Research

22 der 100 größten Fintechs haben seit Corona gefundet

9. Oktober 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Wie stark hat sich die Corona-Krise auf die Fundings deutscher Fintechs ausgewirkt? Über diese Frage wird zwar seit Monaten in Blogs und Podcasts diskutiert. Belastbare aggregierte Zahlen allerdings sind rar.

Kurzer Rückblick: Als im März die Pandemie übers Land kam, ging erst mal gar nichts mehr. Dann überraschten die (allerdings schon vor der Krise angebahnten) Finanzierungen für Trade Republic und Penta, bevor – wie zum Beweis ihrer Stärke – auch die Großen aus der Deckung kamen. Namentlich: N26, Scalable Capital, die Solarisbank und Auxmoney. Was indes passierte dahinter? Was ist mit den Mittelklasse-Fintechs? Haben die auch gefundet – und wenn ja, zu welchen Preisen?

Finanz-Szene.de hat sich durch die Registereinträge der 100 namhaftesten deutschen Fintechs gekämpft. Ergebnis: Fast jedes vierte (!!!) Finanz-Startup hat seit Anfang März 2020 das Kapital erhöht. Allerdings wurden diverse Runden gar nicht erst medial kommuniziert. Aus gutem Grund? Hier der komplette Überblick in den Kategorien „Funding“, „Verwässerung“ und „Bewertung“ (unterhalb der Tabelle finden Sie dann noch ein paar Erläuterungen zu den einzelnen Finanzierungen):

Funding Erhöhung der Anteile Post-Money-Bewertung
Penta 22,5 Mio. € 49,6% >68 Mio €
Scalable 50,0 Mio. € 14,9% >386 Mio. €
Optiopay 5,3 Mio. € 68,4% 13-26 Mio. €
Getsafe k.A. 29,8% k.A.
Solarisbank 60 Mio. € 24,4% 306–320 Mio. €
Traxpay k.A. 14,3% k.A.
Firstwire k.A. 6,3% k.A.
N26 rd. 91 Mio. € 2,6% rd. 3.600 Mio. €
Finleap Connect k.A. 57,3% k.A.
Bonify k.A. 17,8% k.A.
Element 10 Mio. € 10,0% 110 Mio. €
Candis 12 Mio. € 47,3% 37,4 Mio. €
FintecSystems 0,5 Mio. € 2,3% k.A.
Coya k.A. 10,6% k.A.
Ginmon k.A. 7,3% k.A.
Trade Republic 40 Mio. € 33,6% *159,0 – 189,0 Mio. €
Compeon k.A. 29,9% k.A.
Auxmoney 150 Mio. € k.A. k.A.
Finiata k.A. 206,0% k.A.
Fincompare 12 Mio. € k.A. k.A.
Captiq 1,3 Mio € k.A. k.A.
Pair Finance 2,0 Mio. € 3,30 % 63 Mio. Euro

Quelle: eigene Recherchen aus Basis u.a. des Handelsregisters

  • Penta: Im Umfeld des Unternehmens heißt es, die tatsächliche Bewertung sei etwas höher als die errechnete
  • Scalable Capital: Im Umfeld des Unternehmens heißt es, die tatsächliche Bewertung sei etwas höher als die errechnete
  • Optiopay: Rein rechnerisch ergibt sich durch die signifikante Ausgabe neuer Geschäftsanteile eine Bewertung von nur noch 13 Mio. Euro. Optiopay betont allerdings, dass bei dem gewählten Konstrukt zum Beispiel das Management (dass sich seine neuen Anteile erst „erarbeiten“ müsse) vor Verwässerung geschützt sei und sich eine reale Bewertung von 26 Mio. Euro ergebe.
  • Getsafe: Die Funding-Runde des Heidelberger Insurtechs gehört vermutlich zu den spannendsten Finanzierungen der vergangenen Wochen (eingestiegen: Swiss Re). Allerdings gibt Getsafe keinerlei Stellungnahme ab – vermutlich, weil in Kürze noch eine zweite Finanzspritze folgen soll und das Unternehmen die beiden Kapitalerhöhungen addiert kommunizieren will. Die Kollegen von „Deutsche Startups“ spekulierten jüngst über einen Gesamtbetrag von 50 Mio. Dollar.
  • Solarisbank: Hier ist es ähnlich wie bei Penta und Scalable – die tatsächliche Bewertung bei der Whitelabel-Bank soll etwas über der rechnerischen in Höhe von 306 Mio. Euro liegen
  • Traxpay: Das Frankfurter Supply-Chain-Finance-Fintech äußert sich nicht zu den Details die Runde – außer, dass es sich bei dem neuen Investor um die Deutsche Bank handelt
  • Firstwire: Auch das Schuldschein-Fintech gibt sich zugeknöpft
  • N26: Auch wenn die Berliner Neobank die Höhe der jüngsten Finanzierungsrunde nur näherungsweise angab, dürfte es sich um gut 91 Mio. Euro gehandelt haben, woraus sich dann auch die Bewertung von rund 3,6 Mrd. Euro ergibt
  • Finleap Connect: Ein paar zwar hoffentlich interessante Hintergründe zu den jüngsten Kapitalspritzen für das B2B-Fintech der gleichnamigen Berliner Fintech-Schmiede haben wir hier für Sie zusammengefasst
  • Bonify: Erklärte zu seinem Funding lediglich, dass es sich im „siebenstelligen“ Bereich bewegt habe
  • Element: Der Whitelabel-Versicherer ist ein einfacher und klarer Fall, auch unter mathematischen Gesichtspunkten
  • Candis: Na, da haben wir doch mal eines dieser Mittelklasse-Fintech-Fundings, deren Fehlen wir weiter oben noch beklagt haben. Wobei man natürlich streiten kann, ob ein Buchhaltungs-Startup (und das ist Candis) ein Fintech ist. Aber so sophistisch wollen wir heute mal nicht sein.
  • FintecSystems: Bei der 500.000-Euro-Runde handelte es sich um eine „Extension“ der Serie-A-Runde von vor zwei Jahren; es zeichneten ausschließlich Altgesellschafter. Hieraus eine aktuelle Bewertung abzuleiten, ist vermutlich schwierig …
  • Coya: Haben Sie mitgekriegt, dass es beim Berliner Insurtech (jedenfalls auf Ebene der Coya AG) im Mai eine Kapitalerhöhung gab? Wir nicht. Was aber nichts heißen muss. Versuche, mit dem Unternehmen in Kontakt zu treten, scheiterten
  • Ginmon: Beim Frankfurter „Den gibt’s ja auch noch“-Robo ist alles wie immer ein bisschen komplizierter (von wegen Strukturierung und so). Das Fintech gibt seine Post-Money-Bewertung mit 29,9 Mio. Euro an. Weitere Details zum jüngsten Funding hatten wir an dieser Stelle hier versucht aufzudröseln
  • Compeon: War jenseits N26- Scalable-Solaris-Auxmoney-Liga vermutlich eine der größeren Runden (sprich: in jedem Fall zweistelliger Millionenbereich). Allerdings gibt auch der Düsseldorfer KMU-Kreditvermittler keine Details zu seiner Runde preis
  • Trade Republic: Zur Bewertung des Neobrokers gab es diese Woche ein bisschen Verwirrung, weil CEO Christian Hecker im OMR-Podcast mit wilden Schätzungen konfrontiert worden war und er, nachdem er die erste Schätzung („500 Million“) schon bestritten hatte, sich bei der zweiten Schätzung („300 Millionen“) zu einem „in dieser Größenordnung“ könne man „denken“ hinreißen ließ. Also, die Fakten: a) Auf Nachfrage stellt Trade Republic klar, dass die „Größenordnungs“-Aussage nicht bedeute, dass die „300 Millionen“ konkret richtig seien; b) Rein rechnerisch sind es 159 Mio. Euro; c) Denkbar ist, dass die tatsächliche Bewertung (siehe Scalable, siehe Penta …) ein bisschen darüber lag; d) Die Verwirrung rührt vermutlich auch daher, dass die Kapitalerhöhung bei 40 Mio. Euro gelegen haben soll und nicht, wie manchmal kolportiert, bei 67 Mio. Dollar (in der Zahl sind, abgesehen von der fremden Währung, nach unserem Verständnis auch Secondaries drin); e) Wenn man sich vor Augen führt, wie sich die Neobroker-Branche und Trade Republic selber in den vergangenen Monaten entwickelt haben, dann liegt die Vermutung nahe, dass, würden die Berliner heute funden, die Bewertung tatsächlich eher bei 300 Mio. Euro als bei 160 Mio. Euro läge. Wobei dass jetzt natürlich kein Fakt mehr ist, sondern eine Mischung aus Annahme, Spekulation und wohlfeilem Geschwätz

*Ergänzung, Freitag, 9. Oktober, 8.25 Uhr: Ein heller Kopf bei Twitter, nämlich Steffen Vering, hat uns erklärt, warum sich für Trade Republic eine Bewertung von 189 Mio. Euro ergibt (statt der von uns errechneten 159 Mio. Euro). Klang plausibel:

„Kann man die Bewertung von TradeRepublic nicht aus der AdHoc der Sino AG vom 16.04. errechnen? Die verbleibende Beteiligung liegt bei 15.7%, aber kann sich durch Management-Optionen auf 9.1% reduzieren. Die Beteiligung wird mit 22,1 Mio. Euro bewertet, allerdings unter Berücksichtigung wertmindernender Faktoren inkl. Management-Optionen – wenn die Management-Optionen genutzt werden ergibt sich ein weiterer Erlös von 4,9 Mio. Euro. Wenn man also den Anteil von 9,1% mit einem Wert von 17,2 Mio. Euro (22,1 Mio abzüglich 4,9 Mio. Euro) beziffert, würde sich eine Bewertung von 189 Mio. Euro Euro bzw. 222 Mio. US-Dollar ergeben.“

  • Auxmoney: Die größte Runde seit Corona. Allerdings finden sich (Inhaberkontroll-Verfahren???) hierzu noch keine Details im Handelsregister. Was es – bislang – zum Funding des Düsseldorfer Marketplace-Lenders schon zu sagen gibt, hatten wir hier bereits gesagt
  • Finiata: Ein mutmaßlicher Fall von „Pay to play“ und grober Verwässerung bestehender Investoren, siehe auch unser Stück über das Berliner Factoring-Fintech aus dem September
  • Fincompare: Die im März verkündete 12-Mio.-Euro-Finanzierung hat im Handelsregister keine Spuren hinterlassen. Der KMU-Kreditmarktplatz erklärt dies auf Nachfrage damit, dass es sich um ein Wandeldarlehen gehandelt habe
  • Captiq: Das diese Woche verkündete Funding des auf Finanzierungen für Kammerberufler spezialisierten Frankfurter Finanz-Startups ist noch nicht im Handelsregister vermerkt
  • Pair Finance: Dass das Berliner Inkasso-Fintech zu den expansiveren Anbietern da draußen gehört, hatte sich  a schon in unserem „Finleap-Venture-Check“ und in unserer großen Fintech-Job-Studie angedeutet. Die stolze 63-Mio..-Euro-Bewertung bestätigt die Mutmaßung

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