Analyse

Zehn Dinge, die Sie noch nicht über die ING Diba wussten

14. Februar 2021

Von Christian Kirchner

Die ING Deutschland hat nicht nur ein (trotz Gewinnrückgangs) wieder mal starkes Jahre hinter sich – sondern auch ein echtes Asset – nämlich einen Niederländer als Chef.

Man stelle sich vor, ein Christian Sewing oder ein Manfred Knof würden bei der Bilanz-PK die Frage nach den Zielen mit einem kurzen „Das beantworten wir Ihnen nicht“ kontern – der Unmut von uns Journalisten wäre ihnen gewiss.

Wenn dagegen Nick Jue (also der hiesige ING-Chef) mit seinem unschuldigen Akzent zum Besten gibt: „Wir rede nie über unnsere Zahle und unnsere Pläne für de laufende Jahr“ – dann lächeln wir Journalisten selig. Und weiter geht es zur nächsten Frage.

Hier die zehn spannendsten Erkenntnisse aus den am Freitag vorgestellten 2020er-Zahlen. Und ohne Sie über Gebühr triggern zu wollen, liebe Leserinnen und Leser – einige sind tatsächlich sehr spannend!

Auf geht’s_

1.) Die Zeit der Rekordgewinne ist vorbei

Im Gesamtjahr 2020 hat die ING Deutschland 1,042 Mrd. Euro vor Steuern verdient. Das sind zwar 23% weniger als 2019 – was aber leicht zu erklären ist. Unbestätigte rund 200 Mio. Euro sind durch den Wirecard-Kredit verraucht; und die Risikovorsorge ist corona-bedingt auf 264 Mio. Euro gestiegen (2019: +40 Mio. Euro). Ohne diese beiden Faktoren wäre die Bank (zwischen 2016 und 2019 hatte der Gewinn vor Steuern immer zwischen 1,27 Mrd. und 1,35 Mrd. Euro) sogar leicht oberhalb ihre gewohnten Plateaus gelegen.

Anders ausgedrückt: Die Cost-Income-Ratio lag bei 50%, und aus Sicht ihrer niederländischen Mutter erwirtschaftete die hiesige ING eine Rendite auf das für sie allokierte Eigenkapital von 16,4%. Zum Vergleich: Die Deutschen Bank und die Commerzbank wären überglücklich, wenn sie in einigen Jahren bei einer etwa halb so hohen EK-Rendite rauskämen.

2.) Das Provisionsgeschäft ist nachgerade explodiert …

Beim Provisionsergebnis verzeichnete die deutsche ING einen Anstieg von 48% auf 479 Mio. Euro – was die Abhängigkeit vom Zinsergebnis (minus 2% auf 2,041 Mrd. Euro) endlich mal ein bisschen reduziert. Gründe waren der marktbedingt starke Anstieg des verwalteten Vermögens (+25%), deutlich höhere Trading-Aktivitäten (die Zahlen der Transaktionen ver2,3fachte sich) sowie 287.000 Netto-Depoteröffnungen.

3.) …, weil auch ING-Kunden mit dem Handy zocken und anlegen

Ein sehr interessantes Detail liefert der ebenfalls am Freitag veröffentlichte Quartalsbericht der niederländischen Mutter: Dort hieß es, dass sich bei der deutschen Tochter der Anteil per App getätigten Transaktionen von 16% im Vorjahr auf 45% (!) annähernd verdreifacht habe. Das ist ein sehr starker Beleg dafür, dass auch bei vermeintlich etablierten Banken ein erheblicher Teil der Wertpapier-Transaktionen ins Smartphone wandert – wenn man diese denn einigermaßen nutzerfreundlich anbietet.

4.) Die ING verteidigt ihre Zinsüberschüsse

In der Tendenz geht es es zwar leicht abwärts beim Zinsüberschuss (siehe die weiter oben schon erwähnten minus 2%). Blickt man jedoch auf die Entwicklung von Quartal zu Quartal, wie sie die niederländische Mutter für das deutsche ING-Geschäft vornimmt (und die in der Berechnung leicht von der deutschen Lesart abweichen) …

…, so ist beim Zinsüberschuss nicht der markante Einbruch zu sehen, der zum Beispiel die Deutsche Bank und die Commerzbank in der zweiten Jahreshälfte ereilt hat. Und das, obwohl die Kunden weiterhin ihr Geld zur ING Diba tragen (die Einlagen erhöhten sich um 4% auf 144 Mrd. Euro, wovon rund 85% auf den „Extra-Konten“ liegen) und es noch keinen Effekt aus Negativzinsen geben kann. Weil: Diese sind  ja erst (für Neukunden und ab 100.000 Euro) zum 1. Februar 2021 eingeführt worden.

5.) Neue Projekte laufen allenfalls mittelgut

Die ING Deutschland hat in den vergangenen zwei Jahren einige Initiativen angeschoben …

  • digitale KMU-Kredite in ihrem neuen Bereich „Business Banking“ (siehe hier)
  • eine Kooperation mit Amazon bei der Kreditvergabe für Händler (siehe hier)
  • Vertrieb von Versicherungen in Kooperation mit der Axa (siehe hier)

Nun stapelt die Oranje-Bank entweder tief – oder aber: Die neuen Geschäfte laufen tatsächlich eher langsam an beziehungsweise schrumpfen sogar wieder. So stieg das Bestandsvolumen im gesamten Bereich „Business Banking“ zwar um 32% auf 133 Mio. Euro (was aber trotzdem erst 0,1% des Kreditbuchs entspricht) – beim Neugeschäft in der digitalen Kreditvergabe an KMUs war allerdings ein 21%-iger Rückgang (!) auf 75 Mio. Euro zu verzeichnen, was mit einem „bewusst selektiveren Vorgehen bei der Kreditvergabe an Geschäftskunden im Zuge der Corona-Pandemie“ begründet wurde.

Und weiter:

  • In  Zusammenhang mit der Mitte des Jahres gestarteten Amazon-Kooperation wurden „erste Kredite an Amazon-Seller ausgezahlt“ (was noch nicht so richtig euphorisch klingt …)
  • Im Versicherungsgeschäft haben  „mehrere tausend ING-Kundinnen und -Kunden einen Versicherungsschutz in den Bereichen Haftpflicht, Hausrat, Gebäude oder Kreditschutz“ abgeschlossen (nun ja)

6.) Das Volumen im Wholesale-Banking schrumpft weiter – und kein Ende ist in Sicht

Über Jahre hinweg hatte die ING Deutschland ihr „Wholesale Banking“ genanntes Firmenkundengeschäft zur zweiten Cashcow neben der Baufinanzierung ausgebaut (siehe hier und hier).

Doch nun? Ist der Gewinn um 65% auf 151 Mio. Euro zurückgegangen. Liegt es wirklich daran, dass das Institut ihre Großkunden nur noch sehr selektiv und risikoavers bedient? Oder gibt es Probleme?

Wie man es auch dreht: Das ausstehende Kreditvolumen im Wholesale-Banking sinkt immer rascher und liegt nun 14% unter dem Niveau von vor zwei Jahren, es nahm im Q4 sogar so stark ab wie nie zuvor …

7.) Die ING Deutschland stellt ein

… und zwar um 10% auf 6.244 Beschäftigte, und soweit sich das an den Zahlen der niederländischen Mutter ablesen lässt auch konstant über die Quartale sowie über Privat- und Firmenkundengeschäft verteilt.

8.) Die ING Deutschland gewinnt netto keine Kunden mehr

Finanz-Szene.de hatte schon im Sommer extrapoliert, dass die ING ausweislich ihrer öffentlich genannten Zahlen beim Netto-Neukundenwachstum auf der Nulllinie angekommen schien (siehe hier). Nun haben wir’s sozusagen offiziell: Das Netto-Neukundenwachstum ist quasi vollständig zum Erliegen gekommen. 9,52 Millionen Kunden waren es Ende 2019. Und 9,53 Mio. Kunden dann Ende 2020.

Bemerkenswert: Brutto gewann die hiesige ING trotzdem 512.000 Kunden hinzu, es gibt also eine Fluktuation von rund fünf Prozent selbst bei einer Bank mit historisch sehr hoher Kundenloyalität.

Vermutlich wichtiger: Die Zahl der Hausbank-Kunden (definiert als Kunden, die neben dem Girokonto mit regelmäßigem Geldeingang mindestens ein weiteres Produkt der Bank nutzen) stieg um 335.000 auf 2,15 Millionen.

9.) Die „echte“ Charge-Kreditkarte kommt (so schnell) nicht

Aktuell ist viel Bewegung im Kartenmarkt bei den Direktbanken (siehe hier und hier). Bei der ING sind aber, wie Privatkunden-Chef Daniel Llano auf Nachfrage mitteilte, trotz einiger Kundentests in den vergangenen Monaten (siehe hier) keine Änderungen des Kartenportfolios geplant – mithin also auch nicht die Einführung einer echten „Charge“-Kreditkarte, die im ING-Portfolio vollständig fehlt.

Eine der Gründe: Die Karte mache ökonomisch nur dann Sinn, wenn auch die Reisetätigkeit der Kunden wieder zunehme, so Llano. Das deutet darauf hin, dass die Querfinanzierung der Kreditkarte womöglich über besondere Reisepakete oder das Auslandseinsatzentgelt erfolgen könnte.

10.) Die digitales Beratung ist ein digitales „Coaching“

Es war der Knaller der letztjährigen Bilanz-PK: Die ING Deutschland kündigt den Einstieg in die digitale Anlageberatung an! (siehe dazu auch unsere Stücke hier und hier)

Doch nun? Scheinen die Pläne merklich zusammengeschrumpft! Von einer  „digitalen Komfortanlage“  ist die Rede, die aus sieben Dachfonds  besteht, die mit vornehmlich mit nachhaltigen ETFs und Indexfonds bestückt werden sollen und knapp 1% Gebühren kosten. Dazu können ausgewählte Kunden ab dem zweiten Quartal per Video in Kontakt mit „Finanzcoaches“ treten – von denen es anfänglich allerdings nur zehn geben wird.

Das ist ein erstaunlich kleines Angebot gemessen am langen Vorlauf. Denn Dachfonds auf ETFs gibt es bei der ING ja schon lange und werden auch als simple Vermögensaufbau-Anlagen regelmäßig digital beworben (sie nennen sich „Index-Portfolios“). Und „Finanzcoach“ kann sich im Prinzip jeder nennen, der Begriff ist nicht geschützt und sichert so die laxestmögliche Regulierung.

Was ist da bloß passiert? Stieß die ING auf dem Weg zur digitalen Beratung auf regulatorische Hürden und musste die Pläne daher auf Minimal-Funktionen schrumpfen? Oder verschwand mit dem Boom des Wertpapiergeschäfts und der Sparpläne schlicht der Bedarf nach einer digitalen Beratung, weil das Provisionsgeschäft von sich aus abhob und die Bank plötzlich keine Notwendigkeit mehr sah, eine teure und regulierte Beratung aufzubauen?

Die ING blieb hier am Freitag nebulös. Sie bestätigte lediglich, den Prozess eher unterschätzt zu haben – und wollte auch nicht präzisieren, ob ein Ausbau des Minimal-Angebots geplant sei.

Denn, siehe das Jue-Zitat von weiter oben: Man redet ja ungern über die Pläne im laufenden Jahr.

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