -> Clark gemacht. Das war quasi parallel, aber unabhängig von dem Deal zwischen der Versicherungskammer Bayern und dem Frankfurter Fintech passiert.

Dass sich Clark (nach dem Verkauf seiner Whitelabel-Lösung a.k.a. seines „Haufens Code“ an die Versicherungskammer Bayern) nun auch aus der Zusammenarbeit mit der Bremer Sparkasse zurückzieht, zeigt: Das Finanz-Startup scheint von B2B endgültig wieder auf B2C zurückzuschwenken. Spannender indes als die Trennung von Clark ist, auf wen sich die Hanseaten stattdessen einlassen. Nämlich auf die -> JDC Group.

  • JDC Group: Ein in Wiesbaden ansässiger Finanzdienstleister, der in der Versicherungsbranche vor allem für seinen Maklerpool „Jung, DMS & Cie“ bekannt ist. Versucht sich seit einigen Jahren zunehmend auch als Bankassurance-Partner für Geldinstitute zu etablieren – und hatte dabei auch schon vor der Sparkasse Bremen ein paar bemerkenswerte Mandate (Comdirect, Sparda Baden-Württemberg …) ergattert. Der eigentliche Durchbruch allerdings soll noch kommen …

Ein weiteres, nun etwas längeres Zwischenfazit

Mehr als zwei Jahre sind vergangen, seit die Versicherungskammer Bayern die Idee eines digitalen Bancassurance-Tools erstmals annonciert hat. Öffentlich sichtbar ist zu diesem Zeitpunkt aber immer noch nichts. Stattdessen hat die Provinzial Rheinland ein veritables Konkurrenzprojekt positioniert, mit einem bzw. sogar zwei mächtigen Partnern im Rücken (nämlich der Finmas und der Finanz Informatik). Und dann ist da ja auch noch das Projekt der Sparkasse Duisburg (mit – indirekt – dem Deutschen Sparkassenverlag dahinter). Und jetzt auch noch das Bremer Projekt (mit JDC dahinter).

Gleichwohl ist unsere Chronik bis hierhin insofern unterkomplex, als wir uns stark auf das „Wer mit wem“ bzw. auf das „Wer gegen wen“ konzentriert haben. Mindestens ebenso wichtig sind die Fragen nach dem „Wie“ bzw. nach dem „Was“: Wie soll das digitale Bancassurance-Tool der Sparkassen eigentlich aussehen? Und was soll es können? Und was nicht? Im Grunde streiten drei Modelle miteinander:

  1. Das Ausschließlichkeits-Prinzip, das darauf hinausläuft, dass die Sparkassen ausschließlich die Policen der öffentlichen Versicherer vertreiben sollen. Dieses Modell wird von der VKB favorisiert.
  2. Der Mehrfachagenten-Ansatz, der auch den Vertrieb ausgewählter sparkassen-fremder Policen beinhaltet. Das ist der Favorit der rheinischen Sparkassen.
  3. Das Makler-Modell, das in digitaler Form einer offenen Architektur im Sinne eines Vergleichsportals ähneln könnte. Das ist ungefähr der Weg, wie ihn Duisburg (mit Moneymeets) und nun auch Bremen (mit JDC) gehen.

Vieles deutet zu dieser Zeit darauf hin, dass sich die deutschen Sparkassen in einem Klein-Klein diverser, tendenziell widerstreitender Lösungen verzetteln könnten – ein Szenario, dass man, so sagen Insider, insbesondere beim deutschen Sparkassenverband in Berlin unter allen Umständen vermeiden will. So wächst im Sommer/Herbst 2020 innerhalb der Sparkasse-Gruppe der Druck auf die rheinischen Sparkassen, ihre Pläne mit Finmas bitteschön abzusagen und lieber doch wieder auf den „S-Versicherungsmanager“ der VKB zu setzen. Was den Verfechtern einer Einheitslösung dabei möglicherweise in die Karten spielt: Nach mehreren gescheiterten Versuchen kommt es ebenfalls im Juli 2020 zum Zusammenschluss der Provinzial Rheinland mit der Provinzial Nordwest. Die rheinischen Dissidenten müssen ihre Position nun also mit ihrem Fusionspartner abstimmen.

Schwenkt die „neue“ Provinzial also, wie aus Berlin gefordert, doch wieder auf den S-Versicherungsmanager der VKB ein? Und geht das so leicht? Denn was würde das inhaltlich bedeuten? Müssten sich die Rheinländer dann auch vom „Mehrfachagenten“ verabschieden? Oder lässt sich die auf Ausschließlichkeit ausgelegte VKB-Lösung auch für den „Mehrfachagenten“-Ansatz nutzen?

  • Provinzial Nordwest: Der Versicherungskonzern der schleswig-holsteinischen, mecklenburg-vorpommerschen und westfälischen Sparkassen. Hatte sich bis hierhin in der Auseinandersetzung zwischen der -> VKB und ihrem Fusionspartner -> Provinzial Rheinland öffentlich nicht positioniert. Muss nun aber Farbe bekennen.

13. November 2020: Der Paukenschlag

Es ist nicht ganz klar, was den Ausschlag gegeben hat: War es der DSGV, der sich, nach allem, was zu hören ist, im Lauf der Monate immer eindeutiger auf die Seite der VKB geschlagen hatte? War es die ehemalige Provinzial Nordwest, die nach der Fusion mit der Sparkasse Rheinland auf die rheinischen Kollegen eingewirkt haben könnte? Oder war es die diffuse „Macht der Gremien“, wie es ein Kenner der Verhältnisse nennt?

Jedenfalls: Am 13. November 2020 berichtet der geschätzte Kollege Herbert Fromme in der „Süddeutschen Zeitung“:

„Die Versicherungskammer Bayern (VKB) hat sich durchgesetzt. Ihre digitale Plattform S-Versicherungsmanager wird künftig auch von Sparkassen in West- und Norddeutschland genutzt. Der Provinzial-Konzern stellt nach SZ-Informationen die Entwicklung einer rivalisierenden Plattform ein.“

Es ist ein veritabler Paukenschlag. Mindestens ein Jahr lang hat die Provinzial Rheinland mit der Finmas an einer eigenen Plattform gearbeitet. Es wurde gebaut, getestet, pilotiert und investiert – und nun: Pustekuchen. Die Rheinländer gehen doch wieder auf VKB-Kurs.

Oder?


25. & 28. Januar 2021: Die Präsentation

In zwei Videokonferenzen erklärt die Provinzial Ende Januar ihren Eigentümern (also den westdeutschen und norddeutschen Sparkassen), wie es zu dem abrupten Sinneswandel gekommen ist und wie es nun weitergehen soll. In der entsprechenden, Finanz-Szene.de vorliegenden Präsentation heißt es, „die Sparkassen-Gremien“ hätten sich für den S-Versicherungsmanager als „bundesweit einheitliche Versicherungsplattform der Sparkassen“ ausgesprochen. Und die Provinzial? Unterstütze nun eben „den Wunsch der Sparkassen-Gremien“.

Sparkassen-Gremien. Was für ein wunderbar wolkiger Begriff.

Die argumentativen Volten, die die Provinzial-Vertreter in den Videokonferenzen schlagen, sind bemerkenswert. Denn:

  • Noch wenige Monate zuvor hatte die Provinzial Rheinland laut Finanz-Szene.de ebenfalls vorliegenden Dokumenten von der „innovativen Ausgestaltung der digitalen Plattform mit Finmas“ geschwärmt. Und nun: Finden sich in der Präsentation zur Videokonferenz plötzlich Sätze wie: „(Die) Finmas verfügt über wenig Erfahrung im Bereich der benötigten Funktionen.“ Oder, so die Formulierung in Bezug auf ein spezielles Tool von Finmas: „Anmerkung: hohe Kosten im Anbietervergleich“
  • Die VKB dagegen, deren S-Versicherungsmanager (kurz: S-VM) ein Jahr zuvor noch als „unzureichend“ gegolten hatte, wird nun plötzlich zum untrüglichen Gewährsmann. Original-Zitat: „In den Gesprächen mit den S-VM-Verantwortlichen wurde festgestellt, dass das Leistungsangebot von Finmas weitestgehend deckungsgleich mit [dem des] S-VM ist sowie die ergänzend zum S-VM benötigten Funktionen kein Kerngeschäft von Finmas darstellen.“

Was die „ergänzend benötigten Funktionen“ angeht, stellt sich die Sache dabei wie folgt dar: Zwar will die Provinzial nun tatsächlich den „S-Versicherungsmanager“ der VKB nutzen. Allerdings ausgebaut zum digitalen Mehrfachagenten (was die VKB ja gerade nicht will). Es riecht nach einem politischen Frieden, der von außen betrachtet nett aussieht, die inhaltlichen Differenzen allerdings nicht aus der Welt schafft. Wenn die Provinzial einen digitalen Mehrfachagenten will, dann braucht sie hierfür einen externen Partner. Und wenn das aus welchen Gründen auch immer nicht mehr die Finmas sein soll – wer dann?

Und tatsächlich: In den Video-Konferenzen vom 25. und 28. Januar stellt die Provinzial ihren Sparkassen urplötzlich einen gänzlich neuen Partner vor – die JDC Group. Also jene JDC Group, die ein halbes Jahr zuvor bereits als neuer Partner der Sparkasse Bremen aufgeschlagen war (nachdem dieser der Partner Clark abhanden gekommen war, welcher zuvor ja auch schon der VKB abhanden gekommen war). Clark raus. Finmas raus. JDC rein?

11. Februar 2020: Die Ad-hoc-Mitteilung

Ein börsennotiertes Unternehmen zu sein, ist manchmal eine feine Sache. Denn was raus muss, muss raus. Pflichtmitteilung.

Und so versendet die JDC Group am Abend des 11. Februar folgende Ad-hoc-Mitteilung:

„JDC Group AG und der Provinzial Konzern einigen sich auf die Gründung eines Joint Venture und unterzeichnen Absichtserklärung.“

Bumm. Für die Sparkässler im Norden und Westen der Republik ist die Mitteilung keine Überraschung mehr. Die JDC Group war ihnen in den Präsentation von Ende Januar ja schon als künftiger Partner präsentiert worden. Für die Aktionäre der JDC Group hingegen gleicht die Mitteilung einer Offenbarung. Die Aktie steigt am darauf folgenden Tag um phänomenale 38%.

In der ergänzenden Pressemitteilung heißt es:

„Rund 100 Sparkassen [Anm. der Redaktion: Das sind die aus dem Verbreitungsgebiet der Provinzial] sollen über das Joint Venture binnen fünf Jahren eine Million neue Privatkunden über den S-Versicherungsmanager und die JDC Plattform betreuen“


Fazit und Ausblick

Ist die JDC Group nun der große Gewinne des jahrelangen Hin und Hers? Es sieht so aus. Einerseits. Andererseits: Wer sich die Mitte Februar verschickte Ad-hoc und die zugehörige Pressemitteilung genau durchliest, der stellt fest, dass bis zu einem Go-Live der angestrebten Provinzial-JDC-Lösung noch einige Zeit vergehen dürfte. Von einer „geplanten Kooperation“ ist da die Rede. Und von einer „unterzeichneten Absichtserklärung“. Und dass die Zielsetzung von „einer Million“ Kunden explizit an einen Horizont von „fünf Jahren“ geknüpft wird – das deutet darauf hin, dass sich die Beteiligten auf konkrete Zielsetzungen für einen greifbareren Zeitraum von, sagen wir, ein oder zwei Jahren lieber nicht festlegen wollen.

Und überhaupt: Die Provinzial-JDC-Lösung soll ja nach dem Rauswurf von Finmas auf dem ursprünglichen S-Versicherungsmanager (also auf den Ausschließlichkeits-Tool) der Versicherungskammer Bayern beruhen …

Indes: Was ist denn nun eigentlich mit dem? Ist denn wenigstens der schon einsatzfähig?

Finanz-Szene.de hat im Zuge der Recherchen zwei Sparkassen entdeckt, bei denen der ursprüngliche S-Versicherungsmanager zu Beginn dieses Jahre tatsächlich in pilotierter Form im Einsatz gewesen zu sein scheint. Nämlich die Sparkasse Ansbach. Und die Sparkasse Ostprignitz-Ruppin. Die Links auf die entsprechenden Webseiten waren zuletzt allerdings wieder tot. Dafür war das dieser Tage auf der Webpräsenz der Sparkasse Hochfranken und der Stadtsparkasse Kaiserslautern zu sehen. Was ist da los?

Die VKB teilt auf Anfrage mit:

„Seit Ende 2019 befinden wir uns mit ausgewählten Sparkassen in einer Pilotierungs- und Weiterentwicklungsphase. […] Mit dem Flächen-Roll-out haben wir im Januar dieses Jahres [Anm.: also 2021] begonnen. […] Angesichts der Corona-Restriktionen in den Sparkassen wird der Roll-out bis Ende 2021 abgeschlossen. Bereits im ersten Quartal 2021 haben ein Drittel unserer Sparkassen angeschlossen.“

Konkret gefragt nach Ansbach und Ostprignitz-Ruppin heißt es:

„Alle Sparkassen starten stets mit der Berateranwendung und werden erst nach erfolgreicher Einführung auch eine Endkundenversion einsetzen. […] Parallel zu dem stationären Roll-out pilotieren wir verschiedene Features der Endkundenversion in ausgewählten Sparkassen. Wahrscheinlich sind Sie im Rahmen Ihrer Recherche auf solch einen Piloteinsatz gestoßen.“

Was sich in jedem Fall sagen lässt: Die über die zurückliegenden 36 Monate erzeugten Reibungsverluste sind gewaltig. Und abgesehen von der JDC Group kennt das mehrjährige Hin und Her eigentlich nur Verlierer:

  • Clark ist raus (könnte allerdings finanziell trotzdem einen Schnitt gemacht haben).
  • Finmas ist raus.
  • Die Finanz Informatik darf sich zumindest mal fragen, warum sie in Finmas investiert hat – nur um wenige Monate später festzustellen, dass ebenjene Finmas GmbH vom eigenen Sektor regelrecht brüskiert wird.
  • Die Versicherungskammer Bayern hat zwar politisch gewonnen, kommt inhaltlich aber kaum voran.
  • Und die Provinzial (oder zumindest die ehemalige Provinzial Rheinland) ist nicht nur politisch eingeknickt, sondern hat sich auch inhaltlich ein bemerkenswertes Hin und Her hingelegt.

Unterdessen hat kürzlich eine zweite Sparkasse ausgerechnet aus dem Provinzial-Gebiet jene Moneymeets-Lösung gelauncht, mit der Anfang 2020 die Sparkasse Duisburg live gegangen war. Nämlich die Sparkasse Wuppertal.

Es bleibt unübersichtlich. Und spannend.

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